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Schweizer Kernkraftwerke: Je älter, je besser?

Ich bin 27 Kilometer von einem Atomkraftwerk aufgewachsen. In der Zone also, in der die Menschen sofort sterben bei einem Reaktorunfall. Das AKW hiess Mühleberg. Die Bundeshauptstadt Bern liegt ebenfalls unmittelbar nah, nur 14 km vom KKW entfernt, sowie weitere Städte.  Mühleberg ist mit Beznau I das älteste KKW der Schweiz. 1971 in Betrieb genommen. Die Betriebsbewilligung war einst auf 1980, dann auf 1985 verlängert - und wird seit 1985 dauernd verlängert, trotz der Störungen, die sich im AKW Mühleberg immer wieder ereigneten. 1985 auf 1992 verlängert, und noch einmal auf 2012 verlängert, soll das bereits in den 1960er Jahren entwickelte AKW nun auf unbestimmt in Betrieb bleiben dürfen!

Auf unbestimmt betriebsbewilligt - dies wurde am 22. Dezember kommuniziert. Man nimmt es zur Kenntnis, so kurz vor Weihnachten. Gleichzeitig wird in der Schweiz der Bau von mehreren (!) neuen Atommkraftwerken geplant. Die Atomstrom-Lobby in der Schweiz scheint sehr gut aufgestellt zu sein. Sie versteht viel von Timing und Kommunikation. Es geht natürlich um Geschäfte. Denn Strom ist ein pofitables Gut in einer durchdigitalisierten Welt. Ausnahme: Die WochenZeitung publizizert am 7. Januar einen ausführlichen kritischen Artikel zum KKW Mühleberg. http://www.woz.ch/artikel/archiv/18794.html

Wenn ich als Kind jeweils vom Bett aus durchs Fenster in den Himmel hoch schaute, Sommerhimmel, Frühlingshimmel, Winterhimmel - fragte ich mich immer, woran man erkennen könnte, wenn ein Unfall passieren würde.  In den Atom-U-Booten, sah ich damals im Fernsehen, führen sie deshalb einen Vogel mit. Wenn er stirbt, ist etwas passiert.

1985 noch einmal verlängert auf 1992. 1992 noch einmal verlängert auf 2012. 2012 sollte das älteste Atomkraftwerk endlich abeschaltet werden. Als junger Mensch habe ich mich darauf gefreut. Jahre gezählt.

Radioaktivität war ein neuer, ein unsichtbarer Feind, erinnert sich ein russischer Offizier zu Tschernobyl in einer Fernsehdokumentation über den Reaktorunfall. Die Dokumentation sah ich an einem internationalen Fernsehtreffen 2007 - und die Bilder schockierten mich. Und sensiblisierten mich neu für die Gefahr, die von Kernkraft, wie es die Befürworter nennen, bzw. Atomkraft, wie die Gegner sagen, ausgeht. 

Der Offizier war einer derjenigen, der über dem rauchenden Reaktorgelände die Einsätze verordnete für Flugzeuge, die Wasser über dem Reaktor abwarfen. Als wärs ein Tropfen auf heissen Stein. Das russische Militär wussten nicht, wie reagieren. Und wie die Menschen, die im Umkreis von Tschernobyl wohnten, evakuiert werden sollen. Was dies alles nun bedeute. Es war ein neuer Feind. Unsichtbar.

Die Leue im weiteren Umland von Tschernobyl wurden nach Hause geschickt und gebeten, in aller Ruhe die wichtigsten Sachen zusammen zu packen und sich zu einer bestimmten Zeit an einer bestimmten Stelle zu versammeln. Sie wurden nicht über den Grund informiert. Sie mussten sich an bestimmten Orten besammeln, wo sie in Bussen einsteigen mussten und weggefahren wurden. 

An ihren Wohnort konnten die, die überlebt haben, nie mehr zurück kehren. In der Dokumentation sah man auch, wie sich die Radioaktivität erst Tage danach rabiat und plötzlich manifestierte, in den Körpern der Menschen: Ober- und Unterarme von Kindern waren aufgeplatzt, als wären es Leberwürste. Ich konnte nicht länger hinsehen, doch die Bilder haben mich geprägt. Und sensibilisiert. Eigentlich hättet ich hinsehen sollen. Denn das, was man sah, der körperliche Schrecken, das Leiden, der Schmerz, der Tod, die Tragödie, der Krebs danach - war die Konsequenz von Tschernobyl auf unsere  Mitmenschen. Die zu nahe am Unfallort wohnten.

Ich bin 1975 geboren und als Tschernobyl passierte war ich noch jung. Seither habe ich die Jahre gezählt, die Jahre bis zur angekündigten Abschaltung des Atomkraftwerk Mühleberg. Ich habe mich auf 2012 deswegen gefreut. Endlich ist dieser alte Kasten weg vom Netz, geht keine Gefahr mehr von ihm aus. Dann endlich, so hoffte ich, wird es ruhig sein in der Nacht, keine diffuse Angst mehr, endlich, dachte ich in den Nächten früher. Und die anderen Schweizer Atomkraftwerke würden folgen, würden abgeschaltet, weil bis dahin die mehr als problematische Atomkraft von nachhaltigen Energien abgelöst sein würde.  

Das AKW Mühleberg ist das Älteste in der Schweiz, gebaut zu einer Zeit, in der die Risiken und nicht reversiblen Folgen der Atomenergie nicht richtig bekannt waren, kein Tschernobyl sich ereignet hatte. Mein Mathematik- und Physiklehrer in Biel damals erzählte uns Schülern, er habe bei Mühleberg mitgearbeitet. Heute - das war Ende 80er Jahre - würde er dies nie mehr tun.

 Es ist der 22. Dezember 2009. Soeben wird bekannt, dass das älteste Atomkraftwerk der Schweiz, in den 1960er Jahren entwickelt und also mehr als 40 Jahre alt, auch nicht im Jahr 2012 vom Netz geht. Sondern unbefristet weiter laufen soll. Die Sicherheitsabklärungen von heute seien relevanter als die damaligen Abklärungen. Der Atominspektor sehe keine Risiken. Atominspektor? Ist das nu eine Person, oder wie sollen wir diese Meldung verstehen?

Oesterreich hat ein einziges Atomkraftwerk, das zudem nie in Betrieb genommen wurde. In einer Volksabstimmung entschieden sich die Oesterreicher gegen eine Inbetriebnahme. Das AKW ist heute ein Museum. Die Schweiz, ein Land vergleichbarer Grösse, argumentiert auf allen Ebenen ernsthaft (!) damit, dass es Stromprobleme geben würde, wenn nicht die bestehenden AKWs erhalten und mehrere neue (!) Atomkraftwerke gebaut würden.

Welchem Lobbying sitzt die Schweiz hier wieder auf? Wer hat da mit wem wieder einen Deal? Spielt man im Bundeshaus auch mit Jasskarten der Kraftwerke, wie man dies in der Dorfbeiz der Wohngemeinden um ein AKW tut?

Der Fall ist klar. Die einzig verbleibende überregionale Qualitätszeitung, die NZZ, ist offiziell für den Bau neuer Atomkraftwerke. Bei den Aargauer Medienerzeugnissen, der Kanton mit den meisten Kernkraftwerken, wird jemand tatsächlich im Bewerbungsgespräch darauf hingewiesen, dass hier keine kritische Berichterstattung zu Kernkraft stattfinde. Das heisst die Meinungsbildung bei der breiten Bevölkerung ist krass eingeschränkt in einer so relevanten Frage, die nicht nur Energiepolitik betrifft, sondern das Wohl der gesamten Schweiz - über Jahrzehnte hinaus. Hinzu kommen wieder die Endlager-Fragen, und vor allem das Faktum massiv erhöhter Kinder-Krebserkrankungen im Umfeld Schweizer AKWs.

Unglaublich erscheint es mir, geboren 1975, dass dieses Land also nicht imstande war, innerhalb der letzten 40 Jahren Energien voranzutreiben bzw. zu adoptieren, die keine solch massive Folgeprobleme erzeugen noch ein allgemeines Risiko, ein nie auf Null zu kriegendes Risiko bergen, und Kinder krank machen. Wirklich unglaublich.

In Finnland wurde in den letzten Jahren ein AKW so billig gebaut - da an den tiefest bietenden Unternehmer der Bau-Zuschlag gegeben wurde - dass es so lotterig da steht, dass es aus Sicherheitsgründen bis auf weiteres nicht in Betrieb genommen werden kann.

Was ist mit der Schweiz eigentlich los? Wie kann ein Land, das über so viele andere Energiequellen verfügt und auch über die technologischen Ressourcen, so schlampig und kurzsichtig umgehen mit der Ressource, die heute alles bedeutet: Strom. Die Schweiz ist das Wasserschloss Europas. Die Schweiz war einmal technologisch führend und weltweit angesehen in Sachen Solarenergie, das war Ende 80er Jahre. Doch heute ist die Schweiz in diesem Bereich massiv abgeschlagen, ist beispielsweise Deutschland im Bereich Solarenergie technologisch um Welten fortschrittlicher. Wer hat diese Entwicklungen in der Schweiz blockiert?

In wenigen Tagen ist 2010. Als ich elf Jahre alt war, 1986, zählte ich die Jahre, bis endlich diese unheilvolle Realität ein Ende nimmt. Die Wegweiser "Mühleberg" nicht mehr immer an mögliche tagtägliche Gefahr und Probleme mit Endlagerung erinnern, sondern Mühleberg wieder ein einfaches Dorf wird im Seeland.

Und nicht nur ein paar Verlegenheits-Windräder auf dem Mont Soleil im Wind drehen, sondern dieses Land, da über so viele natürliche Ressourcen verfügend, über die besten technologischen Hochschulen, auch etwas aus seinem Erbe macht.

Doch es sieht schlecht aus. Das politische Lobbying, das seit nunmehr 3 Jahren aktiv ist, scheint seine Arbeit richtig zu machen. Wer Geld hat, hat Leute im Bereich politische PR, die ihre Arbeit verstehen.

Die Schweizer Bevölkerung, die Leserinnen und Leser, nehmen die Meldungen und Baupläne widerstandslos zur Kenntnis. Oder glauben vielleicht den Propheten, die sagen, dass ein so kleines Land wie die Schweiz dringend neue AKWs braucht, da sonst ein Stromprobleme drohen würden.

Heute lebe ich in Basel. Widerum in nähester Nähe eines klapperigen AKWS, Fessenheim, das elsässer KKW, das Segolène Royal, die Gegenkandidatin zu Sarkozy, abgeschaltet hätte - hatte sie in einem Wahlversprechen formuliert. Aus gutem Grund. Das 1978 in Betrieb genommene AKW, gebaut an der unmittelbare Landesgrenze zu Deutschland, führt  "vor allem auf deutscher Seite wegen häufiger Pannen und seiner Lage in einer Erdbebenzone zu grossen Bedenken".

Solange nichts passiert, passiert weder in der Schweiz noch anderswo etwas auf politischer Ebene. Das Problem ist nur: wenn es zu spät ist hierin, ist es wirklich zu spät.  Wer sich jedoch nur fürs Portemonnaie und mehr Profit statt für das Schicksal tatsächlich krebskranker Kinder in der Region Gösten interessiert, wird sich auch hierfür nicht interessieren.

Links:

Kernkraftwerk Fessenheim http://de.wikipedia.org/wiki/Kernkraftwerk_Fessenheim

Atomkraftwerk Mühleberg http://www.fokusantiatom.ch/HTMFILES/AKWMuehleberg.htm

Artikel zu mehreren AKWs, welche neu gebaut werden sollen in der Schweiz http://www.swissinfo.ch/ger/specials/klimawandel/index/Ein_Dorf_und_seine_AKWs.html?cid=1329976

 

 

 

 

 

 

Anita Hugi, Dienstag, 22. Dezember 2009
 
 
Das also ist die Lage dieser Nation

Die Resultate der eidg. Abstimmungen vom Sonntag 29. November kann man sich und Interessierten aus dem Ausland leider nur noch mit klaren harten Einsichten erklären: Die Schweiz ist jetzt also auch offiziell eine Nation von Xenophoben, die ihre Kinder ernährt mit Brot und Käse, das sie gerne mit Geld aus Waffenexporten bezahlen.  Nicht einmal der Kanton Zürich hat sich als weltoffen und fortschrittlich genug durchsetzen können.  
Es ist ein Tag, an dem man sich nur schämt. Als Schweizerin. Über die Bornhiertheit so vieler Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, das einmal für seine fortschrittliches Denken, Mitmenschlichkeit, seine Offenheit, sein humanitäres Engagement, seine Integrationsfähigkeit bekannt war. Man möchte nie mehr auf die Strasse gehen, nie mehr in eine Deutschschweizer Stadt fahren. Nie mehr.  Man möchte heute in Basel bleiben, oder in die West-Schweiz fahren.

Was bedeutet diese Behauptung von Fremdenangst? Es waren nur Basel Stadt und die französischsprachigen Kantone, welche die Anti-Minarett-Initiative tatsächlich verworfen haben. Die Nein gesagt haben zu offenem Rassismus. Konkret: Es waren also genau jene Kantone, in denen tatsächlich viele Musliminnen und Muslime leben, in denen es Moscheen und Minarette gibt. Diese Kantone sagen klar Ja zu Minaretten. Ja zu den Musliminnen.

Es ist eine peinliche Vorstellung jenseits von allem, welche die Schweiz heute der Welt und sich selbst gibt. Zu hoffen bleibt, dass sich bei der Anzahl von Ja-Stimmen zur Initiative auch etliche Irrläufer befinden -die eigentlich Ja zu den Minaretten sagen wollten.  Anders mag man sich die Resultate nicht erklären. Es wäre - oder tatsächlich: ist - unerklärlich, wie eines der gebildetsten Länder der Welt so borniert, so fremdenfeindlich ist.  

Die Religionsfreiheit gilt. Für alle - so schreibt es die Schweizerische Verfassung vor. Die Verfassung eines Landes, das selber aus nichts anderem als aus Migrantinnen und Migranten besteht. Wer es nicht glaubt, forsche in seiner eigenen Familiengeschichte nach. Das gilt auch für Christoph Blocher, dessen Vorfahren seit nicht einmal zweihundert Jahren in der Schweiz ansässig sind. Und dessen Vorfahren u.a. den Anschluss der deutschsprachigen Schweiz an Grossdeutschland propagierten, und damit den Zusammenhalt und die Existenz des Landes damit arg gefährdeten. Und den Jura-Konflikt auslösten.

Es gibt für dieses Land tatsächlich eine massive Gefahr. Diese Gefahr kommt von einer Handvoll kleinwüchsiger Männer - Blocher, Brunner, Schlüer - die egal was es kostest und was dabei zu Schaden kommt - sich gross und potent fühlen wollen. Mit jedem Mittel, das ihnen Wählerstimmen bringt und sie also noch wichtiger erscheinen lässt, noch grösser.  Die Gefahr kommt aus dem Kern der Partei SVP. Die Zürcher SVP, die erst die alte Bauern- und Gewerbepartei BGB zerstörte, sich ihrer Wählerinnen und Wähler bediente und nun seit zwei Jahrzehnten breitentauglich Neid, Missgunst und Fremdenangst schürt, dass es einem bange wird. Die mit ihren missgünstigen Herzen alles tatsächlich Schweizerische zerstören: Werte wie Neugier. Toleranz, Humanität, Offenheit, Integrationsstärke, Willensnation, Konkordanz. Es reicht jetzt.

Anita Hugi, Sonntag, 29. November 2009
 
 
"ARTE helvétique"?
Am Freitag 13. Februar 2009 wurde in Bern die Idee eines neuen Schweizer TV-Kultursenders à la mode von ARTE diskutiert. Die Idee stammt aus dem Graubünden und die Initianten stellen sich vor, auf einem neuen zusätzlichen landesweiten Sender der Rätoromanen einen Programm-Mix der Sender TSR, SF und RTSI zusammen zu stellen. Auf dem Podium sassen allerdings keine VertreterInnen der Kulturprogramme der drei TV-Programme TSR, SF und RTSI, noch der Koordinator ARTE-SRG, Alberto Chollet, der die Programmidee und -praxis ARTE womöglich konkreter hätte erläutern können. (Artikel der NZZ zum Thema: http://www.nzz.ch/nachrichten/schweiz/ein_kulturkanal_als_nationaler_klebstoff_1.1995997.html )

Was aber ist ARTE? ARTE ist, das ist grundlegend wichtig, nicht ein Kultur-TV-Sender, sondern vor allem ein völkerverbindendes Projekt zwischen den ehemaligen Erzfeinden Europas, Deutschland und Frankreich, die schon nur unter dem Wort Kultur etwas völlig anderes verstehen.

'Laissez-vous déranger par ARTE' - dieser Wahlspruch des sich irritieren lassen gilt nicht nur für das Publikum, das dies- und jenseits des Rheins neue Fernsehformen und -themen entdeckte, sondern vor allem auch für die TV-MacherInnen der beiden Länder, die sich durch den Austausch oftmals erst richtig kennen lernten - in ihrem (oft sehr unterschiedlichen) Bilck auf die Welt, ihren Werten, ihren Kulturen. Dies wird plastisch nachvollziehbar im Gespräch mit dem ersten Projektleiter von ARTE, Marc Villain, der auch die Assoziationsverträge mit den anderen Ländern Europas (alle ausser Italien) vorantrieb.

Die FBZ wiederholt aus diesem Grund ein Interview von Anita Hugi mit dem ersten Projektleiter des deutsch-französischen Kulturkanals ARTE, Marc Villain, der 1988 das damalige Projekt eines europäischen Kulturkanals in Angriff nahm und später die weiteren Kooperationen mit den anderen europäischen Ländern, auch mit der Schweiz, ausarbeitete.

Marc Villain, war der Name ARTE von Anfang an Programm oder ein schön klingender Zufall?

 
Marc Villain: Der Name des Senders war in der Tat ein … gelungener Zufall: Zuerst beauftragte der Vorstand des Senders eine Agentur, die an die 50 - eher mittelmässige - Vorschläge lieferte. Dann stiess Winfried ENZ, einer der "Menschen der ersten Stunde", im sog. "Gründungsvertrag" des Kanals zwischen Deutschen und Franzosen vom 30. April 1991, auf  "ARTE" - einen wohlklingendes Kürzel der drögen französischen Bezeichnung "Association Relative à la Télévision Européenne". Dies klang nach Lifestyle, Kunst, Freizeit usw., wurde für gut befunden und adoptiert….
 

Wann haben Sie selbst erstmals von dem Projekt eines europäischen Kultursenders ARTE gehört?

Marc Villain: Das war Ende 1988. Ich war im Oktober 1988 kaum vom Dienst fürs deutsche Auswärtige Amt - damals noch in Bonn - in die französische Botschaft übergewechselt, so erfuhr ich, dass ich dort die ARTE-Akte (noch hiess sie „Deutsch-französischer Kulturkanal“), unter anderem Fragen der audiovisuellen Medien, zu bearbeiten hätte. Ehrlich gesagt: ich hatte vorher nie davon gehört… Nur spärliche, nichtssagende Protokolle zum Vorhaben eines deutsch-französischen Senders fand ich in einem Ordner – es war eben noch kein Kanal, sondern erst eine Akte... Ich erinnere mich auch daran, dass meine Kollegen mich mitleidig ansahen, weil sie schon die Medienfach-sprache als Hürde ansahen: „Satellitenempfang“, „HDTV“ „Frequenzen“, „Kabelnetze“, „Pay TV“, „Landesmedienanstalten“, das klang fremd und reichte, um sie fernzuhalten. Das vierjährige Auf und Ab der Kulturkanalverhandlungen sorgte für den Rest.

Ganz anders dagegen mein Botschafter, der sich höchstpersönlich und konstant für das Zustandekommen des ARTE-Kanals einsetzte: bald verstand ich, warum ich das Privileg hatte, dass er mich manchmal in meinem bescheidenen, dunklen Büro besuchte: an höchster Stelle interessierte man sich nämlich in Frankreich für diese Medienkooperation, MITTERRAND und sein damaliger Premier ROCARD als Erste…  Man war überhaupt in Frankreich fast beleidigt, dass dieses Kooperations-Projekt in Deutschland bei weitem nicht so enthusiastisch empfangen wurde…
 
Dabei war es verständlich: seit 1982 boomte in Deutschland die Kabelverbreitung, es entstand eine sog. „duale“ TV-Landschaft. Ein „deutsch-französischer Kanal“ wurde als „old fashioned“ gehandelt (Frankreich schien auch nicht mehr besonders „in“ zu sein), dann als ein Störfaktor angesichts der sich anbahnenden Wiedervereinigung Deutschlands empfunden. Ein teures, überflüssiges Projekt, wurde beargwöhnt, und … „ein politisches Oktroi“ an die beiden öffentlich-rechtlichen Anstalten ARD und ZDF. Zudem sahen die allerersten Überlegungen in Paris vor, dass die französische Seite etwa 70% des gemeinsamen Programms zuliefern würde, was Misstrauen der deutschen Verhandlungspartner schürte...
  
Allein Lothar SPÄTH, Ministerpräsident des Landes Baden-Württenberg, wollte, gegen den Widerstand der SPD-regierten Bundesländer… und auch einiger seiner eigenen, wohl eifersüchtigen CDU-Kollegen den damals unpopulären "Kulturkanal" durchsetzen; er schaffte es dann in 4 Jahren, …. und war letzlich visionär.
 
Aber es brennt mir auf der Zunge, vor allem Edmund MERKEL als einen der markanten Wegbereiter von ARTE zu erwähnen . Ohne ihn, den Medienreferenten von Lothar SPÄTH in der Staatskanzlei des Landes Baden-Württenberg in den späten 80ern, wäre ARTE nie entstanden.
 
Im Schatten seines Ministerpräsidenten wirkte unermüdlich MERKEL, hoher Beamter, hervorragender Jurist und geschickter Verhandler. Als alle Verhandlungen im Sommer 1990 zu scheitern drohten, war er z.B. derjenige, der den Paragraphen im Grundgesetz der Bundesrepublik ausmachte, welcher zum ersten Mal und ausnahmsweise der Gesamtheit der deutschen Bundesländer – und eben nicht dem Bund - erlauben sollte, am 2. Oktober 1990 mit der Republik Frankreich einen internationalen Staatsvertrag zur Gründung dieses transnationalen Senders erlauben sollte, ein juristisches Unikum…
Er war es, der mir beibrachte, dass ein brillanter Beamter freilich zuerst kompetent sein und die Arbeitsregeln und –Verbote eben seiner Behörde gut kennen soll. Aber eben auch, um sich um Hürden aller Arten umso mutwilliger mit Lust und Phantasie hinwegzusetzen, wenn die Lage es erfordert… Ohne die Kreativität und Streitlust von MERKEL gegen zahlreiche Gegner des Projekts wäre ARTE nie geboren…
 
 
Der Sender bezeichnet sich auf deutsch als "Kulturkanal", auf französisch "chaine culturelle".  Verstehen Franzosen und Deutsche unter "Culture" und "Kultur" tatsächlich das Gleiche?
Marc Villain: Da muss ich gleich 2 mal ansetzen : Erstens "Culture" und Kultur": das erinnert mich zunächst… an eine ewige, gerade unter "Bildungsbürgern" beliebte kulturhistorische Diskussion: Johannes HERDER mit seinem dem "Volksgeist" entstammten, in der Nation verwurzelten  Bildungskonzept, contra französische Aufklärer des 18. Jahrhunderts, die eine "Universal-Kultur" herbeisehnten, vorausgesetzt, man schaffe es, sich aus Barbarei, Despotismus, Unterwerfung, Aberglaube und Vorurteilen zu befreien, um selbständiges Denken zu erlernen…
Dabei gab es durchaus zwischen Franzosen und Deutschen einen gemeinsamen Elan zur "Kultur" im Sinne der Aufklärung: VOLTAIRE einerseits, andererseits KANT, dann HEGEL, später noch CASSIRER…. (Findet heute nicht eine neue Auseinandersetzung statt - nicht mehr zwischen Franzosen und Deutschen – die zwischen Welt-Kultur, weltläufiger Kultur einerseits und andererseits Partikularismus und Kommunautarismus ?...)
 
Doch jetzt zurück zu unserem Alltag, zu uns "Otto Normalverbrauchern" in Frankreich, Deutschland und anderswo: die wichtige Frage ist da eher die des Zugangs von Allen zum „Kulturangebot“:
In den achtziger Jahren war der Nachholbedarf vermutlich grösser in der französischen Provinz als in Deutschland - wo traditionell und seit Jahrhunderten die Regional-Metropolen kulturell lebendig waren.
In Frankreich erwachten staubige Provinzmuseen dank Dezentralisierungsgesetzen und dem Voluntarismus eines Jack LANG aus einem jahrhundertlangen Dornröschenschlaf .
Eine ähnliche Entwicklung konnte man zeitgleich in einigen anderen westeuropäischen Staaten beobachten – darunter Deutschland und Spanien.
 
In der Medienlandschaft war das Gefälle krasser, während es in Deutschland in den 80ern bereits „3sat“ und eine Reihe anspruchsvolle öffentlich-rechtliche Regional-Programme („die Dritten“) gab, verschenkte CHIRAC den bisher öffentlich-rechtlichen Sender TF 1 an den privaten Immobilien-Giganten BOUYGUES, MITTERRAND seinerseits Kanäle und Frequenzen an BERLUSCONI und den neuen Pay-TV Kanal CANAL PLUS.
 
Der Bedarf nach einem Sender, der Zuschauern mehr als nur leichte Kost bieten würde, wuchs besonders stark in Frankreich. 30 Jahre später haben Menschen in Frankreich wie in Deutschland im Allgemeinen fast die Qual der Wahl, um ihren Wissensdurst und ihren Bedarf nach Kultur und Debatte zu stillen. Auch für ihren TV – Konsum, dank technischem Fortschritt.
Empfingen die Franzosen noch Anfang der 90er Jahre nur ganze 5 terrestriche Sender mit ihrer normalen Dachantenne, so sind es seit 2007 etwa 25 Sender durch das digital-terrestrische Fernsehen („TNT“).
Sie, wie auch die deutschen Zuschauer, können sich heute theoretisch aus einem breiten Angebot die besten Programme herauspicken, und sind nicht mehr nur auf „mainstream“ angewiesen. Kein Unterschied mehr zwischen „Kultur“ und „culture!...
 
 
Haben Sie innerhalb von ARTE, das halb-halb aus deutschen und französischen Programmachern und Programminhalten zusammengesetzt ist, eine europäische Kultur entstehen sehen? Oder gibt es bei ARTE auch so etwas wie einen Schweizer Röstigraben?
Marc Villain: ARTE hat eine komplexe Struktur: mit ARTE France in Issy-les-Moulineaux bei Paris, der „ARTE Deutschland“ - Koordination in Baden-Baden, den ARTE –Beauftragten in den ARD-Anstalten und beim ZDF, den ARTE-Korrespondenten bei den Partnersendern (SRG, ,YLE, RTVE, TVP etc.)…
 
Sein Sitz und Herz aber, da wo gesendet wird, und da wo die monatliche Programmkonferenz stattfindet, bleibt Strassburg: Strassburg, wohin Kollegen aus Frankreich, Deutschland, und auch aus ein paar anderen Ländern für dieses neue Experiment zusammenkamen, ist rasch nach Sendebeginn 1992 zu einem kreativen und interkulturellen Schmelztiegel geworden.
 
Die allerschnellste, erfolgreichste „interkulturelle“ Team-Integration geschah allerdings, wenn ich richtig sehe, zwischen Ingenieuren und Technikern, an der Basis. Schwieriger konnte es zuweilen unter Programmachern sein, deren Egos nicht immer klein dimensioniert sind…
Ich kann mich daran erinnern, dass eine ARTE-Sendung der Anfangszeit von einer Woche zur anderen mal von deutschen, mal von französischen Journalisten moderiert wurde, und dass letzterer peinlich genau kalkulierte, wie viel mehr Zuschauer er als sein deutscher Gegenpart unter Umständen bekam.
 
Doch dies gehört der Vergangenheit an! Die gelungensten Themenabende von ARTE sind gerade die, in denen die Mischung von Beiträgen aus mehreren Ländern und die Auseinandersetzung in den Debatten zwischen französischen, deutschen und anderen Experten oder Zeugen gewährleistet sind.
Moderatoren, die sich früher auf die Perspektiven ihres eigenen Landes beschränkten, praktizieren heute selbstverständlicher den sogenannten „regard croisé“ und weisen systematisch nach den Diskussionsrunden auf vertiefende Literatur in mehreren Sprachen hin…
 
Das war innerhalb ARTEs… Jetzt überlegen Sie auch einen Augenblick lang den Fortschritt der „ausserhalb ARTEs“, bei den Zuschauern, der seit den Anfängen eintrat: Bei Sendebeginn 1992 war es noch ein Kulturschock und keine Selbstverständlichkeit für eine Menge von durchschnittlichen Haushalten in Frankreich, deutsch gesprochene Programme mit Untertiteln direkt ins Wohnzimmer zu bekommen. Schon nach einem Jahr hatte man sich ganz daran gewöhnt!
 
Gespräch von Juni 2008.
 
Einige ARTE-Fakten. Die Entstehung des europäischen Kulturkanals war ein Kind glücklicher Zufälle, und vor allem auch leidenschaftlicher Europäern: Journalisten, Juristen, Diplomaten. Der Sender steht seit 15 Jahren so fest in der Medienlandschaft, weil er auf einem Staatsvertrag zwischen den beiden Ländern begründet ist. Anita Hugi führte anlässlich des 20. Geburtstags der Idee ARTE ein Gespräch mit Marc Villain über die Entstehung des Kultursenders und die Entwicklung der europäischen Gemeinschaft, über "Culture" und "Kultur". Villain war 1988 Mitarbeiter in der französischen Botschaft in Bonn und ARTE nicht mehr als eine dünner Stapel Akten - und eine Idee, eine von dem damaligen französischen Staatspräsidenten François Mitterrand und seinem damals neuen Premierminister Michel Rocard initiierte Idee. Heut erreicht ARTE in Frankreich einen Marktanteil von rund 7 Prozent, in Deutschaldn dümpelt - aus von Villain erläuterten Gründen - an der 1 % Grenze, wobei zu beachten gilt, dass die Quote in Deutschland für 80 Millionen Einwohner mit 5000 Telecontrol-Kästchen eruiert wird. In der Deutschschweiz: 1000 Kästchen. Die Quote von ARTE in der Schweiz beträgt unter 1 %. Die Kulturprogramme des Schweizer Fernsehens zwischen 6 und 15 %.
Anita Hugi, Donnerstag, 12. Februar 2009
 
 
"Die Zeitungen wollen nicht nur Pflichtstoff" 3 Fragen an Markus Rohner

Seither hat die ideenlose Medienkonzentration und damit der Druck auf die Einnahmen der Freischaffenden weiter zugenommen, unter anderem weil die für die Existenzsicherung notwendigen Mehrverwertungen wegfallen und Mehreinnahmen durch Online-Zusatzpublikationen von den Verlagen noch nicht richtig angerechnet werden, ja manche Verlagshäuser die gesamten Urheberrechte der JournalistInnen aufschlucken möchten.

Wie kann der freie Journalismus überleben - trotz massivem Honorardruck, der noch mehr fortgesetzt wird? Und wozu soll man überhaupt noch freischaffend journalistisch tätig sein? Die FBZ befragt dazu Markus Rohner, der seit 1989 als freier Journalist für diverse Printmedien arbeitet. Er hat - immer noch - gute Gründe.

Stephan Russ-Mohl schrieb 2003 in der NZZ von der Problematik, dass "Verleger und Medienmanager nicht begreifen wollen, dass Outsourcing nicht allein der Kostensenkung dienen, sondern ebenso gut zur Qualitätssteigerung eingesetzt werden könnte - vorausgesetzt, man würde freie Autoren als kostbare Ressource erkennen, die es angemessen zu honorieren gilt." Seither hat die ideenlose Medienkonzentration und damit der Druck auf die Einnahmen der Freischaffenden weiter zugenommen, unter anderem weil die für die Existenzsicherung notwendigen Mehrverwertungen wegfallen und Mehreinnahmen durch Online-Zusatzpublikationen von den Verlagen noch nicht richtig angerechnet werden, ja manche Verlagshäuser die gesamten Urheberrechte der JournalistInnen aufschlucken möchten.
Wie kann der freie Journalismus überleben - trotz massivem Honorardruck, der noch mehr fortgesetzt wird? Und wozu soll man überhaupt noch freischaffend journalistisch tätig sein? Die FBZ befragt dazu Markus Rohner, der seit 1989 als freier Journalist für diverse Printmedien arbeitet. Er hat - immer noch - gute Gründe.

 
1- Markus Rohner, seit zwei Jahrzehnten arbeitest Du als freischaffender Journalist, u.a. als Ostschweizer Korrespondent für Der Bund, Basler Zeitung, Südostschweiz, St. Galler Tagblatt, Landbote. Du publizierst punktuell in weiteren Medien wie u.a. Das Magazin, NZZ Folio, NZZamSonntag. Du bist also ein freier Journalist par excellence. In der zunehmenden Medienkonzentration durch die Verlagshäuser, Druck auf die Honorare, unentgeltlichen Zweitverwertungen durch einen Konzern musst wohl auch Du Lohneinbussen in Kauf nehmen. Worin siehst Du die grössten Veränderungen in der Medienlandschaft Schweiz im Bereich freier Journalismus? Und: Weshalb bist Du noch freischaffend?

Markus Rohner: Im Printjournalismus gibt es immer weniger eigenständige Zeitungen und das heisst ganz einfach: weniger Kunden für freie Journalisten! Und diejenigen Zeitungen, die noch selbständig sind, kooperieren mit anderen Gazetten und tauschen, um Kosten zu sparen, Texte untereinander aus. Das gibt für freischaffende Journalisten ganz automatisch weniger Möglichkeiten, Texte zu verkaufen.
Aber trotz allem bin ich freier Journalist geblieben. Die Möglichkeit, als Journalist zu arbeiten, ist in der freien Arbeit einfach grösser, als wenn ich angestellter Redaktor wäre, der durch Administratives, Sitzungen und Planungen von seiner eigentlichen Tätigkeit abgehalten wird.

2 - (Wie) kann man als freiberuflicher JournalistIn heute langfristig ein Einkommen sichern, das einem erlaubt, ohne Existenzangst normal leben zu können? Gibt es goldene Tipps?

Markus Rohner: Nein, „goldene Tipps“ habe ich keine auf Lager. Ich weiss nur, dass ein vifer Journalist, der eine Nase für gute und lesenswerte Geschichten hat und diese auch zu verkaufen versteht, immer noch überleben kann. Reich wird er damit zwar nicht, aber er wird auch nicht permanent von Existenzängsten geplagt. Ich empfehle allen freien Journalisten, sich zu spezialisieren und sich quasi damit bei den Redaktionen unentbehrlich zu machen. Dafür ist sowohl ein internes (mit den einzelnen Redaktionen) als auch ein externes Netzwerk (mit Menschen aus seiner Region, seinem journalistischen Fachgebiet) notwendig. Natürlich geschieht dies nicht in einem Jahr, dafür sind viel Ausdauer und manches Klinkenputzen bei den Redaktionen notwendig.
Beim Verkauf meiner Artikel überlege ich mir immer wieder, ob es nach der Publikation in der Tagespresse Möglichkeiten gibt, den Text anderswo (z.B. in der Fachpresse) zu verkaufen. Auch wenn damit nicht das grosse Geld verdient wird, es ist immerhin ein Zustupf in die Honorarkasse.

3 - Die Honorare sind heute mit CHF 240 oder CHF 280, mitunter auch CHF 100 oder CHF 150 auch bei renommierten Zeitungen für einen Hintergrundartikel oder einen ausführlichen Bericht keine Honorare mehr, sondern Symbolpreise. Man könnte diese Entwicklung immer weiter gegen unten auch so verstehen, dass die Verleger die auf Qualität (durch Sachkenntnis, Zeit für Recherche, Reflexion, Sachwissen und Stil) ausgerichteten JournalistInnen alle loswerden wollen. Was, wenn sie tatsächlich alle in den PR-Bereich wechseln? Würden es die Verleger und Redaktoren überhaupt merken?

Markus Rohner: Oh, ja. Das würden die Redaktionen sehr wohl merken. Denn auch dort wird gespart. Manchmal bis zum Abbau von Redaktionsstellen. Das heisst, der einzelne Redaktor ist immer stärker absorbiert durch redaktionelle Arbeit, die Zeit für eigene Recherchen wird knapper. Weil die Zeitungen aber nicht nur Pflichtstoff im Blatt haben wollen, sondern auch auf Hintergrundgeschichten, Reportagen und Porträts angewiesen sind, greifen sie doch wieder ganz gern auf die Freien und ihre Texte zurück. Das ist letztendlich die Chance der freien Journalisten.

Zur Person
Markus Rohner (*1957) ist nach einem Studiium der Geschichte und Germanistik (lic.phil.I) seit 25 Jahren im Journalismus tätig. Zuerst als Bundeshauskorrespondent für verschiedene Tageszeitungen. Seit 1989 betreut er für verschiedene Schweizer Tageszeitungen die Region Ostschweiz (Kantone SG, TG, AR, AI, GL, GR) sowie das Fürstentum Liechtenstein als freischaffender Korrespondent.  E-Mail: rohmedia(at)swissonline.ch
 
Hinweis: Markus Rohner hielt an der letzten Generalversammlung der überregionalen Arbeitsgruppe der Freischaffenden von Impressum (Präsident: Leo Coray, Bad Ragaz), mit der die Freien BerufsjournalistInnen Zürich FBZ assoziiert sind und das JournalistInnen-Verzeichnis gemeinsam bekannt machen, ein Impulsreferat zum Thema freier Journalismus.  
Anita Hugi, Donnerstag, 4. Dezember 2008
 
 
Das Herz ist ein einsamer Jäger: Elke Heidenreich wird nach fernsehkritischen Äusserungen vom ZDF gefeuert

«Lesen!» heisst und neu: hiess die Sendung von Elke Heidenreich, mit der die Journalistin und Autorin neue Publika fürs Lesen auch schwieriger Bücher gewinnen konnte. Wegen deftigen fernsehkritischen Äusserungen auch gegenüber des ZDFs, auf dem ihre Sendung "Lesen!" seit 2003 lief, ist Elke Heidenreich vom zweiten öffentlich-rechtlichen Sender Deutschlands ZDF gefeuert worden, worüber die diversen Medien im deutschsprachigen Raum ausführlich berichten.

journalists.ch stellt aus diesem aktuellen Anlass ein Porträt von Elke Heidenreich online, das am Anfang ihrer damals von allen Seiten angegriffenen neuen Lesen-Sendung in der NZZamSonntag in der Rubrik "Menschen" erschienen war, während der damaligen Frankfurter Buchmesse.  Die Bücherlisten der vorgestellten Bücher ist nach wie vor auf derm Website des ZDF zu sehen. http://lesen.zdf.de/ZDFde/inhalt/20/0,1872,2043220,00.html?dr=1

Lest! Es wird Euch gefallen

«Lesen!» heisst die Sendung von Elke Heidenreich. Man trifft sie nicht an der Buchmesse in Frankfurt, sondern in Köln

«Jetzt erzähle ich noch was Lustiges, was ich die ganze Zeit hier sehe», schliesst Elke Heidenreich das Interview, das wir im Café des Museums Ludwig in Köln geführt haben. Sie beugt sich vor und deutet auf den riesigen, leeren Platz vor dem Museums- Café und sagt dann leise, fast verschwörerisch: «Sehen Sie da hinten die Wachmänner? Wissen Sie, was die tun? Hier drunter ist die Philharmonie, irrsinnig teuer gebaut. Jetzt probt gerade das Orchester, und wenn die proben und es kommen die Skater - und die kommen immer, weil hier solch hübsche Mäuerchen sind - dann versteht man da unten keinen Ton. Dieses Ding in der Mitte des Platzes ist aus Metall, das leitet jeden Ton hinunter und macht einen Mordslärm. Sogar wenn man nur drübergeht mit normalen Strassenschuhen . . . Also, immer wenn da unten Proben sind, müssen sieben, acht Wachmänner hier oben rumspazieren und die Leute fernhalten.» Das, sagt sie, sei «wunderbar» - eins ihrer Lieblingsworte -, «da bauen sie ein so teures Ding für die Musik, und dann hört man es donnern drin. Das ist Klasse. Das ist Köln.»

Ganz missionarisch!

Eine Stunde mit Elke Heidenreich, und man hat, ohne es zu merken, zwanzig neue Geschichten im Kopf, Geschichten aus ihrer Bücherwelt - «ich fresse Bücher, ich bin süchtig danach» - und auch aus ihrem Alltag, der offenbar manche Kurzgeschichte liefert, wenn man den Blick hat dafür. Im Gespräch redet Heidenreich viel, na klar, sie ist resolut, manchmal derb und immer kraftvoll geradeheraus - und zitiert wieder und wieder Bücher und Autoren, von denen sie überzeugt ist und die man nach dem Gespräch irgendwie unbedingt alle lesen will, weil sie davon mit einem echten, innigen Interesse schwärmt - wo es spielt, worum es geht (um Schuld und Liebe, das sind ihre ganz persönlichen grossen Themen), wer der Autor ist und dass sie dieses Buch «liebe», dieses Wort braucht sie auch sehr oft.

«Ganz missionarisch seh ich das», sagt sie es direkt, die 60-jährige Wahl- Kölnerin, Autorin, freie Journalistin, studierte Germanistin, Tochter eines Automechanikers und einer Näherin von Kinovorhängen (man sieht das ein wenig an den roten, samtenen Pullis und Schals, die sie meistens trägt). Sie wolle mit ihrer Fernsehsendung ganz einfach, «dass die Leute mehr lesen». Mit «Leuten» meint sie auch «Bild»- Leser und Rosamunde-Pilcher-Liebhaber; einfach Leute, die gerne lesen würden, aber nicht wüssten, was. So befiehlt sie denn immer wieder: «Lest das! Das wird euch gefallen.» Ihre selbst auferlegte Mission glückt, nicht zuletzt in quantitativer Hinsicht: Die Titel, die sie in den ersten drei «Lesen!»-Sendungen vorgestellt hat, haben sich millionenfach verkauft, wurden Bestseller. Alles Schund? Nein! «Ulitzkaja, Griesemer - das sind keine Schrott-Bücher».

Brustkrebs
Direkte Sprache, direkte Art - mit der sie gerne immer wieder «aneckt», wie sie selber sagt. Genau das will sie aber auch dürfen. Sie habe immer als freie Journalistin gearbeitet, und auch heute unterschreibe sie einen Vertrag immer erst nach einer Probeaufzeichnung, um die Freiheit zu behalten, zu gehen, um die «Seele nicht verbiegen» zu müssen. Ihr Glück sei, dass sie finanziell ausgesorgt habe; mit ihren eigenen Büchern hat sie «lauter Bestseller geschrieben». Sowieso schätzt sie sich glücklich mit ihrem Leben, obwohl sie vor zehn Jahren an Brustkrebs erkrankte, dauernd Pillen schlucken muss und nur eine Lunge hat. «Aber ich kann mich doch nicht in den Sarg setzen und warten». Nein, da will sie lieber das Lesen verkünden. Lesen sei nicht nur gut und unterhaltend, es hilft auch, «die vielschichtige Welt, in der wir heute leben, besser zu verstehen». Die Bücher, die sie selbst ein ganzes Leben lang begleiten, sind «Alles hat seine Zeit» von Ennio Flaiano und etwas Melancholisches von Carson McCullers: «Das Herz ist ein einsamer Jäger». Anita Hugi

Anita Hugi, Freitag, 24. Oktober 2008
 
 
Dada war Anti-Kriegsbewegung - 3 Fragen an Peter K. Wehrli, Kulturjournalist und Dada-Spezialist
Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt sich der Zürcher Autor, Filmer und Journalist Peter K. Wehrli mit der Kunstrichtung Dada, die in Zürich während dem ersten Weltkrieg als Reaktion auf das aus der Sicht der Dadaistinnen und Dadaisten sinnlose und bestialische Töten dies- und jenseits der europäischen Grenzen in Zürich gegründet wurde. 
Neun Millionen Menschen sind zwischen 1914 und 1917 in Europa der Kriegsmaschinerie zum Opfer gefallen, viele von ihnen an der deutsch-französischen Grenze im Grabenkrieg. Viele weitere erlitten massive Kriegsverletzungen und Traumata. Die Dadaistinnen und Dadaisten in Zürich wehrten sich mit ihren Aktionen und Sprachkunst gegen die Sinnentleerung des Worts, das, so die Kritik der Künstlerinnen und Künstler, von den Kriegstreibern für ihre Kriegsinteressen eingesetzt wurde.
 
Anita Hugi: Das Engagement gegen den ersten Weltkrieg war eine Facette des Dadaismus. Peter K. Wehrli, was ist für Sie das Wichtigste am Dadaismus?
Peter K. Wehrli: Mir hat der Satz ungeheuren Eindruck gemacht, mit dem Hugo Ball den Dadaismus definiert hat, dass Dada gegen die Überschätzung jener Vernunft kämpft, die Krieg und Zerstörung als logische Begleiterscheinung des menschlichen Lebens zu legitimieren versucht. Also: Der Widerstand gegen den Krieg ist erst dann aussichtsreich, wenn man seine Ursachen auszumerzen versucht. Und: Dada tritt also nicht - wie oft behauptet wird - gegen die Vernunft an, sondern vielmehr gegen die Überschätzung jener Vernunft die...

Anita Hugi: Hat Dada auch ausserhalb des Geographischen etwas mit Zürich zu tun und braucht Zürich heute noch ein Cabaret Voltaire?
Peter K. Wehrli: Wenn man beobachten muss, welche Verheerungen die "Überschätzung der Vernunft" auch heute noch anrichtet, dann braucht es ein Institut, in dem Gegenwerte ausgetestet werden können. Und ganz einfach: Solange es bedeutende Künstler gibt, und es gibt sie, die am Ideenschatz weiterarbeiten, den die Dadaisten vor neun Jahrzehnten freigelegt hatten, solange hat ein Cabaret Voltaire durchaus seine Funktion.
Und übrigens: Ich hatte das Vergnügen dieses Jahr drei Monate in Bukarest zu verbringen. Der Dadaismus ist nicht dort entstanden (sondern in Zürich), und trotzdem merkt der Besucher sofort, dass Dada in Bukarest in der Öffentlichkeit viel heftiger diiskutiert wird als hier am Entstehungsort. Die Rumänen verhehlen nämlich ihren Stolz darauf nicht, dass gleich zwei ihrer Mitbürger 1916 am Entstehen der wichtigsten Kunstbewegung, die von der Schweiz aus auf die Welt wirkte, beteiligt waren. Nach den beiden Dadaisten , Marcel Janco und Tristan Tzara, sind in Bukarest wichtige Strassen benannt worden. Den Rumänen erschien das Referendum gegen das Cabaret Voltaire, als hätte eine Partei das Referendum gegen das Landesmuseum ergriffen.

Anita Hugi: Ins Feld geführt gegen die aktuelle Direktion des Dada-Hauses werden medial und politisch vor allem die Aktion der RAF-T-Shirts und das sogenannte Sex-Casting, das im Cabaret stattfand. Was hielten Sie davon?
Peter K. Wehrli: Sind Sie mit dem sonstigen Programm der aktuellen Direktion des heutigen Cabaret Voltaire zufrieden? Man muss darüber streiten, ob das Etikett "Provokation" allein schon zur Aufnahme ins Programm des Cabaret Voltaire berechtigt. Produktiv wird eine Provokation erst, wenn man ihre Ursache und ihre Wirkung mit ins Feld führt. Sonst entsteht eine nutzlose "Beliebigkeit der Provokation".Dass die Absurdität geradezu undadaistische Wirkung ausüben kann, das zeigte sich im Leseabend des Dichters Freysinger, des Vertreters jener Partei, die nun mit ihrem Referendum das Cabaret Voltaire zum Einsturz bringen möchte.
 
Anita Hugi: Welche Zürcher Institution sollte als nächste abgeschafft werden?
Peter K. Wehrli: Die Stiftung "Zivilisation statt Natur".

Zur Person: Peter K. Wehrli ist gebürtiger Zürcher, Filmer, Kulturjournalist und Buchautor. Am Montag 6. Oktober 2008 liest er im Literaturhaus Zürich aus seinem "Katalog von allem", der soeben neu im Zürcher AmmanVerlag erschienen ist. Peter K. Wehrli arbeitet seit bald 40 Jahren als Kulturjournalist, insbesondere für das Schweizer Fernsehen. Er hat diverse Dokumentarfilme zu wichtigen Künstlern gemacht, u.a. zu Jean Tinguely, Franz Gertsch, Robert Rauschenberg, im Jahr 2008 u.a. den Film "Die ganze Welt anmalen!" über die 68er Bewegung in der Schweizer Kulturszene. Der Film - u.a. mit dem Unionsverlag-Verleger Lucien Leitess, dem Schriftsteller Adolf Muschg - ist eine Eigenproduktion der Sternstunde Kunst des Schweizer Fernsehens und kann auf der Website der Sternstunden vollständig angeschaut werden. Der Journalist Peter K. Wehrli ist Mitglied der FBZ.
Anita Hugi, Dienstag, 30. September 2008
 
 
"Video ist sozusagen die Handtasche des Films" 3 Fragen an Chris Regn und Durbahn, Gründerinnen des Frauenkunst-Archivs Bildwechsel

Zukunftsforscher diverser Couleur seien sich zumindest in einem Punkt einig, schreibt der frühere Mitarbeiter des in der Trendforschung engagierten Gottlieb Duttweiler Instituts GDI und neue Chefredaktor des Kulturmagazins Du, Stefan Kaiser: "Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Frauen. Doch wie spiegelt sich", fragt Kaiser im Editorial weiter, "dieser Megatrend, diese Eva-lution (die Zukunftsforscherin Faith Popcorn) in der Welt der Kunst?" 
Die besten, denen man die Frage nach den Frauen in der Kunst hätte stellen können – natürlich neben denen, die Du befragt hat– sind die beiden deutschen Künstlerinnen Chris Regn und Durbahn. Seit 1979 baut und pflegt das Frauenduo zusammen mit Künstlerinnen aus ganz Europa und auch USA ein einzigartiges Archiv mit Fokus Kunst von Künstlerinnen.

Was in den den letzten 30 Jahren im Bereich Kunst von Frauen geschah, findet sich sehr wahrscheinlich in der privaten Institution Bildwechsel dokumentiert. In der auf Anmeldung frei zugänglichen privaten Sammlung gleich neben dem Hauptbahnhof Hamburg, am Anfang der Kirchenallee. Hier werden entweder in der grossen Standbibliothek oder der eindrucksvollen Sammlung von Videoarbeiten von Künstlerinnen und auch Dokumentarfilmen zu Künstlerinnen Print- und Videomaterialien gesammelt, gepflegt und erhalten. So etwa ganz alte Arbeiten von Pippilotti Rist und sowieso ziemlich alles der Performerinnen Reines Prochaines, um den Schweizer Aspekt heraus zu heben.

Bildwechsel ist ein geistiger Umschlagplatz für Kunst aus weiblicher Produktion und eine seit 30 Jahren bewirtschaftete Bibliothek mit Spezialisierung Künstlerinnen. Bildwechsel ist auch eine einzigartige Sammlung von Videokunst von Künstlerinnen: Videos wie auch Mitschnitte von Performances etc. Ein weiterer Schwerpunkt sind Dokumentarfilme zu Künstlerinnen aller Kunstdispziplinen. Das Videoangebot reicht also zum Beispiel von Videos von oder Interviews mit der Performance-Künstlerin Valie Export bis zu einer Anzahl Dokumentarfilme zur deutschen Filmregisseurin Margarethe von Trotta. Mit Sorgfalt gesammelt werden hier auch Arbeiten von jungen Künstlerinnen und all jenen, die vom allgemeinen Kunstdiskurs nicht zwingend wahrgenommen werden. Diese Bandbreite und Vielfalt macht auch eine der Stärken dieser Sammlung aus.

Es sind im Künstlerinnenarchiv, das auf Print-Materialien spezialisiert ist, und in der Videosammlung insgesamt mehr als 15'000 Videos, Bücher - Kataloge, Biographien, Broschuren, und weitere Materialien, Poster, Postkarten usf. zu Kunst und Künstlerinnen, inklusive Dokumentationen zu Tanz und Performance. Dies alles kann hier gratis und in unkomplizierter Atmosphäre konsultiert werden. Auf Anfrage stehen die beiden Gründerinnen und ihr Team dem suchenden Besuch bei speziellen Anfragen als Lotsinnen zur Verfügung. Ebenfalls zu Bildwechsel gehört ein kleines Videomuseum, ein eigentlicher „Maschinenpark“ all der Video-Abspielgeräte der letzten 30 Jahre. Anita Hugi stellte Bildwechsel 2 x 3 Fragen.
  
Anita Hugi: Bildwechsel ist ein geistiger Umschlagplatz für Kunst. Die Hauptabteilungen von Bildwechsel hier in den Räumlichkeiten in Hamburg sind die Videokollektion und das Künstlerinnenarchiv. Ist das Künstlerinnenarchiv eine Bibliothek?

Durbahn: Ja, und Nein. Es ist mehr so, dass das Künstlerinnenarchiv - im Rahmen seiner diversen Sammlungen - auch eine erstaunliche Bibliothek hat und pflegt und präsentiert. Einen schönen Raum für und von Künstlerinnen mit Katalogen, Biografien, Künstlerinnenbüchern. Weiter mit Zines, Skizzenbüchern, Diplom- und anderen Arbeiten. Die Bibliothek sagt "Hallo, schön dass du da bist !" und lädt zum Stöbern und Recherchieren ein. Sie ist nicht nicht primär kühl wissenschaftlich, sondern künstlerisch-intuitiv struktuiert. Einstellschilder informieren über Thematiken, Sparten, Länder und aktuelle Kontexte. Die Bände können einfach aus den Regalen genommen werden, es ist nicht weit zum nächsten Sessel und Tee und Kekse sind erlaubt.
Die Bibliothek wird innerhalb Bildwechsel ideal ergänzt durch das Materialarchiv - Künstlerinnenmäppchen, Artikel - natürlich auch durch einen Internetzugang. Nicht zu vergessen das Fachwissen der anwesenden Künstlerinnen. Das Künstlerinnenarchiv ist verzahnt mit den anderen Beständen vor Ort - allem voran mit der Videokollektion.
 
Chris Regn: Das Künstlerinnenarchiv hält eine Präsenzbibliothek, Archive und Sammlungen. Die Bibliothek als Teil des Ganzen sieht sich als begehbarer Raum und feiert mit ihrer Erscheinung die Präsenz von Künstlerinnen.
Der Begriff „Bibliothek“ wird nicht einheitlich verwendet. Er steht für eine öffentliche Einrichtung, für einen Ort, ein Gebäude, für eine geordnete und benutzbare Sammlung von Büchern und anderen publizierten Medien und Informationen, schließlich auch für eine solche Sammlung selbst.
Als das Künstlerinnenarchiv angefangen hat, wurde gerade von Kunststudentinnen eben oft die Frage gestellt, ob es denn überhaupt bedeutende Künstlerinnen gäbe?
Diese Frage beantwortet sich jetzt allein durch das Betreten der eindrucksvollen Büchersammlung. Unsere Sammlung ist thematisch, geografisch, chronologisch und bei Monografien nach Sparten alphabetisch nach Künstlerinnenname sortiert. Für uns ist die Anmutung der Bibliothek sehr wichtig. Die Regale mit Licht, der Tresor, ein künstlicher Kamin aus Klinker und beleuchteter Malerei, Teppich, gestreift bezogene Sesselchen und ein Ruhelager. Dieses Bibliotheksformat stellt eine gutgestellte, humanistisch geprägte Behaustheit her.
Entschieden wird der Standort und die Zuordnung in der Bibliothek jeweils mit dem Schwerpunkt des Buchs. Beispiele sind Titel wie "Künstlerinnen aus Nordrhein Westfalen", "Surrealistinnen", "Hanna Nagel. Ich zeichne, weil es mein Leben ist", "Androgyn" oder "Das verborgene Museum".
Ulrike Bergermann, schrieb ca. 1993 über das Künstlerinnenarchiv, und ich lese aus dem Artikel "Das Ideal-Archiv. Ein Theorieklischee“: Erinnerung braucht Orte, an denen das Vergessene abgelegt und wieder auffindbar wird. Um es ablegen zu können, muss das Vergessene erst einmal gesucht werden. Als Hüterinnen des eigenen kulturellen Gedächtnisses, das oft ja erst rückwärts erfunden wird, erkunden Archivfrauen Materialien von Schrift, Bild und Ton in verschiedenen Kombinationen. (...) Archäologisches Bemühen von künstlerischer Arbeit, die männlichen Produktions-, Werk- und Geniestandards nicht unbedingt entspricht und daher aus den Tradierungsmaschen herausfällt , kann neue Tradierungsmuster entwickeln ("weibliche" wie zum Beispiel entlang der Biografie). Oder das Musterdenken vervielfältigen zu einem Mosaik mit weißen Flecken und unabgeschlossenen Rändern.. Gibt es doch im Französichen das Wort Archiv nur im weiblichen Plural: les archives. Statt der Bibliothek als Ort fiktiver Identitäten (Josef Flimkös) wären Schrift und Medien - nicht zu verwechseln mit der Kunst/ der Sprache/ dem Inhalt selbst, aber auch nicht davon zu trennen - als Material für das Finden und Verwerfen von Identitäten zu erproben. Weniger die Künstlerin als Spiegel für die vielzitierte "Ortlosigkeit der Frau" als Mediales durch Rezeption weiterschreiben. Kann doch seit Freud das Gedächtnis als Schriftapparat gedacht werden, der immer neue Aufnahmefähigkeit mit der Erhaltung von Dauerspuren verbindet. Was sich so alles im Medienspeicher Künstlerinnenarchiv ablegt, bildet also keinen symbolischen mailändischen Ort, sondern ist in seinen Zusammenhängen von jeder Forschenden, Lesenden neu zu orten. Ein begehbares Kollektivgedächtnis kann sich nicht auf Papier oder in Regalen erschöpfen, sondern lebt durch Transformation. Les archives erinnern an medialen Transport, der Speicher motiviert das Entstehen neuer Erinnerungsbilder, solange gelesen und vergessen wird.
 
Was sind die Gemeinsamkeiten und/oder Unterschiede des Künstlerinnenarchivs etwa zum damals aus Protest entstandenen "Informationsdienst" während der Dokumenta 9 in Kassel?

Chris Regn: Der Informationsdienst ist ein von Ute Meta Bauer, Tina Geissler und Sandra Hastenteufel vom Künstlerhaus Stuttgart 1992 kuratierte Sammlung von Künstlerinnen. Und war eigentlich eine (Re-)Aktion, eine Installation. Dafür wurden zu Beginn 3 Aktenwägen, die ein bisschen wie Kinderwiegen anmuten, mit diversen Materialen in pro Künstlerin ein Hängeregister gefüllt.
Das zur Verfügung stehende Material diente als Ergänzung und als Kommentar zu wichtigen Positionen zeitgenössischer Künstler_innen und setzt einen Fokus auf die Unterrepräsentation. Diese Arbeit stellte sozusagen den "Space of Abjection" dar. Bei Bildwechsel und im Künstlerinnenarchiv ist diese Kollektion übrigens heute untergebracht, und wird bei uns gepflegt:
Videos des Informationsdienstes werden überspielt, Mappen ausgetauscht. Wir teilen also mit dem Informationsdienst den physischen Raum, wenn er nicht ausgeliehen wird, unsere Arbeit geht aber weit darüber hinaus, EIN Statement oder EINE Installation zu machen, wie dies der Informationsdienst damals während der Dokumenta 9 tat. Tatsächlich versuchen wir selbst mit Sammlungen und den Aktivitäten als "aktives" Archiv sowohl Panoramablick auf unterschiedlichstes Schaffen, Zugänglichkeiten und Überlieferung, die Repräsentationsgeschichte, mögliche Berufsbilder, Bezüge und die Begrifflichkeiten und Werte rund um Frauen und Kunst international durch alle Zeiten zu sammeln, zu archivieren und zu zeigen. Wir verstehen uns auch als Aktionsradius, Künstler_innenhaus, Theoriegefäss und haben die Galerie Broll, das Videomuseum, viele Agentinnen, das Queer-Institut und die freien Bildwechsel-Orte in Warschau, Glasgow, Berlin und Basel zur Seite.
 
Durbahn: Den Unterschied zwischen Informationsdienst und Bildwechsel selbst herauszufinden, könnte ja nun ein Anlass sein, die Bildwechsel-Archive zu besuchen und beide Sammlungen auf sich wirken zu lassen. Bildwechsel hat den Informationsdienst vor mehreren Jahren aufgenommen und ist als eigenständige Sammlung einsehbar. Der Informationsdienst entstand als Protestatkion gegen die Künstlerauswahl für die Dokumenta 9 durch Jan Hoet  und gegen eine dramatische Unterrepräsentation von künstlerINNEN und die lakonische Bemerkung, dass ihm eben keine Künstlerinnen bekannt wären.
Der Informationsdienst – faktisch ein Mäppchenarchiv in Hängeregisterrollwägen - informiert über die Künstlerinnen, die der  künstlerische Leiter hätte kennen sollen. Sabeth Buchmann hatte damals aber selbst angemerkt, dass es nicht ausreichen würde, einfach nur Material zu Künstlerinnen zu sammeln und zu registrieren (und dagegen zu protestieren), dass Künstlerinnen routinemässig ignoriert werden - und wir glauben auch, dass es darum geht, eine Kultur zu verändern - die den spezifischen Beitrag von Frauen in Kunst und Kultur strukturell und machtpolitisch nicht zulassen will. Deswegen auch ist das Künstlerinnenarchiv – und ist Bildwechsel - ein Aktionsformat für künstlerische Aktionen und Präsentationen. Bildwechsel ist vielleicht das einzige Archiv, das gleichzeitig ein quirliges Entstehungslabor ist.
  
Anita Hugi: An der letzten Biennale in Venedig war die Arbeit einer Frau, der französischen Künstlerin Sophie Calle, sicher eine der bemerkenswertesten, und wiztigsten. Ihre Arbeit hiess "Prenez soin de vous", womit sie den väterchenhaften, paternalistischen Abschiedsatz eines lapidaren Trennungs-E-Mails zitierte. Auch im deutschen Pavillon agierte eine Künstlerin  – Isa Genzken, die in dem vom Schweizer Kunstsammler und Verleger Michael Ringier herausgegebenen deutschen Lifestyle- und Kunstmagazin MONOPOL vor der Biennale 2007 als wichtigster Künstler weltweit vorgestellt wurde, obwohl sie mit ihrer Arbeit an der Biennale die KritikerInnen nicht alle überzeugen konnte. Beide arbeiten sehr unterschiedlich. Ich möchte mehr zur Französin Sophie Calle erfahren, kann mir Bildwechsel helfen? Was kriege ich bei Bildwechsel mehr als im Internet oder in einer herkömmlichen Bibliothek?

Chris Regn: Sophie Calle ist eine allgemein sehr gut dokumentierte Künstlerin die allgemeines, öffentliches Ansehen (in Europa) geniesst. Wir haben tatsächlich Kataloge und ein paar Materialien, machen uns aber darüber keine Sorgen. Denn Sophie Calle wird auch in Zukunft in allgemeinen Sammlungen und Bibliotheken vertreten sein. Unser spezieller Beitrag zur Suche nach Sophie Calle sind Arbeiten, die im Zusammenhang mit ihr entstanden sind, wie zum Beispiel ein Video und eine Aktion von Isabelle Obrecht, die in Zürich lebt oder der Kontakt zu Elisabeth Strowick, die einen Artikel für den Katalog zur Ausstellung Sophie Calles des Sprengel Museums in Hannover geschrieben hat. Meistens haben wir im Videoarchiv, bei Tagungsaufzeichnungen und bei den Abschlussarbeiten und Zines noch weitere Bezüge zu verschiedensten angefragten Künstlerinnen.
 
Durbahn, mittlerweile spricht die ganze Welt über Video. Aber: Was ist eigentlich ein Video?
 
Chris und Durbahn: Ein Video ist ein Band. Oder Video auf DVD. Oder auf einem USB-Stick - und kann einfach alles sein. Video ist die Handtasche des Films. Eine Sammlung von privaten oder familiären Aufnahmen, Videobriefe, filmische Notizen, Materialien zur Weiterbildung, Anleitungen, Filme auf Video, Experimente von Künstlerinnen, Aufzeichnungen von Veranstaltungen, Tagungen, Performances und Präsentationen, Diashows, jeweils ein Kanal einer Mehr-Kanal-Videoinstallation und vieles mehr. Video ist eine Cyborg-Echtzeiterinnerung, die uns die audiovisuelle Technik seit etwa 50 Jahren möglich macht. Das ist, bei genauerer Betrachtung, eine ungemein faszinierende Herausforderung für das Prinzip Erinnern, wie wir es bisher kennen.
Etwa um 1974 herum kam das Videoformat von Japan nach Europa, als Aufzeichnungs-Medium; Bild und Ton zusammen: das gab es bis dahin nie; also "Film", der gleich abspielbar und sofort übertragbar war. Angefangen mit Halbzoll-Bändern, die wie das Tonband in offenen Spulen kamen - entstanden die verwirrend vielen Video-Formate wie betamax, vcr, u-matic, VHS, S-VHS, Video-8, Mini DV, Mpeg. Heute kommen dann die vielen digitalen Formate dazu.
 
Wieviele Videos stehen heute in der Videokollektion von Bildwechsel, in welchen Formaten? Und, wichtigste Frage: wer darf eigentlich hier Videos ausleihen kommen?
Durbahn: Bei Bildwechsel stehen derzeit rund 7000 Videotitel und entsprechend viel mehr Bänder und DVDs mit Originalmaterial und Kopien der jeweiligen Filme/Videos. Vorwiegend haben wir die bestmöglichen, semiprofessionellen Formate am Start,  sammeln aber alle uns gegebenen Formate. Bildwechsel archiviert - d.h. wir sehen uns als Chronistinnen und Schatzhüterinnen mit einem erklärten Schwerpunkt auf den Beitrag von Frauen zu Kunst und Kultur. Wir erhalten die Videos sozusagen zu treuen Händen - und treffen in den meisten Fällen eine schriftliche Vereinbarung mit den FilmgeberInnen, in welcher der Archivstatus des übergebenen Materials festgelegt wird. Ein Ausleih - wie man ihn von Videotheken her kennt  -findet nicht statt. Aber wir vermitteln nach Möglichkeit den Kontakt zur Urheberin - und
wenn es für sie okay ist, kann eine Kopie ausgeliehen werden.
 
Ich suche immer wieder Dokumentarfilme zu Filmerinnen. Habt ihr etwa etwas zu oder von der wohl bekanntesten deutschen Filmerin Margarethe von Trotta?
 
Durbahn: Bei einer Recherche-Anfrage nach Margarethe von Trotta bin ich immer versucht, erst einmal auf einen Fehlbestand hinzuweisen: Es sollte doch eigentlich möglich sein, das Filmschaffen grosser Regisseurinnen wie eben z.b. Margarethe von Trotta leicht zugänglich an vielen Stellen vorzufinden. Dem ist aber nicht so, dafür gibt es viele Gründe - die dieses kurze Gespräch hier sprengen würden. Es ist sehr schwer, mal eben so auf das Filmschaffen deutscher AutorInnen zuzugehen - ein Zustand, der so eigentlich nicht hinnehmbar ist. Wir machen, was möglich ist: Bidlwechsel archiviert gegebenes Material. Wir haben z.b. filme von Helke Sander, Claudia von Alemann, Ulrike Ottinger, Monika Treut und wirklich sehr viele andere. Bei Margarethe von Trotta würde ich gerne auf Filme über sie verweisen - die früheste Dokumentation stammt aus den 80ern. Wir haben insgesamt vier Dokumentarfilme über die Regisseurin hier vor Ort, die alle von Dokumentarfilmerinnen gemacht wurden. Mit Hilfe eines Netzwerks von privaten VideosammlerInnen können wir bei einem Sichtungsinteresse zudem den Kontakt zu dem einen oder anderen vom Fernsehen ausgestrahlten film vermitteln. Ein im Einzelfall komplizierter und etwas langwieriger Prozess - und ein eben eigentlich dem Filmschaffen gegenüber unwürdiger zustand.
Unsere grosse Stärke liegt im archivieren, sammeln und zeigen des selbst-produzierten ( und meist eben auch selbstfinanzierten) Films/Videos von Künstlerinnen.  
 
Zur Person:
Chris Regn, 1964 geboren, wohnt und arbeit in Hamburg und Basel. Die Künstlerin ist Gründerin des Künstlerinnenarchivs und von Bildwechsel, und der Galerie Helga Broll. Letzte Arbeiten in der Schweiz - u.a. Co-Curatorin des Videoprogramms Basel/Nordwestschweiz am Medienkunstfestival SHIFT 2007. www.helga-broll.com
 
Durbahn, geboren 1952, wohnt und arbeitet in Hamburg und Lübeck. Sie studierte an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg und war 1979 Mitbegründerin von Bildwechsel. Alle Mitarbeitenden von Bildwechsel sind Künstlerinnen - so auch durbahn. (www.durbahn.net)
 
Zur Institution
anh. Bildwechsel entstand 1979 als Frauenmedienzentrum und Produktionsstätte für Foto, Film, Video und Druck - eine Einrichtung ähnlich der heutigen Migros-Kulturbüros in Zürich, Bern, Basel. 2009 feiert Bildwechsel sein 30jähriges Bestehen. Wurde Bildwechsel früher von öffentlichen Geldern, einem spezifischen Kulturetat für Frauenprojekte der Stadt Hamburg unterstützt, ist Bildwechsel heute selbsttragend und auf Spenden - u.a. für die Miete der Räumlichkeiten - angewiesen, da es auch in Hamburg keine frauenspezifischen Förderung mehr gibt.
In den letzten 30 Jahren seines Bestehens wurde die Organisationsform immer wieder den jeweiligen Gegebenheiten angepasst, präzisiert Chris Regn. Bildwechsel beschreibe sich selbst heute wie folgt: "Bildwechsel sammelt, archiviert und zeigt internationale Materialien von Künstlerinnen zur Repräsentation von Frauen/Medien/Kultur.  An den Aktivitäten beteiligen sich pro Jahr rund 600 Künstlerinnen. Mit seiner Bibliothek und den Sammlungen ist Bildwechsel seit fast drei Jahrzehnten von Hamburg aus Anlass und Anstoss für Zusammenarbeiten, Präsentationen und internationalen künstlerischen Austausch." Bildwechsel ist Ort und Aktionsforum und beherbergt in Hamburg, ein paar Schritte vom Hauptbahnhof entfernt, ein audiovisuelles Archiv mit über 7000 Videos/Filmen. Ein u.a. aus dem Aktionsfeld Bildwechsel entstandenes Projekt ist die kürzlich erschienene DVD-Sammlung "Performance Saga", eine Sammlung von Interviews mit den internationalen Pionierinnen der Performance-Kunst, u.a. Esther Ferrer, Valie Export, Monika Günther, Carolee Schneemann, Ulrike Rosenbach.
Anita Hugi, Montag, 8. September 2008