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| Buchtipp: Im Herz der Finsternis – |
Drei Frauen, drei Lebensläufe, drei Schicksale zwischen Afrika und Europa.
"Drei starke Frauen" ist ein Roman mit drei eigenständigen Geschichten. Sie erzählen von Heimat, Exil, Liebe, Hass und Gewalt in einer sezierenden, dennoch traumhaft skurrilen und surrealen Sprache, die über dem Boden zu schweben scheint und doch die Bodenhaftung nie verliert. Marie NDiaye erhielt für diesen Roman die höchste französische Auszeichnung Frankreichs: den Prix Goncourt. Die Autorin, geboren 1967 in Paris, lebt mit ihrem Mann und drei Kindern seit 2007 in Berlin.
Marie NDiaye beginnt früh zu lesen. Schon als Kind steht für sie fest, dass sie Schriftstellerin werden möchte. Ein normales Leben wie ihre Mutter als Lehrerin will sie nicht führen. Mit 17 Jahren veröffentlicht sie ihren ersten Roman. "Ich weiß nicht genau, warum gerade dieses Buch so großen Erfolg feiert", sagt Marie NDiaye über ihr neues Werk "Drei starke Frauen". "Ich denke, es ist vielleicht die Mischung aus einer Geschichte, die berührt und der Art des Erzählens."
Verlust, Verrat und Gewalt
Die Autorin Marie NDiaye erzählt in ihrem neuen Roman von drei Frauen, die mit dem Senegal verbunden sind.
Norah, eine erfolgreiche Pariser Rechtsanwältin, erhält eine Nachricht von ihrem Vater in Senegal, zu dem sie keinen Kontakt mehr hat. Beide haben sich seit vielen Jahren nicht gesehen. Der Vater fleht sie an, sie möge ihn besuchen. Sie ahnt, dass es um ihren jüngeren Bruder geht, dem sie sehr verbunden war. Als Fünfjähriger wurde er vom Vater nach Afrika entführt - jetzt sitzt er im Gefängnis. Er soll die junge Frau seines Vaters umgebracht haben. Norah gerät in einen verhängnisvollen Sog ihres charismatischen Vaters.
Rudy ist Lehrer in Senegal, scheitert in seinem Beruf, kehrt nach Frankreich zurück und schlägt sich irgendwie durchs Leben. Die Geschichte seiner Frau Fanta, wird aus seiner Perspektive erzählt. Ein einziger Satz, den er nicht mehr zurücknehmen kann, löst ein Drama aus: Fanta stammt aus dem Senegal. Und obwohl er sie abgöttisch liebt, sagt er im Streit, sie solle dorthin zurück gehen.
Khady, eine junge Witwe, wird von der Familie ihres verstorbenen Mannes abgeschoben und erhält Geld für die Flucht nach Europa. Sie gerät in die Hände eines Schleppers und landet als Prostituierte. Was sie erleiden muss, bringt ihr den Tod. In den Erinnerungen eines Leidensgefährten bewahrt sich ihre Würde.
Marie NDiaye schildert in ihrem Roman "Drei starke Frauen" eine Realität, die unter die Haut geht und mit ihrer subtilen Sprache auf den Grund der Dinge dringt. Ein Buch, das atemlos macht und zum Nachdenken über die Tragik von Migranten-Schicksalen anregt. Bei allen Widerwärtigkeiten und Widrigkeiten ist es die Schönheit der Sprache, die einen in den Bann zieht und in Erinnerung bleibt.
Marie NDiaye. Drei starke Frauen. Übersetzt von Claudia Kalscheuer. Suhrkamp Verlag KG, Berlin 2010. 341 Seiten, gebunden. CHF 34.90. ISBN: 3518421654. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 24. August 2010 |
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| Buchtipps: Vom Herzschlag der Beat Generation zur jungen Generation X |

Jeanne Hersch, Philosophin (1910-2000:) „Erlebte Zeit“; Olivia Heussler, Fotografin (*1957): „Zürich Sommer 1980“; Dorothee Elmiger, Autorin (*1985): „Einladung an die Waghalsigen“. Manchmal sind Bücher zu entdecken, die weit auseinander liegen, zeitlich, räumlich, doch grenzüberschreitend zeitnah. Vergangenes, das wieder aktuell ist, Neues, das eine Zukunft der Vergangenheit evoziert. Von Jeanne Hersch, streitbarer Philosophin, die der „68er“-Bewegung skeptisch gegenüberstand und Eltern nicht als „copains“ verstand, über die Zürcher Jugendunruhen im heissen Sommer 1980, von der Fotografin Olivia Heussler in authentischen Momentaufnahmen festgehalten, zu der am Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt mit dem Kelag-Preis prämierten jungen Schweizer Autorin Dorothee Elmiger, die in ihrer Prosa vom Verschwinden der Vergangenheit berichtend, die Identität der Gegenwart und Zukunft erkundet. Denn nur wer seine Geschichte kennt, kann sich eine hoffnungsvolle Zukunft aufbauen. Auf Spurensuche nach Zusammenhängen
„Erlebte Zeit“ – Jeanne Hersch, die Zeitzeugin
Die engagierten Vorträge und Abhandlungen der Philosophin Jeanne Hersch sind auch heute noch und wieder aktuell. Denn die politischen Fragen nach einer funktionierenden Demokratie standen für sie in engem Zusammenhang zur pädagogischen Frage nach der Prägung junger Menschen zu freien und verantwortungsbewussten BürgerInnen. Die existenzphilosophische Grundfrage nach dem Sinn des Lebens beschäftigte sie lebenslang, es war ihr ein Anliegen, Menschen quer durch alle sozialen Schichten für philosophisches Nachdenken, den Dingen beharrlich auf den Grund zu gehen, zu sensibilisieren und zu interessieren.
Als Philosophin war Jeanne Hersch aus der Mode gekommen, ihre gegen den Strich gebürsteten Denkmodelle gerieten in Vergessenheit. Hersch, die gegen die „68er“-Bewegung und den zeitgeistig antiautoritären Führungsstil rebellierte, der Eltern als „copains“ ihrer Kinder und Jugendlichen zu etablieren suchte, plädierte für Eltern als primär Verantwortliche, die ihre Verantwortung innerhalb der gegebenen Grenzen als Vorbilder auch wahrzunehmen haben statt sich in Grauzonen kumpanenhafter Toleranz zu flüchten.
Zeitgeist und Erziehung
Jeanne Hersch blieb ihrer Überzeugung gegen alle Widerstände treu, dass Vorbilder als Erziehung unabdingbar sind und junge Menschen Erwachsene brauchen, die ihnen nichts vormachen, sondern ehrliche und aufrichtige Stützen sind, die es ihnen erlauben, selbst erwachsen zu werden. Treue sich selbst und anderen gegenüber blieb ein Leitmotiv im Leben von Jeanne Hersch.
Rund 40 Jahre nach den umwälzenden Jugendunruhen herrschen heute in Fragen der Erziehung nach wie vor grosse Unsicherheiten. Lehrpersonen haben inzwischen viel an Autorität und Vertrauen eingebüsst, dass die Frage, ob sie erzieherisch wirken dürfen, noch immer äusserst umstritten ist. Von vielen Eltern wird das nur in den Fällen akzeptiert, wenn diese sich selbst überfordert fühlen. Dennoch ist das andere Extrem, die antiautoritäre Erziehung, heute auch kein Thema mehr. Der grundsätzliche Wert einer verantwortlichen, individuellen Erziehung und Begleitung in Schule und Elternhaus wird neu zu verhandeln sein. Ein bedenkenswertes Plädoyer!
Herausgeberinnen des Sammelbands mit zum Teil noch unveröffentlichten Texten zum 100. Geburtstag von Jeanne Hersch: Monika Weber (*1943) lic. phil., Studium der Philosophie, Politologie und Allgemeinen Staatsrechts. Alt-Ständerätin und Alt-Stadträtin Zürich; u.a. Zentralpräsidentin der Winterhilfe Schweiz und Präsidentin der Stiftung Zürcher Kinder- und Jugendheime. Annemarie Pieper (*1941) 1981–2001 Professorin für Philosophie an der Universität Basel. Vortragstätigkeit mit den Themenschwerpunkten Bildung, Alter, Politik, Sinn- und Wertfragen. Zahlreiche Publikationen.
Jeanne Hersch: Erlebte Zeit. Menschsein im Hier und Jetzt. Hrg. Monika Weber und Annemarie Pieper. Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2010. 252 Seiten, 28 s/w-Abbildungen, Format 16.5x21.0 cm, Klappenbroschur, CHF 38. ISBN 978-3-03823-597-2.
„Zürich Sommer 1980 „ - Hautnah miterlebt von der Fotografin Olivia Heussler
Im Ringen um ein autonomes Jugendzentrum lieferten sich Jugendliche und Polizei im Grosseinsatz im Sommer 1980 erbitterte Strassenkämpfe aufs Zürich Strassen. Ausgelöst wurden die virulenten Jugendunruhen durch eine einseitige Politik des Zürcher Stadtrates, beispielsweise mit 60 Millionen Franken den Umbau des Opernhauses zu subventionieren, ohne auf die berechtigte Forderung nach einem eigenen Jugendhaus eingehen zu wollen.
Wenn man sich die Fotos heute anschaut, scheinen sie aus einer anderen Welt zu stammen, und doch war es Zürich, auf das die Welt schaute, auf das die europäischen Nachbarn mit Verwunderung und Erstaunen blickten, was sich hier an bisher unvorstellbarer Gewalt zutrug. Der sogenannte Globus-Krawall ist auch heute noch unvergessen, wie Polizisten auf unbeteiligte Vorübergehende und harmlose Demonstranten einprügelten, diese sich ihrerseits teilweise mit Steinen gegen Wasserwerfer und Gummiknüppel wehrten. Die Fotos veranschaulichen die damalige Stimmung, als ob man mittendrin im Geschehen wäre, und im Dunst der Rauchpetarden selbst schnell das Weite suchen möchte.
Olivia Heussler (*1957), studierte an der Zürcher Kunstgewerbeschule und unterrichtet Fotografie. Ihre Fotografien sind in öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten. 2009 erschien in der Edition Patrick Frey Der Traum von Solentiname. Sie lebt mit ihrer Tochter in Zürich. www.clic.li
Der wunderbare Essay im Anhang stammt von Stefan Zweifel: „Fast eine Jugend – Als die Plätze sprechen lernten, schreien und – weinen“. Stefan Zweifel (*1967), Philosoph, Ausstellungskurator, übersetzte de Sade, Kritiker im „Literaturclub“ des Schweizer Fernsehens. 2009 „Berliner Preis für Literaturkritik“.
Olivia Heussler: Zürich Sommer 1980. 56 Fotos im Grossformat, Essay deutsch/englisch von Stefan Zweifel. Edition Patrick Frey, Zürich 2010. CHF 78. ISBN 978-3-905509-89-2
“Einladung an die Waghalsigen” – Dorothee Elmiger, die neue Stimme mit Tiefgang
Vom Titelbild des Prosabandes von Dorothee Elmiger (*1985) blickt die Teilansicht eines Vogels in die Welt, es könnte auch einer der Vögel der verseuchten Ölküste in der Bucht von Mexico sein, doch sein Gefieder ist noch unversehrt.
Von der Ödnis einer verwüsteten Landschaft ist auch hier die Rede. Ist es eine Endzeitbeschreibung, der sich die junge Autorin verschrieben hat? Zu wenig melancholisch zwar ist der lakonische Ton des Textes, der unbeirrt Fakten benennt und unvermittelt neue Zusammenhänge herstellt. Man kann einen Text durchaus verschiedenartig interpretieren. Doch schon die Möglichkeit einer vielfältigen Interpretation spricht für die poetische Wirklichkeit und eloquente Stärke eines Textes. Frappant ist die Gegenwärtigkeit unbestimmter Bedrohung. Eine Allegorie auf die alltäglichen (Schreckens)-Nachrichten, News, die untergründig rumoren und vordergründig kalt lassen. Cool. Immer noch etwas anderes als Gelassenheit. Auch keine Verzweiflung, einfach Faktenlage, und weiter im Text.
Mit ihrer Schwester Fritzi lebt die Ich-Erzählerin Margarete mit ihrem Vater, einem Polizeikommandanten, in einem verlassenen Kohlebergwerk, wo Fördertürme schräg als stumme Zeugen in der Landschaft stehen. In den Stollen des Kohlereviers (sic!) ist vor Jahrzehnten ein Feuer ausgebrochen, noch immer lodern Flammen unter Tage. Die Mutter hat die Familie schon vor Jahren verlassen. Die beiden Schwestern brechen auf zu einer Expedition, um ihre eigene Herkunft zu erforschen.
Die Suche nach einem mysteriösen, unterirdischen Fluss wird zum Anlass zur Reflexion über Vergangenheit und Zukunft. Während Fritzi die verlassenen Gegenden erkundet, stellt Margarete waghalsige Prognosen auf und liest in den verbliebenen Büchern über geologische und geografische Befunde, „Über die grossen Wüsten“, die Entstehung von Wüsten, die mit unangepasster Bewirtschaftung der betreffenden Gebiete und falschen Bewässerungsmethoden zu tun haben, reale Szenarien heutiger Umweltbedrohungen und –zerstörungen.
Margarete legt Fährten aus und schreibt auf einer alten verbogenen, mechanischen Remington-Schreibmaschine: „Unser Erbe ist ein verlassenes Gebiet. Hier herrscht eine grosse Verwüstung, der wir nicht beizukommen wissen. Wir sind seit jeher ihre Kinder. Sie ist unsere Jugend. Wir sind wohl zu spät gekommen“. Eine Weltabbildung, ein poetisches Wunderwerk aus federleichten Worten, die nachhallen. Die Worte sind die Zukunft.
Dorothee Elmiger, 1985 in Wetzikon/ZH geboren, wuchs in Appenzell auf. Sie studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und ein Semester am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Seit 2009 Studium der Politikwissenschaft in Berlin.
Dorothee Elmiger: Einladung an die Waghalsigen. Roman, 143 Seiten, gebunden, DuMont-Buchverlag, Köln 2010. www.dumont-buchverlag.de. CHF 29.80. |
| Ingrid Isermann, Freitag, 23. Juli 2010 |
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| Buchtipp: Christa Wolf – |
| Das neue Buch von Christa Wolf handelt vom blinden Fleck der Selbsterkenntnis, nicht zuletzt von sich selbst. Kurz nach den heftig diskutierten Enthüllungen über Christa Wolfs im Grunde unwichtige kurze Mitarbeit als Stasi-Informantin ging sie im September 1992 mit einem Stipendium der Getty-Stiftung nach Los Angeles, verbringt ein dreiviertel Jahr in Kalifornien und legt nun fast zwanzig Jahre danach einen autobiographisch gefärbten Roman über die Wiedervereinigung vor, auch über Selbstzweifel und Ratlosigkeit angesichts der Weltlage. Christa Wolf, geboren 1929 im heute polnischen Landsberg/Warthe, lebt in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis.
Das Getty Center hat die Autorin anfangs der neunziger Jahre eingeladen, als Stipendiatin neun Monate unter kalifornischer Sonne in Santa Monica zu verbringen. Im September 1992 beginnt Christa Wolf den bis dahin längsten Auslandsaufenthalt ihres Lebens.
Wer erwartet hat, dass Christa Wolf neue Töne über das misslungene Experiment des sozialistischen Staates, der „DDR“, anschlägt, sieht sich getäuscht. Nicht zuletzt wohl auch deshalb hagelte es Verrisse im deutschen Feuilleton. Von „Wortgeklingel“ und Langeweile war die Rede.
Dass Christa Wolf einer sozialistischen Utopie lange nachtrauerte, die Wiedervereinigung als einen eher kolonialistischen Anschluss des Ostens an den Westen und die seinerzeit heftige, hämische Feuilletondebatte über ihre Erzählung "Was bleibt" als persönliche Diffamierung erlebte, ist nicht neu. Christa Wolf äusserte sich dazu in Essays, Reden und Interviews und hat das von ihr empfundene Trauma, als "Staatsdichterin" stellvertretend für die DDR-Literatur von der westdeutschen Kritik disqualifiziert zu werden, nicht nur im Verborgenen, sondern auch öffentlich sichtbar ausgetragen.
Spiegel- und Projektionsfiguren als Selbstbefragung
Als 1969 "Nachdenken über Christa T." erschien, wurde Christa Wolf nicht nur als die sensibelste Stimme der DDR-Literatur wahrgenommen, die ihren Stil einer subjektiven Authentizität zudem in der deutschen Literaturgeschichte etablierte. Der essayistischen Schreibweise ist Christa Wolf seither treu geblieben, auch den Spiegelmotiven wie Christa T., den antiken Romanfiguren Kassandra und Medea, Karoline von Günderrode, die der Selbstbefragung als Spiegel- und Projektionsfiguren dienten.
Auch in "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" gibt es diese weibliche Gegenfigur, eine Unbekannte, die im Text „L.“ heisst, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach Amerika emigrierte und nach 1945 Briefe an eine Frau mit dem Vornamen „Emma“ schrieb, die in der DDR lebte. Diese Emma, ebenfalls eine Freundin der Autorin, vererbte diese Briefe der Erzählerin, die sich nun in Kalifornien auf Recherche und detektivische Suche nach der unbekannten „L.“ begibt. Dass Christa Wolf die Geschichte der „L“ und der jüdischen Exilanten in Kalifornien, wie u.a.Thomas Mann, Brecht, Adorno, Feuchtwanger, und den Nachfolgern der deutschsprachigen Emigrantenkolonie um den Kern ihrer mitunter qualvollen Selbstbefragung knüpft, um zum blinden Fleck ihrer Selbstkenntnis, ihrer Identität vorzustossen, ist mehr als ein Kunstgriff. Und mehr als einmal wird sie über die Lage im wiedervereinigten Deutschland, über Anschläge in Asylantenheimen in Ostdeutschland, verhört, ob der „Virus der Menschenverachtung“ wiederum in Deutschland grassiert.
Kurz vor dem Aufbruch nach Kalifornien wurde Christa Wolf in der Gauck-Behörde in Berlin eine schmale Akte zugespielt, aus der hervorging, dass die jahrelang von der Stasi auffällig observierte Autorin selbst von der Stasi als „IM“ (Informelle Mitarbeiterin) von 1959 bis 1962 unter dem Decknamen "Margarete" geführt wurde. Neben den umfangreichen Bänden der Opfer-Akten existierte auch eine Täter-Akte der Schriftstellerin. Christa Wolf wusste, dass sie damit einen Sturm der Entrüstung auslösen würde und vermutete richtig, dass ihr niemand glauben würde, dass sie ihre IM-Tätigkeit vergessen hatte, wie sie es sich selbst gegenüber kaum verzeihen konnte, wovon ihre Aufzeichnungen Zeugnis ablegen.
Die „Larmoyanz sorgenvoller Innerlichkeit und der elegische Ton“, für den Christa Wolf unablässig genervt kritisiert wurde, u.a. bezeichnete Marcel Reich-Ranicki sie als humorloseste deutsche Schriftstellerin, ist einem lakonisch-ironischen Ton gewichen, eine Tonlage der Ratlosigkeit auch, über den Gang der Welt.
Was die 81jährige Christa Wolf mit ihrem Buch "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" vorlegt, ist eine autobiographische Prosa des romanhaften Journals oder journalhaften Schreibens, das die chaotisch-lineare Befindlichkeit des Denkens, Träumens, Vergessens und Erinnerns zu benennen versucht, die Bereitschaft sich selbst immer wieder in Frage zu stellen, erzählend von einem Leben in drei deutschen Staats- und Gesellschaftsformen. Kein Rezept ausser der Erkenntnis, dass immer alles im Fluss ist.
Christa Wolf: "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud". Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 416 Seiten, gebunden. CHF 42.50. |
| Ingrid Isermann, Montag, 19. Juli 2010 |
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| Sommerlektüre: „Aller Anfang“ von Meir Shalev - „Gleich, Schätzchen“ von Helen Simpson. |
Kulturtipps: die Sommerlektüre
Archaische Geschichten über die erste Liebe, das erste Lachen, den ersten Traum und andere erste Male, in der Bibel? Meir Shalev, geboren 1948 in Nahalal in Israel, spürt in klugen Sätzen mit Witz und Verve den „ersten Malen“ in der Bibel nach, mit überraschenden Interpretationen. Als zum ersten Mal das Wort „lieben“ in der Bibel vorkommt, geht es nicht um Adam und Eva – denn ist die Liebe überhaupt vonnöten, wenn es auf der Welt nur einen einzigen Mann und eine einzige Frau gibt?
Die Heldinnen von Helen Simpson, geboren 1959 in Bristol/GB, wollen den Zwängen und der Hektik ihres Alltags entkommen. Geschichten gnadenloser, aber auch humorvoller Einblicke in das tägliche Leben von Frauen im Schleudergang, kleine Preziosen verschiedener weiblicher Lebensentwürfe. Meir Shalev wurde 1948 in Nahalal geboren und lebt heute in Jerusalem. Er studierte Psychologie und arbeitete als Journalist und Fernsehmoderator. Neben zahlreichen Romanen ist im Diogenes Verlag bereits ein Buch über Meir Shalev über die Bibel erschienen: „Der Sündenfall – ein Glücksfall?“.
Im Anfang war das Wort.
Aber wer gab wem den ersten Kuss? Worüber wurde zum ersten Mal gelacht, zum ersten Mal geweint? Wer empfand den ersten Hass? Wovon handelte der erste Traum? Meir Shalev durchforstet die Bibel wie ein Privatdetektiv auf der Spur einer heissen Fährte. Mit Fabulierlust, amüsanten Querverbindungen und Zwischenbemerkungen klopft er die Sprüche ab und was dahinter steckt. Mit Witz, psychologischem Feingefühl und grossem Respekt vor dem Text porträtiert Shalev die Menschen, die das Glück oder das Pech hatten, das erste Mal zu erleben.
Als zum ersten Mal das Wort „lieben“ in der Bibel vorkommt, geht es nicht um Adam und Eva – denn ist die Liebe überhaupt vonnöten, wenn es auf der Welt nur einen einzigen Mann und eine einzige Frau gibt? Die biblischen Geschichten, die wir zu kennen meinen, erhalten eine neue Dynamik mit originellen Deutungen und Interpretationen.
Meir Shalev Aller Anfang. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Diogenes Zürich 2010. 380 Seiten, gebunden, CHF 40.90.
Frauen im alltäglichen Schleudergang
Helen Simpson, 1959 in Bristol geboren, wuchs in London auf und studierte Englische Literatur in Oxford. Sie arbeitete als Redakteurin für Vogue, bis sie sich dank dem Erfolg ihrer Bücher als freie Schriftstellerin selbständig machen konnte.
Bereits ihre erste Sammlung mit Erzählungen „Four Bare Legs in a Bed“ (1990) wurde mit dem „Somerset Maugham Award“ ausgezeichnet. Für den vorliegenden Band mit dem Originaltitel „Hey Yeah Right Get a Life“ erhielt sie den „Hawthorne Prize“ und den „E.M. Forster Award“. Helen Simpson lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in London.
Zwei Frauen, die sich kaum kennen, aber sympathisch finden, treffen sich auf einen Kaffee. Doch da ist der kleine Ben, der ein Gespräch unmöglich macht. Und so klafft das, was die beiden gern sagen würden, und das, was sie tatsächlich sagen können, immer weiter auseinander.
Eine 17-jährige, die eigentlich für ihr Abitur lernen müsste, spaziert an einem Frühlingstag durch einen Vorort und schwört sich, nie wie ihre Mutter zu werden. Diese wiederum, eine erfolgreiche Anwältin, macht sich bei der Abendveranstaltung einer Bank Gedanken darüber, welcher der anwesenden Herren einen Seitensprung wert sein könnte. Mit kritischem Blick und bissigem Humor bringt Helen Simpson in den Bestandsaufnahmen weiblicher Lebensentwürfe Unausgesprochenes ans Licht.
Helen Simpson. Gleich, Schätzchen. Erzählungen. Aus dem Englischen von Thomas Bodmer.Verlag Kein & Aber, Zürich 2010. 240 Seiten, gebunden, CHF 31.90. |
| Ingrid Isermann, Montag, 5. Juli 2010 |
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| Festspiele Zürcher Schiffbau: Sasha Waltz’ kongeniale Tanztruppe |
.jpg) Sasha Waltz & Guests in der Schiffbau-Halle
„Continu“: was die Berliner Choreographin Sasha Waltz & Guests in der Schiffbau-Halle zeigt, erregt Aufsehen, ihre 24 TänzerInnen sind Protagonisten dieser Zeit, der Unruhe, des Aufruhrs, der Stille auch… berückend, bedrückend, eine aktuelle West Side Story der Traumbilder und Alpträume, Körpersprache mit Bewegungsbildern, ein Ausdruckstanz, der wechselseitige Atmosphären der Nähe, Wärme, Einsamkeit und Isolation evoziert. Uraufführung im Zürcher Schiffbau
In „Continu“, das in Koproduktion mit dem Schauspielhaus Zürich entstand, vereint Sasha Waltz wesentliche Elemente ihrer Arbeit der vergangenen zehn Jahre. Sasha Waltz ist eine begnadete Choreographin, sie hat in Berlin und Paris grosse Opern inszeniert und Räume wie das Jüdische Museum in Berlin oder 2009 Zaha Hadids neues Museum des 21. Jahrhunderts in Rom, das MAXXI eingeweiht. Oder das von David Chipperfield restaurierte Neue Museum Berlin.
Im Rahmen der Zürcher Festspiele präsentiert Sasha Waltz ihre Uraufführung „Continu“, in der Schiffbau-Halle zur Musik von Edgar Varèse (1883-1965), der als Vorreiter der elektronischen Musik im klassischen Bereich gilt. Sie wirbeln herum, fliegende Menschen, doch so verletzlich …. Menschenknäuel wie Wollknäuel, die sich langsam entwirren… Menschenkörper als Vignetten und Marionetten… in figurativem Barfusstanz und skulpturalen Gruppentänzen. Die internationale Tanztruppe mit den fliessenden langen Kleidern in Schwarz und Beige der Frauen und den eng geschnittenen Hosen und Shirts der Männer (Kostüme Bernd Skodzig) zeigt eine Aufführung des zeitgenössisches Tanzes einer mitreissenden Gestik, raumgreifend, besitzergreifend, anrührend, berührend, ergreifend.
Sasha Waltz wurde in Karlsruhe geboren, studierte 1983-1987 Tanz und Choreographie in Amsterdam und New York. 2000-2005 Künstlerische Leitung der Schaubühne. Im Oktober 2010 wird die Oper „Passion“ von Pascal Dusapin erstmals in einer Choreographie am Théâtre des Champs-Élysées in Paris zu sehen sein. Im November wird „Continu“ in Berlin gezeigt und anschliessend wieder in Zürich. www.sashawaltz.de.
Die Aufführung ist noch heute Samstag, 26. Juni 2010 im Schiffbau zu sehen. |
| Ingrid Isermann, Samstag, 26. Juni 2010 |
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| Körper- und andere Widerstände - Matthew Barney im Schaulager Basel |
Matthew Barney im Schaulager Basel: "Drawing Restraint 17". Bild zvg
Die Ausstellung gilt als das Kunst-Highlight des Jahres 2010: „Prayer Sheet with the Wound and the Nail“. Matthew Barney, geboren 1967, ist einer der vielseitigsten US-Künstler, bekannt wurde er durch seine Film- und Performance-Zyklen „Cremaster“. Jetzt präsentiert das Schaulager Basel die „Drawing Restraint“-Performances, Skulpturen, Schauvitrinen, Zeichnungen und Videos, die im Dialog Kunstwerken der Renaissance gegenübergestellt werden. „Die Form kann nur dann Gestalt annehmen, wenn sie gegen einen Widerstand kämpft“, lautet die Grundposition Barneys zu den „Drawing Restraints“. In der Ausstellung, die nur im Schaulager zu sehen ist, werden aus diesem Zyklus zwei neue Arbeiten vorgestellt, die im Mai 2010 im Schaulager geschaffen wurden.
Die Trägerstiftung des Schaulagers, die Laurenz-Stiftung, erwirbt gemeinsam mit dem
Museum of Modern Art, New York , Matthew Barneys Archiv der Performance-Reihe. Seine Werke werden seit 1996 von der Emanuel Hoffmann-Stiftung angekauft, in deren Sammlung er heute mit einer grösseren Werkgruppe vertreten ist.
Sein künstlerisches Credo ist, inneren Zuständen eine verbindliche Gestalt zu geben. Die mehrteiligen Werkserien bezeichnet Barney als „Meditationen über den schöpferischen Prozess“.
„Drawing Restraint“ bedeutet sinngemäss ‚verhindertes Zeichnen’ oder ‚Zeichnen unter erschwerten Bedingungen’. Die Performances kreisen um Aspekte wie Kraftanstrengung, Überwindung von Widerständen, Aufstieg und Fall, und experimentieren mit dem Körper und seinen Grenzen.
„Drawing Restraint 17“ ist ein komplexes allegorisches Narrativ. Ausgehend vom Gemälde von Hans Baldung, gen. Grien „Der Tod und die Frau“, 16. Jh. aus dem Kunstmueseum Basel, das in der Ausstellung zu sehen ist, entwickelte Barney die Idee zu einem Film, der die Grundelemente in der lokalen Basler Umgebung verankert. Erstmals übernimmt nicht Barney selbst, sondern eine junge Frau die Rolle der sich gegen bewusst auferlegte Widerstände abmühenden Hauptfigur. Die Performance ist auf den LED-Wänden des Schaulagers zu sehen.
„Drawing Restraint 18“ wurde im Mai 2010 von Matthew Barney als ein Altarbild im von basilikaler Architektur inspirierter Grundriss der „Prayer Sheet with the Wound and the Nail“-Ausstellung im Schaulager Basel durchgeführt. Das Trampolin von „Drawing Restraint 6“ wurde nochmals verwendet.
Das nicht leicht zugängliche Werk wirft existentielle Fragen des Menschseins auf. Die Transformation in Substanz, ist eines der Anliegen des Künstlers.
Zur Ausstellung ist ein umfangreicher Katalog erhältlich, mit einem Essay des Kurators Neville Wakefield, des Kurators des Kunstmuseums Basel, Bodo Brinkmann und eines Gesprächs des englischen Psychoanalytikers und Autors Adam Phillips mit Matthew Barney, Die Publikation erscheint auf Deutsch und Englisch, herausgegeben vom Schaulager Basel.172 Seiten, 200 Abb., davon 160 in Farbe, Format 21 cm x 29.7 cm, Broschur mit Schutzumschlag. CHF 35.
Das detaillierte Veranstaltungs-Programm wird auf www.schaulager.org publiziert. (12. Juni bis 3. Oktober 2010). |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 10. Juni 2010 |
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| Die mediale Vermessung der Schweiz |
Obwohl es kaum noch Tabuthemen in der Schweizer Medienlandschaft gibt. Dies ist eins: die seltsame Wiederkehr des Christoph Blocher in einer paralysierten Schweiz. Stichworte Abzocker-Initiative, UBS-Staatsvertrag, Bonisteuern. Es geht nicht nur um Selbst- und Fremdbilder, zunehmend auch um Fremd- und Eigenkapital.
In der UBS-Krise musste der von der SVP so vielgeschmähte Staat die UBS retten, zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Regierung gemäss GPK-Bericht: Versagen und Verzagen? Eben hat der Nationalrat mit SVP- und SP-Stimmen den UBS-Vertrag abgelehnt.
Auf Christoph Blocher traf ich zum ersten Mal 1975, er war 35 Jahre, die SVP-Partei noch jung, ohne grossen Wähleranteil, Blocher war ganz am Anfang, weit entfernt von Nationalrat, der er jetzt wieder werden will wie Insider behaupten, und von Bundesrat, den er unfreiwillig aufgeben musste. Es war im Saal des Restaurants Sternen in Oetwil am See, stumpenrauchende Männer in der Überzahl, dazu als Dikussionsteilnehmerin die Kantonsrätin Gertrud Ehrismann, FDP. Blocher führte das grosse Wort, ein Aufrührer im kleinen, die nickenden Männer hinter sich, Ehrismann, spätere Pressesprecherin der Crédit Suisse, kam kaum zu Wort. Ich hielt das Blochersche Donnergrollen nicht lang aus, warf den Stuhl mit Getöse um, auf dem ich sass. und stürzte aus dem Säli, für einen unvorhergesehenen Moment herrschte in der totalen Einigkeit Verblüffung, die sich in Sekundenbruchteilen wieder legte: die Frau war hochschwanger und vertrug wahrscheinlich den Rauch nicht. Das eine wäre heute nicht mehr möglich, das andere schon: Ich vertrug den Rauch der Worte nicht.
Es ist 35 Jahre her, Christoph Blocher wird 70 Jahre alt und hat einiges erreicht. Als grössten Triumph bezeichnet er die 1992 gewonnene EWR-Abstimmung, 17 Jahre nach seinem Auftritt im Landgasthof. Dabei stand es 1992 auf Messers Schneide, 51 Prozent gegen den EWR, 49 Prozent dafür. Knapper konnte eine Wahlentscheidung nicht ausgehen. Noch kurz zuvor hatte es danach ausgesehen, dass die Schweiz dem EWR beitritt. Da zahlte Blocher aus eigener Tasche teure Kampagnen, die den Teufel an die Wand malten, wenn die Schweiz dem EWR beitreten würde. Der Bundesrat versäumte damals wie heute, das Volk umfassend aufzuklären, was die Vor- und Nachteile bringen würden. Blocher argumentierte, dass der Bundesrat sich aus politischen Abstimmungen herauszuhalten und dazu gar nichts zu sagen hätte. Eine Absurdität! Wer sonst als die Regierung hatte die Übersicht und die Dossiers, hier vollumfänglich zu informieren. Alles andere ist Augenwischerei! So wie heute, ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode.
Das Thema ist komplex, komplexhaft miteinander verflochten, dass es nicht nur einen Schuldigen gibt. Es ist die Mentalität, sich wie im Fussball auf die Defensive zu konzentrieren. Der GPK-Bericht des Parlamentes über den Bundesrat in der UBS-Krise spricht eine deutliche Sprache. Was die Schweiz das Abseitsstehen gekostet hat, ist bekannt. Sie verlor zuerst die Swissair, Milliardenverluste. Während Ebner und Blocher langsam zu Milliardären mutierten. Finanzjongleure grossen Stils! Und mit best friends, Ospel und Wuffli & Co. kam auch Schwung in die Überseegeschäfte. Man hatte Hypotheken zum Schleuderpreis verkauft, bis alles zusammenkrachte. Das hatte auch die Finma nicht vorhersehen können, sagt sie.
Wer rettete die Schweiz AG? Der Staat, 6 Milliarden reichte er der in Untiefen geratenen UBS, der früheren SBG, 60 Milliarden die Nationalbank. Einmalig in der Geschichte der Schweiz.
Man gewöhnt sich an alles. Aber nicht jeder und jede. Thomas Minder lancierte die Abzocker-Initiative. Und Alt-Bundesrat Blocher sprang auf den Zug auf. Sogar manche SVP-Mitglieder rieben sich die Augen. So schnell kehrtum! Eine Realsatire… non, nur Rezept Blocher! Wie es ihm gefällt! Wie er beispielsweise zu der Ems-Chemie kam, eine wahre Blocher-Story, hier hielten sich die sonst wachsamen Wirtschaftsredaktoren zurück; andere Medienerzeugnisse bewundern den lautstarken Macher und Milliardär vorbehaltlos, und ducken sich vor der polternden Sprachgewalt. So kürzlich ein irritierter DRS 1- Radioredaktor im „Tagesgespräch“: „Herr Blocher, wollen Sie sagen, dass Sie die Abzocker-Initiative eigentlich gar nicht wollen?“ Nach dem verwirrlichen Interview bestätigte der Zampano die Vermutung mit „ja“.
1995 erzielte die SVP einen Wähleranteil von 15 Prozent, 2009 sind es 30 Prozent. Nach wie vor ist die EU für die SVP ein rotes Tuch. Und seitdem der Euro in Turbulenzen geraten ist, triumphiert die Blocher-Partei. Als ob nicht die Schweiz nach wie vor mit Europa, nicht zuletzt durch die bilateralen Verträge, engstens verbunden ist. Auch gegen diese Verträge giesst die SVP ständig Öl ins Feuer, als ob sie eine andere und bessere Lösung hätte. Sind Bankräuber und Staatsfeinde nur die Kehrseite der Medaille?
Was muss eigentlich noch passieren, dass die Medien nicht nur alles nachplappern? Und sparen auf Teufel komm raus, sondern ihre mitarbeitenden JournalistInnen wie Spürnasen recherchieren lassen für die wahren Themen, die die Schweiz bewegen – sollten? Aber mit diskreditierenden und fortwährenden Sparrunden verunsichert und verkleinert man nicht nur die Equipe der schreibenden Zunft, sondern vor allem auch ihren Geist. Erneut steht dem Tages-Anzeiger eine neue Sparrunde bevor, die Regionalsplits sind seit dem Kauf der Zürcher Landzeitungen ZSZ, ZOL, ZUL in Gefahr, es werden Köpfe rollen, so berichtet persoenlich.com. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 8. Juni 2010 |
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| Buchtipp: „Andere Räume, andere Träume“ – Literarisches Debüt des Pakistaners Daniyal Mueenuddin |
Der pakistanische Schriftsteller Daniyal Mueenuddin ist für sein fulminantes literarisches Debüt, die Erzählsammlung In "Other Rooms, Other Wonders", mit dem amerikanischen »Story Prize« (dotiert mit 20.000 Dollar) ausgezeichnet worden, das bereits vor seinem Erscheinen Furore mit Vorabdrucken im New Yorker und in Salman Rushdies Best American Short Stories Furore machte.
In seinen Geschichten entwirft er ein differenziertes Bild von Pakistans feudalen Großgrundbesitzern, von Besitzenden und Besitzlosen und Abhängigkeiten zwischen den Antipoden und den Träumen auf beiden Seiten. Hinreissend, tragikomisch, so poetisch wie elegisch öffnet es den Blick auf eine fremde Welt.
Daniyal Mueenuddin, geboren 1963, wuchs in Lahore, Pakistan, und Elroy, Wisconsin, auf und studierte am Dartmouth College und an der Yale Law School. Nach mehreren Jahren als Jurist und Anwalt in New York lebt und arbeitet er heute als Autor und als Bauer, auf einer Farm in Khanpur, Pakistan.
Geschichten aus dem pakistanischen Alltag
Eine Villa in der Hauptstadt, eine Farm auf dem Land - der betagte K. K. Harouni ist ein vermögendes und einflußreiches Mitglied der pakistanischen Landbesitzerklasse. Verständlich, dass seine Beziehung zu einer Frau, die gesellschaftlich weit unter ihm steht, bei seiner Familie auf wenig Begeisterung stösst. Nach Harounis Tod wird sie dorthin verstoßen, woher sie kam: auf die Straße.
Um den Clan dieses Patriarchen und seine Angestellten kreisen acht faszinierende Erzählungen: über Harounis Neffen, der sich in eine Amerikanerin verliebt; über Nawab, den Elektriker, unentbehrliche Arbeitskraft auf Harounis Besitztümern und immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen; über Saleema, die sich als Küchenhilfe durchschlägt, bis sie Harounis Diener Rafik begegnet und ihr Leben plötzlich ganz anders zu werden verspricht. Doch das Glück ist meist von kurzer Dauer in Mueenuddins Pakistan.
Noch immer gravierend ist die Benachteiligung von Frauen. Sowohl das öffentliche Leben als auch Familien-angelegenheiten werden weitestgehend von Männern bestimmt. Zwangsehen sind in Pakistan übliche Praxis. Ein muslimischer Mann darf zwar bis zu vier Ehefrauen haben, aber polygame Verbindungen stellen dennoch eine Ausnahme dar. Der Ehepartner wird vor allem nach sozialen Gesichtspunkten ausgewählt. Mit der Heirat verpflichtet sich die Familie der Braut zur Zahlung einer Mitgift, die nicht selten die finanziellen Möglichkeiten der Familie übersteigt. Verdächtigungen auf Untreue in der Ehe sind der Grund für Gewalttaten gegen Frauen bis hin zu gelegentlich vorkommenden Ehrenmorden. Unterernährung, Sterblichkeit und Analphabetismus sind daher bei Mädchen höher als bei Jungen.
Eine neue literarische Stimme, die unaufgeregt illusionslos von Machtverhältnissen patriarchaler Grossgrundbesitzer in Pakistan berichtet, man fühlt sich in eine fremde Welt versetzt und erkennt doch Muster existentieller menschlicher Erfahrungen und Abhängigkeiten, die auch hier nicht fremd anmuten.
Mueenuddin erzählt von Sehnsucht und Verlust, von grenzenloser Liebe in flirrenden, lyrischen Momenten, behutsam und voller Zärtlichkeit für die Protagonisten. „Drei Dinge, für die wir töten – Land, Frauen und Gold“, heisst ein Sprichwort aus dem Punjab, das der Autor dem Buch, das er seiner Mutter gewidmet hat, voranstellt. Ein beachtliches, lesenswertes Debüt!
Daniyal Mueenuddin
Andere Räume, andere Träume
Aus dem Amerikanischen von Brigitte Heinrich
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 289 Seiten, gebunden, CHF 34.50 |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 3. Juni 2010 |
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| Roger de Weck wird neuer Generaldirektor der SRG |
Eine Wahl, die positiv überrascht, polarisiert und kaum jemanden kalt lässt: der Publizist Roger de Weck wird Generaldirektor der SRG. Das hätte fürwahr niemand erwartet. Der vielseitige und zweisprachige Publizist, ehemaliger Chefredaktor des "Tages-Anzeigers" und kosmopolitischer Europäer de Weck ist mit seinen langjährigen Auslandserfahrungen in Hamburg (u.a. als Chefredaktor von "Die Zeit") und in Paris (Auslandskorrespondent) eine der Persönlichkeiten, die sich mit den festgefahrenen Blockierungen der Schweiz auskennt.
Wie eng politische Kaskadeure de Weck schon im Vorfeld beurteilen, die die recht eigentlich in Verruf gekommenen sogenannten Managerqualitäten als Haupt-Voraussetzung für diese auch staatspolitisch anspruchsvolle Position geltend machten, zeugt von Phantasielosigkeit und mangelndem Bewusstsein des Kulturauftrages im öffentlich-rechtlichen Fernsehen einer multimedialen Schweizer Fernsehlandschaft.
Dass auch wieder Schwung in die EU-Frage kommt, die nicht auszuklammern ist in einem Land, das mitten im Herzen Europas liegt und mit den Nachbarländern kulturell und historisch eng verbunden ist, ist als Diskussionsgrundlage zu begrüssen. Statt dieses wichtige Thema auch in den Medien ständig wie eine heisse Kartoffel unter den Tisch fallen zu lassen. Roger de Weck wird sicher noch manche überraschen und erstaunen, die mit einem anderen Zugang vielleicht auch über sich selbst lernen, zu staunen. Wie sagte Picabia, "der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann... ".
Ingrid Isermann, 19. Mai 2010
Artikel und Meinungen zur Wahl Roger de Wecks zum SRG-Generaldirektoren: NZZ, "Publizist wird Manager", "Eine SRG-Wahl mit Kanten", 19.5.10 www.nzz.ch; "Beschwerlicher Weg aus dem Nebel", WoZ, 20.5.10, www.woz.ch; "Politisch motivierter Überzeugungstäter", 20.5.10, Die Weltwoche, www.weltwoche.ch; "Kommt ein rechter SRG-Superdirektor?", 20.5.10, Tages-Anzeiger www.tagesanzeiger.ch. |
| Ingrid Isermann, Samstag, 22. Mai 2010 |
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| Buchtipp: „Geistersehen“ – Neue Gedichte von Marion Poschmann |
| Eine Lyrikerin nähert sich über das Sichtbare dem Unsichtbaren an, der Leere, der Zeit, den Gründen und Abgründen des Ichs. Sie untersucht die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung und experimentiert dabei mit der Macht der Einbildungskraft. Marion Poschmann, 1969 in Essen geboren, lebt heute in Berlin.
Sprachbilder jenseits der Sprachklischees
Es sind die „Minusmengen“, die sie interessieren, die sie in einem Gedicht beschreibt, „wir wanderten auf absinkenden Jahresscheiben, heute noch überlebensgross die Schatten, die uns folgen heute noch“, heisst es an einer Stelle, „das Nivea-Gefühl“ beschreibt „der milchige Eindruck des Brustbilds verstärkte sich, unscharfe Ränder des Lächelns wie Spähtrupps des Unterbewusstseins“.
„Vage Einsichten“: „sofern es mich hier gab, in diesem Raum voll Schäumen war ich ein Badewahn vor weisser Kachelwand und meinem Spiegelbild, es schien mir unbekannt, ein heller Widerstand in unsichtbaren Träumen“.
„Vage Aussichten“: „du hast mir Quallen, hast mir Bullaugen gegeben“ oder in „Raumkrankheit“: „Es war das Naheliegende, an das sich niemand erinnern konnte…“.
Es sind Sprachbilder jenseits der Sprachklischees, die uns alltäglich umgeben und daher wie Warnschilder anmuten, dass die Sprache nicht verkommt, sondern ankommt, dort wo das Bewusstsein wohnt. Und nebenan die Träume. Das, was Sprache – auch – vermag.
Marion Poschmann studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik, sie wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet.
Marion Poschmann
Geistersehen
Suhrkamp, Berlin 2010 126 Seiten, gebunden CHF 31 |
| Ingrid Isermann, Samstag, 22. Mai 2010 |
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| Buchtipp: „Tour de Suisse“ – Sehnsuchtsreisen in die Schweiz |
Die Höhepunkte aus vier Jahrzehnten Schweizer Plakatkunst (1920 - 1960)
Was für ein Buch? Plakatbuch, Reiseführer, Bilder- oder Geschichtsbuch? Von allem etwas und von allem etwas mehr. „Tour de Suisse“ ist eine farbenfrohe, grossformatige, romantisch nostalgische Reise in vier Jahrzehnte Schweizer Plakatkunst 1920 bis 1960 mit historischen Reisetexten von Eugen Fodor zu den schönsten Plätzen der Schweiz: St. Moritz, Davos, Arosa, das Berner Oberland, Genf und Lausanne, das Tessin und die Metropole Zürich. Ein bezaubernder Bildband - gerade das Richtige in diesen Tagen.
Die Plakate stammen aus der Sammlung des Museums für Gestaltung Zürich sowie der Basler Plakatsammlung. Der junge Verlag Walde + Graf, Zürich hat ein Bijoux geschaffen, den Blick auf die Schönheiten der Schweiz zu schärfen, und die wunderbaren Plakate von den Grossen der schweizerischen Plakatkunst wie Otto Baumberger, Emil Cardinaux, Hans Erni und Karl Bickel einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
Der Reisereporter Eugen Fodor berichtet im Vorwort:
„Die Schweiz ist das ideale Ferienland und stellt – in mehr als einer Hinsicht – eine Synthese des Besten dar, was Europa zu geben hat. Das Land bietet ein Höchstmass an landschaftlicher Schönheit und Erholungsorten, an Gelegenheit zu sportlicher Betätigung und an vielen anderen Reizen. Vor allem ist es ein Musterstaat. Der Besucher ist angenehm berührt von der Gastfreundlichkeit der Schweizer, die seine Bedürfnisse und Wünsche zu erraten scheinen“.
Von Lausanne, Rochers-de-Naye, Neuchâtel, Zermatt, Lugano, Monte Bré, Klosters, Davos, lässt man die Blicke schweifen und versetzt sich selbst in eine Zeit der Musse.
Zum Autoren:
Eugen Fodor wurde 1905 in Ungarn geboren und starb 1991 in Torrington/USA. Er studierte Volkswirtschaft in Prag, Grenoble und Hamburg, arbeitete danach als Übersetzer für eine französische Reederei und schrieb in seiner Freizeit Reiseartikel für verschiedene Tageszeitungen. 1936 erschien sein erstes Buch: „On the Continent – The Entertaining Travel Annual“. Der unkonventionelle Reiseführer wurde in Europa und den USA ein Bestseller. 1942 zog Fodor in die USA, nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, kehrte aber 1949 nach Europa zurück und gründete in Paris den Verlag „Fodor’s Modern Guides“, heute ein Imprint der Verlagsgruppe Random House.
Tour de Suisse
Eine nostalgische Reise zu den schönsten Plätzen der Schweiz. Texte von Eugen Fodor u.a.
Walde + Graf Zürich 2010. 24 x 33 cm, gebunden. 144 Seiten, ca. 80 Farbabbildungen, CHF 68. Die englischsprachige Ausgabe erscheint im Herbst 2010. |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 6. Mai 2010 |
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| Kommentar: Lauter unschöne Beschönigungen der Managerklasse |
| Von Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799), dem deutschen Schriftsteller, Mathematiker und Physiker, stammt der Aphorismus: “Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht“. Abgewandelt könnte man sagen: „Wer nur etwas von Banken versteht, versteht auch davon nichts“. Der Bundesrat hat nun Massnahmen zur Reduktion der Systemrisiken von Schweizer Grossbanken sowie gegen Lohnexzesse beschlossen. Die Crux ist: die Denkart der Boniträger färbt ab auf andere Unternehmen und nicht zuletzt auch auf die hochbezahlten Manager der Medien. Maximierung des Gewinns für wenige, Personalabbau für viele. Zeitungen – ein Produkt wie alle anderen?
Kommt die Boni-Steuer? Manche werten das als einen Eingriff in die (Markt)Freiheit. Die Crux ist: die Denkart der Boniträger färbt ab auf andere Unternehmen und nicht zuletzt auch auf die hochbezahlten Manager der Medien.
Im Juni soll das Parlament über einen Planungsbeschluss zur Lösung der „Too big to fail“-Problematik entscheiden, schreibt die NZZ am 29. April 2010: „Die Regierung will bei vom Staat unterstützten Unternehmen das Salärsystem mitbestimmen, die Besteuerung von Aktien und Optionen, welche Manager als Lohnbestandteil erhalten, verschärfen und Boni ab einer gewissen Höhe der Unternehmensgewinnsteuer unterwerfen“.
Den einen geht das zu wenig weit, die anderen kritisieren inhaltliche Mängel. Kommt die Boni-Sondersteuer? Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Doch die Spirale dreht sich weiter und die feudalistische Hierarchie fordert ihren Preis. Die Zeche zahlen die entlassenen Mitarbeitenden, auch in den Medienhäusern. Und die Grossbanken zahlen zudem keine Steuern.
Die Aktionäre der UBS haben zwar an der Generalversammlung in Basel im April 2010 dem Jahresbericht 2007 kein Décharge erteilt, doch passieren wird nichts. Kaspar Villiger beruhigte und erklärte, dass die Grossbanken sozusagen gezwungen seien, die hohen Boni auszuzahlen, weil Investment-Banker sonst ihren Arbeitsplatz wechseln würden. Sollen sie! Doch solange in der Gesellschaft nicht als Schmach gilt, was abzocken bedeutet und die neuen Bankräuber mit weisser Weste davonkommen, ist alles geschehen und nichts passiert. |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 29. April 2010 |
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| Buchtipp: „Limassol“ von Yishai Sarid – ein israelischer Geheimdienstler zwischen den Fronten |
Selten wird das Thema Terrorismus in Israel so differenziert dargestellt wie im neu erschienenen spannenden Politthriller „Limassol“ des Israeli Yishai Sarid, 1965 in Tel Aviv geboren, der als Nachrichtenoffizier in der israelischen Armee diente, Jus in Harvard studierte und als Staatsanwalt tätig war. Heute lebt er als Rechtsanwalt und Schriftsteller in Tel Aviv.
Sarid kennt die Mechanismen und die Abläufe aus eigener Erfahrung und Anschauung, die in diesen spannenden Krimi eingeflossen sind, der beide Seiten zeigt in einem Konflikt, wo es keine Sieger gibt. Ein israelischer Ermittler begibt sich in das gefährliche Milieu der Selbstmordattentäter und gerät bei seinem Auftrag zwischen alle Fronten.
Er soll über die palästinensische Schriftstellerin Daphna Kontakt zu einem todkranken arabischen Dichter im Gazastreifen herstellen, dessen Sohn ein Terrorist sein soll, der von Damaskus aus Attentate gegen Israel plant. Der Ermittler soll den Terroristen nach Limassol in eine Falle locken.
„Ich blieb noch einen Moment im Auto sitzen, um einen Blick auf das alte Foto von ihr zu werfen und mir Here Comes the Sun zu Ende anzuhören. Harrison wird selten im Radio gespielt, und gute Morgenlieder wie dieses gibt es nur wenige. Vor der ersten Begegnung mit einem Menschen studiere ich seine Gesichtszüge stets genau, das beugt Überraschungen vor. Auf dem Bild sah sie sehr schön aus, nach hinten gestrafftes, hochgebundenes Haar, eine kluge Stirn. Sie war auf irgendeinem Intellektuellentreff und lächelte einem Araber zu“.
Je mehr der Geheimdienstler in die Ereignisse hineingezogen wird und die Menschen auf der anderen Seite kennen lernt, desto mehr gerät sein Weltbild ins Wanken. Umsomehr als er sich langsam seiner eigenen Frau und Familie entfremdet und beginnt, sich in die schöne, unabhängige Daphna zu verlieben.
Der Autor versteht es, die Problematik des israelisch-palästinensischen Konfliktes vielschichtig darzustellen und den Realismus der zerrissenen israelischen Gesellschaft zu schildern, die Verhärtung und Projektion auf beiden Seiten. Es ist nicht nur der filmisch angelegte drehbuchartige Stil, der einem das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt, das hochaktuelle Thema könnte nicht packender dargestellt sein. Auch die pro-arabischen Kenntnisse und Beobachtungen sind aus israelischer Sicht selten, wie auch umgekehrt. Ein Buch, das einer Verständigung dienen könnte, wenn es denn von beiden Seiten gelesen würde oder sonst zumindest verfilmt werden sollte.
Yishai Sarid
Limassol
Ein israelischer Ermittler zwischen allen Fronten. Aus dem Hebräischen von Helene Seidler.
Kein & Aber Zürich 2010. 208 Seiten, CHF 27.90. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 27. April 2010 |
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| Buchtipps: Erhellende Tagebuch-Fragmente aus dem Nachlass - Max Frisch (1980-83) Susan Sontag (1947-1963) |
| Um das Tagebuch 3 von Max Frisch entstand ein Wirbel, der den Autoren vielleicht gefreut hätte, darüber zu streiten, ob die Nachlass-Schrift zur Veröffentlichung taugt oder nicht… Dabei enthält sie wunderbar zarte, unprätentiöse, auch wehmütige oder altersmilde, umwerfend ehrliche, sich selbst befragende Passagen, in die man immer wieder eintauchen kann, Seiten aufschlagen, die Erkenntnisse vermitteln, die nichts an Aktualität verloren haben. Ein kostbares Fragment.Man kommt nicht umhin zu sagen, dass die Texte und Fragmente in den „Entwürfen zu einem dritten Tagebuch“, wie der Titel programmatisch lautet, anrühren, berührend sind.
„Hänge ich am Leben? Ich hänge an einer Frau. Ist das genug?"
Mit dem Zweifel als stetem Begleiter kokettierend und mit leiser Melancholie durch die Hintertür der ambivalenten Eleganz zu entwischen, war Max Frisch nicht fremd. Man schaut einem Menschen zu, der versucht, mit sich und der Welt klar zu kommen, dem plötzlich Alltäglichkeiten besonders erscheinen, der das Staunen nicht verliert, sich der Flüchtigkeit des Lebens mehr und mehr bewusst, der sich über Ungerechtigkeiten aufregt und sich emotional nicht abkühlen will, auch nicht in der Beziehung zu der 32 Jahre jüngeren Alice, mit der der 71jährige Frisch in New York von Mai 1980 bis Frühjahr 1983 in einem Loft zusammenlebt.
Alice Locke-Carey ist auch das Modell für die Protagonistin „Lynn“ in der autobiografisch geprägten Erzählung „Montauk“. Die Textcollage wird in lakonisch poetischen Notaten als Grundlage für die Erzählung transparent, manchmal zergehen die Sätze wie Mürbeteig auf der Zunge. Das Tagebuch beginnt in dieser Lebensphase und endet 1983, als die Beziehung, auf Zeit angelegt, ausklingt: „ Ich schüttle Sätze, wie man eine kaputte Uhr schüttelt, und nehme sie auseinander; darüber vergeht die Zeit, die sie nicht anzeigt“.
Die eigene Biografie hat Max Frisch in verschiedenen Perspektiven seiner Texte beschäftigt, ob man sich wirklich ändern kann, neu anfangen, jemand anderer wird. Dass man sich selbst überall hin mitnimmt, ob von Berzona im Tessin nach New York oder Zürich, und man sich nicht irgendwo selbst deponieren kann, um ein neues Leben zu beginnen, darüber reflektiert er in selbstkritischen Hinterfragungen.
Das Momento mori erscheint in den Notizen seines Freundes Peter Noll, den atomaren Bedrohungen der Reagan-Zeit, der Angst vor einem neuen Krieg; lesenswert sind nicht zuletzt die kritischen Analysen des US-amerikanischen Kapitalismus, die heute wieder Hochkonjunktur haben: „Amerika (USA) ist im Grunde nicht kriegerisch, sondern lediglich kommerziell; Krieg als die Fortsetzung des Geschäftes mit anderen Mitteln“. Ob allerdings seine Beobachtung: „Es gibt in Amerika alles – nur eins nicht: ein Verhältnis zum Tragischen“ nach Nine Eleven heute noch zutrifft, sei dahingestellt.
Max Frisch, geboren 1911, verstarb 1991 in Zürich.
Max Frisch Entwürfe zu einem dritten Tagebuch herausgegeben und mit einem Nachwort von Peter von Matt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 213 Seiten. CHF 31.
Susan Sontag – Intellektuelles und erotisches Begehren
Susan Sontags frühe Aufzeichnungen wurden von ihrem Sohn, dem Literaturkritiker David Rieff vier Jahre nach ihrem Tod 2004 herausgegeben. Mit frappanter schonungsloser Offenheit berichtet die berühmte amerikanische Essayistin und leidenschaftliche intellektuelle Schriftstellerin über Lebensentwürfe, Liebschaften, Ehekrise, Bi- und Homosexualität, ihren Begegnungen mit Thomas Mann und Simone de Beauvoir, von ihrem faszinierenden Werdegang in New York, London und Paris. Ein Akt der Freiheit. Hinreissend.
Hätte Susan Sontag gewollt, dass ihre frühen Tagebücher veröffentlicht werden? Auch ihr Sohn David Rieff konnte die Frage nicht schlüssig beantworten und hat sie dennoch veröffentlicht, in der Erinnerung an ihren doppelbödigen Ausspruch vor ihrem Tod: „Du weisst, wo die Tagebücher sind“.
Mit 14 Jahren beginnt Susan Sontag, geboren 1933 in New York, die von sich selbst sagte, ihre Kindheit sei ein Warten auf das Erwachsenwerden gewesen, mit ihren Notizen. Eintrag am 23.11.47:
„Ich glaube:
Dass es keinen persönlichen Gott und kein Leben nach dem Tod gibt
Dass es im Leben nichts Erstrebenswerteres gibt als die Freiheit, sich selbst treu zu sein, d.h. Ehrlichkeit
Dass Menschen sich allein durch ihre Intelligenz unterscheiden
Dass eine Handlung nur danach beurteilt werden sollte, ob sie die betreffende Person letztlich
glücklich oder unglücklich macht
Dass es falsch ist, einem Menschen das Leben vorzuenthalten.
Des Weiteren glaube ich, dass der ideale Staat ein starker zentralistischer Staat wäre, d.h. staatliche Kontrolle über Versorgungsbetriebe, Banken (sic!), Minen + öffentliche Verkehrsmittel sowie Subventionierung der Künste, ein ausreichender Mindestlohn, Unterstützung von Behinderten und Alten. Staatliche Gesundheitsfürsorge für schwangere Frauen, ohne dass etwa nach ehelichen + unehelichen Kindern unterschieden wird“.
Ihr intellektueller Hunger, ihre Neugier sind grenzenlos. Sie legt Bücherlisten an, vertieft sich mit 15 in Rilke und Gide, notiert in ihrem Tagebuch vier Monate vor ihrem 17. Geburtstag in einem Rückblick: „Ein guter Anfang. Könnte besser sein: Mehr Gelehrsamkeit, keine Frage, aber es wäre unsinnig mehr emotionale Reife zu erwarten, als ich sie im Moment besitze“.
Mit 17 heiratet sie ihren Soziologie-Professoren Philip Rieff (3.1.51: „Ich heirate Philip im vollen + beklemmenden Bewusstsein meines Drangs zur Selbstzerstörung“) und bekommt mit 19 ein Kind, ihren Sohn David, mit 20 ist sie eine scharfe Analytikerin, auch des eigenen Zustands. Ihre Ehe wird erst in ihren Notizen erwähnt, als sie schon zerrüttet ist:„Wer immer die Ehe erfunden hat, war ein genialer Folterer. Die Ehe ist eine Institution, deren Ziel und Zweck die Abstumpfung der Gefühle ist. Es geht ihr nur um Wiederholung. Bestenfalls schafft sie starke wechselseitige Abhängigkeiten“.
1957 geht Sontag (24) nach dem Harvard-Studium mit einem Stipendium für ein Jahr nach Europa. In Paris lebt sie mit Harriet Schmers Zwerling zusammen und unternimmt mit ihr Reisen nach Deutschland, Spanien, Italien und Griechenland. Mehr Raum in ihren Notizen widmet sie ihren inneren Qualen, Befindlichkeiten, aber auch Glücksmomenten („Wiedergeboren“), die aus ihrer Beziehung entstehen, bestimmt von der Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität, der Erfahrung der Bi- oder Homosexualität und deren gesellschaftlicher Rezeption.
Ihre freimütigen, intimen Aufzeichnungen über sexuelle Konnotationen „Neulich hat I gesagt: Für mich ist Sex immer eine Religion gewesen“. Für Höflichkeit ist beim Sex kein Platz. Höflichkeit (nicht jedoch Zartgefühl) ist eingeschlechtig“ sind kompromisslose Enthüllungen, die in ihren früheren Essays und Büchern kein Thema waren. Auch ihre spätere Beziehung zu der Dramatikerin Maria Irene Fornes ist konfliktreich, ihre Aufgabe als Mutter entspricht nicht ihrem Lebensentwurf, obwohl sie den Sohn nach der Scheidung mit Gerichtsentscheid zu sich holt, und stets mit Schuldgefühlen kämpft.
1962 wird sie Redaktorin der Zeitschrift Commenary in New York und schreibt ihren ersten Roman, an der Schwelle zum Ruhm. Hier endet der erste Band (drei Bände sind geplant) mit Einblicken in die fragile, starke und widersprüchliche Persönlichkeit Susan Sontags, in der Eros und Denken sich so einzigartig vermischen. Ihre brillanten Aphorismen, Berichte über Film und Theater, die Kunst, sind das Zeugnis eines ausserordentlichen intellektuellen Werdegangs. Ein atemberaubendes Epos.
Susan Sontag. Wiedergeboren. Tagebücher 1947-1963, aus dem Englischen von Kathrin Razum. Carl Hanser Verlag München 2010, 384 Seiten CHF 42.90. |
| Ingrid Isermann, Freitag, 23. April 2010 |
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| Kommentar: Die Schweiz am Durchreagieren |
| Was ist bloss mit der Schweiz los? Die alten Gewissheiten sind passé, neue nicht in Sicht. Konstruktives bitte! Konstruktive Kritik, ist sie erwünscht? Nicht alles erledigt sich wie von selbst, wie in den vergangenen Jahrzehnten, dass schon irgendwie alles ins Lot kommt. Tempi passati!
Vom Militärdepartement, dem Bankgeheimnis, den Abzockern bis zum Libyen-Debakel stauen sich die unerledigten Dossiers auf den Bundesratspulten. Auf dem glatten Parkett der Diplomatie fiel die Schweiz – pardauz – der Länge nach hin… schadenfroh beobachtet von ihren europäischen Nachbarn, denen der Musterknabe schon lange auf die Nerven fiel.
Bankgeheimnis? Es prasselt von allen Seiten auf die Schweiz herab, von Frankreich, Deutschland, Italien und den USA, und löchert das Geheimnis wie ein Schweizer Käse. Selbst die einstmals staatstragende Partei FDP ist sich extrem uneinig, ob man rechtlich weiterhin an der Unterscheidung Steuerbetrug und Steuerhinterziehung festhalten dürfe, solle oder könne. Da ist guter Rat teuer!
Den will die Abzocker-Initiative liefern, schnell sprang alt Bundesrat Blocher auf den Zug, vormals best friend of Ospel, UBS & Co, jetzt ist der Zug schon auf halber Strecke stehen geblieben. In manischer Hast werden Gegeninitiativen entworfen. Doch fehlt es am grossen Wurf, und das Stimmvolk scheint müde und überfordert. Wird die tiefe Stimmbeteiligung, bisher Gradmesser für das wohlige Vertrauen in die Verwaltung, zukünftig nach oben oder noch weiter nach unten ausschlagen?Wenn es um Retro-Löhne und Science-Fiction-Boni geht?
Denn am Gelde hängt doch alles, zumal in der Schweiz, wie figura zeigt. Von einer Beschränkung der Boni wollte der Nationalrat bisher nichts wissen. Kommt Zeit, kommt Rat. Spätestens am 14. April 2010 in der St. Jakobshalle in Basel, wenn die Aktionäre der UBS Décharge erteilen werden – oder eben nicht. Dann kommt eine Stunde der Wahrheit. |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 8. April 2010 |
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| 2x Paris: Die von Montparnasse und Zimmer 202 - Peter Bichsel in Paris |
| Zweimal Paris als Mythos – einmal die Bohème im Roman „Die von Montparnasse“, eine neuaufgelegte Retrospektive vom pulsierenden Leben des legendären Künstlerviertels Montparnasse der 20er und 30er Jahre mit Modigliani und Picasso - einmal im poetischen Film von Eric Bergkraut, untermalt von Sophie Hungers melancholisch-sehnsüchtiger Musik, anlässlich des 75. Geburtstages des Schriftstellers Peter Bichsel: „Zimmer 202“ - Peter Bichsel in Paris. Manchmal ist die Imagination wirklicher als die Realität.
Zimmer 202 – Peter Bichsel in Paris
Eigentlich wollte Peter Bichsel nie nach Paris fahren, so sagte er dem Filmemacher Eric Bergkraut auf dessen Anfrage. Aber dann einigten sich die beiden darauf, bis zum Gare de l’Est zu reisen. Im Zug nach Paris sinniert Bichsel über seine Lebensreise, kurz vor dem 75. Geburtstag. In der Nähe des Bahnhofs bezieht Peter Bichsel, „Monsieur Pierre“, wie man ihn dort nennt, das Zimmer 202.
Von hier aus lässt Bichsel seine Erinnerungen schweifen, schaut manchmal fern, die Tour de France mit Fabian Cancellara, sieht den Eiffelturm und Notre Dame im Fernsehen vorüberziehen, und freut sich über den Sieg des Schweizer Radrennfahrers. „Da kann ich nichts machen, dass ich mehr bewegt bin, wenn es um einen Schweizer geht“, sagt er, als müsse er sich etwas dafür schämen. Und erzählt. Und erzählt: „Erzählen ist notwendig zum Überleben“. Und ist nicht dazu zu bewegen, einen Rundgang durch Paris zu machen. Das brauche er nicht. Ist die Vorstellung schöner als die Realität? Aber ob das Karussell noch stehe im Jardin du Luxembourg, von dem Rilke schrieb? Dann läuft er dorthin, in der kalten, kühlen Jahreszeit, ja, das Karussell mit dem Pferd ist noch da. Die Imagination trifft sich mit der Realität. Manchmal ist die Imagination wirklicher als die Realität. Die möchte sich Peter Bichsel nicht nehmen lassen.
Er sitzt im Bahnhof-Bistro bei einem Rotwein und räsonniert: „Ich habe meine Heimat dort, wo ich meinen Ärger habe“. Und man merkt, dass hier einer spricht, dem nicht jedes Mittel recht ist zur Selbstprofilierung. Dem Macht überhaupt suspekt ist. „Ich bin überzeugter Pessimist. Es waren immer die Optimisten, die die Welt zerstört haben. Die gesagt haben: Kein Problem, die Natur regelt das dann schon…!“. Ein sensitiver, zarter, leiser und anrührender Film. Hingehen und anschauen! Regie & Produktion Eric Bergkraut. Kamea Pio Corradi. Musik Sophie Hunger. www.xenixfilm.ch
Ein Blick in die Pariser Bohéme der 20er und 30er Jahre
Vier Jahre nach dem Tod von Amedeo Modigliani erschien 1924 in Paris der Roman „Les Montparnos“. Michel Georges-Michel machte das Buch über das pulsierende Leben von Montparnasse über Nacht berühmt: „Die Nächte ein endloser, fiebriger, ausschweifender Rausch, die Tage verbringen viele von ihnen in kärglichen Kellerateliers, ausgemergelt und ausgebeutet wie Tagelöhner. Um sie herum Intellektuelle, Träumer, Literaten, Strichjungen, Tänzerinnen und Verrückte aus allen Herren Länder“.
Inmitten der Bordelle, Cafés und Nachtclubs ringen zu Beginn des 20. Jahrhunderts Modigliani, Picasso, Moise Kisling und zahlreiche andere Künstler der Pariser Künstlergemeinschaft darum, die Kunst völlig neu zu interpretieren. In Frankreich wurde der erfolgreiche Roman als überhöhte Biografie Amedeo Modiglianis gelesen. In Haricot-Rouge kann man unschwer Jeanne Hébuterne erkennen, mit der Modigliani zwei Kinder hatte, in der „Kanadierin“ seine Geliebte Beatrice Hastings. Man spürt Michels intime Kenntnis der Zusammenhänge, die er sich als Mitglied der Malerkolonie Montparnasse verschaffen konnte. 1958 wurde «Les Montparnos» nach einem Drehbuch von Max Ophüls von JacquesBecker mit Anouk Aimée, Lilli Palmer, Lino Ventura und Gérard Philipe verfilmt.
Das Künstlerviertel Montparnasse ist durch umfangreiche Bauvorhaben der Nachkriegszeit grösstenteils zerstört worden. Die Rotonde und das Dôme existieren jedoch noch heute. Michel Georges-Michel wurde 1883 in Paris geboren, wo er 1985 starb. Er besuchte die Pariser Kunsthochschule und die Ecole du Louvre und arbeitete als Künstler, Journalist und Schriftsteller. Sein umfangreiches schriftstellerisches Werk umfasst Romane, Monographien und Bühnenstücke.
Die von Montparnasse. Verlag Walde+Graf, Zürich 2010.
280 Seiten, mit Illustrationen von Léonard Fonjita. Übersetzung Marcus Seibert. CHF 32. |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 7. April 2010 |
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| Buchtipp: Rudolf Stichweh „Der Fremde“ - Aktuelle Studien zu Gesellschaften und Identitäten. |
| Das Fremde hat eine universelle Bedeutung in der Geschichte menschlicher Gesellschaften. Mittels der Figur des Fremden beobachten Gesellschaften ihre Grenzen, legen Identitäten fest und markieren Bedrohungen. Rudolf Stichweh, Professor für Soziologie an der Universität Luzern, verfolgt die Spur des Fremden in sozialen Systemen und Leitthemen: im Zusammenhang von Fremdheit und Selbstbegrenzung der Menschheit, in der Identifikation des Fremden über körperliche Merkmale, seiner Prominenz in Universität und Wissenschaft, seinem Verhältnis zur Selbstbeschreibung Europas. In der Moderne vollzieht sich ein Umbruch, der bedeutet, dass jetzt alle anderen fremd sind oder niemand mehr ein Fremder ist. Die Selbstbeobachtung der Moderne, so seine zentrale These des Buches, erfindet Formen minimaler Sympathie und universeller Indifferenz, die unser Verhältnis zu allen anderen Menschen bestimmen.
Homo sapiens in der Umwelt sozialer Systeme. Eine Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“
Der Mensch ist jene Spezies, deren Bedeutung in der Geschichte der Natur darin besteht, dass in der Kopplung an Populationen von Menschen die Sozialsysteme entstehen. Aus der Konvergenz der vielen menschlichen Gesellschaften der Geschichte ist in den letzten fünf Jahrhunderten eine einzige Weltgesellschaft entstanden, die eine ihrer Besonderheiten darin hat, dass ihre Kopplung an die Unizität der Spezies Homo sapiens noch enger ist als dies historische für frühere Gesellschaften der Fall war.
Ein plausibler Startpunkt für dieses Argument ist jener Augenblick, in dem der Spezies Homo sapiens, die vor etwa 150000 Jahren in Ostafrika entstanden ist und für viele Jahrzehntausende auf einen schmalen Siedlungsraum beschränkt war, ungefähr vor 65000 Jahren der Transfer nach Südasien gelingt. Aus dieser kleinen Startpopulation gehen jene Gruppen hervor, die in den darauffolgenden Jahren zunächst Australien, dann den Nahen Osten und Europa und schliesslich, vermutlich auf dem Weg über die Beringstrasse, Nord- und Südamerika besiedeln. Die gesamte gegenwärtige Weltbevölkerung geht auf diese Populationen und deren Migrationen zurück.
Daraus resultiert eine geringe genetische Diversität der Menschheit, die Anthropologen und Psychologen motiviert hat, von einer „psychischen Einheit der Menschheit“ zu sprechen, so Rudolf Stichweh in seiner interessanten Studie zur Sozialgeschichte.
Die Infrastruktur menschlicher Gesellschaften hat weitreichende Folgerungen für die Sozialsysteme, etwa anderen Populationen subhumanen Status zuzuschreiben, und damit Fremden jede Möglichkeit des Zugangs und der Mitgliedschaft zu verweigern. Das System der Weltgesellschaft ist auch ein System, dem eine Macht zugefallen ist, für die es in der Geschichte keine Vorläufer gibt.
Die menschliche Gesellschaft entscheidet nicht nur über ihre eigenen Lebensbedingungen, sondern sie entscheidet damit auch über die Lebensbedingungen und die Erhaltungschancen der meisten anderen Spezies, die die Evolution hervorgebracht hat. Dies ist eine Herausforderung, eine „treuhänderische“ Verantwortung für die Existenzbedingungen des Lebens auf der Erde, von wir noch nicht wissen, ob die Sozialsysteme des Homo sapiens ihr gewachsen sein werden. Rudolf Stichweh wirft damit ein breites Spektrum brennender Fragen auf, wie Weltgesellschaft und Fundamentalismus und interkulturelle Kommunikation in der Weltgesellschaft.
Rudolf Stichweh
Der Fremde
Studien zu Soziologie und Sozialgeschichte. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Berlin 2010.
ISBN 978-3-518-29524-3, CHF 18.00. |
| Ingrid Isermann, Freitag, 26. März 2010 |
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| Buchtipp: „Kultur und Explosion“ - Einblicke in Jurij M. Lotmans komplexe Theorie kultureller Innovationen. |
Neues entsteht nicht, wo Verständigung reibungslos funktioniert und kulturelle Muster die Orientierung im Alltag erleichtern. Es entsteht, wo wir nicht unmittelbar verstehen und unsere Ordnungsmuster versagen. Die daraus entspringende Dynamik kultureller Innovationen kann zwar rückblickend als kontinuierliche Entwicklung beschrieben werden. Tatsächlich resultiert sie aber aus Brüchen, wie Jurij Lotman (1922-1993) in seinem bahnbrechenden Grundlagenwerk schreibt, aus „semiotischen Explosionen“. Erstmals erhalten deutschsprachige LeserInnen Einblicke in Lotmans komplexe Theorie kultureller Innovationen, die in einer Zeit der gesellschaftlichen, sozialpolitischen und (Medien)Umbrüche neue Modelle und Denkprozesse zur Dynamik der Beziehung zwischen Kultur und Realität anbietet.
Jurij M. Lotman (1922-1993), Mitbegründer der Moskau-Tartuer Schule, war Inhaber des Lehrstuhls für Europäische Literaturen an der Universität Tartu. Seine Werke liegen im Bereich der allgemeinen Literaturwissenschaft und der Kultursemiotik. Der Name Jurij Lotman steht seit langem für eine der differenziertesten und originellsten Theorien des 20. Jahrhunderts. In der deutschen Literatur- und Kulturwissenschaft ist er bislang aber fast ausschliesslich durch seine Studie über Die Struktur literarischer Texte präsent. Mit dem Band Kultur und Explosion erhält der deutschsprachige Lesernun erstmals einen Einblick in Lotmans komplexe Theorie kultureller Innovation.
Ich und Ich
Zu Beginn seiner Bekenntnisse (Confessions) schreibt Rousseau: „Ich allein. Ich lese in meinem Herzen und kenne die Menschen. Ich bin nicht wie einer von denen geschaffen, die ich gesehen habe; ich wage sogar zu glauben, dass ich nicht wie einer der Lebenden gebildet bin. Wenn ich nicht besser bin, so bin ich wenigstens anders“.
Rousseau vollzog den Weg vom Pronomen „Ich“ zum Eigennamen. Das ist einer der grundlegenden Pole menschlichen Denkens. Die Tradition hat uns suggeriert, die Bewegung menschlichen Bewusstseins gehe vom Individuellen (Einzelnen) zum Allgemeinen. Wenn man unter dem Individuellen die Fähigkeit versteht, Differenzen zu mehren, in ein und demselben das Verschiedene zu sehen, dann ist das eine der grundlegenden Errungenschaften des kulturellen Prozesses. Die Struktur des „Ich“ ist eines der grundlegenden Merkmale von Kultur. Das „Ich“ als Pronomen ist seiner Struktur nach erheblich einfacher als das „Ich“ als Eigenname. Letzteres ist kein fest umrissenes sprachliches Zeichen.
Die Logik der Explosion
Wir sind eingebunden in den Raum der Sprache. Selbst in den grundlegenden, bedingten Abstraktionen können wir diesen Raum, der uns umgibt, dessen Teil wir sind und der zugleich ein Teil von uns ist, nicht verlassen. Dabei ist unser Verhältnis zur Sprache keineswegs idyllisch: Wir unternehmen gewaltige Anstrengungen, um über ihre Grenzen hinauszukommen, wir schreiben ihr Lüge zu, Abweichungen von der Natürlichkeit, den Grossteil unserer Laster und Perversionen. Die Versuche, den Kampf mit der Sprache aufzunehmen, sind so alt wie die Sprache selbst. Die Geschichte hat uns überzeugt von der Hoffnungslosigkeit dieser Versuche einerseits, von ihrer Unerschöpflichkeit andererseits, schreibt Lotman.
Die Zeitungsmeldung über eine Naturkatastrophe am anderen Ende der Welt erleben wir anders als die gleiche Mitteilung aus einer uns geographisch nahe liegende Region und noch einmal ganz anders als eine Meldung, die uns selbst oder uns nahe stehende Menschen unmittelbar betrifft. Dabei wird die Mitteilung aus dem Raum der Gattungsnamen in die Welt der Eigennamen transportiert. Und das emotionale Erleben von Nachrichten aus dieser Welt ist prinzipiell intim. Wir schwanken zwischen der subjektiven, uns persönlich bekannten Welt und ihrer Antithese.
In der literarischen Welt ist das „Fremde“ immer das „Eigene“, zugleich aber ist das „Eigene“ immer das „Fremde“. Jedoch kann die literarische Selbstbefreiung nicht nur das Ende eines explosionsträchtigen Widerspruchs sein, sondern auch der Beginn eines anderen, wie man zum Beispiel den gesamten künstlerischen Raum von Charlie Chaplin als ein integrales Werk betrachten kann, d.h. die Individualität seines künstlerischen Talents und die unmittelbare Verbindung jedes Films mit einem gewissen integralen Raum jenseits der Bühne. Die Kunst erweitert den Raum des Unvorhersagbaren – den Raum der Information -, und sie erschafft gleichzeitig eine bedingte Welt, die mit diesem Raum experimentiert und den Triumph über ihn verkündet.
Jurij M. Lotman
Kultur und Explosion
Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Suhrkamp Verlag Berlin 2010 ISBN 9783518-29496-3, 259 Seiten, CHF 23.40 |
| Ingrid Isermann, Montag, 22. März 2010 |
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| Global Design – „Body in Transit“ im Museum für Gestaltung |
Wie alles Sein mit Design zu tun hat, wie sich die globalisierte Welt seit den 1970er Jahren im Design manifestiert und für die globalisierte Welt entwickelt wird, hinterfragt die Ausstellung Global Design im Museum für Gestaltung. Von der Shopping Mail mit den Themen Globalisierung und Kulturtransfer in Gastronomie und Mode, dem Supermarkt mit globalen und regionalen Produkten, von Fondue bis Sushi, von der HafenCity Hamburg mit den Schwerpunkten Handel und Container bis zu den Fallstudien Möbeldesign aus Tropenholz. Von jährlich 225 Millionen Tonnen Plastic werden weltweit nicht mehr als 10 Prozent durch Recycling zurückgeführt.
  
Fotos: zvg
Der Rundgang beginnt in der Lounge eines Flughafens, wo zwei Vielreisende mit ihrem Handgepäck auf den Abflug warten und die Zeit noch für Arbeit und Kommunikation mit Laptop und iphone nutzen. Daran schliesst sich eine Shopping Mail mit den Themen Globalisierung und Kulturtransfer in der Gastronomie und Mode sowie dem Supermarkt mit globalen und regionalen Produkten an. Am Ende der Achse befinden sich der Hafen mit dem Schwerpunktthema Handel und Container und den Fallstudien Möbeldesign aus Tropenholz und Ikea-Design.
Die Eckpunkte der Ausstellung werden von Fallstudien zur Architektur bestimmt: Neubau von Flughäfen und Terminals, Kulturtransfer in der Architektur am Beispiel von Abu Dhabi, die Transformation von Hafenstädten am Beispiel der HafenCity Hamburg und ein Beitrag von OMA/Office for Metropolitan Architecture, zum Verhältnis von Kapital und Architektur. Im Bereich Kapital werden auch die weltweit wichtigsten Aktien-Indexe in Echtzeit präsentiert.
Auf der linken Seite der Halle befindet sich der Bereich Produktion mit den Fallstudien „Arbeitsplätze von 1970 bis 2010“, „One Laptop per Child“ und „Secondary use“ von PET als Designstrategie. Auf der rechten Seite wird der Bereich Kommunikation mit Fallstudien Fernsehen gezeigt von „Big Brother“ bis zu heutigen Unterhaltungs- und Informationssendungen rund um die Uhr.
Beiträge von KünstlerInnen wie unter anderen Fischli/Weiss („Airport Zürich“) oder Didier Faustino („Body in Transit“) nehmen Bezug auf Mobilität und Migration. Weitere Themen sind die Veränderungen der Produktionsprozesse in den Industrieländern von den 60er Jahren bis in die Gegenwart, die Mechanismen des globalisierten Handels auf der Route eines Containerschiffs von New Jersey nach Rotterdam, die Aufhebung fester Wechselkurse oder die Komplexität einer hybriden Identität in einem postkolonialen Kulturtransfer zwischen Süden und Norden.
Dem Wohlstandsmüll auf der Spur sind Meeresforscher, Ökologen und Umweltschützer. Nach Schätzungen der Meeresschutz-Organisation Oceana werden stündlich ca. 300 Tonnen Plastikmüll in den Ozeanen entsorgt. Diese Abfälle werden über Hunderte von Jahren nicht abgebaut, sondern lagern sich als immer kleinere Partikel in den Geweben der Meerestiere ein und gelangen über die Nahrungskette zurück zu ihren Herstellern: den Menschen. Die Partikel sind mit Schadstoffen wie DDT und Dioxin angereichert. Der von Meeresforschern 1999 entdeckte „grosse pazifische Müllstrudel“ zwischen Kalifornien und Hawai ist nur eine der vielen maritimen Müllhalden, mit geschätzten 3 Millionen Tonnen Plastikmüll die grösste. Von jährlich 225 Millionen Tonnen Plastic werden weltweit nicht mehr als 10 Prozent durch Recycling zurückgeführt.
Die Globalisierung ist ein dynamischer Prozess mit zahlreichen Akteuren. Die Ausstellung sowie eine umfangreiche Publikation „Global Design“ versuchen 40 Jahre nach der Einführung des Begriffs eine Bestandes- und Momentaufnahme der Globalisierung und ihren Auswirkungen in der Gestaltung und der Lebensart aufzuzeigen und eine Diskussion hierüber in Gang zu setzen. www.htttp://blog.zhdk.ch/globaldesign/
Ausstellungsgespräche: Container Mittwoch, 10. März 2010, 18 Uhr, mit Philip Ursprung, Professor für Moderne und Zeitgenössische Kunst, Universität Zürich und Angeli Sachs, Kuratorin und Leiterin Ausstellungen, Museum für Gestaltung.
Global News: Fernsehen und Design, Mittwoch, 24. März 2010, 18 Uhr mit Alex Hefter, Creative Director, Schweizer Fernsehen und Angeli Sachs, Museum für Gestaltung.
Die Ausstellung dauert bis 30. Mai 2010. Weitere Informationen und detailliertes Programm: www.museum-gestaltung |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 9. März 2010 |
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| Filmpodium: „L’Enfer d’Henri-Georges Clouzot“ - Film-Retrospektive Romy Schneider |
1964 begann Henri-Georges Clouzot (1907-1977) sein ambitioniertes, kinetisches Projekt „L’Enfer“ mit der damals 24-jährigen Romy Schneider. Der Regisseur erlitt während der aufwändigen Dreharbeiten einen Herzinfarkt. Die 15 Stunden Filmmaterial galten lange als verschollen. Die Filmhistoriker Serge Bromberg und Ruxandra Medrea haben die Filmspulen nun aufgespürt und zu einem spannenden Drehbuch montiert. Romy Schneider erscheint darin als mystische Verführerin, die das Image ihrer Sissi-Filme endgültig abgelegt hat und in Frankreich zur eindrucksvollen Charakterdarstellerin heranreift. In der Retrospektive sind die wichtigsten Stationen ihrer Laufbahn zu sehen, u.a. „La Piscine“ mit Alain Delon oder „Les Choses de la vie“ mit Michel Piccoli.
Woran liegt es, dass man sich Filme mit der 1982 erst 43-jährig verstorbenen Schauspielerin Romy Schneider immer wieder fasziniert anschaut, dass ihre Themen so aktuell scheinen. Liegt es daran, dass ihre Präsenz nach wie vor ungebrochen ist, sie über eine Anmut der Lebendigkeit verfügt, die im Rückblick auf ihr tragisches Leben noch zugenommen hat. „Auf der Leinwand kann ich alles“, hat sie einmal gesagt, „im Leben nichts“. Die Fäden ihres Lebens liefen oftmals mit den Rollen parallel, eine Frau, die dem Image des süssen Mädchens aus den Sissi-Filmen der fünfziger Jahre entkommen will und sich 1959 nach Frankreich absetzt, zunächst der Liebe wegen, zu Alain Delon, der sie nach vier Jahren verlässt, und den sie nie vergessen konnte. In Frankreich reifte der Star Romy Schneider, „die Schneider“, wie man sie hier nannte, zu einer Charakterdarstellerin heran, in den siebziger Jahren in Zusammenarbeit mit den Regisseuren Claude Sautet oder Luchino Visconti und u.a. den Schauspielern Michel Piccoli, Yves Montand, Sami Frey, Helmut Berger.
Zweifellos hätte der Film "L'Enfer" die Karriere Romy Schneiders beschleunigen können. Im Mittelpunkt des Film steht ein jungverheiratetes Paar. Der Ehemann gerät in eine Phase äusserster neurotischer Einfersucht. Die Eifersucht, bereits zentrales Thema und zerstörerischer Impuls wie in Clouzots "Le Corbeau", "Les Diaboliques" oder "La vérité" mit Brigitte Bardot, wurde in "L'Enfer" Gegenstand einer akribischen, klinischen Psycho-Studie mittels kinetischer filmischer Effekte.
Ihr letzter Film „La Passante du Sans-Souci“,1982, erzählt in Rückblenden die Hintergründe der Nazi-Zeit, ein melodramatischer Liebesfilm mit politischen Bezügen, mit einer herausragenden schauspielerischen Leistung von Romy Schneider, die bei diesem von ihr initiierten Film durchsetzte, dass er ihrem verstorbenen Ex-Ehemann Harry Meyen und ihrem tragisch verunfallten 14-jährigem Sohn David gewidmet wurde. Sie erlebte noch die Pariser Premiere, für die deutsche Synchronfassung musste ihr Part bereits von einer anderen Schauspielerin vertont werden.
L’Enfer d’Henri-Georges Clouzot, Frankreich 2009, 94 Min., Regie Serge Bromberg, Ruxandra Medrea. Mit Romy Schneider, Serge Ruggiani u.a. Filmpodium ab 16. Februar 2010.
Retrospektive Romy Schneider. Sissi, 1955, 1956, 1957. Die Sendung der Lysistrata, 1961. The Trial, 1962. La Voleuse, 1966. La Piscine, 1969. Les Choses de la Vie, 1970. Max et les Ferrailleurs, 1971. César et Rosalie, 1972. Ludwig, 1972. Le Train, 1973. Le Vieux Fusil, 1975. Une Histoire simple, 1978. Death Watch, 1980. Fantasma d’Amore, 1980. Garde à Vue, 1981. La Passante du Sans-Souci, 1982. (16. Februar – 31. März 2010). Genaues Filmprogramm: www.Filmpodium.ch. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 16. Februar 2010 |
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| Kunsthaus Zürich: Auftakt zum Erweiterungsbau mit „Van Gogh, Cézanne, Monet“ |
180 Gemälde und Skulpturen der Stiftung Privatsammlung E.G. Bührle, Meisterwerke der Weltkunst des französischen Impressionismus, sind im Jubiläumsjahr zum 100-jährigen Bestehen des Kunsthauses zu Gast. Die bemerkenswerte Sammlung soll bis 2015 in die Kunsthaus-Erweiterung einziehen, wenn die Zürcher für den Neubau von David Chipperfield stimmen.
Die Sammlung Bührle und das Zürcher Kunsthaus verbindet eine lange Geschichte, wie Direktor Christoph Becker an der Pressekonferenz betonte. Die jetzt präsentierte Werkschau war bereits 1958, vor einem halben Jahrhundert, schon einmal zu Gast im sogenannten Bührle-Saal, einem Anbau von 1300 m2, den Emil Georg Bührle dem Kunsthaus schenkte, wie auch die grossformatigen Seerosen-Gemälde von Monet und das Höllentor von Rodin,
Die Kunstsammlung, die der in Zürich lebende Industrielle E.G. Bührle (1890-1956) nach dem Zweiten Weltkrieg aufbaute und dem das Kunsthaus einige seiner wertvollsten Sammlungen verdankt, umfasst neben der impressionistischen Malerei auch Werke der Nubis, der Fauves, der Kubisten und anderer Vertreter der französischen Avantgarde nach 1900. Ebenfalls zu sehen sind das holländische „Goldene Zeitalter“ und die venezianischen Meister aus dem 16. bis 18. Jahrhundert wie Canaletto und Tiepolo, weltbekannte Werke wie van Goghs „Sämann bei Sonnenuntergang“, Renoirs „Petite Irène“, das „Mohnfeld bei Vétheuil“ von Claude Monet, „L’Offrande“ von Paul Gauguin oder Edgar Degas „Danseuses au foyer“. Zu den wichtigsten Künstlern der Sammlung zählen ausserdem Frans Hals, Ingres, Delacroix, Manet, Signac, Vlaminck und Braque. Als zentrales Thema der Sammlung gilt die sich durchsetzende neue künstlerische Freiheit als Voraussetzung für die Kunst der Moderne, der Emil Bührle mit der konsequenten Auswahl dieser Entwicklung ihre Bedeutung verlieh.
Zürich - neben Paris Zentrum des französischen Impressionismus
Durch die Verbindung der Sammlung Bührle mit der des Kunsthauses Zürich im Erweiterungsbau wird in Zürich neben Paris das bedeutendste europäische Zentrum für französischen Impressionismus entstehen. Wie Lukas Gloor, Direktor der Sammlung E.G. Bührle vermerkte, widerspiegeln die Werke den Hintergrund der Ereignisse des 20. Jahrhunderts, auch habe sich die Sichtweise seit der ersten Ausstellung von 1958 auf die Werke des 19. und 20. Jahrhunderts geändert, es gelte nun, einen spezifischen Blick auf die Vergangenheit der Zeitgeschichte zu werfen.
Vernissage Donnerstag, 11. Februar 2010, 19 Uhr. (Ausstellung bis 16. Mai 2010). www.kunsthaus.ch |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 10. Februar 2010 |
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| Filmtipp: „The Marsdreamers“ – eine Spezies der besonderen Art |
| Gibt es tatsächlich Menschen, die auf den Mars wollen, auf den roten, unwirtlichen Planeten mit Lavagestein und zerklüfteten Schluchten wie im Grand Canyon? Ja, am liebsten würden sie sofort losfliegen, sagen seriöse Wissenschaftler, Physiker, Ärzte, Architekten, Ingenieure, Studenten und Schriftsteller. Richard Dindo hat diese Menschen in den USA getroffen und einen Dokumentarfilm über die „Marsdreamers“ gemacht, in Gegenden der USA wie Utah, Arizona oder New Mexico, die schon wie Marsgegenden aussehen… Nicht von ungefähr kommt die Bewegung aus Amerika, den Mars wissenschaftlich zu erforschen und einen Flug zum roten Planeten simultan vorzubereiten.
Probelauf in der Wüste
In Utah stehen die Weltraumkabinen mit den technischen Messinstrumenten, die junge Geologin Elizabeth Wolfe stapft in ihrem Astronautenanzug in der Wüstenlandschaft herum, die schon an die Landschaft des roten Mars erinnert und gibt bereitwillig Auskunft über Motivation und Bedingungen des abenteuerlichen Vorhabens: „Es gibt keine Atmosphäre auf dem Mars, der feine Sand setzt sich überall fest, den man auch nicht einatmen darf, daher müssen spezielle Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, aber es wäre ein absolut grosses Abenteuer, wenn die Menschheit auf dem Mars Fuss fassen könnte.“
Die Pläne sind schon weit gediehen, unter einer luftdichten Kuppel könnte man Wohnungen bauen, Gemüse anpflanzen und auch Tiere mitnehmen. Zukunftsmusik? In etwa 100 Jahren wäre das Realität, lautet der Konsens, denn dieser Planet sei überbevölkert, es drohe eine Zerstörung durch die Immissionen der Menschen, ein neuer Planet biete auch neue Möglichkeiten des gemeinsamen Zusammenlebens, eine neue Kultur, vielleicht sogar auch eine Weisheit des Zusammenlebens.
Ob der Mars eine endgültige Ortsbestimmung im Weltall sei, darauf mochte sich beispielsweise auch Chris McKay, NASA-Wissenschaftler, nicht festlegen, es sei auch möglich, von dort aus andere Planeten zu finden und zu erkunden, die für Menschen bewohnbar gemacht werden könnten oder der Erde bereits ähneln würden. Der interessante Dokumentarfilm von Richard Dindo läuft ab 4. Februar im Lunchkino Le Paris und ab 11. Februar im regulären Hauptprogramm.
The Marsdreamers
Ein Film von Richard Dindo. 83 Minuten, Schweiz-Frankreich 2009. Verleih: Filmcoopi Zürich |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 2. Februar 2010 |
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| Eine schizophrene Diskussion |
| Der SF-Club machte die Deutschen, gerade en vogue, zum Gesprächsthema. Lag es an der Zusammensetzung der eingeladenen Teilnehmer, lag es an der Gesprächsleitung von Moderator Röbi Koller, dass weder Erhellendes noch Gescheites zum Thema zu vernehmen war? Ein Clubabend zum Vergessen, der die Unbedarftheit der vorgebrachten Voten nicht vergessen lässt…
Da sass der Rektor der Uni Bern, Urs Würgler, der den Kopf schüttelte ob soviel Unverständnis darüber, dass eine junge deutsche Medienwissenschaftlerin (33) auf den Nachfolge-Posten von Roger Blum berufen wurde…Zu jung! Warum kein(e) Schweizer(in)? Von 36 Bewerbungen waren nur zwei Schweizer Bewerber dabei, die nicht den passenden Leistungsausweis hatten. C’est tout! Nachwuchsförderung in der Schweiz? Anscheinend hier (noch) kein Thema. Machen es die Deutschen besser? Umso besser, von ihnen zu lernen...
Das allerdings fiel manchen in der Runde schwer, und so einigte mann sich, sich einig zu sein, dass es zu viele Deutsche in der Schweiz gibt, die den Schweizern den Platz wegnehmen… Was ist dran an dem Vorwurf und wen sollte er treffen? Wieder liess sich der Rektor der Uni Bern vernehmlich hören, dass ohne Deutsche der Universitätsbetrieb nicht aufrechtzuerhalten sei wie es auch in den Spitälern der Fall sei. Ein Fakt, zu dem man beharrlich schwieg.
Und flugs zur Sprachkeule griff. Denn wer nicht Schwyzerdütsch spricht oder versteht, gehört nicht hierher. So meinte Roger Schawinski, es sei ein Fehler, mit Deutschen hochdeutsch zu sprechen. Aber, aber, gebietet es denn nicht die Höflichkeit, jemandem, der die Landessprache (noch) nicht spricht oder versteht, in der hier ebenfalls bekannten und gelernten deutschen Hochsprache zu antworten? Machen wir uns denn nicht selbst zu Fremden und zudem lächerlich, wenn wir das Hochdeutsche als verbindendes Dach einer mehrsprachigen (Deutsch)Schweiz mit 26 Dialekten ablehnen? Ganz zu schweigen von unseren fremdsprachigen Landesteilen Waadtland, Tessin und Graubünden?
Die Schweiz ist so wenig homogen wie Deutschland. Auch dort gibt es für jedes Bundesland einen eigenen Dialekt. Niemand würde jedoch die Hochsprache als verbindendes Element ablehnen oder in Frage stellen. Und längst nicht alle Deutsche können perfekt Hochdeutsch, auch ihnen merkt man sofort die Landesgegend an, aus der sie kommen und stammen. Wie auch den Österreichern. Woran sich noch niemand gestört hat. Aber was den Deutschen hierzulande blüht und um die Ohren geschlagen wird, merken sie erst, wenn sie hier sind. Ein Unbehagen macht sich breit, und die eingeladene deutsche Journalistin Sandra Willmeroth äusserte sich dahingehend, dass sich so niemand hier wohl fühlen könne, mit diesen Vor- und Anwürfen.
Von allen guten Geistern verlassen?
Der Vertreter der "Weltwoche", Markus Somm, holte weit aus, dass seit rund 500 Jahren ein Konflikt mit Deutschland schwele, und dass man nicht deutsch sein wolle, aus gutem Grund, und der Dialekt zur Abgrenzung und Identitätssicherung diene. Und dass die Deutschen merken sollen, dass sie hier nicht willkommen sind. Das sagte er im Brustton der Überzeugung, während der Uni-Rektor und die deutsche Journalistin beschämt schwiegen.
Der Vertreter der "Weltwoche", Markus Somm, holte weit aus, dass seit rund 500 Jahren ein Konflikt mit Deutschland schwele, und dass man nicht deutsch sein wolle, aus gutem Grund, und der Dialekt zur Abgrenzung und Identitätssicherung diene. Und dass die Deutschen merken sollen, dass sie hier nicht willkommen sind. Das sagte er im Brustton der Überzeugung, während der Uni-Rektor und die deutsche Journalistin beschämt schwiegen.
Ist die Schweiz von allen guten Geistern verlassen? Ist das die Schweiz und wer ist die Schweiz? Wer lässt sich so manipulieren, dass Menschen, die hier versuchen, Arbeit und ihr Glück zu finden, die etwas leisten wollen für ihr gutes Geld und entsprechend Verantwortung übernehmen, soviel Ablehnung erfahren? Geht das mit rechten Dingen zu? Da darf man mit Fug und Recht daran erinnern, was die Schweiz den Eingewanderten verdankt. Jetzt und schon immer. Aber Dankbarkeit ist wohl für viele ein Fremdwort. Sie ist kein Menschenrecht, doch erst recht keine Bürde. Aber eine Bitte, auch um Menschenwürde. |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 27. Januar 2010 |
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| Die „Weltwoche“, die SVP und die Deutschen |
Kaum eine Tageszeitung, die dieser Tage nicht einen Kommentar zum Deutschen-Bashing der SVP und der unterstützenden „Weltwoche“ abgibt. Dass 200 Professoren sich in einem Inserat gegen eine diskrimierende SVP-Kampagne gegen zu viele deutsche Professoren an den Hochschulen wehren, ist ein Novum. Mit Vernunftsgründen ist der Emotionalisierung von diffusen Angstgefühlen nicht beizukommen. Was haften bleibt an Diffamierung, ist dieser rechten Schweizer Welle gerade recht. Auf welchem Niveau wird dieser Diskurs geführt? Breitet sich hier ein unkontrolliertes Krebsgeschwür aus?
Man kann es drehen und wenden, wie man will. Angesichts der Frontal-Angriffe, veranstaltet von der SVP und ihrem Leibblatt, der „Weltwoche“, bleibt ein fades Gefühl der Ohnmacht gegenüber derartigen demagogischen Anwürfen zurück. Zuerst die Muslime, jetzt die Deutschen. Besonders Verleger und Chefredaktor Roger Köppel scheut keinen Aufwand, für Fremdenhass und Abwehr, geschönte Artikel mit scharfem Geschütz in seinem Blatt aufzufahren.
Man wünscht sich, dass das vorüberginge, aber das bleibt wohl Wunschdenken. Denn die SVP hat hier ein (Wahl)thema besetzt, dem sie noch lange treu bleiben wird. Der Ton ist schärfer geworden, der Inhalt diffuser denn je. Wo werden die Auseinandersetzungen geführt, wo finden sie statt? Die Medien sind gefordert, Recherchen unabdingbar. Die Zeit dafür? Es ist Zeit, dem zu begegnen und zu entgegnen. Wenn nötig,schärfer als gewöhnlich. Im Interesse der Sache. Damit klar ist, was hier gespielt wird. Auf wessen Kosten und zu welchen Konditionen.
Der Regierungsrat hat die Kulturjournalistin Barbara Basting, 46, in den Universitäts-Rat gewählt. Basting studierte in Konstanz Romanistik, Germanistik und Philosophie, sie arbeitet bei Radio DRS2, war zuvor Redaktorin beim Tages-Anzeiger. Die SVP kritisierte die Wahl, mit Basting werde die Uni weiter germanisiert. www.tagesanzeiger.ch. |
| Ingrid Isermann, Freitag, 8. Januar 2010 |
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| Buchtipp: Max Bill und seine Zeit – Biografie |
| Max Bill hat die Kunst des 20. Jahrhunderts, im speziellen auch die Zürcher Schule der konkret-konstruktiven Kunst, massgeblich geprägt. Eine biografische Collage, erschienen im Zürcher Verlag Scheidegger & Spiess, verschafft einen vielfältigen Einblick in Bills Kindheit und Jugend in Winterthur und seine Ausbildung am legendären Bauhaus in Dessau bei den Lehrmeistern Albers, Klee, Kandinsky, Moholy-Nagy und Schlemmer. Für Bill war Kunst kein Ventil, sich gesellschaftlichen Problemen in abgehobener Sphäre zu entziehen. „Max Bill wäre auch heute ein Wegweiser zur Ästhetik der Einfachheit, er hat mit seinem Lebenswerk gezeigt, dass Schönheit in der Reduktion liegt“, so die Kunsthistorikerin Angela Thomas zu ihrer Biografie des 1994 verstorbenen Bildhauers, Malers und Architekten mit einer Fülle bisher unbekannter, nicht veröffentlichter Dokumente und Fotos aus den frühen Jahren.
Klimazonen
„Wir haben uns schon in den 50-er Jahren mit Umweltschutz befasst, nur haben wir damals noch von Umweltgestaltung gesprochen“, so Max Bill. Mit seiner nüchternen Ästhetik stiess Bill oft auf heftige Ablehnung. Vom Staatsschutz wurde er 50 Jahre lang beobachtet, ins Fadenkreuz war er geraten, weil er während der Nazizeit verfolgte Menschen versteckt hatte. 1983 gab auch seine Pavillon-Skulptur in der Zürcher Bahnhofstrasse zu reden. Besorgte Bürger werweissten, ob es sich hier um Kunst handle, deren Bedenken jedoch von renommierten Kunstexperten zerstreut wurden. Max Bill wurde im In- und Ausland mit zahlreichen Preisen geehrt.
Am 22. Dezember 1908 in Winterthur geboren, machte Max Bill 1924-1927 eine Ausbildung zum Silberschmied an der Kunstgewerbeschule Zürich unter Johannes Itten, anschliessend absolvierte er 1927/28 ein Studium am Bauhaus, Hochschule für Gestaltung, in Dessau. Ab 1929 war Bill als Architekt, seit 1932 als Maler, Grafiker und Bildhauer tätig. Von 1932 bis 1937 war er Mitglied der Künstlerbewegung "Abstraction-Creation" in Paris.
1936 definierte er in einem Ausstellungskatalog des Kunsthauses Zürich seine Vorstellung von "Konkreter Kunst“ und wurde zu einem ihrer wichtigsten Vertreter. Seit 1936 war er auch aktiv als Publizist tätig und gründete 1941 den Allianz-Verlag. 1938 wurde er Mitglied des "International d'Architecture Moderne“.
Wer sich für die Lebensgeschichte Max Bills interessiert, findet hier jede Station seiner Entwicklung kunst- und zeitgeschichtlich von 1908 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 akribisch aufgeführt. Das Buch ist in konsequenter Kleinschreibung gehalten, wie sie am Bauhaus in Dessau praktiziert und von Max Bill ab 1930 verwendet wurde. Angela Thomas, geboren 1948 bei Düsseldorf, hat Max Bill während ihres Studiums der Kunstgeschichte 1974 kennengelernt und wird in den folgenden zwanzig Jahren seine Lebenspartnerin, die er 1991 heiratet. Seit 1974 machte die Autorin regelmässig Notizen zu Gesprächen, Erlebnissen und den zahlreichen Reisen, die sie mit Max Bill unternahm. Aus diesen Aufzeichnungen entstand die Biografie, basierend auf umfangreichen Recherchen und bisher nicht bekanntem Fotomaterial und Dokumenten. www.maxbill.ch
Hinweis: Am Mittwoch, 16. Dezember 2009 findet im Haus Konstruktiv eine Führung zu "Bill in Brasilien" zum Einfluss von Max Bill auf die konstruktiv-konkrete Kunst in Brasilien statt. Selnaustrasse 25. 18.30 Uhr.
Angela Thomas
„Mit subversivem Glanz“
Biografie Max Bill (1908-1939) Band 1
450 Seiten, gebunden, mit 178 farbige und 61 s/w-Abbildungen, 17,5x24 cm, Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2008 CHF 79 www.scheidegger-spiess.ch |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 23. Dezember 2009 |
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| Ist das Minarett-Verbot verfassungswidrig? |
Die Wogen schlagen hoch, im In- und Ausland. Die SVP hat ihr Ziel erreicht. Mit 57.5 Prozent hat die Schweiz dem Minarett-Verbot zugestimmt. Das hätte eigentlich kaum jemand erwartet. Aber es sind nicht 70 oder 80 Prozent, durchaus keine komfortable Mehrheit, wie in den Medien berichtet wurde. Wenn in EU-Ländern abgestimmt würde, wäre das Ergebnis sicherlich ähnlich. Das ist kein Trost. Weil die Schweiz auf die direkte Demokratie stolz ist, mit Recht.
Ein anderer Aspekt: die SVP führt aber die direkte Demokratie ad absurdum. Die Behörden haben es versäumt, abzuklären, ob die Anti-Minarett- Initiative überhaupt verfassungskonform ist und mit der Religionsfreiheit vereinbar ist. Hier gibt es eine Grauzone inmitten der Angst vor Islamisierung, die die SVP ausgenutzt hat.
Haben vielleicht viele ein Ja auf den Stimmzettel gesetzt, weil sie ihn als Denkzettel benutzten und nicht annahmen, dass diese Initiative durchkommt? Wieviele Junge haben gewählt? So einfach ist die Sache nicht. Im privaten Kreis habe ich mich umgehört, einige meinten, solange in arabischen Ländern Christen verfolgt würden und keine Kirchtürme bauen dürften, solange könnten Muslime kein gleiches Recht erwarten. Ein Argument, das mit den betroffenen Muslimen diskutiert werden sollte.
Die Annahme der Anti-Minarett-Initiative schafft Handlungsbedarf. Die Scharfmacher der SVP haben ein Thema gefunden, das sie ausreizen und ausweiten können.Bis zur Personenfreizügigkeit, die sie abschaffen möchten, was nur der Anfang ist.
Die Schweiz im Schnäggeloch?
Diese Partei bringt es mit ihrer Retropolitik fertig, dass die Schweiz zurückkrebst, überall und immerfort. Sie sagt Nein und sucht keine Lösungen. Die Politiker und die Bundesregierung haben es versäumt, klare Verhältnisse zu schaffen, weil sie herumlavieren und keinen Klartext reden.
Das Stimmvolk ist verunsichert. Und vielleicht hat sogar die Libyen-Affäre dazu beigetragen, dass der Unmut über die Muslime noch gewachsen ist wie die Zahl der muslimischen Einwanderer, dass diese Initiative angenommen wurde. Es wäre an der Zeit, ein Gesetz zu schaffen, das die Scharia, Zwangsheiraten und Beschneidungen verbietet anstatt der Minarette.
Es ist nicht neu und gilt auch bei anderen Einwandergruppen: man liebt die Fremden nicht. Aber wer holt sie ins Land? Wer gibt ihnen Arbeit? Eine Wirtschaft, die um jeden Preis Profite machen will, auf Kosten der Arbeitnehmer. Sie heuert Billigkräfte an, das ist nicht neu, wie der Satz von Max Frisch „Sie riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“.
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| Ingrid Isermann, Montag, 30. November 2009 |
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| Eugene Ionesco zum 100. |
Der rumänische Autor Eugene Ionesco gehört neben Samuel Beckett zu den Mitbegründern des absurden Theaters. Hier Auszüge aus einem Text von 1963 über das Schreiben und Nachdenken über die menschliche Existenz. Ein bedenkenswerter Essay im geschwätzigen und monokulturellen (Gratis)-Journalismus-Zeitalter.
„Die Erklärungen meines Tuns, die ich mir selber gebe, scheinen mir unvollständig oder falsch oder zweifelhaft zu sein. Da ich nicht genau weiß, was das Dasein für einen Zweck hat, weiß ich auch nicht genau, warum ich schreibe. Und doch schreibe ich schon immer, wie ich lebe und mich auch frage, was der Sinn meines Lebens sei. Wenn ich Anhänger einer Sache bin, frage ich mich immer, warum ich es bin, und sage mir, daß ich's eigentlich nicht sein sollte“…
Meine Stellungnahmen entspringen spontanen, wenig kontrollierten Gefühlen, selbst wenn sie dann in einigermassen klaren Gedanken übertragen werden; denn interessanter als zu denken wäre zu wissen, warum man denkt und was man denkt. Ich glaube, dass ich eigentlicher bin, wenn ich in meinen Werken Erstaunen und Verwirrung ausdrücke. In dieses Staunen reichen die Wurzeln des Lebens hinab. Ganz auf dem Grund meiner selbst finde ich die Nacht ... Nacht, oder vielmehr ein blendendes Licht.
Zunächst muss ich für mich persönlich gestehen, dass die Theologie oder die Philosophie mich nicht gelehrt haben, den Grund meines Daseins einzusehen. Sie haben mich auch nicht davon überzeugt, dass man etwas aus diesem Dasein machen müsse und dass man ihm eine Bedeutung geben müsse oder könne. Ich fühle mich nicht ganz der Welt zugehörig. Ich weiß nicht, wem die Welt zugehörig sein soll; indessen würde ich weder mich noch die Welt an irgend jemand verkaufen.
Wenn ich mich trotzdem ein bisschen hiesig fühle, dann bloss deshalb, weil ich mich, einfach dadurch, dass ich da bin, daran gewöhnt habe. Ich habe eher den Eindruck, dass ich von woanders bin. Wenn ich wüsste, was das für ein Woanders ist, dann ginge alles sehr viel besser. Ich habe keine Ahnung, wie man die Frage beantworten könnte. Die Tatsache, dass eine unbegreifliche Sehnsucht in einem wohnt, wäre immerhin ein Zeichen, dass es ein Woanders gibt. Dies Woanders ist vielleicht, wenn ich so sagen kann, ein «Hier», das ich nicht wiederfinde. Vielleicht ist, was ich suche, nicht hier. Manche haben darauf geantwortet oder geglaubt, darauf antworten und die Lösung geben zu können. Ich freue mich für sie darüber und beglückwünsche sie.
Ich stelle also ganz einfach fest, dass ich da bin, ich, dieses schwer zu definierende «Ich». Und eben um mein Erstaunen und meine Sehnsucht auszudrücken und mitzuteilen, schreibe ich. Damit ist nun etwas Präzises gewonnen. Ich gehe auf den Straßen von Paris spazieren, ich streife durch die Welt: Ich führe mein Erstaunen und meine Sehnsucht in der Welt herum. Wie mir scheint, habe ich keine Richtpunkte; manchmal wieder kommt es mir vor, als hätte ich welche. Sie erscheinen mir aber wenig feststehend, sondern wechselnd. Ich möchte auch folgendes klarstellen: Ich bin kein professioneller Skeptiker noch ein Nicht-Skeptiker.
Ich diskutiere nicht über das Problem der Notwendigkeit und des Werts, der der Wahl zukommt. Vielleicht wird man sagen, diese tiefe Unsicherheit sei historisch aus der Tatsache zu erklären, dass ich der einen oder andern Klasse angehöre, dass ich durch verschiedene, widersprüchliche Tendenzen oder Traditionen bestimmt bin, die historisch oder dialektisch erklärt oder nicht erklärt werden können. Ich wiederhole: Es gibt Momente, wo ich wähle, mich entscheide. Man könnte die Gründe dafür finden, warum ich dieses jenem vorziehe. Doch das wäre eine zu lange Arbeit.
Ich mag etwa Balzac lieber als Eugène Sue, Shakespeare lieber als Feydeau. Ich habe also Kriterien. Literarische Kriterien. Grob gesprochen, wenn ich Shakespeare lieber mag als Feydeau, dann deshalb, weil mir die Welt Shakespeares umfassender, komplexer, allgemein menschlicher, tiefer, wahrer erscheint als die Welt von Feydeau. Was ich bei Shakespeare finde, das sind nicht Antworten, sondern Fragestellungen und Ereignisse, auch einige Feststellungen und einige Einsichten. Keine endgültige Lösung.
So kann ich denn sagen, daß es wahrer ist, sich zu fragen, ohne zu antworten, als überhaupt nicht zu fragen. Ich bin: Aber wer ist dieses «Ich»? Schwer auszumachen, sagten wir. Es ist eine Übereinkunft. Immerhin weniger ungenau als «wir» und «man». Indes, es gibt schon etwas. Es gibt Dinge. Man kann sie nützlich verwenden, man kann etwas mit ihnen machen. Man kann arbeiten, man kann schreiben. Ich kann etwas machen, ich kann schreiben. Ich habe Begierden, Wünsche, aber ich kenne nicht die Gründe dieser Wünsche und Begierden. Ich habe den Eindruck, daß die Wünsche, Impulse, Begierden, Befürchtungen, Liebe und Abscheu schwinden würden, wenn man auf ihre Quelle zurückginge, wenn es gelänge - was nicht unmöglich ist - ihr Wie und Warum zu begreifen. Ich habe den Eindruck, dass es für nichts einen vernünftigen Grund gibt und daß wir allein von einer unbegreiflichen Kraft getrieben werden. Alles ist in seinem Innersten bestreitbar. Unbestreitbar ist das Äußere (oder das, was man «Äußeres» nennt): Fakten und Dinge.
Der Text, den lonesco im Oktober 1963 in der «Revue de la Metaphysique et de Morale» unter dem Titel «Der Autor und seine Probleme» veröffentlichte, spiegelt die Weitsicht der späteren Stücke. Der Essay führt über den Band «Argumente und Argumente» (Luchterhand-Verlag) hinaus, dessen Texte aus den Jahren bis 1962 stammen. Courtesy www.perlentaucher.de
FBZ, 26. November 2009 (is) |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 26. November 2009 |
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| Buchtipp: Eudora Welty – Literarische Wiederentdeckung |
Die amerikanischen Erzählerin Euroda Welty gehört wie Carson McCullers und William Faulkner zu den bedeutendsten Schriftstellern der Südstaaten, Vorbild für Truman Capote und Richard Ford. 1909 in Jackson, Mississippi, geboren, erschien 1941 ihr erster Erzählband „A Curtain of Green“. 1973 erhielt sie den Pulitzerpreis für „The Optimist’s Daughter“. Eudora Welty war auch anerkannte Fotografin und veröffentlichte mehrere Fotobände. Sie starb 2001 in Jackson. In poetisch dichter Sprache zeichnet Welty Schnappschüsse vorbeieilenden Lebens, Stories, in denen uneingelöste Sehnsuchten und verzweifelte Verlorenheiten mit brillanter Beobachtungsgabe und analytischem Witz ausgeleuchtet werden. Die Erzählungen wurden jetzt im Zürcher Verlag Kein & Aber neu aufgelegt.
Der Sound existentieller Tiefe
„Von allen menschlichen Stimmungen teilt sich absichtliche Unnahbarkeit vielleicht am schnellsten mit – ist vielleicht das wirksamste, verhängnisvollste Signal überhaupt. Und zwei Menschen können ebenso gut in Unnahbarkeit schwelgen wie in allem anderen“. In der Erzählung Am falschen Ort begegnen sich zwei Nordstaatler im tiefen Süden Amerikas, ein Mann und eine Frau, zwei Fremde, die sich zufällig über den Weg laufen, eine kurze Zeit miteinander verbringen und dann nach einer gemeinsamen Autofahrt wieder auseinander gehen. Was dieses Zusammentreffen mit einem Tanz in exotischer Umgebung und einem flüchtigen Kuss für beide auslöst, schildert Welty mit filmischer Detailgenauigkeit. Ihr tiefgründiger und unbestechlicher Blick gilt eigenwilligen Menschen, Aussenseitern, deren Kosmos, Befindlichkeiten und Tragik sie mit einer Anschaulichkeit porträtiert, die den Geschichten eine existentielle Tiefe und Aktualität verleiht.
Eudora Welty begann schon früh mit dem Schreiben und als 11-jährige veröffentlichte sie ihr erstes in einer Lokalzeitung. Nach ihrem High School-Abschluss besuchte sie von 1925-1927 das , anschliessend das University of Wisconsin-Madison und von 1930-1931 die Columbia University in New York. Eudora Welty arbeitete bei einem regionalen Radiosender und schrieb nebenbei Artikel für Zeitungen. Sie war auch als Fotografin für das Projekt (WPA) unter Präsident Franklin D. Roosevelt tätig. Nach schwierigem Beginn ihrer schriftstellerischen Laufbahn, bis zum Ende ihres langen Lebens bekam Welty mit Ausnahme des Nobel-Preises wohl jede wichtige Ehrung, die die literarische Welt und ihr Land zu vergeben hatten.
Eudora Welty wurde 1909 in Jackson, Mississippi geboren und wuchs mit zwei jüngeren Brüdern auf. Ihr Vater, der es bis zum Vizepräsidenten einer Lebensversicherung brachte, kam aus Ohio, ihre Mutter war Lehrerin und kam aus West Virginia. Welty, deren Werk als Inbegriff von Südstaatenliteratur gehandelt wird, stammte nicht aus einer alteingesessenen Südstaatenfamilie. Das machte sie in den Südstaaten zur Außenseiterin. Der Vater starb 1931, von da an bis zu ihrem Tod 2001 lebte Eudora Welty umgeben von unzähligen Büchern in dem geräumigen Haus im Tudor-Stil, das ihre Eltern 1925 hatten bauen lassen. Hin und wieder reiste sie nach New York oder an die Westküste, wie auch nach Europa, doch es waren meist nur kurze Ausflüge. Welty war immer eine besessene Leserin, auch eine gefragte Buchrezensentin. Als Kind besuchte sie täglich die Leihbücherei, weil diese nicht mehr als zwei Bücher pro Tag herausgab. Während der Depression arbeitete Welty für ein Regierungsprogramm und lernte tiefste Armut kennen, die sie, die behütete Tochter aus gutem Hause, bis dahin noch nie gesehen hatte. Sie begann zu fotografieren und zu schreiben, um diese aufwühlenden Eindrücke zu verarbeiten.
Eudora Welty. Ein Vorhang in Grün. Erzählungen. Kein & Aber Zürich 2009, 167 Seiten, gebunden, CHF 31.90. |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 18. November 2009 |
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| Buchtipp: Bleiben Sie sich keine Antwort schuldig – das Fragebuch von Mikael Krogerus |
Die Autoren Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler wandeln auf Max Frisch’ Tagebuch-Spuren und meinen: Hören Sie zur Abwechslung mal sich selbst zu. Dann erfahren Sie einiges – über sich und alle anderen, die Ihnen wichtig sind. Denn wer kennt Sie am besten? Was haben Sie von Ihrer Mutter gelernt? Wann haben Sie zuletzt gelogen? Hätten Sie sich gerne selbst als Freund? Ein aufschlussreiches Fragespiel, dessen Antwort nur Sie kennen – indem Sie es sich selbst beantworten. Vielleicht nicht zuletzt deshalb steht das Buch auf der Bestsellerliste.
Es gibt keine richtigen Antworten, es gibt nur richtige Fragen. Und die können manchmal richtig heftig sein, sodass man sie am liebsten nicht beantwortet oder nicht beantworten möchte. Wer gibt schon gerne Schwächen zu? Hand aufs Herz… Aber nur von Ja-Sagern umgeben sein, das bringt auch nicht weiter, wenngleich es auch durchaus schmeichelhaft sein mag.
Diese Fragen können Sie beantworten, wo immer Sie sind, wann und wie Sie wollen. Verschiedene Kapitel über Kindheitserinnerungen, Politik & Meinung, Reisen, Wer Sie sind, Wer Sie wirklich sind, Männer und Frauen, Öko & Bio, Single, Sex, Eltern, Liebe, Freunde etc.
Das Fragebuch kann man ausfüllen wie ein Tagebuch. Sie können eine Zugfahrt wie im Fluge verstreichen lassen oder das Buch irgendwo liegenlassen, dass es eine bestimmte Person bestimmt anschauen wird, was Sie denken, wenn Sie wollen. Sie können sich aber auch die Fragen stellen, die Antworten für sich behalten und nicht aufschreiben. Denn vielleicht ändert sich die Antwort im Laufe der Zeit, wie sich manche Erkenntnis ändert, sogar die über sich selbst. Auf jeden Fall ist es ein spannendes Spiel, die Antwort auf die Frage zu finden: Wer bin ich? Was will ich? Und wie werde ich glücklich? Dass Sie mit diesem Fragebuch zu Ihrem Glück finden, ist nicht verbürgt. Möglich ist jedoch einiges.
Das Fragebuch
Mikael Krogerus, Roman Tschäppeler
Kein & Aber Zürich, 2009
175 Seiten, gebunden, CHF 27.90 |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 12. November 2009 |
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| Buchtipp: Die Seelenverwandten – Alexandra Lavizzari über Truman Capote und Harper Lee. |
Die Geschichte einer Freundschaft zweier verwandter Seelen schildert die Schriftstellerin und Journalistin Alexandra Lavizzari, und zugleich die Geschichte über den Aufstieg und Fall zweier literarischer Stars. Harper Lee (*1926) wurde berühmt mit ihrem Roman „Wer die Nachtigall stört“, 1963 verfilmt mit Gregory Peck, und sie war die Komplizin des Shooting Stars Truman Capote (1924-1984) bei seinen langjährigen Recherchen des 1966 erschienenen und mehrmals verfilmten aufsehenerregenden Tatsachenberichts „Kaltblütig“. Was von dieser intensiven, fragilen Freundschaft bleibt, sind leuchtende und wegweisende Spuren in der Weltliteratur.
Zwei herausragende Autoren wuchsen als Nachbarskinder in Monroeville, Alabama im tiefsten Süden der Vereinigten Staaten auf. Zwei Einzelgänger, die sich eng aneinander schlossen, in Lees Baumhaus ihre ersten Stories ausheckten und besessen von der Idee, grosse Schriftsteller zu werden, jahrelang gemeinsam an der Verwirklichung dieses Ziels arbeiteten. Die unterschiedlichen Charaktere, Capotes extrovertierter Lebensstil im New Yorker Jet Set der upper class, seine Egomanie und Drogensucht und Harper Lees sperrige, extreme Menschenscheu liessen sich auf Dauer jedoch nicht vereinbaren.
Nachdem Harper Lee nach der Veröffentlichung ihres Südstaaten-Dramas über die Rassenfrage „Wer die Nachtigall stört“ 1960 mit frühem Ruhm und dem Pulitzer-Preis bedacht wurde, musste Truman Capote eifersüchtig länger auf seinen Durchbruch als Schriftsteller warten. Mit dem Mordfall in Holcomb, einem Kaff in Kansas beschäftigt, engagierte er die burschikose Harper Lee als Reisegefährtin und Co-Journalistin für den literarischen Report. Die Geschichte der Recherche wurde 2005 von Bennett Miller brillant mit dem Schauspieler Philip Seymour Hoffman verfilmt, der für seine Darstellung des exzentrischen Truman Capote einen Oscar erhielt. Vermutlich hat Harper Lee die jahrelange Begleitung am Schreiben eigener Werke gehindert, was ihr später zum Vorwurf gemacht wurde, nicht mehr geschrieben zu haben. Verschiedentlich wurde ihr unterstellt, dass Capote der Autor ihres Bestseller war. Beweise dafür liessen sich nicht finden, weder in Capotes Nachlass noch hat Harper Lee je dazu Stellung genommen. 2005 wurde ihr der Literaturpreis der öffentlichen Bibliotheken verliehen, 2007 die "Presidential Medal of Freedom", die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten.
Lavizzari protokolliert minutiös die Geschichte einer komplizierten Freundschaft, die am Ruhm zerbricht und selbst wie ein Krimi anmutet. Beide schöpften aus einer unglücklichen Kindheit und ihrem früh geschulten wachen Blick auf Menschen und ihre Fassaden und Hintergründe. Zweifellos waren sich Capote und Lee jahrelang ein unverzichtbarer Halt, die sich gegenseitig ihre Projekte und Erzählungen erzählten. Das alles liest sich spannend und wirft ein neues Licht auf manche Begebenheiten in der Doppelbiografie der beiden Schriftsteller. Partylöwe Capote und Eremitin Lee hatten sich später nicht mehr viel zu sagen. Enttäuschungen, Skandale und vor allem die mangelnde Würdigung von Lees Beitrag am Werk Capotes führten zum Bruch. Capote starb 1984 an Drogensucht in Los Angeles. Am 30. September 2009 wäre er 85 Jahre alt geworden.
Alexandra Lavizzari, 1953 in Basel geboren, wo sie Ethnologie und Islamwissenschaft studierte, lebt heute in London und in der Schweiz. Seit 1999 veröffentlicht sie Romane und Gedichte. In der Edition Ebersbach erschien 2008 der biografische Essay Fast eine Liebe – Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers.
Glanz und Schatten
Truman Capote und Harper Lee – eine Freundschaft
Edition Ebersbach, Berlin 2009 180 Seiten, Klappenbroschur, CHF 29.90 |
| Ingrid Isermann, Montag, 9. November 2009 |
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| Merz im Malaise |
Bis zum 20. Oktober 2009 sollten die in Tripolis festgehaltenen zwei Schweizer Geiseln freikommen, so lautete die von Bundesrat Hans-Rudolf Merz angekündigte Chronik des Geschehens desam 20. August in Tripolis unterzeichneten Vertrages. Geschehen ist nichts, soweit man sehen kann. Fata Morgana? Eine EDA-Delegation war gerade in Libyen und kam ohne die Geiseln zurück. Gaddafi überwacht Schweizer Medien, PR-Firma Brown hält den libyschen Herrscher auf demLaufenden (siehe auch FBZ-Online-Kommentar „Die Medien und die Libyen-Affäre). Auf der Homepage vonHannibal Gaddafi ist die Schweiz auf die Nachbarländer aufgeteilt und ranken sich Nazi-Enbleme um die Gestalt des Bundesrats.
"Muammar al-Gaddafi lässt sich laut Jean Ziegler "fast in Echtzeit" über die Libyen-Berichterstattung in der Schweiz aufdatieren. Verantwortlich für die Medien-Up-Dates ist die international-tätige PR-Firma Brown, Lloyd, James, wie die "SonntagsZeitung" berichtet. Angesichts des straffen Monitorings fordert Libyen-Kenner Ziegler Zurückhaltung. Insbesondere die Aktivitäten von SVP und der Genfer Polizei seien gefährlich und würden eine weitere Verhärtung der Fronten zur Folge haben, warnt der Autor des Buchs "Der Hass auf den Westen"(persoenlich.com)
Das hätte man kommen sehen können, wenn man gewollt hätte. Aber wollen und können sind oft zweierlei. Manchmal fragt man sich, wie weit es her ist mit der Schweizer Aussenpolitik, die schon mehrmals auf dem glatten Parkett der internationalen Politik ausgerutscht ist. Ist die Schweiz undiplomatisch? Ist über den Tellerrand hinauszusehen, hierzulande ein Tabu? Und der Gartenzaun geschlossen, vor allem auch Richtung EU? Dass andere sich jetzt über die Schweiz ins Fäustchen lachen, kann im Ernst niemanden belustigen. Auch andere Länder treten permanent ins Fettnäpfchen, da ist die Schweiz nicht allein.
Aber was ihr in oft vorauseilendem Gehorsam nicht klar zu sein scheint, ist, dass delikate und sensible Geschäfte nicht an die grosse Glocke gehängt werden sollten, bevor sie getätigt sind. Will heissen, hätte Bundesrat Merz seine löblichen Absichten in bezug auf die Befreiung der Schweizer Geschäftsleute unter dem Deckel gehalten und seine Chefbeamten, die dafür ausgebildet sein sollten, geschickt, wäre das Dilemma, in dem er nun steckt, nicht öffentlich geworden. Vielleicht wären die Geiseln schon zuhause?
Pressefreiheit ist unabdingbar und ein wichtiges Instrumentarium für eine funktionierende Demokratie. Es gibt aber Ausnahmen, wo es um Leib und Leben geht, wo nicht alles mit allen geteilt werden kann und muss. Getretener Quark wird nicht stark, sondern breit. Und so sind die empörten Pressestimmen aus dem vielschichtigen Konzert voller Häme und Ablehnung gegenüber den Merz’schen Aktionen. Merke: Medien sind keine Freunde. Sie haben ihre eigenen Strategien, von unten nach oben bedienen sie die Sensationsgier, den Neideffekt und/oder Boulevard, das liegt im System der Sache.
Das sollte man wissen, bevor man sich an die Medien wendet. Gibt es in der Schweiz keine Geheimdiplomatie mehr? Und das, nachdem der Staat der Fichenaffäre bezichtigt wurde? Unschöne Erinnerungen, die sich niemand zurückwünscht. Aber gleich ins andere Extrem zu verfallen, alles transparent zu machen, ist weiss Gott blauäugig. Und fruchtet nichts, wie man sieht.
Jetzt, wo die Sache so verfahren ist,kommt die Schweiz nicht ohne fremde Hilfe aus. Auch ein Lernprozess. Dass man Freunde braucht, wenn man in Not ist. Das heisst auch, dass man sich Freunde schaffen muss. Und das gewiss nicht nur mit Geld und Bankgeheimnis. Alles hat ja mit allem zu tun.
Schadenfreude ist hier nicht am Platz. Vielleicht überlegen sich „die Medien“ einmal, wie sie mit konstruktiven Vorschlägen mithelfen könnten, diese verfahrene Situation zum Besseren zu wenden. Zwar gibt es immer wieder vernünftige Stimmen im Pressechor, die versuchen, die Sachlage alternativ zu klären und sich gemeine Seitenhiebe auf die Person des gebeutelten Bundesrates und Rücktrittsforderungen, die zu nichts führen würden, verbieten. Diese Stimmen sind rares Gut! |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 20. Oktober 2009 |
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| Die „Weltwoche“ zieht in den Kampf gegen den Islam |
Was für eine bunte Welt, da gibt’s den Fussball, da gibt’s Afghanistan, da gibt’s eine Medienkonferenz unter Wasser, weil die Malediven wegen der Klimaerwärmung Gefahr laufen, zu versinken. Und da gibt’s die „Weltwoche“. Eine Schweizer Wochenzeitschrift, die sich um die Belange des Islam verdient macht. Wehret den Anfängen, Minarette & Co. Mit Schützenhilfe von „Emma“-Pionierin Alice Schwarzer. Wie das?
Die „Weltwoche“ hält sich zugute, Skandale aufzudecken. Sozialmissbrauch im Sozialamt. Kleinvieh macht auch Mist. Whistleblower-News, zwar ungesetzlich, aber straffrei. Und jetzt die Minarett-Initiative der SVP. Applaus für die falsche Seite, von Alice Schwarzer, Feministin der ersten Stunde. Sie ist gegen Frauenunterdrückung, wir auch.
Nur allzu lange ist das auch in der Schweiz noch nicht her, bis in die fünfziger und sechziger Jahren und weit darüber hinaus konnten Frauen weder den Wohnort bestimmen noch über das Geld verfügen, auch nicht über ihr eigenes, und der Ehemann konnte der Frau verbieten, einer Arbeit nachzugehen. Wenn er es sich leisten konnte, notabene. Auch ein Zusammenwohnen ohne Trauschein war Paaren verboten. ER war das Haupt der Familie, per Gesetz, der unumschränkte Herrscher. Erst die ungeliebten Feministinnen ändert langsam per Gesetz die ungemütliche Situation für Frauen. Schon vergessen?
So verschieden ist das gar nicht, was heute muslimischen Frauen passiert. Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung in der Ehe waren Tabuthemen, von Inzest ganz zu schweigen. Kopftücher trugen auch europäische Frauen, und nicht nur auf den Feldern. 50 Jahre der Emanzipationsbewegung ist keine lange Zeit.
Die Muslime brauchen einige Zeit, um sich zu refomieren, und man sollte das einfordern, immer wieder, von aufgeschlossenen Muslimen, mit denen ein Gespräch möglich ist, das ist keine Frage. Selbst in Saudi-Arabien stehen Veränderungen für Frauen an, so man den Berichten glauben darf. Das Verständnis für die Muslime rechtfertigt jedoch keineswegs jedwelche Terrorakte und Gewalttaten. Da hat Alice Schwarzer vollkommen recht.
Dennoch ist ihr Beitrag ein Beifall für die falsche Seite, für die „Weltwoche“. Denn der Schulterschluss mit der SVP, die vor allem an Rankünen interessiert ist, um Leute auf ihre Seite zu bringen und ihren Wähleranteil zu erhöhen, ist fragwürdig. Wo fängt Demagogie statt Journalismus an? So einseitig, wie Chefredaktor Roger Köppel Stellung zum Islam und der Minarett-Initiative nimmt, ganz im Sinne der SVP, ist die Welt nicht. Das hatte er eigentlich schon in der „Welt“ in Berlin erfahren und wissen müssen. Ein altgedienter Redaktor der „Welt“, ehemals Leiter der Journalistenschule, sagte mir in München, Köppel hätte keine grossen Stricke verrissen in Berlin als Chefredaktor der „Welt“. Umsomehr hier, in der Heimat. Da geht’s in die vollen. Immer auf der Linie der SVP. Zahlt sich anscheinend aus. Und der neue „Tages-Anzeiger“, der eine eigenartige Liste der klügsten Köpfe des Landes lancierte, setzte Köppel auf Platz 1. Wo sind wir eigentlich? Um den Journalismus muss man sich Sorgen machen. Ignorieren ist keine gute Idee. Plädoyer für den Widerspruch! |
| Ingrid Isermann, Samstag, 17. Oktober 2009 |
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| Der Minarett-Diskurs - Meinungsfreiheit oder Verbot? Was darf ein Plakat? |
Kaum etwas beschäftigt Medien und Gemüter in den letzten Tagen so sehr wie die Anti-Minarett-Initiative. Minarette und Islam sind die neuen Reizthemen, die die SVP mit ihrer Abstimmungsinitiative lanciert hat. Über Wirksamkeit und Reichweite des angekündigten Plakates mit schwarzen Minaretten (wie Raketen) und einer ganzverschleierten Muslimin (mit Burka) wird medial heftig gestritten. Der Meinungsfreiheit haben die Städte Zürich und Genf den Vorzug gegeben („Das Plakat spricht für sich selbst“). Basel und Lausanne haben das Plakat als diskriminierend und rassistisch verboten. Die SVP konnte mit ihren umstrittenen Werbeplakaten und Angstkampagnen ihre Wählerschaft in den vergangenen zehn Jahren verdoppeln. Mit Fug und Recht kann man sich fragen, wie weit geht die viel beschworene Meinungsfreiheit und wo ist die Grenze? Rassismus als Interpretation?
Mehr als einmal wunderten sich ausländische Beobachter über die Schweiz und über die Medien. Die ihrer Ansicht nach die SVP mit Samthandschuhen anfassten und Dinge durchgehen liessen, die locker als Aufforderung zur Brandstiftung eingeschätzt wurden. Die damalige Bauern- und Gewerbepartei, die die Interessen ihrer Mitglieder vertrat, wäre auch kaum auf ein Messerstecher-Inserat wie ihre Nachfolge-Partei SVP verfallen.
Die SVP schien immer am Puls der Zeit und/oder bereit, mit ihren PR-Kampagnen entsprechend nachzuhelfen, ging es nun um Einbürgerungen, den Schweizer Pass, die Angst vor dem Fremden im allgemeinen, dankbar von den Medien sekundiert („Wie viele Deutsche verträgt die Schweiz?“). Und jetzt um die Angst vor Überfremdung durch Muslime und Islam im besonderen. Self fulfilling prophecy…? Übrigens: Minarette sind weiss.
Wie lautet die nächste Abstimmungsinitiative? Gemach, die SVP wird sicher keine Anti-Faschismus-Initiative lancieren. Soviel scheint sicher. Satire, Ironie und tiefere Bedeutung werden dieser Partei für immer fremd bleiben. Aber darf Rassismus, Demagogie und Anstand nur eine Frage der Interpretation sein? Der Ball liegt beim Volk. Und bei den Medien. Völkerball!
FBZ, 13. Oktober 2009 |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 13. Oktober 2009 |
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| Buchtipp: „Flughafenfische“ von Angelika Overath |
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Angelika Overath verwendet den Transit als Metapher für ihre poetische, collagenartige Erzählung mit drei Hauptfiguren, die sich zufällig begegnen. Terminals sind Orte des Ankommens und des Weggehens, der eiligen Reisenden, die sich auf Rolltreppen mit ihrem Gepäck hastig an anderen Reisenden vorbeischieben und kaum einen Blick für ihre Umgebung haben. Anders Elis, die ihren Anschlussflug verpasst hat und Tobias beobachtet, der das mediterrane Riffaquarium im Airport betreut. Ein Biochemiker vor der Emeritierung, den seine Frau verlassen hat, hält im verglasten Raucherfoyer einen stillen Monolog über sein Leben.
Fischsymbiosen und Seepferdchenväter
Elis streift durch die Transithalle eines Flughafens, der überall sein könnte. Den Anschlussflug hat sie verpasst. Das bringt sie zum Nachdenken, sie zweifelt an ihrem Beruf als Magazinphotographin, die ihre Photos oft allzu geschönt in Illustrierten wieder findet. Das Aquarium im Flight Connection Centre, wo täglich Reisende aus allen Kontinenten zusammen strömen und sich für kurze Zeit sammeln, um in andere Himmelsrichtungen zu starten, findet Elis Aufmerksamkeit und sie spricht den scheuen, jungen Mann an, der damit beschäftigt ist, die Scheiben des riesigen tropischen Aquariums mit Rochen, Seepferdchen, Seesternen, Korallen, Algen, Muscheln, Krebsen und vielfarbigen Fischen aus Ozeanien, akribisch zu säubern.
Sie erfährt, dass Seepferdchenmänner lebende Seepferdchen gebären, ein Schwung Kinder wie eine Wolke. Und über die sexuelle Vermehrung der Korallen, die in einem Aquarium zu erreichen, hohe Ansprüche an den Aquaristen stellt. Es entwickelt sich eine seltsame Nähe zwischen den beiden Menschen, deren Wege sich schon bald wieder trennen. Sehnsucht, Einsamkeit und Paarungen widerspiegeln sich in den sich überschneidenden fragmentarischen Episoden. Im abgetrennten Glaskasten im Foyer des Flughafens trinkt sich ein alternder Raucher ins Abseits über das Ende seiner Ehe und versteht die Welt nicht mehr.
Angelika Overath ist eine aufmerksame, behutsame und tiefgründige Beobachterin, die die Klippen existentieller Ausgesetztheit mit schwebender poetischer Leichtigkeit traumhaft sicher anspricht, einer Melancholie Raum lässt, einer Müdigkeit auch, die durch das Innehalten Kraft schöpfen lässt.
Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie lebt und arbeitet in Sent, Engadin, als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin. „Flughafenfische“ ist ihr zweiter Roman, für einen Auszug erhielt sie den „Ernst-Willner-Preis der Tage Deutschsprachiger Literatur in Klagenfurt.
Die Autorin war auch Preisträgerin des ersten FBZ-Medienpreises 2008 in der Kategorie unveröffentlichter Arbeiten für „Fliessendes Land“ (siehe www.rares.at).
Angelika Overath
Flughafenfische
Luchterhand, München 2009. 176 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Fr. 31.90. www.luchterhand-literaturverlag.de
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| Ingrid Isermann, Dienstag, 22. September 2009 |
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| Kommentar: Radio-Karussell – Ein Herz für neue Frequenzen |
Radio Energy ist im Rekursverfahren unterlegen. Das Bundesverwaltungsgericht hat den Rekurs des Ringier-Senders abgelehnt und die von Energy angefochtene Bewertung, die das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) bei der Vergabe der Konzession am vergangenen 31. Oktober 2008 angewendet hatte, als rechtlich korrekt bezeichnet.
Der Sender wird eingestellt zugunsten von Radio 1. Dennoch ist schwer zu verstehen, wie ein Lokalradio, das mehr HörerInnen hat und wirtschaftlich floriert, aufhören und 60 Leute auf die Strasse stellen muss. Gibt es keine andere Lösung?
Warum können nicht drei Lokalradios wie bisher aus und für den Grossraum Zürich senden: Radio 24, Radio Energy und Radio 1. Kann man es sich leisten, neue Arbeitslose zu schaffen? Warum nicht umschalten in Sachen Frequenz? Das Uvek ist dringend gefragt, eine Lösung zu suchen und eine neue Frequenz herbeizuzaubern, vielleicht von DRS4? |
| Ingrid Isermann, Sonntag, 20. September 2009 |
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| Freier Journalismus in freiem Fall – bald nur noch für Gutbetuchte? |
| Ohne freie Journalisten kommt (noch) keine Zeitung aus. Das ist ein Fakt. Dass die Ansätze für freie Journalisten stets gesenkt werden, ist für Verleger und Chefredaktoren kein Anlass, sich zu schämen. Beim NZZ-Feuilleton wurden die Zeilenansätze von 2,10 auf 1,40 Franken reduziert. Martin Meyer: „Für das NZZ-Feuilleton zu schreiben, ist eine Ehre, „kein Broterwerb“. Chefredaktor Markus Spillmann doppelt nach, dass Schreiben für das NZZ-Feuilleton vor allem mit Prestige verbunden sei. Auch andere Tageszeitungen entrichten kaum noch den Pauschal-Tagessatz, seit es keinen GAV mehr gibt. Zudem sind Mehrfachverwertungen kaum noch möglich.
Feudalistische Machtverhältnisse
Auf Abruf bereit und finanziell an die Schmerzgrenze zu gehen, das zeichnet heute den Beruf der freien Journalistinnen und Journalisten oder freien FotografInnen aus. Ohne GAV, ohne Rückhalt, ohne Rechte, und frei – in freiem Fall. Niemand finanziert ihnen ihre Weiterbildung, ihre Kaffeepause, ihre Ferien. Die Freien sind die grossen Verlierer der hausgemachten Wirtschaftskrise, darin sind sich alle Beteiligten einig. Während die einen längst ihr Schäfchen ins Trockene gebracht, sprich Millionen auf die Seite geschafft haben, nagen die anderen am Hungertuch. Das wird offen zugegeben – und sich dafür nicht einmal geschämt! Die französische Revolution ist in weiter Ferne: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Die autoritären und feudalistischen Machtverhältnisse sind dabei, sich neu zu formieren, wie die Pressekonzentration eindrücklich zeigt. Und es geht ja auch um die Rendite, eine Zeitung ist langsam nichts anderes als ein beliebiges Produkt, für das man eine Rendite von 15 bis 20 Prozent verlangen und einfordern kann. Sonst wird das Produkt eliminiert. Wie die Lemminge folgen die Ressortleiter, Redaktoren und leitende Bosse diesem Gebot der Stunde. Wer widerspricht? Wer ist dagegen? Ist die Demokratie in der Presse, Meinungsbildung, Weiterbildung schon gestorben?
Die Freien sind die Verlierer der Krise
(persoenlich.com/ads) War es früher gang und gäbe ein Interview sowohl einer grossen Tageszeitung, wie auch einer Lokalzeitung zu verkaufen, können heute Probleme auftauchen, die sich nicht vorhersehen lassen. Verkauft man beispielsweise ein Interview sowohl dem Berner "Bund" – einer Lokalzeitung mit einer Auflage von knapp über 50'000 Exemplaren – muss man damit rechnen, dass diese den Artikel, für den sie zwischen hundert und zweihundert Franken bezahlen, auch auf das Newsnetz stellen. Indem er ohne das Wissen des Schreibers gleichbehandelt wird wie ein Text aus dem "Tages-Anzeiger", verliert er zusätzlich an Wert. Zeitungen mit einer grossen Reichweite wie "20 Minuten", "Blick", "Blick am Abend" oder "Tages-Anzeiger" sind deshalb nicht bereit den gleichen Artikel, und sei es ein Interview mit der erfolgreichsten Band der Welt, ebenfalls zu erwerben. Dabei leben freie Journalisten in den meisten Fällen von der Mehrfachverwertung. Und bis vor kurzem war dies – auch wenn die "NZZ"-Oberen dies anders sehen – auch im Kulturbereich ein zwar mässig bezahlter, aber dennoch ein Leben ermöglichender Beruf. Diese Zeiten sind wohl vorbei.
Dem Fall mit "Basler Zeitung" und "Aargauer Zeitung" haben sich die Gewerkschaft Comedia und der Berufsverband Impressum angenommen. Momentan ist die Sache hängig. Die meisten Journalisten haben die ihnen zugeschickte Verzichtserklärung bis jetzt nicht unterschrieben. Aber die Widersetzung ist schwierig. Es herrscht Abhängigkeit: Freie Journalisten – auch wenn sie schon seit zwanzig Jahre für eine Zeitung schreiben, seit dreissig Jahren emsig alle möglichen Printmedien beliefern oder ein Qualitätsblatt seit Dekaden mitprägen – haben kaum eine Möglichkeit sich zu wehren. Man ist ja auf das nächste wohlwollende Telefonat, den nächsten Auftrag, die nächste Überweisung angewiesen. Und alternative Auftraggeber gibt es immer weniger. Viele versuchen ihre journalistische Tätigkeit mit besser dotierten Aufträgen im PR-Bereich abzufedern. Aber dazu muss man natürlich enorme Berufserfahrung und gute Kontakte haben. Das Magazin der Uhrenfirma IWC oder das Onboard Magazin der Swiss zahlen zum Beispiel nach wie vor angemessene Tageshonorare. Das heisst: Ein Lohn, welcher der aufgewendeten Zeit und nicht der Textlänge entspricht.
"Die freien Journalisten sind die grössten Verlierer dieser Krise, definitiv", sagt Beatrice Müller, Regionalsekretärin der Gewerkschaft Comedia, zuständig für die Region Bern. "Erstens weil sie erheblich weniger Aufträge erhalten, zweitens weil sie finanziell massiv gedrückt werden." Das könne man, weil sie darauf angewiesen seien. Besser schlecht bezahlt als gar nicht bezahlt. "Ausserdem werden die Urheberregelungen zu Ungunsten der Freischaffenden ausgeweitet. Die grossen Verlage sind heute selber so verzweigt, dass alles mehrfach verwertet wird. Will der Journalist seinen Text mehrfach verkaufen, um sein Einkommen aufzubessern, findet er deshalb kaum mehr Abnehmer." Nach ihrer Einschätzung leiden achtzig Prozent der freien Journalisten in der Schweiz ganz massiv unter den Kostensenkungsmassnahmen. Journalisten aller Bereiche: Seien es Wirtschaftsfachleute, Kultur- oder Regionaljournalisten. Kulturjournalisten sind dabei noch stärker betroffen als Wirtschaftsjournalisten.
Die Entlassungs- und Kürzungswellen machen auch vor Koryphäen nicht halt: Die Redaktion der "Weltwoche" ist in den letzten Monaten beispielsweise auf ein kleines Kernteam zurückgestutzt worden. Begründet wurde der Abbau gegenüber den fixen Freien und festen Mitarbeitern mit einem knappen Verweis auf die Krise. Einige müssen jetzt stempeln gehen. Der Abbau bei freien Mitarbeitern ist für Verleger und Verantwortliche eine einfache und sofort budgetwirksame Massnahme. Doch ist sie überhaupt sinnvoll? – Er vermute nicht, sagte "NZZ"-Chefredaktor Spillmann gegenüber persoenlich.com. Aber man komme als Budgetverantwortlicher irgendwo nicht aus diesem Teufelskreis heraus. "Wenn ein Chefredaktor die Festen angreift, heisst es sofort, er baut Leute und Qualität ab. Mit allen Konsequenzen, die das hat." Rein theoretisch sei ein Modell, wie es Roger Köppel bei der "Weltwoche" praktiziere, das viel elegantere und schlankere. Ob es auch das Fairere ist, sei dahingestellt. "Viele Arbeitgeber wollen nur noch auf Honorarbasis bezahlen, um sich vor der Entrichtung der Sozialleistungen zu drücken", sagt Müller von Comedia. "Im selbständig erwerbenden Status zu sein, hat sehr, sehr viele Nachteile." Egal mit welchem Modell: Die freien Journalisten in der Schweiz haben derzeit einen verdammt schweren Stand. Für viele heisst es: Weder Ehre, noch Broterwerb, noch Brot. Siehe auch http://www.freischreiber.de ("Der Trend geht zum Ehrenjournalismus"). |
| Ingrid Isermann, Freitag, 18. September 2009 |
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| Kommentar: Die Medien und die Libyen-Affäre |
Jeder weiss, worum es geht. Jeden Tag eskalieren die Enthüllungen. Alle wissen besser, was der Bundespräsident nach seinem Canossagang nach Libyen hätte tun oder nicht tun sollen. Wegen der Verhaftung seines Sohnes Hannibal übte Staatschef Ghadhafi Rache an zwei Schweizer Geschäftsleuten, die seit einem Jahr in Tripolis festsitzen und immer noch nicht ausreisen dürfen. Und täglich kommen neue Vorwürfe und Anklagen aus Libyen auf die beiden Schweizer zu, wegen Visavergehen sollen sie nun vor Gericht gestellt werden. Jeden Tag wird in der Presse darüber vollumfänglich berichtet und an der Schraube gedreht. Hat Merz sein Gesicht verloren? Muss Merz zurücktreten? Wie lange sind die Geiseln noch in Libyen? Experten kommen zu Wort, die sich einig sind, auch nicht mehr zu wissen. Politiker sind entrüstet.
Im Katz-und-Maus-Spiel mit der Schweiz holt Ghadhafi immer wieder eine neue Trumpfkarte aus dem Ärmel: jetzt die Aufteilung der Schweiz an ihre Nachbarländer. Den Antrag wollte er vor der UNO einbringen. Die UNO hat den Antrag vor einem Monat abgelehnt. Ghadhafi übernimmt demnächst den Vorsitz der UNO. Wie gut, dass die Schweiz Mitglied der UNO ist. Denn sie respektiert die Souveränität ihrer Mitglieder. Da sieht man, wie gut es ist, wenn man nicht allein dasteht.
Nun kommt von einem Tessiner Politiker die blendende Idee: Krieg gegen Libyen. Die Medien berichten. Die Zeitungen veröffentlichen in dieser sensiblen Phase Fotos von den malträtierten Hausangestellten Hannibals in Genf, die ihn anzeigten und die ganze Sache ins Rollen brachten. Eine Genfer Zeitung doppelt nach und bringt zusätzlich Fotos vom verhafteten Hannibal.
Wenn es aber um das Leben und die Sicherheit der Geiseln geht, wie weit ist das Spiel mit dem Feuer dann erlaubt? Wäre etwas mehr Zurückhaltung in Anbetracht der Sachlage für die Dauer der Geiselhaft nicht angebracht? Die Medien sind auf dem Prüfstand. Für die Eskalation der News sind Journalisten mitverantwortlich. Auch in Libyen liest man Zeitungen. Da hilft es wenig, wenn Bundesrat Merz sich entschuldigt und in der Presse das genaue Gegenteil steht. Und die Politiker nachdoppeln. Die Befreiung der Geiseln kann noch lange dauern. |
| Ingrid Isermann, Sonntag, 6. September 2009 |
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| Buchtipp: Willa Cather - „Mein ärgster Feind“ |
„Was Willa Cather heute lesenswert macht, sind die Risse, die sich unter der Oberflächeverbergen, die Spannungen, die ihre Romane erfüllen, die Reibungen, die sie riskiert, die Kämpfe, die sie ihre Aussenseiter so leidenschaftlich ausfechten lässt“, schreibt „Der Spiegel“. Willa Cather (1873-1947) wuchs in Nebraska auf, wurde 1923 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet und von Truman Capote als Vorbild verehrt. Der meisterhafte Roman einer kompromisslosen Liebe, 2008 neu aufgelegt, zeigt, warum Cather zu den bedeutendsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts gehört.
Myra Driscoll und die Geschichte ihrer Liebe bedeuten für die 15jährige Nellie in dem verschlafenen Städtchen Parthia die einzig spannenden Themen. Als Nellie Myra kennenlernt, trifft sie auf eine lebhafte, kultivierte und liebenswürdige Frau in mittlerem Alter, die vor Jahren auf ein Erbe und ein gesichertes Leben in der Provinz verzichtete, um ihrem vom Vater abgelehnten Verlobten nach New York zu folgen. Für Nellie scheint es, als ob sie mit ihrem Mann die romantische Liebe lebe, von der auch sie träumt. Dann wird Nellie plötzlich Zeuge einer heftigen Eifersuchtsszene zwischen den beiden, die ihr Bild vom idealen Glück erschüttert. Jahre später trifft Nellie auf das inzwischen verarmte Paar und erkennt die zwei Seiten dieser schicksalhaften Beziehung. Ihr ärgster Feind, muss Myra schlussendlich erkennen, ist das eigene Ich.
Beim Erscheinen 1926 erregte „Mein ärgster Feind“ wegen des schonungslosen Blicks auf Liebe und Ehe erhebliches Aufsehen. Bis heute faszinieren Genauigkeit, Präzision und erhellende Klarheit der Sprache, in der mit äusserster Konsequenz und stilistischer Knappheit der Prozess einer Desillusionierung und das Ende einer Liebe beschrieben wird. „Anderswo ist der Himmel das Dach der Welt, aber hier war die Erde der Boden des Himmels“, schreibt die Autorin Willa Cather über die weite Landschaft ihrer Heimat Nebraska, nicht nur als Beschreibung einer Landschaft, sondern einer merkwürdigen Enge und einer Sehnsucht nach einem Anderswo, nach einem Ort, an dem der Himmel eine Welt umfassen kann und so die Welt immer an diesen Ort mitbringt. Willa hat das harte Leben der Siedler kennengelernt, die aus Russland kamen, aus Polen oder Irland wie Myra Driscoll. Die Siedler mit ihren verschiedenen Sprachen und Gebräuchen wurden für Cather zur Inspirationsquelle.
Die Autorin braucht ihre Bodenhaftung, um ihren Schreibhimmel aufzumachen. Sie hat kein experimentelles Interesse am Schreiben wie Djuna Barnes oder Gertrude Stein, die in Paris zur gleichen Zeit die Avantgarde ausmachen. Sie erfindet eine Wirklichkeit, „die ihre Bilder schweben lässt wie Hitzebilder über einer flirrenden Prärie“, so die Autorin Antje Ravic Strebel im lesenswerten Nachwort.
Willa Cather Mein ärgster Feind. Roman. 112 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, Albrecht Knaus Verlag, München 2008. Fr.27.50. |
| Ingrid Isermann, Samstag, 5. September 2009 |
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| Buchtipp: „Die Welt umarmen“ - Hugo Loetschers literarisches Vermächtnis |
„War meine Zeit meine Zeit“ lautet der Titel des neuen und letzten Buches von Hugo Loetscher, der am 18. August 2009 kurz vor seinem 80. Geburtstag unerwartet in Zürich verstorben ist. Der Rückblick, keine eigentliche Autobiographie, ist ein atemberaubender Gleitflug durch verschiedene Welten. Dem Kosmopoliten Hugo Loetscher ging es um ein globales Bewusstsein, mit dem biographischen Material wollte er die Welt umarmen: „Solange ich schreibe, glaube ich an die Sprache, und solange ich an die Sprache glaube, glaube ich an ein Gegenüber“.
In seinen Erinnerungen, immer wieder überblendet von Assoziationen an andere Städte, andere Länder, schildert Hugo Loetscher auch die Kindheit in Zürich-Aussersihl, seine metaphorische Nähe zu Flüssen und Brücken, die schwierigen häuslichen Verhältnisse in der Familie, zu der nicht nur das Vertrauen auf Zusammenhalt gehörte, den Vater als Mann, den er gern gehabt hätte: „Kam er an Zahltagen betrunken nach Hause, torkelte er im Streit und gab erst nach, wenn er Frau und Kinder aus der Wohnung gejagt hatte“. Als der Junge sich mit des Vaters Hilfe einmal ein Bücherregal baute, dann das erste Buch hineinstellte, fand der Vater, da könnte man Sägeblätter und Bohrer unterbringen: „Wir spürten, wie fremd wir einander waren, und waren uns nie so nah gewesen“.
Die Mutter, die alles daransetzte, dass die Familie zusammenhielt, nur nicht gross reden, lieber in einer Ecke sich ausweinen. Wenn sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte, befragte sie die Wahrsagekarten, auch für den Sohn und befand: „Du wirst was Besseres“. Schon früh lernte Hugo Loetscher, sich seine Welt selbst zu erschaffen, sich zu immunisieren, sich nicht kaputtmachen zu lassen, was er auch in seinem ersten autobiographischen Buch „Der Immune“ (1975) thematisierte, wie ein Mann ein von ihm geliebtes Kaffeeservice fallen lässt und er es als Beobachtender lediglich konstatiert, ohne sich gefühlsmässig zu engagieren. Dennoch ist es Hugo Loetscher gelungen, mit schwebender Leichtigkeit die Klippen zu überspringen, mit Brillanz, Ironie, Humor und Poesie, dabei immer unterwegs zu neuen Ufern und fremden Küsten.
Liebe – ein fremdes Ufer
„Was aber, wenn das Ufer, von dem ich komme, nicht das jenseitige Ufer der Sihl ist, wenn es eine andere Art Ufer ist, eines, das jenseits der gängigen Moralität liegt – was, wenn ich nicht liebe, wie dies die Majorität tut“. Damit spricht der Autor die Homosexualität an, auf die in seiner Jugendzeit in manchen Ländern, wie heute noch in manchen arabischen Ländern, die Todesstrafe steht.
Und er reflektiert Erinnerungsmomente persönlicher Art: „Da erkundigte sich einer, wie es mir geht, und dies mit zwinkernder Anteilnahme. Wundere ich mich über ein derartiges Mitgefühl, erhalte ich zur Erklärung: Ist es nicht schrecklich erpresst zu werden? – Warum sollte ich erpresst werden? – Leute wie Sie werden doch erpresst“.
Wie es Loetscher gelingt, diese Sachverhalte lakonisch mit scharfer Beobachtergabe zu schildern, macht das Buch zu einer authentischen gesellschaftspolitischen Analyse. Wer allerdings persönliche Interna erwartet, wird enttäuscht. Hugo Loetscher greift auf die grossen Liebenden der Welt- und Literaturgeschichte zurück, wie auf den persischen Dichter Rumi, genannt Mevlana und seine Liebe zu einem Derwisch, die er in seinen poetischen Versen hymnisch feierte. „Ja, ich bin der Liebe nachgefahren“, bekennt Loetscher, "durch die anatolische Steppe, das Taurusgebirge und inmitten von Grün und Obstgärten, nach Konya, wo einst die Karawanen Rast machten. Das türkische Wort für Grabstätte habe ich mir gemerkt: türbe. Also heisst das Ziel Mevlana Türbesi. In einer Moschee in Konya, die nun als Museum dient. Unter den grünen Fayence-Kacheln der Kuppel, hinter einem Silbergitter, der Sarkophag von Rumi“.
Welt als Heimat
Auch das Schweizer-Sein ist Thema bei Loetscher: „Nationale Identität – das ist das eine. Das deckt nicht ab, was ich sonst bin. Was bin ich sonst noch?“ Es sind die Fragen, die ihn umtreiben, in alle Welt, woher man kommt, wohin man geht, „das Vaterland als Ausgangspunkt, als Basislager für Aufbruch und Rückkehr. (…) Logisch formuliert: Notwendig, aber nicht hinreichend. Ein portables Vaterland. Tragbar nicht im Gepäck, sondern in Empfindung und Gedanke. Heimat, nicht ein für alle Mal gegeben, sondern um daraus etwas zu machen. (…) Um auf einer Welt heimisch zu werden, auf die ich ungefragt gekommen bin – was, wenn die Welt als Ganzes erst Heimat wäre“.
Hugo Loetscher wurde am 22. Dezember 1929 in Zürich geboren, studierte an den Universitäten Zürich und Paris Philosophie, Soziologie und Literaturwissenschaft. 1956 promovierte er mit „Die politische Philosophie in Frankreich nach 1945“ zum Doktor der Philosophie. Hugo Loetscher war u.a. Literaturkritiker bei der NZZ und der Weltwoche und gehörte von 1958 bis 1962 der Redaktion der Monatszeitschrift Du an. Seit 1969 war er als freier Schriftsteller und Publizist tätig, bereiste seit 1965 regelmässig Lateinamerika, Südostasien und die USA, war Gastdozent an der Universität Fribourg, der Universität of South California, der City University of New York und den Universitäten München und Porto. 1992 wurde Hugo Loetscher mit dem Grossen Schiller-Preis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. Der Autor verstarb am 18. August 2009 in Zürich. Links: Autorinnen und Autoren der Schweiz: Hugo Loetscher (http://lexikon.a-d.s.ch/edit/_a.php?id_autor=1081).
Hugo Loetscher
War meine Zeit meine Zeit Diogenes-Verlag, Zürich 2009 409 Seiten, geb., Fr. 38.90. |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 27. August 2009 |
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| Buchtipp: Valzhyna Mort – Tränenfabrik, Gedichte einer neuen Stimme |
Die weissrussische Dichterin Valzhyna Mort gehört zu den aufsteigenden Sternen des östlichen Literaturhimmels. Der 1981 in Minsk in der damaligen Sowjetunion geborenen Mort wird von der „Zeit“ nicht nur Weltliteraturformat, sondern auch ein souveräner Umgang mit erotischen Motiven und die „Kraft eines Walt Whitman“ bescheinigt. In der SZ lobt man die Musikalität ihrer Gedichte und Anklänge an die junge Ingeborg Bachmann. Solche Einordnungen hat die junge Dichterin eigentlich nicht nötig, denn eine derart originale, urwüchsige und unverwechselbare Sprache und Stimme hat man in der Literatur seit langem nicht mehr vernommen. Die Gedichte folgen den Stationen ihres Lebens. Ihr Auftritt im Bowery Poetry Club in New York 2007 endete mit standing ovations. Valzhyna Mort lebt zur Zeit in Washington. Sie übersetzt aus dem Polnischen und Englischen und unterrichtet Lyrik an der Universität Baltimore.
Ihr Gedicht auf die weissrussische Sprache, die Mort erst als Jugendliche lernte und die von Katharina Narbutovic souverän ins Deutsche übersetzt wurde, zeigt die elementare Wucht ihres Ausdrucks: „diese sprache existiert nicht, / sie hat nicht einmal ein system, / ein gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich - / sie schlägt einem sofort in die fresse“.
2005 erschien in Minsk ihr erster Gedichtband „Ich bin so dünn wie deine Wimpern“. Anfang 2008 erschien ihr zweiter Gedichtband Factory of Tears, der 2007 bereits in der schwedischen Übersetzung publiziert wurde, im amerikanischen Verlag CopperCanyonPress in einer englisch-weissrussischen Ausgabe. 2004 erhielt Valzhyna Mort den Kristal-Preis beim Literaturfestival im slowenischen Vilenica, 2008 den Hubert-Burda-Förderpreis für junge osteuropäische Lyrik. Unter dem Titel „Tote Saison“ erschienen 2007 in Minsk ihre Übersetzungen von Gedichten des polnischen Dichters Rafal Wojaczek (1945-1971).
Zur deutschen Ausgabe ihrer Gedichte gibt Mort selbst Auskunft über ihre Befindlichkeit der frühen Jugendjahre und die enge Beziehung zu ihrer Grossmutter: „Nach Irgendwodort nimmt mich meine Grossmutter mit. Grossmama ist mein Peter Pan. Und wirklich, was sonst könnte Grossmama und Enkelin verbinden, wenn nicht die Unsterblichkeit. Meine Grossmama ist unsterblich, solange sie Geschichten erzählt, solange das Ende einer Begebenheit stets der Anfang einer neuen ist. Das Licht ihrer Erinnerung, das ist nichts anderes als das Licht des OP’s, wo sie auf dem Tisch liegt, während alle, an die sie sich erinnert, sie mit ihren Namen, Anschriften, Telefonnummern, Geburtsdaten und Sterbedaten retten. Was mich betrifft, so bin ich unsterblich, weil ich ein Kind bin und der Tod für mich noch nicht existiert“.
Ihre burschikosen, unvermutet direkten, humorvoll leisen oder auch wehmütigen Notate über Gott und die Welt, Herkunft und Zukunft, berühren ganz unmittelbar, wie im Prosatext PROLLS: „Nichts ist absurder als ein Sommer in der Stadt. Alles und alle vor Augen, aber keiner sieht wen. Die Menschen haben Gesichter wie Ameisen oder Wespen. Sie sind überall, und zugleich sind sie nirgends. Sie bitten die Vergangenheit, fünf Minuten eher gehen zu dürfen, aber verspäten sich in der Zukunft (…)“.
Oder im Gedicht MÄNNER (Auszug):
„männer kommen wie die kalenderdaten / und wiederholen sich einmal pro monat / männer sahen den boden / der tiefsten Flaschen / erdengötter, himmelskönige Und gleich perlen, / wenn die Kette reisst / lässt die berührung ihrer hände schauder rieseln / lässt das klopfen ihrer herzen - pforten sich öffnen / lässt der klang ihrer stimmen – schiffe gefahren kommen / und der wind hat ihnen das gesicht geleckt wie ein dummer hund / und ist dem zug hinterdrein gesaust. / sie ziehen mich aus als entkleideten sie sich selbst, / und halten mich in den armen wie ein saxophon. / und diese musik, ihre bluesmusik, / fliesst wie die milch aus mutterbrüsten. / solche hohe noten meistern die menschen nicht, / solch hohe noten fürchten die götter. / männer, die die zeit das laufen lehren. / männer, die kinder das lachen lehren. / männer, die männer in clubklos lieben, / männer, die dem tod in person die hände küssten. / männer, die niemals mir glauben.“
Valzhyna Mort
Tränenfabrik. Gedichte. Edition Suhrkamp 2009. Fr. 16.90.
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| Ingrid Isermann, Mittwoch, 19. August 2009 |
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| Buchtipp: Literarischer Reiseführer durch Calli, Campi, Caffès – Mit Brunetti durch Venedig |
| Die Autorin Toni Sepeda folgt Commissario Brunettis Spuren durch die Gassen Venedigs, begleitet von den Zitaten Donna Leons. So etwas wie ein Ariadnefaden durch das Gassenlabyrinth Venedigs ist der veritable literarische Reiseführer „Mit Brunetti durch Venedig“. Ob Sie Commissario Brunetti in Venedig antreffen, ist zwar ungewiss, begegnen kann man ihm auf jeden Fall in seinem siebzehnten Kriminalfall „Das Mädchen seiner Träume“, wo es um ein verschwundenes Roma-Mädchen geht.
Wo Commissario Guido Brunetti unterwegs ist, in den Calli, Campi und Caffès rund um die Questura, San Polo, Rialto, San Marco, Murano oder Burano, kann man durch die winkligen Gassen, ob daheim oder vor Ort, ungezwungen dem Commissario hinterherspazieren und durch Venedig flanieren… Oder auch einen Abstecher an die Biennale machen... Toni Sepeda, geboren 1942, unterrichtet seit 1982 Literatur und Kunstgeschichte an der University of Maryland, wo auch Donna Leon tätig war, hat 12 Rundgänge in Venedig mit detaillierten Stadtplänen und Angaben der erwähnten Bücher zusammengestellt: Vom schönsten Viertel der Welt, über Venedigs geheime Winkel zur Haustüre Brunettis, Canal Grande, Viertel Santa Croce zum Rialto, ein Fest für die Sinne…
Das Vorwort von Donna Leon macht mit Brunetti durch die einzelnen sestieri vertraut. Der Campo San Polo, in dessen Nähe Brunetti lebt, ist der zweitgrösste Platz der Stadt. Seine Ermittlungen führen Brunetti oft nach Castello, in ein noch relativ unentdecktes Viertel, in dem sich das Ospedale und die Questura befinden. Die echte Questura, in der die andere Polizei ihren Sitz hat, steht übrigens am Piazzale Roma. Mit Brunetti durch Venedig folgt dem Commissario, während er sich intuitiv durch das Labyrinth der calli, rughe und rive bewegt und seinen Gedanken und Reflektionen nachhängt. Das Buch als Ferienlektüre lässt Raum und Musse für eingehende eigene Betrachtungen.
Im neuesten Kriminalfall Brunettis „Das Mädchen seiner Träume“ treibt ein Mädchen tot im Canal Grande und wird von niemandem vermisst. Dem Commissario geht die Elfjährige nicht aus dem Kopf und er geht ihrer Geschichte bis in seine Träume nach. Aus einem wohlhabenden Umfeld kommt das Mädchen nicht, wohl aber aus einer Wagenburg auf dem Festland.
Die erprobte Krimi-Autorin Donna Leon versteht es, Sozialkritik mit dem Lokalkolorit Venedigs zu verbinden und Fragen aufzuwerfen, um in Zeiten wachsender Abschottung Europas gegen Asylanten unbequeme Tatbestände aufzudecken. Das bekannte Charisma Brunettis, gepaart mit Respekt vor menschlichen Schicksalen, macht auch hier die Lektüre zu einem Lehrstück in Sachen Zivilcourage und Ethik, wie man sie sich im täglichen Zusammenleben öfters wünschen würde.
Toni Sepada: Mit Brunetti durch Venedig. Vorwort von Donna Leon. 365 Seiten, Paperback, Diogenes, Zürich 2008. Fr. 35.90.
Donna Leon: Das Mädchen seiner Träume. Commissario Brunettis siebzehnter Fall. 3512 Seiten, Hardcover, gebunden, Diogenes, Zürich 2009. Fr. 38.90. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 14. Juli 2009 |
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| Der Dompteur der Medien? |
Er macht es vor, er lässt die Puppen tanzen… sprich die Medien. Wie Roger Schawinski sich letzte Woche zelebrierte, ist Anschauungsunterricht für die serbelnde Medienbranche. Ein Mann ohne Eigenschaften? Nicht doch, so selbstverliebt ist so leicht keiner. Er ändert das Musikprogramm in seinem Radio 1 - dem „Tages-Anzeiger“ ist es am Donnerstag eine dreiviertel Seite wert. Der Bundesrat wird neu gecastet - am Freitag in der Arena SF ist auch Roger S. dabei und redet Alt-Bundesrat Blocher ins Gewissen („Seien Sie nicht immer so negativ“). Am Samstag am Hottinger Quartierfest, dem Einzugsgebiet für Radio 1 – Referat über „Hottingen aus der Berliner Perspektive“. Ein Medienmann, der die Medien für sich selbst zu nutzen weiss. Und weiss, wie sie ticken.
Beim Hottinger Quartierfest am Samstag, 27. Juni 2009, auf dem Platz vor dem Kreisgebäude an der Gemeindestrasse, trat auch Roger Schawinski im Festzelt in Erscheinung, mit einem Referat über „Hottingen aus der Berliner Perspektive“. Seit er wieder zurück sei, am Zürichberg, könne er es erst richtig schätzen, wie schön es hier sei, denn in Berlin-Ost, wo er lebte, in einem alten Haus, aber mit Maybritt Illner und anderen, sei es doch vergleichsweise kälter und kühler. Die Berliner seien arm, hätten kein Geld, die Schere ginge immer weiter auf… Als ob auch hier die Schere nicht auch immer weiter aufgeht… Das Haus, in dem der Mediensportler lebte, war ein Loft mit Swimmingpool, also keineswegs der Berliner Kiez.
Das Radio 1 habe er gegründet, in einem Haus, wo früher die Abhörzentralen im 2. Stock gesessen seien, jetzt sendet er von dort aus sein Radioprogramm und jeder könne mithören… Wenn sie’ denn auch täten… Dem ist wohl nicht so und deshalb eine kleine Performance innert drei Tagen… Klappern gehört zum Geschäft! Wer wüsste das besser als Roger Schawinski. Clever, der Mann, diese Eigenschaft kann man ihm nicht absprechen. Ein Medienmann,der die Medien im Griff hat. Gelernt ist gelernt.
Apropos Arena SF: Selbst Christoph Blocher war erstaunt, „so kenne ich Sie ja gar nicht“,meinte er. Wegen des Votums zum Positiven hin. Und dem Tages-Anzeiger verriet Schawinski: „Bei der Musik war ich etwas exzentrisch“. Wenn’s nur das ist … Der Zürcher Radiostreit ist aber noch nicht vorbei, Konzessionen erhielten Radio 24, Radio Zürichsee und neu Radio 1 (etwa eine heimliche Konkurrenz zu DRS 1?). Radio Energy ging leer aus und reichte gegen diesen Entscheid beim Bundesverwaltungsgericht Rekurs ein. Der Gerichtsentscheid dürfte im Herbst gefällt werden. |
| Ingrid Isermann, Sonntag, 28. Juni 2009 |
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| Mediendebatte: Zur Podiumsdiskussion im Theater Neumarkt |
Zur Podiumsdiskussion im Theater Neumarkt "Die Zukunft der Kulturberichterstattung" am 22. Juni 2009 mit Niels Ewerbeck (Leiter Gessnerallee), Jean-Pierre Hoby (Kulturdepartement Zürich), Markus Spillmann (Chefredaktor „Neue Zürcher Zeitung“), Res Strehle (Chefredaktor „Tages-Anzeiger“).
Das nicht spärlich erschienene Publikum im Neumarkt.
Schreiben Zeitungen an der Leserschaft vorbei? Wie nutzen LeserInnen Inhalte? Sind die massiven Entlassungen nötig? Über Zielkonflikte, wie der Strukturwandel gestaltet werden soll, gab es viele Voten, aber kaum Visionen. "Die Branche erkennt den Ernst der Lage, 40 Prozent der Erträge sind eingebrochen, 30 Prozent der LeserInnen sind verloren, Junge wenden sich nicht den klassischen Tageszeitungen zu“, brachte es Res Strehle auf den Punkt. Das Online-Portal werde ausgebaut, obwohl es defizitär ist. Die Online-Konkurrenz, vermeintliche Frühpensionierungen, besorgte Leserschaften: „Wie kann man das mit weniger Personal ohne Qualitätseinbussen verkraften?“, fragte DRS-Redaktorin Isabel Jacoby.
Wieviel Journalismus erträgt es noch, war da eine Frage der Podiumsteilnehmer, die beim Publikum merklich für Irritation sorgte.. und wieviel Journalismus braucht die Kultur? Jacoby: „Abbau ist kein Qualitätsmerkmal. Sie wollen mit weniger Leuten mehr Qualität erreichen, sagen sie. Die Quadratur des Kreises“? Spillmann: „In 2-3 Jahren kann man es besser bewerten. Es gibt einen Zielkonflikt, wie der Strukturwandel gestaltet werden soll, wir haben die schwerste Rezession seit 80 Jahren“. Wie kann man da Renditeerwartungen entsprechen? Indem man die bestmögliche Qualität bewahrt, so Spillmann. Res Strehle will mehr Eigenleistungen mit weniger Leuten durchführen, online, und die Tageszeitung mit Schwerpunkten und Recherchen stärken. Strehle zu seinem Amtsantritt als Co-Chefredaktor.„Ich weiss nicht, ob es richtig ist, wie und dass ich es mache, das weiss man immer erst später.“
Spillmann: „Der Nutzwert einer Tageszeitung wird sich verändern müssen“. Wie nutzen LeserInnen die journalistische Leistung? Das lasse sich nicht zuletzt an den Auflagezahlen messen. Hier habe die NZZ als Tageszeitung leicht zugelegt. Kultur sei für die NZZ extrem wichtig, das Feuilleton gehe in die Tiefe und in die Breite (Themenvielfalt). Drei Seiten Kultur, pro Ausgabe - aber man müsse dennoch Ausgaben und Aufwendungen überdenken.
Jean-Pierre Hoby gab zu bedenken, warum überhaupt noch eine Zeitung kaufen, wenn keine Erklärungshilfen und Interpretationen mehr in den Tageszeitungen geboten werden. Das sei für ihn in Sachen Kultur eminent wichtig, diese Vermittlung und Brückenfunktion wahrzunehmen, die Visionen zu interpretieren.
Niels Ewerbeck monierte, dass stets von den Verlegern nur reagiert werde statt agiert, er hierin auch einen Provinzialismus sähe, da alles, was in Zürich stattfindet, als nicht relevant gilt. Jean-Pierre Hoby pflichtete dem bei: „Diese Kulturpolitik ist grundfalsch, es kommt darauf an, zu motivieren und Dinge zu erklären“.
Alles sei gleich gewichtet, wieso proportional sparen, warum nicht quer subventionieren? Nach Strehle ginge das nicht (mehr), jedes Produkt müsse sich selbst finanzieren. Der „Tages-Anzeiger“ werde im September einen Relaunch haben, eine 4-Bund-Zeitung mit Politik, Kehrseite, Wirtschaft, Kultur und Sport.
Markus Spillmann verwies auf die überregionale Berichterstattung der NZZ. Res Strehle meinte, dem NZZ-Feuilleton müsse man ein Kränzchen winden, da werde täglich hervorragende Arbeit geleistet, vor der er den Hut ziehen müsse.
Eine Ökonomie der Vernunft wäre angesagt statt plissierter Meinungen. Es bleibt rätselhaft, wie Qualität mit weniger Journalisten bewahrt werden kann, wenn es jetzt schon nicht reicht, viele wertvolle Veranstaltungen zu erwähnen. Die Sängerin La Lupa sprach beispielsweise in eigener Sache, dass ihre Aufführungen nicht oder kaum von der Kritik beachtet würden. |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 24. Juni 2009 |
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| Die Zukunft der Kulturberichterstattung |
Zur Diskussion im Theater Neumarkt am 22. Juni 2009 mit Niels Ewerbeck (Gessnerallee), Jean-Pierre Hoby (Kulturdepartement Zürich), Markus Spillmann (NZZ), Res Strehle (Tages-Anzeiger). Ltg. Isabel Jacoby (Radio DRS).
Es war auch dieses Podium massgeblich eines von immergleichen Wiederholungen, in verschiedenen Zeiträumen. Es ging ums Sparen Sparen Sparen. Und um, so die Wörter der zwei Chefredaktoren und Kulturmenschen auf dem Podium: "Zielkonflikte", "Strukturwandel", "Rezessionen", "Renditeerwartungen", "Fluktuationen", "Referenzmodelle", "Provinzialismus". Es gibt nichts wirklich Neues unter der Sonne. Der einzig wahre Gedanke ist der lebendige... Ionesco, Die Nashörner, undsofort… Was allerdings neu und erstaunlich war: die Veranstaltung war ausserordentlich gut besucht. Das Theater Neumarkt quoll aus allen Nähten. (Fehlende) Kulturberichterstattung scheint tatsächlich zu bewegen, wie es der Direktor der Gessnerallee behauptete.
Und so beschreibe ich den gestrigen Abend einfach mal so, dass sich jede/r seinen Teil selbst dazu denken könnte... Wissen Sie, von wem die folgenden Titel stammen?
Der Tanz ums Goldene Kalb. Der Krug geht zum Brunnen bis er bricht. Und der Haifisch, der hat Zähne, und die trägt er im Gesicht. Mutter Courage und ihre Kinder. Herr Puntila und sein Knecht Matti. Schweiz als Heimat? Offener Brief an den Schweizerischen Bundesrat. Blätter aus dem Brotsack. Demokratie – ein Traum? Der Dialektik des patriotischen Glaubens ist keine Niederlage gewachsen. Im Scheitern liegt auch Gnade.
Demokratie! Will heissen: ins Theater gehen! Bücher lesen! Literatur! |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 23. Juni 2009 |
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| Richard David Precht: „Die Liebe ist ein unordentliches Gefühl |
Richard David Precht im Kulturhaus Helferei am 10. Juni 2009. Bild: Ingrid Isermann
Die Liebe macht, den Dingen und Menschen einen Wert zu verleihen, sagt Richard David Precht. Und Experten in Sachen Liebe seien wir alle. Denn verliebt war jeder schon einmal. Müssen wir darum genau wissen, was es ist? Da sei er nicht sicher, legt aber trotzdem los mit seinem vergnüglichen Tour d’Horizon durch die menschliche Kulturgeschichte. Schliesslich sind über die Liebe so unglaublich viele Bücher geschrieben worden. Neuerdings melden sich auf diesem Terrain auch vermehrt Naturwissenschaftler zu Wort. Liebe und Leidenschaft – alles nur Chemie? Dopamin, Serotonin, Oxytoxin, Endorphine…
Die zahlreichen Beziehungsratgeber, warum Frauen nicht einparken können und Männer eben anders sind, weil sie Männer sind, von denen insgesamt 70 Mio. verkauft wurden, zeigen das Interesse an dem Thema. Und sie verkaufen sich so gut, so Precht, weil alles gelogen ist und unsere Vorurteile so bestätigt werden. Dass Männer einen Tunnelblick haben, Mammutjäger waren und Frauen keine Strassenkarten lesen können, weil sie nie Mammuts gejagt haben. Das wäre 100 000 Jahre her. Die Mammutjagd begann aber vor 50 000 Jahren und das auch nur in einem kleineren Teil der Welt. Wer da gejagt hat, sei gar nicht mehr festzustellen.
Hormone spielen verrückt
Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt es aber tatsächlich, denn das sind die Hormone. Testosteron spielt auch zwischen Männern, und die Hormone sind angeboren, festgelegt von Geburt an. Aber auch das soziale Umfeld prägt. Wenn jemand oben ist auf der Leiter, kann sich der Testosteron-Spiegel durchaus markant erhöhen. Wie bei den Affen, wie Untersuchungen zeigten. Die aggressiven Bonobos seien den Menschen am ähnlichsten. Spannungen werden durch Sex gelöst. Die Chefaffen sind oft blöd, von Testosteron geblendet. Deshalb spiele die soziale Intelligenz eine so grosse Rolle. Wir produzieren mit Erwartungen eine Erwartungshaltung. Überhaupt keine Fragen zu stellen, den ganzen Abend zu reden, das sei eine typische Frage des Testosterons. Von Sex zu reden, heisst nicht, von Liebe zu reden. Der Schöpfungsmythos der Liebe, die romantische Liebe gibt es noch nicht solange, etwa seit dem 20. Jahrhundert, denn früher wurde aus Interessen- und Wirtschaftsüberlegungen geheiratet. Wie es auch heute noch in vielen Kulturen üblich ist.
Psychogramme und Vorbilder
Das alles ist nicht neu, im Zeitraffer aber plausibel geschildert. Dann wird Precht konkreter. Warum ist man verliebt? Der Mensch ist liebesfähig, und das komme von der Bindung der Mutter zu ihren Kindern. Für Väter ist das noch ein relativ neues Phänomen, meint Precht. Die Eltern geben, im besten Falle, Sicherheit, Vertrauen und Geborgenheit als Lebensexlixier. In der Pubertät löst man sich von den Eltern und dieser Mangel sei es, der auf den Partner oder die Partnerin projiziert werde, um die Aufregung und die Geborgenheit wieder zu erlangen. In der Biochemie gehe aber Aufregung, Dopamin, nicht mit Geborgenheit, Serotonin, zusammen. Um beides gleichzeitig zu haben, greifen viele zu Alkohol, um den Dopaminspiegel hochzuhalten. Mit den bekannten Nebenwirkungen. Es gibt ein Mittel, das beides gleichzeitig ermöglicht: Aufregung und Geborgenheit im Zustand der Verliebtheit. Das dauere max. 3 Jahre, und nach 3 Jahren drohe die Verblödung. Was macht man also danach? Die Liebe müsste dann einsetzen. Die Träume zu leben, sei das Dilemma der Gegenwart. Manche Freundschaften dauern länger als die Liebe, wenn die Partner schon längst gewechselt haben. Und Precht fügt bei, dass wir so frei in der Partnerwahl nicht sind, die Ambivalenz herrührt von den Vorbildern der Eltern, welches Verhältnis sie zueinander hatten. Hatten die Eltern ein hohes Humorniveau, wird man kaum mit einem humorlosen Menschen glücklich werden. Die Lektüre tischt wenigstens keine Ammenmärchen auf und beleuchtet auf gut verständliche Weise die psychischen und physischen Abhängigkeiten der Partnerwahl.
Richard David Precht: „Liebe – Ein unordentliches Gefühl“. Goldmann-Verlag. |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 10. Juni 2009 |
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| Stellenabbau beim „Tages-Anzeiger“ und das Vorbild der Uhrenindustrie |
Das Schweigen im (Blätter)walde bei Tamedia nach der Chronik eines angekündigten Stellenabbaus? Jetzt meldet sich Co-Chefredaktor Res Strehle im „Tages-Anzeiger“ selbst zu Wort. Versuch einer rationalen Begründung einer irrational erscheinenden Massnahme? Nicht zuletzt angesichts eines geplanten Neubaus eines renommierten japanischen Stararchitekten für Tamedia.
Und des prall gefüllten TA-Einkaufskorbs mit lauter schönen Schweizer Presseerzeugnissen, die es so vielleicht bald alle nicht mehr geben wird. Mit demokratischer Meinungsfreiheit und – Medienvielfalt ist nicht zu spassen, solange die Schweiz eine demokratische Wissensgesellschaft sein will. Das Rezept? Res Strehle bemüht einen Vergleich mit der Schweizer Uhrenindustrie.
Vorbild ist die Schweizer Uhrenindustrie
Res Strehle: „Die Sorgen eines Teils der „Tages-Anzeiger"-Belegschaft um ihre Zukunft ihrer Tageszeitung sind berechtigt. Die bezahlte Abozeitung ist angesichts der Pendlerzeitungen, ausgebauten Onlineportalen und des wachsenden Informationsangebots elektronischer Medien weltweit in einer schwierigen Lage. (sic!)
(…) Es gibt nur einen Weg, der Bedrohung wirkungsvoll zu begegnen: eine ausgeglichene Rechnung. Dies geht dann ohne Qualitätseinbusse, wenn die Tageszeitung der Zukunft stärker fokussiert auf Eigenleistungen, speziell Recherche und Analyse, attraktiv aufgemacht ist, die Leserschaft immer wieder auch überrascht und ihr täglich ein kundiger Reiseleiter durch den wuchernden Nachrichtendschungel ist.
(…) Verwaltungsrat und Unternehmungsleitung haben von der Chefredaktion verlangt, die Kosten den künftigen Erträgen anzupassen, was zu einem Stellenabbau führen wird. Chefredaktion und Ressortleitungen haben das akzeptiert, im Wissen darum, dass langfristig nur jene Institutionen bestehen, denen diese Anpassung gelingt. Wir wären nicht glaubwürdig, wenn wir diese Forderung an Krankenkassen, Fussballvereine oder an die Pro Juventute stellen,selber aber nicht erfüllen. Gegenteilige Beispiele, etwa im Uhrensektor oder in der Zivilluftfahrt, gibt es auch in der Schweiz genug. Das Gesundheitswesen liefert in diesem Tagen Anschauungs-Unterricht dafür, wenn Kosten aus dem Ruder laufen. Das Malaise wird auf die Prämienzahler überwälzt – das können Tageszeitungen nicht. Ihre Abonnenten und Käufer zahlen freiwillig.
(…) Der „Tages-Anzeiger“ wird auch nach der aktuellen Sparrunde knapp 180 Vollzeitstellen aufweisen, insgesamt von weit über 200 kompetenten Journalistinnen und Journalisten gemacht, die ihre Dossiers genau kennen. Er gehört so mit der NZZ weiterhin zu den am besten dotierten Tageszeitungen der Schweiz. Die Redaktion wird zusammen mit ihrem ausgebauten Onlineportal Tagesanzeiger.ch und ihrer Pendlerzeitung „News“ so gross sein wie zu den besten Zeiten.
Ängste um die Zukunft der Qualitätszeitung sind so wenig begründet, wie sie um die Zukunft der Schweizer Uhr in den Siebzigerjahren waren. Herausforderung war die Billiguhr mit tiefen Gestehungskosten. Die Markenuhr mit langer Tradition und hohem handwerklichem Standard litt anfänglich, aber fand bald zu neuer Stärke. Einen ähnlichen Weg wird die Qualitätszeitung gehen. Ihre Machart der Zukunft hat Felix E. Müller, Chefredaktor der „NZZ am Sonntag“, kürzlich in drei Worten sehr treffend umschrieben: weniger, präziser, originaler. Ergänzte man noch: origineller und visuell stärker, es wäre der Anspruch des neuen „Tages-Anzeigers“. So mischt sich in die Trauer über das Ende einer Epoche das Wissen um die Chance des Neuen. ("Tages-Anzeiger", 27. Mai 2009).
Apropos Nachrichtendschungel: 20 Minuten, News, Newsnetz, online Tages-Anzeiger? Mit weniger Personal und Recherchen, Analysen und Überraschungen für die Leserschaft in die Zukunft? Hatten Chefredaktion und Ressortleitungen eine andere Wahl, als dem Stellenabbau zuzustimmen? Die Zivilluftfahrt als Beispiel für eine gelungene Innovation zu benennen, ist gewagt, denn die Swissair, die zur Swiss mutierte, wurde schliesslich von der Lufthansa übernommen. Das Malaise wird auf die mitarbeitenden JournalistInnen überwälzt, die eine Kündigung ihres Arbeitsvertrages kassieren. Sogar ein ideeller Schulterschluss mit der Konkurrenz NZZ gehört nun neuerdings zum Verteidigungsarsenal einer bedrängten Medienunternehmung. Origineller? Wie wäre es, den Tagi gleich einer Werbeagentur zu übergeben, die die schmissigen Headlines schreibt und auch für originelle Inputs sorgt? Ob es billiger käme als die JournalistInnen?
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| Ingrid Isermann, Mittwoch, 27. Mai 2009 |
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| Auf nach Basel – zu van Goghs blühenden Landschaften |
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Vincent van Gogh – Zwischen Erde und Himmel: Die Landschaften
Blick auf Arles mit Iris im Vordergrund.
Blühender Garten mit Pfad im Juni 1888. Collection of the Gemeentemuseum Den Haag. Fotos: Courtesy Kunstmuseum Basel.
Es müssen nicht immer Sonnenblumen sein… Das Masterpiece von van Gogh in Ehren. Doch der Händler der vier Jahreszeiten, der Engel der Metamorphosen ist in einer Schau mit 70 Gemälden neu zu entdecken. Im Lichtermeer der Farben… Dancing in the light… Staying alive… Talks to you like lovers do… Jetzt ab sofort im Kunstmuseum Basel.
Das Kunstmuseum Basel zeigt weltweit erstmals in einer spektakulären Gesamtschau die Landschaftsbilder des Jahrhundert - Künstlers Vincent van Gogh. 70 Gemälde – sowohl weltbekannte Schlüsselwerke wie auch bisher der Öffentlichkeit nicht zugängliche und kaum bekannte Bilder – eröffnen einen ungewohnten Zugang und neue Perspektiven zur Künstlerlegende van Gogh. In allen Perioden seiner kurzen Schaffenszeit feierte van Gogh in seinen Werken die Einzigartigkeit und Schönheit der Schöpfung. Dorf- und Stadtlandschaften, Gärten, Parks, Felder, Olivenhaine oder auch Weinberge, beseelt mit lichtvoller Präsenz.
Über den Maler van Gogh, der alle seine Bilder mit Vincent signierte, mag man kein Wort mehr verlieren. Ist nicht alles schon gesagt? Vincent van Gogh nimmt uns mit auf den Weg zu uns selbst, erinnert an Glücksgefühle der Kindheit, in einem wogenden Blütenmeer, im Staunen über die erwachende Natur… schauen, staunen, sich berühren lassen.
Blumenbeete in Holland. Foto Courtesy Kunstmuseum Basel.
Der Katalog (Hatje Cantz, 312 Seiten, Fr. 69.-) versammelt verschiedene Aufsätze zum neuesten Stand der van Gogh-Forschung.
Kunstmuseum Basel, St. Alban-Graben 8, 4010 Basel. 26. April bis 27. September 2009. Di bis So. 9-19 Uhr. www.kunstmuseumbasel.ch www.vangogh.ch |
| Ingrid Isermann, Samstag, 25. April 2009 |
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| Buchtipp: Judith Butler – „Was eine lebenswerte Welt ausmacht, ist keine eitle Frage |
In ihrer vielbeachteten Studie Das Unbehagen der Geschlechter entwickelt Judith Butler die These der Performativität des Geschlechts, die Einsicht, dass wir nicht nur durch biologische Parameter bestimmt sind, sondern dass wir es durch unser Sprechen und Handeln allererst erzeugen. Was wir sind, hängt davon ab, was wir tun – was wir tun, liegt aber häufig nicht in unserer Macht.
In ihrem neuen Buch geht Judith Butler nun den Reglementierungen und Einschränkungen unseres Handelns nach und erforscht verschiedene Möglichkeiten, bestehende Muster, Regeln und Ordnungen zu hinterfragen, um Handlungsspielräume – und neue Möglichkeiten, die eigene Identität zu gestalten – zu erschliessen. Die Macht der Geschlechternormen vertieft und bilanziert eine Reihe der Thesen und Themen aus Butlers früheren Werken, u.a. die Materialität des Körpers, die Beziehung zwischen Macht und Psyche und die politischen Dimensionen der Psychoanalyse.
Die Frage nach dem guten Leben
Die Frage nach dem Leben lässt sich verschiedenartig formulieren: Was ist das gute Leben? Wie hat man sich das gute Leben gedacht? Was wäre denn das gute Leben für Frauen? Wessen Leben zählt überhaupt als ein Leben? Wer hat das Vorrecht zu leben? Wie entscheiden wir, wann das Leben beginnt und wann es endet, und wie wägen wir Leben gegen Leben ab? Unter welchen Voraussetzungen sollte Leben entstehen und mit welchen Mitteln? Wer sorgt für entstehendes Leben? Wer kümmert sich um das Leben eines Kindes? Wer sorgt für ein Leben, das langsam erlischt? Wer ist zuständig für das Leben der Mutter und welchen Wert hat es letztlich? Und in welchem Umfang garantiert die Geschlechtsidentität, eine kohärente Geschlechtsidentität, dass ein Leben gelebt werden kann?
Butler: „Man könnte meinen, dass die Frage, wie man die eigene Geschlechtsidentität ausfüllt, eine rein kulturelle Angelegenheit ist oder ein Luxusproblem derer, die hartnäckig darauf bestehen, die bürgerliche Freiheit im Übermass auszunutzen“. Die im Buch versammelten Aufsätze stellen einige der jüngsten Arbeiten zu Gender und Sexualität dar.
Die hegelianische Tradition verbindet Begehren mit Anerkennung und behauptet, dass das Begehren immer ein Begehren nach Anerkennung sei und dass wir alle nur durch die Erfahrung der Anerkennung zu sozial lebensfähigen Wesen würden. Doch,so Butler, die Bestimmungen, anhand deren wir als menschlich anerkannt werden, sind gesellschaftlich artikuliert und veränderbar. Das Begehren hänge in dem Masse, meint Butler, wie es mit den sozialen Normen impliziert sei, auch mit der Machtfrage zusammen, was infolge der Anerkennung entsprechend den vorherrschenden sozialen Normen produziert wird: „Infolgedessen ist das „Ich“, das ich bin, zugleich durch die Normen geschaffen und von den Normen abhängig“.
Judith Butler, geboren 1956 in Cleveland/USA, ist Professorin für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft an der University of California in Berkeley. Im Suhrkamp Verlag sind diverse ihrer Publikationen erschienen.
Judith Butler. Die Macht der Geschlechternormen. 414 Seiten, geb., Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M. 2009. Fr. 42.50 |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 16. April 2009 |
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| Buchtipp: „Liebesgeschichte“ von Louise de Vilmorin |
Was für eine reizende Sommerlektüre, leicht wie ein Soufflé, anregend wie ein Glas Champagner, eine Ménage-à-trois in Südfrankreich, 1955 von der Autorin Louise de Vilmorin verfasst und jetzt wieder aufgelegt im Zürcher Dörlemann-Verlag. Peter von L. ist attraktiv, finden Catherine und Marise. Der Ansicht ist auch Catherines junge Tochter. Doch Peter von L. liebt eine Tote.
De Vilmorin war befreundet mit Antoine de Saint-Exupéry, André Malraux, Jean Cocteau, Coco Chanel, Maria Callas und Françoise Sagan. Intelligenz und Esprit, Schönheit und Eleganz: Gräfin Louise „Loulou“de Vilmorin (1902-1969) war berühmt als Schriftstellerin, ihre literarischen Salons in ihrem Haus in Paris gehörten zu den gesellschaftlichen Ereignissen im Frankreich der 1950er Jahre. Zu ihren Verehrern, Liebhabern und Ehemännern zählten ein amerikanischer Millionär ebenso wie ein ungarischer Aristokrat und französische Künstler, wie Antoine de Saint-Exupéry, André Malraux, Jean Cocteau, Coco Chanel, Maria Callas und Françoise Sagan. Später arbeitete de Vilmorin auch als Journalistin unter anderem für die Vogue, und schrieb gemeinsam mit Louis Malle das Drehbuch zu Les Amants (Die Liebenden) mit Jeanne Moreau.
Ihr Thema war die mondäne Welt der europäischen Bourgeoisie, die sie porträtierte und zugleich mit scharfem Blick und feiner Ironie enttarnte. Louise de Vilmorin kam am 4. April 1902 in Verrières-le-Buisson bei Paris zur Welt – im Stammhaus ihrer Familie, die ein Vermögen mit Getreide- und Futterhandel gemacht hatte. Ihre ältere Schwester war durch Heirat mit Henri de Toulouse-Lautrec verwandt. In Louise de Vilmorins Gesellschaftsromane fliesst mit ironischem Unterton spitzzüngige Dialoge und lässt pointierte Momentaufnahmen der Bourgeoisie der 1930 bis 1960er Jahre lebendig werden. Auf Deutsch war lange Zeit nur „Les belles amours“ erhältlich, mit „Liebesgeschichte“ hat der Dörlemann-Verlag nun die Autorin und ihre raffinierte Geschichte um Verführung, Manipulation und Täuschung für die deutschsprachigen LeserInnen neu entdeckt.
Liebesgeschichte. Roman aus dem Franz. von P. Klobusiczkzy. Dörlemann-Verlag, Zürich 2009. 127 S., Fr. 29.80. |
| Ingrid Isermann, Sonntag, 5. April 2009 |
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| Die Indianer und wir |
Was für eine muntere Kulturdebatte, die der deutsche Finanzminister Peer Steinbrück zum Steuerstreit mit der Schweiz da angeschoben hat, mit seinem vermeintlich satirisch gemeinten Ausspruch der Indianer und ihrer Angst vor der Kavallerie… Und dass mit den Indianern (Dritte Welt) die Schweizer gemeint sind! Dabei gab es in Europa nie Indianer, die gehörten nicht hierher, sind also hierzulande nicht eingewandert. Was hat ein Finanzminister mit den Indianern am Hut? Da fliegen die Wortkasdaden hin und her, doch eigentlich geht es hier nur um die logische Debatte, ob Steuerhinterziehung und/oder Steuerbetrug. Und ob das Bankgeheimnis in Gefahr sei.
Auch da können Indianer nicht mitreden. Sie haben andere Sorgen. Aus ihren Reservaten kommen sie nicht mehr raus, in ihre ursprüngliche Heimat können sie nicht zurück, weil es den Urwald nicht mehr gibt. Alles gerodet, alles weg. Wie Marco Bechis (1955 in Santiago de Chile als Sohn einer Chilenin und eines Italieners geboren) eindrücklicher authentischer Film „Birdwatchers“ zeigt, der das Schicksal der Guarani-Kaiowa-Indianer im brasilianischen Regenwald Mato Grosso do Sul aufgreift, dem einst gigantischen Urwaldgebiet in Brasilien. Der Film erhielt am Filmfestival Venedig den UNESCO-Preis. Das Beste: man kann helfen und den Indianern für ihr Überleben Geld überweisen. Auch wenn damit nichts wieder gutgemacht wird, was schon geschehen ist.
Gottlob kann man die Schweiz nicht roden, der Topographie sei’s gedankt, mehr Berge als Wälder. Und Touristen, wenn sie nicht vergrault werden, sind neben Banken, der Uhren- und Hightechindustrie die wichtigsten Einnahmequellen. Insofern muss man Verständnis für die Schweiz aufbringen, wenn sie sensibel reagiert. Und den Vergleich mit den Indianern souverän zurückweist. Wir sind doch keine Indianer. Eher schon Börsianer.
Und gottlob auch, dass die Schweizer von den Deutschen so verschieden sind. Wie Schriftsteller Thomas Hürlimann meint. Obwohl viele von denen ja zu unseren Stammvätern gehören, wo der Apfel nicht weit vom Stamm fällt. Sagte Schillers Tell. Eine Volkserhebung wurde zwar nicht durchgeführt, in wie vielen Familien beispielsweise ein ungeliebter Deutscher steckt, seit den letzten paar hundert Jahren. Denn was würde das schon ändern? Es ist so, wie es ist...
"Birdwatchers" von Marco Bechis, Brasilien 2008. www.trigon-film.org |
| Ingrid Isermann, Samstag, 4. April 2009 |
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| Buchtipp: Fritz Schwarz - wohin treibt die Finanzwirtschaft? |
In den hochentwickelten Industrieländern wächst die Zahl der Erwerbslosen, von einer neuen Armut ist die Rede, während auf dem globalen Markt durch Kapitalverschiebungen Gewinne unvorstellbarer Grösse gemacht wurden. Dazu kommen Zahlungsschwierigkeiten der hoch verschuldeten Staaten, z.B. Lateinamerikas. Der Präsident Brasiliens Luiz Lula da Silva: „Der dritte Weltkrieg hat bereits begonnen – ein geräuschloser, aber deshalb nicht weniger unheilvoller Krieg. Es ist ein Krieg gegen den lateinamerikanischen Kontinent und gegen die gesamte Dritte Welt, ein Krieg um die Auslandschulden. Seine schärfste Waffe ist der Zinssatz, und sie ist tödlicher als die Atombombe.“
Seit Banken und Versicherungen ins Trudeln geraten sind, um Finanzhilfe in Milliardenhöhe beim Staat nachsuchen, selbst vermeintlich sichere Grosskonzerne auf Betteltour beim Staat gehen, reibt man sich verwundert die Augen. Was ist geschehen? Haben gewissenlose Banker das System in den Ruin getrieben? Und wer blickt da noch durch? Wohin ist das Geld verschwunden? Geld hat eine grundlegende Funktion als „Tauschmittel“, besser „Zahlungsmittel“. Die Menschen akzeptieren es als Entgelt für ihre eigene Leistung und kaufen damit die Leistung anderer Menschen zur Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Heutzutage hat sich diese Rolle des Geldes stark gewandelt.
Der Berner Fritz Schwarz kämpfte für ein gerechtes Bodenrecht und gegen das Zinssystem. Ein wichtiges Dokument der Schweizer Kulturgeschichte, nannte der Literaturkritiker Peter von Matt die Jugenderinnerungen des Berners Fritz Schwarz, der 1887 als fünfzehntes Kind von Emmentaler Bauern geboren, später Lehrer, Politiker, Publizist und Verleger wurde. Mit dem „Lebensbild eines Volksfreundes“ zeichnete Werner Schmid (1898-1981), Lehrer und Politiker die erstaunliche Geschichte eines Kämpfers nach, der sich zeitlebens für Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit einsetzte. Als junger Familienvater gab er seine sichere Stelle auf, um sich voll in den Dienst der Sache zu stellen: Als bekanntester Vertreter der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell kämpfte er in der Politik für ein gerechtes Bodenrecht und gegen das Zinssystem. Sein Einsatz für die feste Kaufkraft des Geldes trug ihm sogar einen zustimmenden Brief von Albert Einstein ein.
In zahlreichen Vorträgen und Büchern, deren Klarheit noch heute beeindruckt, erklärte er seine Thesen, die heute teilweise selbstverständlich sind. Erinnerungen von Zeitgenossen und zahlreiche Anekdoten machen das Porträt dieses aussergewöhnlichen Menschen zur fesselnden Lektüre. Der Freiwirtschafter Fritz Schwarz schildert in seinem Buch „Morgan – der ungekrönte König der Welt“, wie Finanzspekulation die Realwirtschaft schädigt. Investmentbanker Morgan sanierte sechs der amerikanischen Eisenbahnlinien, daran gesundete nicht das öffentliche Transportwesen in den USA, sondern nur er selbst. Eine Parallele dazu ist der unter Betrugsverdacht stehende US-Investor Bernard Madoff, der Anleger in Dutzenden Milliarden Dollar betrogen haben soll.
Schwarz hatte eine andere Vision: Geld als neutrales Zahlungs- und Zirkulationsmittel, das die Wirtschaft ankurbelt und Arbeitsplätze schafft. Seine Schriften sind nun neu wieder aufgelegt und auch in der NWO-Stiftung gesammelt. Die NWO – Stiftung für natürliche Wirtschaftsordnung wurde 1986 vom Basler Unternehmer Paul Gysin ins Leben gerufen. 1992 übergab Gysin seine gesammelten freiwirtschaftlichen Schriften und Bücher dem Schweizerischen Wirtschaftsarchiv an der Universität Basel. www.ub.unibas.ch/lib/. Die Grundlage der Tätigkeit der Stiftung basiert darauf, dass der Boden und andere natürliche Ressourcen ins Eigentum der Gesellschaft gehören und nachhaltiger privater Nutzung nur auf Zeit offen stehen sollten. In diesem Sinne will die Stiftung ihren Beitrag zur Förderung gemeinschafts- und zukunftsverträglicher Wirtschaftsweisen leisten. www.nwo-stiftung.ch. Fritz Schwarz ist der Vater der Presseagentin Ruth Binde, einem langjährigen FBZ-Mitglied. Sie hat die im Jahre 2008 in überarbeiteten Neuauflagen der Schriften ihres Vaters begleitet.
Werner Schmid: Fritz Schwarz – Lebensbild eines Volksfreundes. Synergia Verlag, Darmstadt, 2008 Fritz Schwarz: Morgan – der ungekrönte Köing der Welt. Synergia Verlag, Darmstadt, 2008 |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 26. März 2009 |
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| Doch, – yes, we can! |
Recht und Gerechtigkeit. Nicht immer dasselbe. Nicht immer das gleiche. Im Zweifel für den Angeklagten? Heisst es in der Rechtssprache. Dem Recht muss Genüge getan werden. Ja, ja. Wer ist haftbar für die Milliardenverluste der Finanzcommunity? Wo kein Kläger, da keine Klage. Nur das Bankgeheimnis. Daran halten wir fest. Wir lesen die Zeitung. Wir sind informiert. Wir wissen Bescheid. Wir regen uns auf. Manchmal schweigen wir. Manchmal verschweigen wir. Manchmal dürfen wir nicht schweigen. Manchmal sollten wir nicht schweigen. Wir. Die Medien. Wie jetzt, wo die Geschichte in den Medien ist. Eine Mutter mit ihren Kindern, Zwillingen, die hier aufgewachsen und verwurzelt sind, sollen ausgewiesen werden aus der Schweiz. Die ihre Heimat ist. Wo sie zur Schule gingen. Die sie hier beenden möchten. Ist das so schwer zu verstehen?
Dem Recht muss Genüge getan werden. Selbstverständlich. Ausnahmen? Bestätigen nicht die Regel. Willkür? Nicht von Staats wegen. Medien? Haben darüber berichtet. Eine Herz-Schmerz-Geschichte. Was schreiben sie? Eine Gratiszeitung: „Die XY müssen raus“. Eine andere: „XY müssen die Schweiz verlassen“. Das hört sich endgültig an. Man weiss, wo die Autoritäten sitzen. Daran hält man sich. Man will sich kein X für U vormachen. Bedauern, undsoweiter. Aber man versteht, natürlich, das Recht muss sein. Gnade vor Recht? Was ist mit der Scham? Für dies und anderes.In der Schweiz. Um die Schweiz herum. Und über die Schweiz. Wer hat ein Herz für die Schweiz? Und wer trauert um sie? |
| Ingrid Isermann, Samstag, 7. März 2009 |
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| Von der Fremde in uns und Religion als Quantenphysik - 3 Fragen an den bulgarischen Autoren Ilija Trojanow |
lija Trojanow, Schriftsteller, Übersetzer und Herausgeber, wurde 1965 in Sofia, Bulgarien geboren. 1971, kurz vor Schulbeginn, flohen seine Eltern mit ihm über Jugoslawien und Italien nach Deutschland, wo sie politisches Asyl in München erhielten. Ein Jahr später zog die Familie nach Kenia, wo sein Vater als Ingenieur arbeitete. Ilija Trojanow lebte von 1972 bis 1984 in Nairobi. Nach einem Aufenthalt in Paris von 1984 bis 1989 studierte er Rechtswissenschaften und Ethnologie in München. 1989 gründete er das Marino Publishing House, das auf afrikanische Literatur spezialisiert ist. In den frühen neunziger Jahren reiste Trojanow durch Afrika. Sein erstes Buch über Afrika, „Mythos und Alltag Ostafrikas“, Marino 1993, porträtiert die Verbundenheit mit Kenia.
Die Welt ist gross und Rettung lauert überall
Seine erste Novelle „Die Welt ist gross und Rettung lauert überall“, wurde 1996 im Hanser-Verlag, München, publiziert, die von einer Odyssee einer balkanischen Familie und ihren Erfahrungen in einem Asylantenheim berichtet. Nach einem Autounfall weiss Alex nicht mehr, wer er ist: 25 Jahre alt, Übersetzer von Gebrauchsanweisungen, aus Bulgarien stammend und nicht sehr glücklich in Deutschland. Als ihn sein Grossvater Bai Dan aus Bulgarien im Spital besucht, erkennt er ihn nicht und kann sich auch an den Tod seiner Eltern beim Unfall nicht erinnern. Bai Dan tritt mit dem widerstrebenden Alex per Tandem eine abenteuerliche Reise nach Bulgarien an und lehrt ihn unterwegs alles, was er über das Leben und über Backgammon weiss. Sein meisterliches Können in diesem Spiel brachte Bai Dan (Miki Manojlovi) im kommunistischen Bulgarien in grosse Schwierigkeiten. Nach und nach erinnert sich Alex (Carlo Ljubek) auf der Fahrt wieder an seine Kindheit, an die Flucht mit seinen Eltern aus Bulgarien nach Italien, an das mehrjährige Lager für Asylanten, an seine Freundin dort, und als er seine Heimatstadt erreicht, hat er nur noch eine Prüfung zu bestehen: den Grossvater Bai Dan im Backgammon zu schlagen. Der Film unter der Regie von Stephan Komandarev erhielt bereits mehrere internationale Auszeichnungen. Der berührende Film kommt am 26. März 2009 in die Kinos.
Ein Kosmopolit unterwegs: von Bombay nach Tansania, Mekka und Medina
1998 übersiedelte Trojanow nach Bombay. Er schrieb Reportagen und Essays über Indien u.a. für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung. Sein Essay „Hundezeiten. Heimkehr in ein fremdes Land“ (Hanser, München 1999) beschreibt seine Rückkehr nach Bulgarien. 2001 unternahm er eine drei Monate lange Fussreise durch Tansania, auf den Spuren des englischen Abenteurers und Orientalisten Sir Richard Francis Burton (1821-1890). „Der Sadhu an der Teufelswand“ erschien im gleichen Jahr, anschliessend veröffentlichte Trojanow „An den inneren Ufern Indiens“ (Hanser, 2003) sowie Bücher über den Islam „Zu den heiligen Quellen des Islams. Als Pilger nach Mekka und Medina“ (Piper 2004). 2006 veröffentlichte er über Sir Richard Francis Burton die Novelle „Der Weltensammler“, die monatelang auf der Bestsellerliste stand und für die er den Fiction Award der Leipziger Buchmesse erhielt wie auch zahlreiche literarische Auszeichnungen, den Bertelsmann-Literaturpreis des Ingeborg Bachmann-Wettbewerbes, Klagenfurt 1995, den Marburger Literaturpreis 1996,den Adalbert von Chamisso Preis 2000. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt,u.a. ins Arabische, Chinesische, Russische, Polnische und Serbische.
Bild: Nik Stauss
Ingrid Isermann stellte dem kosmopolitischen Autoren Ilija Trojanow in Zürich 3 Fragen:
Ilija Trojanow, wo leben Sie momentan und was suchen oder finden Sie auf Ihren Reisen?
Ich lebe jetzt momentan in Wien… meine Reiselust hat sicher auch mit meinem Aufwachsen in Vielfalt zu tun, ich habe einige Male erlebt, dass sich die Welt völlig neu formiert, neue Sprachen, neue Menschen, neue Hautfarben, für mich ist das Normale der Wechsel, ich suche Bewegung. Meine Eltern leben jetzt auch in Europa. Die Lagerszenen in dem Film in Italien basieren schon auf authentischen Beobachtungen, wir kriegten jeden Tag Spaghetti und eine Zeitlang konnte ich keine Spaghetti mehr sehen…
Sie haben verschiedene Weltreligionen kennengelernt, Erfahrungen mit dem Islam in Ihren Büchern geschildert und schreiben, dass der Westen den Islam missversteht?
Das Missverständnis mit dem Islam hat mit der Angst davor zu tun, es gibt Angstprofiteure, Politiker, die das anheizen mit manipulativen Kräften. Der Islam ist hier weitgehend unbekannt. Im Islam ist Gott das Unbenennbare, wenn man so will, eigentlich sehr nah zur Quantenphysik. Ich komme aus einer religiös gemischten Familie, habe in Mekka an der Hadsch teilgenommen, es hat nur mit Glaubensangehörigkeit zu tun, nicht, ob man Europäer ist oder nicht. Frauen dürfen mitmachen, die Hälfte der Pilger in Mekka sind Frauen.
Es geht um Differenzen, wenn man feststellt, dass es nicht bedrohlich ist, verschwindet die Angst, aber wenn sie mal da ist, ist es schwierig, sie wegzukriegen…das weiss jeder, der Flugangst hat. Ausserdem ist Angst ein schlechter Ratgeber. Kürzlich habe ich eine Statistik gelesen, dass viele Leute nicht mehr ins Flugzeug steigen aus Angst vor Terrorangriffen, öfters das Auto benutzen und daher ist die Zahl der Verkehrstoten gestiegen. Man macht aus Angst das Falsche, weil man Angst hat vor dem Tod.
Wie sehen Sie Ihre frühere Heimat Bulgarien und die Zugehörigkeit zur EU, über die in der Schweiz in einer kürzlichen Volksabstimmung über die Freizügigkeit innerhalb der bilateralen Verträge der Schweiz mit der EU abgestimmt wurde - wo leben Sie am liebsten und was würden Sie Menschen empfehlen, die Angstvor dem Fremden haben?
Das Votum für die Freizügigkeit für Bulgarien ist sehr positiv ausgefallen, ein gutes Zeugnis für die Schweizer trotz der Massenhysterie in den Medien, das zeigt, dass man die Schweizer nicht unterschätzen soll.
Ich habe viele familiäre Kontakte zu Bulgarien, aber es ist ein korruptes Land, verfilzt, so wie in Russland, das eine alte kommunistische Elite hat, die zusammen mit der Mafia alles kontrolliert. Die EU hat die Fördergelder gestoppt, leider hat man hat Bulgarien vorher keine Bedingungen auferlegt. Da wäre eine Möglichkeit, sie zur Demokratisierung zu zwingen, eher gegeben gewesen.
Dennoch: Bulgarien ist ein sehr schönes Land, obwohl die Billigangebote im Tourismus das Land verwüsten, das bringt nichts fürs Land. Sie müssen auf nachhaltige Energie umstellen. Ich weiss nicht, ob die Menschen wirklich Angst vor der Fremde haben, das muss man sich angucken im Detail; es gibt natürlich Menschen, die sehr ängstlich sind, aber es hilft enorm, wenn man irgendwohin reist, dass man jemanden kennt, durch persönliche Kontakte kommt man sehr gut durch. Man muss wissen, dass die Infrastruktur des Massentourismus darin besteht, die Fremde auszuklammern, man kommt nicht in Berührung mit dem Anderen, das ist ein grundsätzliches Problem. Man muss sich auch klarmachen, dass die Tourismusindustrie ein Anliegen hat, die Gefahren der Fremde möglichst dramatisch darzustellen, das habe ich immer wieder erlebt, dass Leute fragen, kann man da überhaupt hinfahren…? Wie auf den Spuren von Richard Burton, des abenteuerlichen Orientalisten, der sich die Fremde zu eigen machte.
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| Ingrid Isermann, Montag, 23. Februar 2009 |
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| Filmtipp: HOME – Eine Parabel über die Veränderung des Stillstands |
 Fotos Filmcoopi Zürich AG
Home, sweet home… the green grass of home… Die Idylle an der Autobahn, die seit 10 Jahren stillgelegt ist. Die fünfköpfige Familie hat sich eingerichtet, Haus mit Rasen, auf der Liege die Teenagertochter mit Kopfhörern und Buch, der 10jährige Bub (Kacey Mottet Klein) radelt ungestört auf dem Asphalt der Autobahn, der Vater (Olivier Gourmet) werkelt am Haus und am neuen Swimmingpool, die Mutter (Isabelle Huppert) schneidet Gemüse in der Küche.
Doch plötzlich wird die Autobahn wieder eröffnet. Ein Alptraum. Schwebend, somnambul, schreitet Isabelle Huppert über die Autobahn, selbst als Autos wie auf Fliessbändern vorbeirauschen. Für den Kleinen ist es gefährlich, auf die andere Seite zu kommen, um zur Schule zu gehen. Er macht sich einen Sport daraus, sich zwischen den Autos hindurchzuschlängeln. Die ältere Tochter (Adélaide Leroux), von den vorbeifahrenden Autofahrern mit stürmischen Hupkonzerten begrüsst, verschwindet eines Tages mit einem Verehrer.
Der Lärm wird unerträglich. Tag und Nacht rauschen Tausende von Autos vorüber. Schlafen ist nur noch mit Ohrstöpseln möglich. Die Atmosphäre wird zunehmend gereizter. Die Mutter will nicht weg, ihr Heim nicht verlassen. My home is my castle. Da mauert der Vater die Fenster zu. Eingemauert. Mauern innen und aussen. Die Familie verslumt. Kriegt keine Luft mehr. Das nackteChaos. Bis ein Stein aus der Mauer bricht, dann noch einer.
Ein Film über den Stillstand. Eine Metapher über zerbrechliche Gewissheiten. Ein Sinnbild über stückweise Versteinerungen. Ein Stück beckettscher Prägung des Wartens auf Godot. Was bringt Menschen dazu, an unhaltbaren Zuständen festzuhalten? Ein starkes Stück, das Kinodebüt der Genfer Regisseurin Ursula Meier.
Der Film ist nominiert für drei französische Césars. Dem 10jährige Waadtländer Kacey Mottet Klein wird man demnächst als jungem Serge Gainsbourgh auf der Leinwand wiederbegegnen. (Kinostart 19. Februar 2009). |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 3. Februar 2009 |
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| „Nothing More Natural“ – 3 Fragen an die belgische Multimedia-Künstlerin Anne-Mie Van Kerckhoven |

Bilder: Courtesy Kunstmuseum Luzern
Im Laufe der letzten dreissig Jahre hat die belgische Multimediakünstlerin Anne-Mie Van Kerckhoven, geboren 1951 in Antwerpen, ein ambitioniertes Projekt verfolgt, das mittels erotisch-sinnlichen Zeichnungen, experimentellem Film und Klangwelten Verbindungen zwischen Sexualität, Technologie und Formen der Repräsentation beleuchtet. Ihre Arbeit untersucht das Unbewusste aus explizit weiblicher Sicht, ihr frühes Werk erinnert an Zeichnungen von Eva Hesse, Louise Bourgois oder an Körperbilder von Maria Lassnig. Van Kerckhoven gilt als Schlüsselfigur im Prozess der Auflösung stereotyper und unterdrückter Auffassungen von Macht, Sexualität und Begehren. Die hierzulande noch weitgehend unbekannte Künstlerin zeigte vom 16. August bis 23.November 2008 eine retrospektive Ausstellung im Kunstmuseum Luzern in Zusammenarbeit mit dem Wiels Center for Contemporary Art, Brüssel, unterstützt u.a. vom Flämischen Kulturministerium. Ein soeben neu erschienener, umfangreicher Katalog ist im Kunstmuseum Luzern erhältlich. Ingrid Isermann stellte der Künstlerin 3 Fragen im Rahmen der Interview-Reihe "3 Fragen an" der FBZ.
Ingrid Isermann: Ihre Beziehungen zum Surrealismus einerseits und zur Ästhetik von Comics und Popkultur andererseits, prädestinieren Sie zur Vertreterin der Kunstformen der Gegenkultur wie Body Art, Performancekunst und experimentelle Popmusik. Was hat sich im Kontext der Untergrundbewegung der 1960er und 1970er Jahre seither verändert, in der Kunst und in der Realität?
Anne-Mie Van Kerckhoven: The spirit of the 60 and 70’s undergroundmovement neutralised itself by establishing a parallel artcircuit on internet. The force they had in real life transformed itself into something ambiguous, freewheeling, harmless but all the same tantalising. Towards whom the filters, attitudes and focuses mean the real challenges. This prolific container became a thankful playground for lovers of twisted minds and ideas, but remains mostly not more than that. It became in fact a part of the entertainment-industry.This recuperation happened after the underground became the norm and fashion for a short while, in the period where high and low art started to look each other in the eye . Anarchism in itself didn’t change as a sexy destabilising power, but in a world where perversity has become the norm on all levels of society, it is more appropriate now to look for ways to disarm the powers that fix predictability, mediocrity and single-mindlesness.
Die Untergrundbewegung der 60er und 70er Jahre neutralisierte sich selbst durch den neuen parallel dazu laufenden Kunstaustausch im Internet. Der Drive des richtigen Lebens floss in mehrdeutige Interpretationen harmloser, dennoch ambitiöser Ansprüche ein, die wiederum in Filter, Haltungen und Fokusse aller möglichen Richtungen mündeten, die Herausforderungen bedeuteten. Dieser gewinnbringende „Internet-Container“ wurde somit ein dankbarer Spielplatz für Liebhaber der „twisted minds“ ausgefallener Ideen, blieb aber meistens nicht mehr als das. Es wurde in der Tat ein Teil der Unterhaltungsindustrie. Diese Erneuerung fand statt, nachdem der Untergrund bereits für kurze Zeit Norm und Mode wurde, als Kunst und Unterhaltung begannen, sich wirklich gegenseitig wahrzunehmen. Die Anarchie selbst änderte sich nicht als sexy destabilisierende Kraft, aber in einer Welt, die Perversion als Norm auf allen Ebenen der Gesellschaft zulässt, ist es nun absolut angemessen, Wege zu finden, die diese Macht der fixen Vorhersagen, der Mittelmässigkeit und einseitigen Gedankenlosigkeit brechen.
Ingrid Isermann: Nothing More Natural ist die erste Ausstellung über einen Aspekt Ihres Werkes, der seit Mitte der 1970er Jahre die Grundlage für Ihr Oeuvre darstellt: tagebuchartige Zeichnungen, um subjektive unbekannte psychologische Räume zu erforschen. Sex und Gender sind in der feministischen Wissenschaftsforschung bekannte Kategorien. Bevorzugen Sie die Zeichnung, - die Beziehung zwischen männlichen und weiblichen Körpern -, als bevorzugtes nonkonfirmistisches Mittel der Provokation und Ironie, um gängige Geschlechtermuster zu hinterfragen?
Anne-Mie Van Kerckhoven: While working and reflecting on the exhibition “Nothing More Natural” I realised that the unconscious has no gender. In my drawings I experience a world where unity between soul and mind are a fact. You can call me a contemporary mystic in this way: I have an erotic relatonship with reality when I am drawing. It is a must and a salvation. No ego is present anymore; my hand, holding the tool on the paper, thinks; concentration and focus make of the rational a living thing. The unconscious represents the only place where freedom exists. Not being bothered by a body, nor by gender, one is able to cope with that amount of reality that one needs for survival and mental health. There is no duality anymore, no hierachy. Everything can be linked and juxtaposed, unexpected combinations and fresh ideas appear organically. This is what you call provocation and irony, I guess.
Während ich an der Arbeit und Reflektion der Ausstellung „Nothing More Natural“ war, realisierte ich, dass das Unbewusste kein Geschlecht hat. In meinen Zeichnungen experimentierte ich faktisch in einer Welt der Einheit zwischen Seele und Geist. Sie können mich in diesem Sinne eine zeitgenössische Mystikerin nennen: Ich habe eine erotische Beziehung zur Realität, wenn ich zeichne. Es ist ein Muss und eine Art Rettung. Es gibt kein Ego mehr, meine Hand, die das Werkzeug auf dem Papier hält, leitet und führt mich, Konzentration und Fokus verwandeln das Rationale in ein lebendiges Geschehen. Das Unbewusste repräsentiert den einzigen Ort, an dem Freiheit existiert. Weder durch einen Körper noch durch ein Geschlecht beeinflusst zu sein, befähigt einem, mit der Realität umzugehen, die man für das Überleben und die mentale Gesundheit braucht. Da gibt es keine Dualitäten und keine Hierarchien. Alles kann gelinkt und verbunden werden, unerwartete Kombinationen und frische Einfälle, die so ganz natürlich passieren. Dies ist es wohl, was Sie unter Provokation und Ironie verstehen.
Ingrid Isermann: Ihre 1983 erstmals gezeigte und auch in der kürzlichen Ausstellung im Kunstmuseum Luzern in ihrer installativen Fassung vorgeführte Filmarbeit The 39 Steps vs. The 19 Keys versucht, die „dämonischen“ Mechanismen von Hitchcocks Filmkunst mit satanistischen Ritualen zu erklären. Mit der gnostischen Frage „Woher kommt das Böse?“ - wie sind Sie auf diese bisher nach wie vor ungewöhnliche Assoziation gekommen?
Anne-Mie van Kerckhoven: First of all: „Woher kommt das Böse?“ ist he last of my „4 UItersten( Extremities/ 4 Aüszersten)“. It is the animationfilm that I made in 1984, the big work a year later after project The 39 Steps vs. The 19 Keys. This movie deals in fact with the fascination for malice and violence in fiction, there where in the „4 uitersten“ I used the gnostic quote as a rhetoric question, as a question towards all the systems in western society that try to organize the friction between good and evil. Systems such as faith/God, architecture, education, the interpretation of history and the massmedia. The 39 steps was a Hitchcock movie that came out in 1935 and I linked it with a summary, made in 1966, of „the“ 19 satanic rituals, collected by Anton Szandor Lavey. It is known the nazis executed regularly some of the rituals. Lavey, the pope of black mass in California, explains in his book the possibilties of inducing willpower to transform the course of reality. The altars in black magic are naked women. Lavey in his book gives a clear view on how to influence and use other people for your own goals. In black magic the word „I“ is taboo. In order to become one with the reality of your deeds, with the flesh. In film the mechanism of montage works on the subconscious, directs the train of thought of the spectator. The virtual molesting of blond women actresses by Hitchcock is a topic of interest on ist own. Both the rising of the filmindustry and totalitarism were realities of the same era, I found it an interesting, urgent and necessary ground to work on in the beginning of the eighties, where a lot of sublimated influences and hidden powers were taken for granted, especially in the entertainment industry. I digged myself in the stuff, and while amusing myself with the the combinations I was answering questions that I was not even aware of. This quest resulted than in paintings, a film and an installation.
Zuerst einmal: “Woher kommt das Böse?” – es ist die letzte meiner „4 Uitersten (4 Extremities / 4 Aüszersten)“. Es ist der Animationsfilm, den ich 1984 machte, die grosse Arbeit ein Jahr später nach dem Projekt „The 39 Steps vs. The 19 Keys“. Dieser Film spielt tatsächlich mit der Faszination für das Morbide und Gewalttätige in der Fiktion, dort wo ich in den „4 uitersten“ die gnostische Bedeutung als rhetorische Frage stellte, als eine Frage zwischen den Systemen in westlichen Gesellschaften, die bemüht sind, die Friktionen zwischen Gut und Böse aufrechtzuerhalten: Systeme wie u.a. Glauben/Gott, Architektur, Erziehung/Bildung, die Interpretation der Historie und die Massenmedien. Die „39 Stufen“ war ein Hitchcock-Film, der 1935 herauskam und ich verband es mit den „19 satanischen Ritualen“ aus dem Jahre 1966, gesammelt von Anton Szandor Lavey. Es ist bekannt, dass die Nazis regelmässig einige der Rituale ausführten. Lavey, der Papst der Schwarzen Messe in Kalifornien, erklärt in seinem Buch diesbezügliche Möglichkeiten, wie man den Willen bricht, um die Wahrnehmung der Realitäten zu verändern. Die Altare der Schwarzen Magie waren nackte Frauen. Lavey gab in seinem Buch eine klare Deutung, wie man Leute manipuliert und für eigene Zwecke verwendbar macht. In der Schwarzen Magie ist das Wort „Ich“ tabu, um mit der Realität der Täter und ihren Absichten eins zu werden. Im Film arbeiten die Mechanismen der Montage mit dem Unbewussten und lenken den Gedankenfluss auf den Zuschauenden. Die virtuelle Attacke auf die meist blonde Schauspielerin ist bei Hitchcock Gegenstand des ureigenen Interesses. Sowohl die aufstrebende Filmindustrie wie auch der Totalitarismus waren Realitäten der gleichen Zeitspanne. Ich erachtete es daher als interessant, wichtig und notwendig, diesen Tendenzen in den 80ern nachzugehen, wo wiederum eine Menge untergründiger Einflüsse und versteckter Macht sozusagen selbstverständlich war, besonders in der Unterhaltungsindustrie. Ich versenkte mich geradezu in diesen Stoff und während ich mich mit den verschiedenen Kombinationen beschäftigte und auch amüsierte, wurden meine Fragen, die mir vorher nicht einmal bewusst waren, beantwortet. Das Ergebnis resultierte in Zeichnungen, einem Film und einer Installation.
Kunstmuseum Luzern of Art Lucerne, Europaplatz 1, CH 6002 Luzern. 041 (041 226 78 11. www.kunstmuseumluzern.ch |
| Ingrid Isermann, Freitag, 23. Januar 2009 |
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| Buchtipp: Checkpoint Huwara - Israelis und Palästinenser brechen das Schweigen. |
Die Gewaltspirale im Nahen Osten eskaliert seit dem Ausbruch der zweiten Intifada im Jahr 2000. Der Konflikt polarisiert auch die westliche Presse: Palästinensische Selbstmordanschläge, israelische Militärinvasionen und gescheiterte Friedensverhandlungen. Wohin hat der Konflikt die beiden Völker geführt?
In ihrem Buch Checkpoint Huwara lässt die junge Schweizer Autorin und freie Journalistin Karin Wenger (*1979) Augenzeugen und Betroffene zu Wort kommen: Ein junger Palästinenser aus Balata, dem grössten Flüchtlingslager im Westjordanland bei Nablus, und ein junger Israeli, ein Elitesoldat, der in Ramallah zum Einsatz kam, treffen sich auf ihre Vermittlung hin. Eine brisante Aktion, die einen Dialog befördern sollte und doch die grosse Ratlosigkeit im israelisch-palästinensischen Konflikt aufzeigt, der junge Menschen an den Rand ihrer Kräfte bringt und sie in ständiger Angst voreinander überfordert. Beide halten ihr Treffen vor Kameraden und Kollegen geheim, sie würden auf beiden Seiten nicht verstanden und als Kollaborateure verdächtigt werden.
Doch das Gespräch verläuft wohltuend normal über die Befindlichkeiten zweier junger Menschen, ihren Sehnsüchten und Hoffnungen, die sich gleichen und gibt Einblicke in die Absurdität eines hoffnungslos scheinenden Zustandes des politischen Stillstandes. Eine Freundschaft ist daraus nicht entstanden, zu tief sind die Gräben, es gibt keine Verbindungen zwischen den Fronten.
Was geht in Selbstmordattentätern vor? Wie sieht die Gedankenwelt eines israelischen Panzerschützen aus? Junge Israeli, die sich an ihre Militäreinsätze in den besetzten Gebieten erinnern, berichten aus ihrer Sicht von der sie überfordernden Aufgabe, dass der Kriegsdienst aus Menschen Maschinen mache. Sie erzählen von Mauern und Sperrzäunen, nicht nur von denen, die Israel bauen liess, um das Westjordanland von Israel abzutrennen, sondern vor allem von einer Mauer des Schweigens: „Die Folgen der Besetzungspolitik zerstört uns alle, nicht nur die Palästinenser“.
Eine Gruppe von jungen Israeli wollte mit ihrer Ausstellung „Breaking the Silence“ diese Mauer durchbrechen. Yehuada, ehemaliger Scharfschütze: „Wir begannen, Zeugnisse von Soldaten und Erinnerungsfotos aus der Armeezeit zu sammeln. Im Juni 2004 wurde die erste Ausstellung in Tel Aviv eröffnet, überall in den Medien und in Israel wurde darüber berichtet: Soldaten erzählen von Hebron. "Die Geschichte meiner Generation, einer Besetzergeneration. Denn eines der grössten Tabus in Israel sind die besetzten Gebiete und was wir dort tun. Bis heute habe ich nie mit meinem älteren Bruder über das gesprochen, was er oder was ich in der Armee gemacht haben. Und das, obwohl wir in derselben Einheit Dienst taten. Das sind Dinge, über die man nicht spricht, die bleiben, wo sie geschehen sind: In den besetzten Gebieten. Ich nenne das: die Illusion der zwei Realitäten“.
Karin Wengers Buch ist ein aktuelles Zeitdokument, das erschüttert und berührt. Mit einem Nachwort von Arnold Hottinger und authentischen Fotos von Kai Wiedenhöfer.
Zur Person: Karin Wenger (*1979) studierte Gesellschaftswissenschaften in Fribourg, Irland und an der Universität Birseit im Westjordanland. Sie berichtet seit 2004 aus dem Nahen Osten, u.a. für die Neue Zürcher Zeitung. 2006 erhielt sie den Zürcher Journalistenpreis für ihre Reportagen.
Kai Wiedenhöfer (*1966) studierte Fotojournalismus an der Folkwangschule in Essen und Arabisch in Damaskus; seit 1989 ist der Nahe Osten sein Arbeitsschwerpunkt. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen.
Karin Wenger war zu Gast im "Züri Littéraire" im Kaufleuten, 3. November 2008, 18.30 Uhr und war für den Preis für freischaffende JournalistInnen, der am 2. November 2008 um 11 Uhr im Kino Riff Raff 1 verliehen wird, nominiert.
Buchangaben: Karin Wenger, Checkpoint Huwara: Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstandskämpfer brechen das Schweigen. 272 Seiten, broschiert. 38 s/w-Fotos von Kai Wiedenhöfer. 8 Karten/Pläne. Verlag NZZ Libro. Fr. 38. |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 1. Januar 2009 |
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| Die ungläubigen Gläubigen |
Glaube versetzt Berge. Wer’s glaubt, wird selig? Milliarden von Gläubigen, Christen, Muslime, Hindus, beten für den Frieden in der Welt. Warum gibt es dann so wenig Frieden? Die Zeichen im Nahen Osten stehen auf Sturm.
Ein Feuerbrand liegt über Gaza, Raketen fliegen von einer Seite auf die andere, ebenso beschuldigen sich die Palästinenser und die Israelis, den Konflikt zu eskalieren. Die Medien rapportieren das Geschehen. Nicht mehr und nicht weniger. Wo bleibt die Empörung? Die Waffengewalt regiert, dort wie anderswo.
Wäre es nicht an der Zeit, die Waffen abzuschaffen und das Land unter die Hoheit der UNO zu stellen? Oder ist alles nur ein Geschäft? Das Geschäft mit dem Tod blüht, hier wie anderswo. Sich vor dem Höchsten zu beugen, ist Demut. Die Waffen niederzulegen, ist Mut. Wir wünschen für das Neue Jahr allen mehr Frieden in der Welt. |
| Ingrid Isermann, Montag, 29. Dezember 2008 |
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| Berlin, Kaukasus & andere Stories: 3 Fragen an Wladimir Kaminer |
Wenn er auftritt, hat er die Leute schon im Sack, witzig, humorvoll, selbstironisch und kritisch reflektiert er über die Geographie des Menschseins. Zum Beispiel wollte der Kultursender ARTE eine Reportage über den Kaukasus und seine Schwiegermutter machen, sagte dann aber wegen der gegenwärtigen Konflikte im Kaukasus ab, obwohl dort, wo die Schwiegermutter lebt, keine Unruhen zu befürchten wären, weil die kaukasischen Berge dazwischen liegen.
Genau diese Topographien der inneren und äusseren Landschaften beschreibt Kaminer in seinen skurrilen und surrealen Erzählungen aus dem ganz gewöhnlichen Alltag mit all seinen Tücken und kleinen Glücksmomenten. Kaminer, 1967 in Moskau geboren, lebt seit 1990 in Berlin und wurde mit dem Bestseller „Russendisko“ bekannt. Mit seinen Auftritten beim Radio SFB4, im ZDF-Morgenmagazin, mit seinen Kolumnen und weiteren Büchern wie „Militärmusik“ oder „Karaoke“ avancierte er zu einem der beliebtesten deutschsprachigen Autoren. Zuletzt veröffentlichte Kaminer den Reiseführer „Ich bin kein Berliner. Ein Reiseführer für faule Touristen“ im Goldmann Verlag. Ingrid Isermann traf Wladimir Kaminer in Zürich.

3 Fragen an Wladimir Kaminer:
Was hat sich in Berlin seit 1990 verändert, persönlich und gesellschaftlich? In Berlin hat sich alles verändert… Als ich nach Berlin kam, war es noch wie eine geteilte Stadt, der Osten für sich, der Westen für sich… im Ostteil konnte man sehr günstig einkaufen, das ist heute verschwunden. Berlin-Mitte und Ost-Berlin sind hip und die Preise haben sich angeglichen… Da ist viel Lokalkolorit verloren gegangen. Ich traf meine Frau in Berlin, und wir leben mit unseren beiden Kindern, 9 und 11 Jahre alt, hier. Nachdem ich die deutsche Sprache erlernte und begann, meine Beobachtungen aufzuschreiben, habe ich mich in Deutschland integriert.
Welche Unterschiede zu Zürich bzw. zur Schweiz stellen Sie fest? Die Schweiz ist ein geordnetes Land, das ist angenehm… und Zürich ist eine wunderbare Stadt, schön gelegen am See… Ich war schon einmal hier, einige Tage auf Einladung des „Tages-Anzeigers“, und eigentlich haben meine Kinder die Stadt entdeckt… sie gehen unvoreingenommen und neugierig durch die Welt und betrachten sie mit anderen Augen als die Erwachsenen, es fielen ihnen auch andere Dinge auf, die wir nicht bemerkten. Aber uns allen hat Zürich sehr gut gefallen. Unterschiede sehe ich darin, dass die Schweizer zurückhaltender sind, verlässlich und überlegt, und das ganze System überschaubarer ist…Die Schweizer wollen mitbestimmen, was sie machen und wie sie leben wollen.
Fühlen Sie sich fremd in Berlin bzw. Deutschland und welche Unterschiede gibt es zu Russland? Nein, ich fühle mich nicht fremd, weil ich mit meiner Familie dort lebe, übrigens haben meine Bücher Millionenauflagen… und ich bin sehr beschäftigt mit verschiedenen Aufträgen und Jobs. Auch Russland hat sich verändert, es ist anders geworden, es hat sich seit dem Ende des Kommunismus einiges verändert, das Land ist in Bewegung… Das ist ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Ich habe meine Verwandten in Moskau, und bin dadurch mit Russland verbunden und erfahre durch sie viel über Lebensbedingungen, Perspektiven und ihre Wünsche für die Zukunft.
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| Ingrid Isermann, Mittwoch, 17. Dezember 2008 |
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| Buchtipps: Starphotographin Isolde Ohlbaum und die unbekannte Marilyn |
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Coffee table Book und Bildlexikon
Der widerborstige Canetti, die strenge Susan Sontag, der nachdenkliche Max Frisch, die brütende Jelinek, der abwartende Enzensberger, die zögerliche Kristof, der argwöhnische Mankell, die stille Mayröcker – sie alle hat Isolde Ohlbaum in einem Augenblick, in einer Sekunde ihres Lebens festgehalten. Es gibt kaum Literaten, Denker oder Gelehrte, die sie nicht photographiert hat.
352 Photographien von 355 Dichtern und Denkern sind in „Bilder des literarischen Lebens“, dem wunderbaren Bildband von Isolde Ohlbaum versammelt, die mit Schirmer/Mosel ausserdem eine Vorzugsausgabe vorlegt, welche eine von der Photographin signierte Originalphotographie enthält. Das Motiv aus den im Buch enthaltenen Dichterporträts kann man selbst aussuchen. Wer sich für kein individuelles Porträt entscheidet, erhält vom Verlag eine Vorzugsausgabe mit dem Porträtphoto des holländischen Schriftstellers Cees Nooteboom, der das Vorwort zum Bildband geschrieben hat.
Die Vorzugsausgabe besteht aus einem Leinenschuber mit dem Buch und einer leinenbezogenen Mappe mit der Ohlbaum-Originalphotographie. Die Edition hat eine limitierte Auflage und kostet 298 Euro. Bestellungen an mail@schirmer-mosel.com.
Isolde Ohlbaum „Bilder des literarischen Lebens“ – Photographien aus vier Jahrzehnten. Vorwort Cees Nooteboom. 360 Seiten, 352 Tafeln in Farbe und Duotone. 24.5 x 30 cm, gebunden. Schirmer/Mosel Verlag, München 2008. Fr. 115.-.

Marilyn Monroe – Einblicke in das Leben einer Ikone
„Ich wusste, dass ich der Öffentlichkeit und der Welt gehöre, nicht weil ich talentiert oder gar schön bin, sondern weil ich nie zu etwas oder zu jemandem gehört habe.“ Marilyn Monroe (1926-1962) wurde vermutlich mehr geliebt, beneidet, bewundert und begehrt und war berühmter als kaum sonst jemand. Der Mythos Marilyn hat sich in den vergangenen Jahrzehnten noch gefestigt. „Mehr als alles andere will ich lieben und geliebt werden“, sagte sie einmal, und dieser Wunsch sollte posthum in Erfüllung gehen.
Mythos Marilyn Monroe: Im neuen grossformatigen Bildband markieren unbekannte Bilder aus ihrer frühen Jugend und seltene Erinnerungsstücke ihren Aufstieg zur Ikone. Dieser Bildband sucht nach der Persönlichkeit hinter den Hochglanzbildern und lässt die Schauspielerin und prominente Wegbegleiter zu Wort kommen. Jenna Glatzer zeichnet das Leben von Marilyn Monroe nach, das im Waisenhaus beginnt und nach einer beispiellosen Karriere in Hollywood endet.
Im Faksimile-Druck sind reichhaltige Dokumente abgebildet, u.a. Geburtsurkunde, Heiratsurkunde, Briefe an ihre Halbschwester Berniece, Manager-Verträge, Kontaktabzüge, Kostümzeichnungen, Flugtickets, eine FBI-Akte, die Konversions-Urkunde des Übertritts zum jüdischen Glauben, ein Aquarell einer Rose, gemalt von Marilyn mit Widmung für Präsident Kennedy zu seinem Geburtstag im Mai 1962. Am 4. August 1962 starb Marilyn Monroe. Die Umstände ihres Todes sind bis heute ungeklärt. Was bleibt, ist ihr Talent und ihre unverwechselbare Ausstrahlung.

Jenna Glatzer „Unbekannte Marilyn“. 180 Photographien und Dokumente, 176 Seiten, 21.5 x 30.3 cm, gebunden. White Star Verlag GmbH, Wiesbaden 2008. Fr. 82.50.
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| Ingrid Isermann, Montag, 15. Dezember 2008 |
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| Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei: 3 Fragen an den ersten deutschen Berufsverband für freischaffende JournalistInnen „Freischreiber“ |
In Berlin ist am 15. November 2008 in der Universität der Künste der deutsche Berufsverband freier JournalistInnen „Freischreiber“ gegründet worden. Anwesend waren KollegInnen aus allen Ecken Deutschlands, aus dem Print- und Onlinejournalismus wie aus Radio und Fernsehen. Kai Schächtele, Gründungsmitglied, hatte sich vorgängig an den FBZ gewandt, um Erfahrungen hinsichtlich Regeln und Statuten für Freie zu sammeln. Nach der Initialzündung im Februar dieses Jahres in Hamburg soll der Berufsverband die Grundlagen liefern für eine professionellere Zusammenarbeit zwischen freien JournalistInnen und Redaktionen, dauerhafte Rahmenbedingungen für einen Qualitätsjournalismus schaffen und seinen Mitgliedern Rückhalt geben. Der Verband verzeichnete einen grossen Zulauf mit bislang 1114 vorläufig registrierten Teilnehmenden. Der Jahresbeitrag soll 120 Euro betragen. Ingrid Isermann stellte Felix Zimmermann, stellv. Vorsitzender „Freischreiber“ 3 Fragen:
FBZ: Ist der Berufsverband Freischreiber der erste Verband für freie JournalistInnen in Deutschland, gab es vorher keine Anlaufstelle für Freie, und wie geht es weiter?
Felix Zimmermann: Freischreiber ist tatsächlich der erste Berufsverband für freie Journalistinnen und Journalisten in Deutschland. Wundersamerweise hatten sich die Freien hier bislang noch überhaupt nicht organisiert, sondern waren als versprengte Einzelkämpfer tätig. Viele Freie sind Mitglieder in einer der Gewerkschaften, aber Freischreiber ist auch von der Überzeugung getragen, dass ein Verband, der sich aus den Freien heraus gebildet hat, sehr viel effektiver für ihre Interessen eintreten kann. Im Moment warten wir auf die Eintragung von Freischreiber ins Vereinsregister, sobald wir diesen bürokratisch unumgehbaren Schritt getan haben, können alle Freien Mitglied werden – auf dass Freischreiber durch die Beteiligung möglichst vieler eine schlagkräftige Interessenvertretung wird. Parallel arbeitet der Vorstand derzeit an einer Webseite, die der Vernetzung der Freien und zugleich als Serviceportal dienen soll. Sehr bald werden wir auch mit Redaktionen und Verlagen sprechen, um das Thema Arbeitsbedingungen und Honorare zu thematisieren.
FBZ: Die Medienlandschaft ist in Bewegung. Spüren das die deutschen Verlagshäuser ebenso wie die Schweizer Medien, die einen Stellenabbau im zweistelligen Bereich in den Printmedien angekündigt haben? Gibt es Gratiszeitungen in Deutschland, die wie in der Schweiz die Auflagezahlen der Abo-Zeitungen längst krass überflügelt haben?
Felix Zimmermann: Was Sie aus der Schweiz schildern, ist in Deutschland genau so zu spüren: Verlage kürzen und konzentrieren, Magazine werden eingestellt, noch mehr Arbeit wird auf möglichst noch weniger Personal verteilt, es werden Sparrunden eingeläutet, die das Niveau der letzten großen Krise in der Medienbranche 2001 noch überflügeln. Gratiszeitungen gibt es in Deutschland nicht in dem Ausmass wie in der Schweiz. Den Versuch, eine Gratiszeitung dauerhaft zu etablieren, unternahm die Schibsted-Verlagsgruppe 1999 in Köln mit 20 Minuten. Lokale Verlage reagierten mit Konkurrenzprodukten, was sich zum so genannten Kölner Zeitungskrieg auswuchs. Sämtliche Blätter verschwanden sehr bald wieder.
FBZ: Wie sehen Sie die Entwicklung im Onlinebereich? Hier wird nur ein minimales Zweitnutzungshonorar gezahlt und einige Verlagshäuser wollen das Nutzungsrecht abbauen.
Felix Zimmermann: Dieses Thema ist für Freischreiber ganz wichtig: Online-Medien mit den dort zu erzielenden Werbeeinnahmen spielen eine immer größere Rolle, zugleich sind die Honorare zumeist nie über Taschengeld-Niveau hinaus gekommen. Das ist nicht einzusehen. Ebenso wenig können wir länger akzeptieren, dass sich Verlage mit mickrigen Honoraren ein Eigentumsrecht an den Texten und Beiträgen freier Autoren sichern. Wir wollen Allgemeine Geschäftsbedingungen aushandeln, mit denen Freie und Verlage gleichermaßen arbeiten können.
Für die Vernetzung mit den Freischreibern: www.weltreporter.net/zimmermann, schaechtele@weltreporter.net.
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| Ingrid Isermann, Donnerstag, 11. Dezember 2008 |
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| Buchtipps: Vom Arche Literatur Kalender 2009, Literarischen Grandhotels der Schweiz zur Miss Universum |
Der Arche Literatur Kalender ist ein bewährter Begleiter durchs Jahr. Für 2009 heisst das Thema Beziehungen & Begegnungen: Das ist das lebenslange oder flüchtige, das glückhafte oder schmerzvolle Miteinander von Frauen und Männern, Freundinnen und Freunden, Eltern und Kindern. Das sind Begegnungen und Gespräche, die ein Leben bestimmen können. Das sind auch Konflikte, die nicht zu lösen sind. Manchmal gibt es den Blick in die Augen, und die Zeit scheint still zu stehen… Wie sehr Beziehungen und Begegnungen Leben und Werk von Schreibenden prägen, zeigen Auszüge aus Briefen und (Tage)Büchern, um nur einige zu nennen: u.a. Maxie Wander, Susan Sontag, Elias Canetti, Georges Simenon, Nathalie Sarrault, Karin Struck, Franca Magnani, Dorothee Sölle, Walter Kempowski, Heiner Müller, Bruce Chatwin, Danilo Kis, F. Scott Fitzgerald: „Du bist nicht mit einem reichen Millionär von Dreissig verheiratet, sondern mit einem ganz schön gebrochenen und vorzeitig gealterten Mann, der keinen Penny besitzt, ausser was er noch aus einem müden Geist und einem kranken Körper herauspressen kann. Mir ist jede Beziehung recht, die Du möchtest, aber ich habe nichts von Dir gehört, und ein Wörtchen würde mich beruhigen, denn ich bin immer um Dich besorgt. Scott. Oh, Zelda, dies musste so ein kühler Brief sein, aber ich habe ganz andere Gefühle für Dich. Wir waren einmal ein einziger Mensch, und ein bisschen wird es immer so bleiben“. F. Scott Fitzgerald an Zelda Fitzgerald, Hollywood, Kalifornien, April 1938 (siehe auch FBZ-Buchtipp „Alabama Song“ von Gilles Leroy).
In die literarischen Grandhotels der Schweiz begleitet ein amüsanter Reiseführer. Zu allen Zeiten haben sie Literaten, Musiker und Künstler angezogen: das Palace in Montreux, das Waldhaus in Sils-Maria, das Baur au Lac in Zürich oder der Quellenhof in Bad Ragaz. Thomas Mann flirtete in Zürichs Grandhotel Dolder mit Kellner Franzl. Der französische Cellist Pierre Fournier lud Hermann Hesse zu einem Privatkonzert auf sein Zimmer im Waldhaus in Sils-Maria ein. Rainer Maria Rilke zählte im Quellenhof in Bad Ragaz das Alter der Gäste zusammen: „Sie glauben gar nicht, bis zu wievielstelligen Summen ich es bringe!“.
Die Journalistinnen Silke Behl, promovierte Germanistin, Literaturkritikerin bei Radio Bremen und Eva Gerberding, Filmemacherin und Autorin, haben sich auf spannende Spurensuche begeben und 20 Grandhotels in der Schweiz besucht - vom Bellevue Palace in Bern zum Beau-Rivage in Genf, vom Interlakner Victoria-Jungfrau ins Suvretta House in St. Moritz weiter nach Lugano ins Splendide, vom Baur au Lac in Zürich nach Basel ins Trois Rois: Mitten in der historischen Altstadt, direkt am Fluss und neben der Mittleren Rheinbrücke, liegt eines der ältesten Stadthotels Europas – das Les Trois Rois. Von der Hauptfassade am Blumenrain schauen die bunten Statuen der drei Könige auf den Besucher herab. Schon Napoleon war durch den Speisesaal direkt an die Fenster der Rheinseite gestürmt. Der Blick über den Fluss und die Altstadt verhiess beides: Grenzüberschreitung und Aufbruch, aber auch übersichtliche Geborgenheit. Später wurde die Stadt im Dreiländereck das Tor zur Schweiz für all jene, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts das Alpenland als Ziel moderner Reiselust entdeckten.
Pablo Picasso verbrachte hier eine ganze Nacht: „Nie zuvor hatte ich einen so schwarzen Fluss gesehen, tintenschwarz. (…) Ich bin auf dem Balkon geblieben, bis wieder Autos und Strassenbahnen fuhren, bis das Licht wiederkam. Ich liebe diesen Augenblick, wenn irgendwo in einer fremden Stadt früh der Schlüssel gedreht wird. Ich liebe alles, was weitergeht.“Vor Picasso genoss Theodor Herzl ähnliche Balkonmomente, der 1897 die internationale jüdische Gemeinde nach Basel rief, um über eine gemeinsame Zukunft zu debattieren. Basel steht nicht nur für Politik und Kunst, sondern auch für Musik. Über Jahrhunderte zog es Komponisten, Musiker und Virtuosen in die Rheinstadt, die standesgemäss im Trois Rois logierten, wie Felix Mendelssohn Bartholdy, Franz Liszt, Robert und Clara Schumann, Gustav Mahler, Richard Strauss oder Igor Strawinsky. Töne des Jazz brachten später Lionel Hampton, Duke Ellington und Ella Fitzgerald, Rock und Blues Bob Dylan, die Rolling Stones oder Chris de Burgh, der im März 2006 zur Neueröffnung des Hotels spielte.
Während die Musiker öffentlich auftraten, gaben sich die Literaten bescheidener, wohnten meist unerkannt im Hotel und sparten sich ihre Eindrücke lieber für ihre Romane auf, Charles Dickens etwa in No Thoroughfare. Julien Green erlebte den Fluss als Symbol der Veränderung und des Aufbruchs:“… der Rhein, heute früh ist er wütend, und mit seinen lehmfarbenen Wassern erinnert er mich an einen amerikanischen Fluss, dessen Dimensionen er im lauten Getöse seines Gefälles annimmt. Ich schaue ihn mir von einer Terrrasse aus an, wo ich Kaffee trinke… Im Hotel Drei Könige, dem ältesten Europas“. Ein lesenswertes, wunderbares Nachschlagewerk über die grosse Bedeutung des kulturgeschichtlichen Tourismus der Schweiz bis heute.
Miss Universum alias Michèle Roten, geboren 1979, lässt ihre Muskeln in ihren witzigen, grotesk-burlesken, frivol-frechen Kolumnen und Kommentaren zur Welt ihres Universums spielen, die, seit 2005 im Magazin des Tages-Anzeigers erschienen, nun im Buch nachzulesen sind: „Reden kann auf eine Million verschiedene Arten in die Hosen gehen, und ich weiss schon, warum ich mein Geld mit Schreiben verdiene“. Autor Martin Suter meint dazu: „Ich weiss es auch: Weil sie schreiben kann wie geredet. Michèle Roten kann den Eindruck erwecken, sie schreibe, wie ihr der Schnabel gewachsen sei. Sie schreibe einfach so herunter, was ihr gerade durch den Kopf gehe. Das können nicht viele, die schreiben können“.
Die Autorin schildert ihren Alltag an der Universität Zürich, noch immer ist sie hauptberuflich Studentin der Germanistik, die ihre Umgebung genau und unerbittlich beobachtet: “Dass ich manchmal gar keinen Bock habe, in die Uni zu gehen, hat nichts damit zu tun, dass ich die nächsten Stunden auf meinem Hintern auf hartem Holz sitzen und ganz viel denken muss. Nein, es hat mehr mit irgendeinem Mädchen mit rosa Pulli und Strähnen im Haar zu tun, das sich in der Kriminologie-Vorlesung „Strafen und Massnahmen“ garantiert vor, hinter oder neben mir niederlässt und sich wohnlich einrichtet auf ihrem Platz und Handy, Labello, Handcrème, Schoggitaler, Nastüechli, Portemonnaie, Pesca-Eistee und 20 MINUTEN auf der Schreibfläche verteilt, um während der Vorlesung Gäbeli zu schneiden und Zeitung zu lesen und der Kollegin im pink Pulli rechts mir dem french-manikürten Finger auf die Hand zu tippen und ihr die Anzeige für ‚100%-Echthaarextensions’ zu zeigen und zu sagen, das wäre eben schon ziemli easy, so von heute auf Morgen voll die Mähne’. Die erweiterte Kampfzone erstreckt sich auf FreundInnen, Places to be or not to be oder den ganz normalen Wahnsinn und existentiellen Weltschmerz, der sich nicht ohne Witz und Melancholie hier offenbart.
Arche Literatur Kalender 2009. Textauswahl Klaus Blanc, Elisabeth Raabe. Arche Kalender Verlag GmbH, Zürich-Hamburg 20098. 61 Blätter, 60 Abbildungen, vierfarbig. Fr. 34.90.
Literarische Grandhotels der Schweiz. Silke Behl, Eva Gerberding. Arche Verlag, Zürich-Hamburg 2008. 176 Seiten, gebunden, 80 Abb. Fr. 39.-.
Miss Universum. Michèle Roten. Echtzeit Verlag Basel 2008. Mit Zeichnungen der Protagonisten von Pascal Möhlmann. 253 Seiten, geb. Fr. 36.-.
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| Ingrid Isermann, Donnerstag, 11. Dezember 2008 |
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| Bundes-Rat: Jedes Zuviel ist ein Zuwenig |
Ist die Schweiz ein Arbeiter- und Bauernstaat? Die DDR ging an Isolation und Misstrauen zugrunde. Nun stehen die Mentekel der geistigen Mauern auch hierzulande an der Wand. Begrenzte Freizügigkeit? Bedrohte bilaterale Verträge mit der EU? Die SVP, deren Chefideologe Christoph Blocher sich selbst aus der Konkordanz des Bundesrates katapultierte, will in die Regierung zurück. Das Kalkül Opposition ist gescheitert. Die SVP schickt ein Zweierticket mit Blocher und Maurer in die Wahl. Hätte es (k)eine andere Auswahl gegeben? Einer muss gewinnen. Am 10. Dezember 2008.
In der Sendung "Club" des Schweizer Fernsehens am 2. Dezember 2008 sagte Ex-Bundesrat Christoph Blocher, er sei der Beste, den man zur Wahl in den Bundesrat stelle. Was ist das Beste? Verträge mit der EU gefährden aufgrund der Ablehnung der Freizügigkeit mit Rumänien und Bulgarien? Hier fährt die SVP einen Schlingerkurs, war doch die Partei zuerst für die Freizügigkeit, nach der stramm rechtsbürgerlichen Jungen SVP vollzog sie die Kehrtwende.
Die Volksabstimmung zum EWR vom 6. Dezember 1992 war ein Fanal, knapp entschieden, mit 49 Prozent Ja-Stimmen gegen 51 Prozent Nein-Stimmen. Erst in den letzten Wochen war die Ablehnung gegen den EWR gewachsen, aufgrund massiver Angstkampagnen der SVP. Christoph Blocher bezeichnet dies als seinen grössten Erfolg. Die bilateralen Verträge konnten die wirtschaftliche Isolation der Schweiz bisher verhindern.
Eine Ablehnung der Freizügigkeit mit einzelnen Ländern hat die Ablehnung der Freizügigkeit mit allen Ländern der EU zur Folge. Das würde die Schweiz nachhaltig isolieren. Der Bundesrat und kompetente Wirtschaftsführer warnen vor den Auswirkungen. Die Schweizer Parlamentarier haben bisher pragmatisches Geschick bewiesen. Die Konkordanz ist ein Markenzeichen der Schweiz, das nicht verhandelbar ist. |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 3. Dezember 2008 |
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| Buchtipp: „Endlich unendlich“ - Und wie alt wollen Sie werden? Antworten auf die Fragen der Genetik von Markus Hengstschläger. |
Wussten Sie, dass etwa 40 Zellteilungen ausreichen, bis aus einer befruchteten Eizelle ein ganzer Mensch mit 30 000 Genen geworden ist, und für einen Menschen 50 Zellteilungen ausreichen würden, um 100 Jahre alt zu werden? Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis Menschen 150 Jahre alt werden? Machen uns die Erkenntnisse aus der Genetik bald unsterblich? Markus Hengstschläger promovierte mit 24 Jahren zum Doktor der Genetik und wurde mit 35 Jahren zum Universitätsprofessoren für Medizinische Genetik berufen. An der Medizinischen Universität Wien betreibt er Grundlagenforschung zu Stammzellen und genetischen Befunden. Der vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler und Autor gehört verschiedenen internationalen Ethikkommissionen an.
Wussten Sie, dass viele Zellen Ihres Körpers bei weitem nicht so alt sind wie Sie und bestimmte Zellen ständig in unserem Körper sterben, damit wir überleben können? Eine menschliche Magenzelle wird nur zwei Tage alt, Hautzellen leben zwei bis vier Wochen, eine Lungenzelle stirbt nach 80 Tagen und rote Blutkörperchen segnen nach 120 Tagen das Zeitliche. In unserem Körper treten täglich Tausende von Mutationen auf. Die endgültige Anzahl der Fettzellen wird bereits in der Kindheit angelegt und ein Leben lang gleich bleiben, was erklärt, warum es so schwierig für Übergewichtige ist, nach einer Diät das Gewicht zu halten. Dass eines Tages ganze Teile von Organen im Labor hergestellt werden könnten, erfüllt die meisten Menschen mit Unbehagen. Die Stammzellenforschung spaltet die Geister. Tatsache ist, dass Stammzellen in unserem Körper auf den Körper aufpassen, Stammzellen heute schon in der Therapie eingesetzt werden, Stammzellen in Milchzähnen und im Gehirn gefunden wurden.
Neue Stammzellentherapien, Entwicklungen in der Transplatationsmedizin oder Gewebezucht und Organherstellung im Labor stehen genauso vor der Tür wie die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der Gendiagnostik, Gentherapie, künstlicher Implantate wie Herzschrittmacher und Transplantate oder der Nanotechnologie. Markus Hengstschläger stellt die Frage, ob zukünftig ein längeres Leben längere Jugend bedeutet (länger jung) oder genauso schnelles Altern und ein längeres Leben im hohen Alter bedeutet (länger alt) oder eine Kombination von beidem. „Der Mensch ist auf seine Gene nicht reduzierbar, er ist ein Produkt der Wechselwirkung zwischen seinen Genen und den Umwelteinflüssen. Die Gene sind Bleistift und Papier, aber die Geschichte schreiben wir selbst“, so Hengstschläger. Zur Zeit des römischen Imperiums lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei etwa 22 Jahren, im Mittelalter bei 33 Jahren, um 1900 bei 49 Jahren und heute bei etwa 80 Jahren. Zurückzuführen ist die erhöhte Lebenserwartung auf die Trinkwasserqualität, die bessere Nahrungsmittelversorgung, die Einführung von Hygienestandards und die Entdeckung von Antibiotika oder Impfungen.
Auf molekularer Ebene weiss man heute schon viel über den Prozess des Alterns, über freie Radikale, Schäden im Erbgut, Regulation der Länge der Telomere, Viren, Epigenetik oder den Verlust des zellulären Regenerationspotentials unseres Körpers. Die Diskussion darüber, warum wir altern und sterben,ist ebenso facettenreich wie die Frage, warum wer wie alt wird. Zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr dominieren Krebserkrankungen, ab dem 70. Lebensjahr sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen die häufigste Todesursache.
In einer Zeit, in der US-Milliardäre mit Forschungsaufträgen die Gene überlisten wollen, um unendlich zu leben, der Schönheitsoperationen, wo Botox langsam Allgemeingut wird, kommt Hengstschlägers Buch gerade richtig. Im Tages-Anzeiger-Magazin, Nr. 23, erschien am 07.06.2008 der Artikel "Nie mehr tot. Wie Forscher den Tod überlisten wollen. Für die reiche Klientel ist Unsterblichkeit nur noch eine Frage der Zeit, immer mehr Superreiche finanzieren privat ganze Zweige biomedizinischer Forschung. Ihre einzige Stossrichtung: radikale Lebensverlängerung. Das eigene Selbst verlängernde Projektionen als narzisstischer Selbstzweck. In dieser Zukunft gäbe es fast keine Kinder mehr. Die Menschen würden sich fast nur noch für die Bewahrung bereits geborenen Lebens entscheiden, nicht aber für neues".
(Ist eines Tages der Maschinenmensch denkbar, mit vielen mechanischen Ersatzteilen, die ausgewechselt werden können, sodass das Leben unendlich verlängert wird? So wäre es auch möglich, andere Galaxien zu besuchen, wenn man einige hundert Jahre alt wird. Ich halte es mit Hilde Domin: Nur eine Rose als Stütze. Es sind die Dichter, die überleben!).
All dem kann der Wissenschaftler nicht viel abgewinnen, er plädiert für eine gesunde Lebensweise, die das Leben massgeblich verlängern könne. Das Buch ist spritzig, gut verständlich geschrieben und gewährt Einblicke in die Biomedizin sowie die bisherigen Errungenschaften der Genetik.
Markus Hengstschläger: Endlich Unendlich. 224 Seiten, geb., Ecowin Verlag, Salzburg 2008. Fr. 35.50.
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| Ingrid Isermann, Dienstag, 2. Dezember 2008 |
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| Make-up & Make believe: jetzt reden alle von Unabhängigkeit |
Auf dem Podium sassen Res Strehle (Tages-Anzeiger), Sacha Wigdorovits (Contract Media), Norbert Neininger (Schaffhauser Nachrichten), Peter Hogenkamp (Blogwerk) und Bernhard Maissen(SDA) im SDA-media coffee im Metropol, Zürich am 25. November 2008. Moderator Marcel Bernet befragte zum Thema: „Online First und Gratis-Trend: Was bleibt übrig von den klassischen Printmedien?“
Der Moderator wollte gleich zu Anfang wissen, wieviele PR-Macher und wieviele Journalisten sich im vollbesetzten Saal des Metropol, Zürich befinden: zwei Drittel PR und ein Drittel Journalisten lautete das Ergebnis. Und von Res Strehle (Tages-Anzeiger), ob er in den Printmedien bleibe oder eher ins Onlinefach wechsle. Dieser fand es eine schwierige Frage, äusserte jedoch, er sei ein Printmedienmann. Denn was bleiben würde in den Printmedien, sei die Recherche und die Dossierkompetenz.
So far, so good. So ging es ziemlich gemächlich hin und her, der Blogger verteidigte sein Revier, riet davon ab, die Werbung auf den Blogs zu boykottieren, sonst gäbe es sie nicht mehr, was aber für die Online-Produkte ebenso gilt. Sacha Wigdorovits monierte die Hintergrund-Info aus der Sicht von Produzenten und Konsumenten. Die sind wir ja irgendwie alle, das Wetter gesponsert von Allmedia, die Tagesschau von den Gebührenzahlenden usf.
Die Zukunft hat schon begonnen: werden in 10 Jahren noch Abos gezahlt? Wird es noch Printmedien geben? Da gehen die Meinungen auseinander, obwohl sich alle wieder einig sind, dass sich die Lesegewohnheiten verändern, die Werbung stets neue Wege findet (Screens in Apotheken statt Inserate in Printmedien). Niemand wollte etwas davon wissen, ob sich die Branche mit den Gratiszeitungen selbst den Ast absägt, auf dem sie sitzt. Und niemand sprach über den Stellenabbau in den Medien. Von den Honoraren und Nutzungsrechten der freischaffenden JournalistInnen schon gar nicht. Hingegen wurde allseits die journalistische Unabhängigkeit betont, dass FBZler geradezu hellhörig werden müssten. Wo war denn nur in letzter Zeit soviel von der Unabhängigkeit des Journalismus zu lesen, dass sogar ein Pressepreis verliehen wurde?
Norbert Neininger (Schaffhauser Nachrichten) gab zu bedenken, dass im redaktionellen Teil der Zeitung die Glaubwürdigkeit gewahrt werden müsse, man auch nicht PR mit Journalismus vermischen dürfe, das schade der Unabhängigkeit. Die PR-Ausbildung und die Ausbildung zum Journalisten am MAZ sollte nicht gemeinsam geführt werden, das sei problematisch. Es sind Ausbildungen, die nicht die gleiche Motivation haben.
Ein wichtiges Kriterium für das Weiterleben der Printmedien sei der Kostenfaktor, die Reduktion der Fixkosten, der Mehrwert, der Kontaktpreis pro 1000 LeserInnen, alles Begriffe aus der Werbung und der Wirtschaft. Was bleibt da auf der Strecke? Der Qualitätsjournalismus und die Unabhängigkeit? Es ist ja noch Zeit… denn ob ein heute 14jähriger in 10 Jahren auf die Abo-Zeitung umsteigt, ist dannzumal vielleicht nicht mehr die Frage. Die Technologie schreitet voran. Und vielleicht gibt es dann ganz andere Medien… |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 25. November 2008 |
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| Buchtipp: Gilles Leroy „Alabama Song“ über Zelda und Scott Fitzgerald |
Montgomery, Alabama, im Juni 1918, verliebt sich die selbstbewusste Zelda, Tochter des Richters Anthony Sayre, in einen gutaussehenden Leutnant aus dem Norden: F. Scott Fitzgerald, der berühmtester Schriftsteller Amerikas werden will. Fitzgerald („Der grosse Gatsby“) und Zelda werden das Glamourpaar der Roaring Twenties in New York und Paris. An der Côte d’Azur begegnen sie den grossen Künstlern ihrer Zeit, führen ein rastloses, exzessives Leben und geben sich dem kollektiven Lebensrausch der Epoche hin. Während hier Scott die Themen für seine berühmten Stoffe findet, muss Zelda sich ein Leben lang verstecken, um schreiben zu können.
In seinem mit dem „Prix Goncourt“ ausgezeichneten Roman zeichnet Gilles Leroy das faszinierende Porträt einer begabten, willensstarken Frau, - Schriftstellerin, Tänzerin, Malerin -, deren Leben als Muse des Genies Fitzgerald ihr zum Verhängnis wurde: Wie er ihre Tagebücher plünderte für eigene Geschichten, eine Geschichte des Selbstverlustes für Zelda. Alkohol, Zank und Geldprobleme zerstörten schliesslich die Ehe. Scott Fitzgerald, (*1896), schilderte in seinen berühmten Romanen „Die Schönen und die Verdammten“ (1925) Glanz und Glamour der 20er Jahre oder wie in „Zärtlich ist die Nacht“ (1934) die dunkelste Lebensphase des Autors. Um Zeldas psychiatrische Klinikaufenthalte und die Ausbildung der Tochter Scottie zu finanzieren, ging Fitzgerald 1937 als Drehbuchautor nach Hollywood, wo er 1940 einem Herzinfarkt erlag.
In seinem dramatischen Liebesroman über die Ära des Jazz lässt Gilles Leroy Zelda ihre Geschichte selbst erzählen:
„Ich liebe die Gefahr… die Abgründe…, die leichten Herzens geworfenen Würfel, selbst wenn das ganze Leben auf dem Spiel steht. Sie rollen noch, da beschliesse ich schon, dass ich ruiniert bin. Zuweilen liebe ich es, auch zugrunde zu richten. So bin ich nun einmal. Nichts wird mich je davon heilen. Die Männer – ach! Sie mögen es nicht, wenn man ihnen den Rang abläuft. Egal in welcher Disziplin. Ich – das Mädchen – habe ihnen die Schau gestohlen. Ich war die Tochter des Richters. Wie erklärt man das einem Menschen, der Alabama nicht kennt?“.
Carson McCullers: „Ein Schriftsteller, der mir lieb ist: Scott Fitzgerald. Immer bei seinem Agenten in der Kreide; mit einer Frau, die verrückt war und in Heimen untergebracht werden musste. Scott, extravagent, liebenswert, verspielt und unmöglich. Sein Genie blühte, und er schrieb „Zärtlich ist die Nacht“ in der entsetzlichsten psychischen Verfassung“.
Am 11. März 1948 starb Zelda Sayre Fitzgerald mit 47 Jahren im Hospital Asheville, North Carolina, im obersten Stockwerk des psychiatrischen Flügels an einem Feuerbrand. Alabama Song ist eine Fiktion, ein Roman und nicht die Biografie der historischen Person Zelda Sayre Fitzgerald. Gilles Leroy wurde 1958 bei Paris geboren und studierte Geisteswissenschaften mit besonderem Schwerpunkt auf der amerikanischen und der japanischen Literatur. Seine oft autobiographisch geprägten Romane erscheinen seit 1990 bei Mercure de France.
Gilles Leroy
Alabama Song
Aus dem Französischen von Xenia Osthelder
Kein & Aber, Zürich 2008 240 Seiten, geb., Fr. 34.90 |
| Ingrid Isermann, Sonntag, 16. November 2008 |
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| „Sie müssen sprechen. Öffentlich“ - 3 Fragen zur RAF an die freie Journalistin und Autorin Carolin Emcke |
Die RAF (Rote Armee Fraktion), eine Gruppe von Fanatikern, der Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin angehörten, bedrohte über zwanzig Jahre hinweg die Bundesrepublik mit terroristischen Aktionen. Die heimtückischen Morde an prominenten Vertretern des Staates wie Generalstaatsanwalt Siegfried Buback, Arbeitgeberpräsident Martin Schleyer oder Alfred Herrhausen, Vorstandssprecher der Deutschen Bank in Frankfurt am Main, sind bis heute nicht aufgeklärt.
Die Täterschaft schweigt eisern, obwohl die Taten inzwischen verjährt sind und auch für noch nicht bekannte Täter keine Strafverfolgungen mehr zu befürchten sind. Erst mit der Ablehnung des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler der Freilassung des RAF-Täters Christian Klar, der sich zu Fragen der Hintergründe der Morde nach wie vor nicht äussern will, wurde das Interesse der Öffentlichkeit erneut auf die vor brisante Thematik gelenkt. Eine der Haupttäterinnen, Brigitte Mohnhaupt, die im neuen Film von Bernd Eichinger „Der Baader Meinhof Komplex“ von Nadja Uhl verkörpert wird, wurde inzwischen aus der langjährigen Haft entlassen.
Rache und Vergeltung? Aufklärung. Die Thematik des Terrorismus ist von bedrängender Aktualität. Sollte der Begriff der Rache und Vergeltung in der Gesellschaft für Straftaten, für Täter und Opfer, breiter diskutiert werden? Schweigen und Verschweigen. Unrecht und Gewalt. Wie bringt man jemanden zum Sprechen, der/die nicht sprechen will? Um diese Fragen kreist Carolin Emckes eindringliches Buch „Stumme Gewalt“: Es ist ein leidenschaftliches Plädoyer für einen Dialog, der Fragen stellt. Nach Antworten sucht, in der begrenzten Vorstellbarkeit des Vorstellbaren einer Gruppe von Terroristen, die sich erst 1998 mit der fadenscheinigen Erklärung „Das Projekt ist beendet“ auflöste. „Ohne öffentliche Debatte verbliebe eine Aufklärung der Geschichte der RAF in einem ahistorischen Raum. Die Täter blieben eingeschlossen und ausgeschlossen zugleich“, schreibt die Autorin.
Als sie im Sommer 2008 ihr Buch in Zürich vorstellte, sitzt Carolin Emcke am äussersten Rand auf ihrem Sessel, den sie bat, vom Podium zu nehmen, um dem Publikum näher zu sein, im Vortragssaal des Museums für Gestaltung. Es ist ihr anzumerken, wie betroffen sie das Thema noch immer macht. Sie fragt nach, ob es in der Schweiz ähnliche Erfahrungen mit Terroristen gab, versucht mit den Anwesenden, einem gemischten Publikum von jungen und älteren Interessierten, ins Gespräch zu kommen, zögernd, aufmerksam, intensiv, und beginnt dann, aus ihrem Buch einige Passagen vorzulesen.
Sie beschreibt, wie entsetzt sie nach dem Mordanschlag war, aus London zurückkommend, als 22jährige Studentin, die nicht fassen konnte, was geschehen war. Dass ein besonnener, unbescholtener Mensch Opfer der Willkür der RAF wurde. Achtzehn Jahre liess sie diese Gewalttat nicht zur Ruhe kommen, schreiben konnte sie vorher nicht darüber. Es war zu privat. Aber das Schweigen, das sie einschloss, liess die Wunde nicht heilen und belastete sie über all die Jahre hinweg. Denn Alfred Herrhausen war der geliebte Patenonkel von Carolin Emcke, der am 30. November 1989 in Bad Homburg von Terroristen mit einer Sprengladung ermordet wurde. So stellte sie sich den Fragen, die sie selbst bewegten, als Fragen an die anderen, die Täter, ob es ähnliche waren, ob sie Zweifel hatten, was sie so sicher machte in ihren mörderischen Handlungen, das Richtige zu tun.
Den drängenden Fragen geht Emcke in berührender Intensität nach, die sie als Mitbetroffene bewogen, ein Buch über ihre Gefühle und Gedanken zu schreiben und somit die Diskussion um das Schweigen der Täter wieder anzustossen: „Es schafft einen ganz eigenen Raum um sich herum, dieses Schweigen, in den werden wir eingeschlossen: Täter und Opfer zugleich. Die Stille verfestigt sich wie eine Eisschicht. Darin eingefroren, vergeht die Zeit ohne uns. (…) Wer über die RAF schreibt, schreibt auch immer mit und gegen die eigene Zensur an. Immer unterwandert die Angst vor den impliziten Lesern den Text, die vorgefertigten Lesarten der Geschichte des Terrors laufen parallel und stören sich an jedem Gedanken, jeder Zeile, die nicht in die vorgeprägten Muster des Urteilens fallen“.
Carolin Emcke plädiert für ein Forum „Freiheit für Aufklärung“, einen gesellschaftlichen Dialog über eine Amnestie und ein Ende des Schweigens, jenseits der Konfrontationen. Das Forum als eine Plattform, in dem Menschen sprechen können, die ansonsten stumm blieben. Eine Plattform auch, auf welcher der Begriff der Rache in der Gesellschaft für Straftaten und die politischen und sozialen Fragen unserer Zeit breiter diskutiert werden könnten. Ein aktuelles Angebot, das helfen könnte, die Wurzeln des Terrorismus wirklich zu begreifen.
"Die Geschichte der RAF stellt immer noch eine offene Wunde dar"
Ingrid Isermann: Sollte der Begriff der Rache in der Gesellschaft für Straftaten breiter diskutiert werden? Carolin Emcke: Es bringt nichts, ob ein Täter, eine Täterin zwanzig Jahre oder länger hinter Gittern sitzt… und dann von Gesetzes wegen freigelassen wird, ohne dass die Schuld zugegeben oder offengelegt wurde bzw. noch Mittäter auf freiem Fuss sind.
Ingrid Isermann: In Ihrem Buch schlagen Sie ein Forum „Freiheit für Aufklärung“ vor: Eine Plattform, wo Menschen sprechen, die ansonsten stumm bleiben. Haben Sie versucht, ein solches Forum zu gründen? Carolin Emcke: Ich habe ein Buch geschrieben, einen Essay, was ein Versuch ist, sich mit der Geschichte der Gewalt und dem Schweigen auseinanderzusetzen. Das ist schreibendes Nachdenken, keine politische Gebrauchsanweisung. Ich versuche, etwas anzuregen. Es muss sich zeigen, ob andere diesen Gedanken aufnehmen, ob andere dem Leben einhauchen.
Ingrid Isermann: Sind durch Ihre Publikation „Stumme Gewalt“- Nachdenken über die RAF, Kontakte entstanden, die zur Aufklärung beitragen könnten? Carolin Emcke: Es schreiben mir zur Zeit sehr viele, sehr unterschiedliche Menschen. Ich kann im Moment zumindest sagen, dass die Geschichte der RAF immer noch eine offene Wunde darstellt, und so gilt es erst einmal, zuzuhören, und die Perspektiven der anderen und ihre Wahrnehmungen zu begreifen. Dieser Prozess ist sicherlich Teil der Aufklärung und des besseren Verstehens dieser historischen Epoche und des Selbstverständnisses der Gesellschaft – selbst wenn damit die kriminalistische Aufklärung vielleicht nicht abgedeckt ist.
Zur Person: Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt am Main und Harvard, Promotion in Philosophie über den Begriff „Kollektiver Identitäten“, bis 2006 Redakteurin für den „Spiegel“ in vielen Krisengebieten unterwegs. Seit 2007 ist sie freie internationale Reporterin, u.a. für das ZEIT.magazin. Für ihr Buch „Von den Kriegen“ wurde sie mit dem Preis „Das politische Buch“ der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem Förderpreis des Ernst-Bloch-Preises ausgezeichnet, für „Stumme Gewalt“ mit dem Theodor Wolff-Preis 2008.
Carolin Emcke „Stumme Gewalt“, Nachdenken über die RAF, mit Beiträgen von Winfried Hassemer und Wolfgang Kraushaar, 190 Seiten, gebunden. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2008. Fr. 30.60. Auszüge sind online auf der Website der ZEIT zugänglich. Externer Link: http://www.zeit.de/2007/37/Herrhausen-Emcke |
| Ingrid Isermann, Montag, 6. Oktober 2008 |
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| "Dada ist die wichtigste Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts" 3 Fragen an Dieter Meier, Künstler und Unternehmer |
Dieter Meier ist der eigentliche "Genius loci" der Nachfolger-Dadabewegung in Zürich: 1970 inszenierte er u.a. eine Performance am Bellevue und schritt während 60 Minuten eine Strecke von 20 Metern ab. Als "Agent provocateur" ist Dieter Meier auch des öfteres gegen jegliches Spiessertum angetreten, um dennoch mit feurigem Herzen die Schweiz zu verteidigen.
Das Dadahaus Cabarat Voltaire steht unter Beschuss, die Stimmberechtigten werden am Sonntag, 28. September 2008 über den Fortbestand entscheiden. Der deutsche Reisebuchverlag Merian hat übrigens in seinem soeben erschienenen, neuen „Schweiz-Guide“ das Cabaret Voltaire in Zürich ausgezeichnet. Ingrid Isermann befragte Dieter Meier kurz und bündig vor der Abstimmung.
Ingrid Isermann: Was bedeutet Dada für Sie?
Dieter Meier: Dada ist Allgemeingut. Wer Dada nicht kennt, kann das 20. Jahrhundert in der Kunst nur teilweise verstehen. Dada ist die wichtigste Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts, die in Zürich zur Blüte gekommen ist, Dada wurde hier gegründet, von Emigranten, die von überall her kamen. Deshalb ist es wichtig zu wissen:
1. Dada ist die wichtigste Kunstbewegung des 20. Jahrhunderts 2. Dada ist in Zürich zur Blüte gekommen 3. Dada wurde in Zürich von Emigranten gegründet, die während des 1. Weltkrieges hier leben und überleben konnten, denn Zürich war eine offene Stadt, wo man sich als Künstler betätigen konnte.
Ingrid Isermann: Was meinen Sie zum Programm im Dadahaus?
Dieter Meier: Es geht darum, dass keine Sachen gefördert werden, die nichts mit Dada zu tun haben. Was für ein Programm gemacht wird, darüber kann man streiten. Es ist aber problematisch, eine Kunstrichtung, die eine enorme Bedeutung hat, mit irgendwelchen Gags aufleben zu lassen. Es geht um aktuelle Kunst, wo man sieht, was von Dada beeinflusst ist.
Ingrid Isermann: Muss Zürich unbedingt ein Dadahaus haben?
Dieter Meier: Zürich muss auf jeden Fall eine Dada-Stätte haben, die kompetent und vernünftig bespielt werden sollte, im Sinne von "to the future through the past", das heisst, nicht historisierend, sondern eine Darstellung dessen, was Dada bis heute bewirkt hat. Dada hat sich die Infragestellung der Kunst mit dem Un-Sinn wohlüberlegt.
Dieter Meier, vielen Dank für das Gespräch.
Zur Person: Dieter Meier, geboren 1945 in Zürich, ist ein Tausendsassa. Er ist Performance-Künstler, drehte experimentelle Filme, die an internationalen Filmfestivals gezeigt wurden, seine Videos und Fotos befinden sich in den Sammlungen des MOMA, Museum of Modern Art, New York und im Kunsthaus Zürich. Mit Boris Blank gründete er 1979 die Band "Yello" als Pionier der elektronischen Popmusik. Am 18. Oktober 2008 gibt es ein lang erwartetes Yello-Revival in London. 2006 erschien im Zürcher Ammann-Verlag sein Essayband "Hermes Baby". Und seit kurzem ist Dieter Meier auch Restaurantbesitzer, im Lichthof am Zürcher Paradeplatz eröffnete er just sein Restaurant Bärengasse.
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| Ingrid Isermann, Mittwoch, 1. Oktober 2008 |
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| Weltpremiere am Zurich Film Festival: Debütfilm „Boy of Pigs“ |
Regisseur William Stan Olsson, Produzent Kevin Leydon, Drehbuchautor Alex Metcalf und Komponist Dustin O’Halloren waren persönlich anwesend bei der Weltpremiere des Debütfilms „Boy of Pigs“am 4. Zurich Festival im Kino Corso am Montag, 29. September 2008.
Der Film spielt im Washington des Jahres 1963 und erzählt den zunächst unspektakulären Alltag des 13jährigen Teenagers Tom Stafford, der die neuzugezogene, attraktive Nachbarin Catherine Caswell bewundert, belauscht und in ihr geheimnisvolles Leben platzt. In Original-Rückblenden über Amerikas Krise in der Schweinebucht in Kuba, dem Auftritt John F. Kennedys in Berlin bis zum verhängnisvollen Dallas-Attentat wird ein so spannendes wie berührendes Coming-of-Age-Drama vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in den USA der 60er Jahre aufgerollt.
William Stan Olsson traf ich an der Eröffnungsparty des Zurich Film Festival im Corso, wir kamen ins Gespräch über Zürich, bevor ich wusste, dass er der Regisseur von „Boy of Pigs" ist: "A wonderful city“, meinte Olsen, und erkundigte sich, wie denn die anderen Film Festivals zuvor in Zürich verlaufen waren. Dass das Festival immer mehr Beachtung findet, vielleicht eines Tages sogar in die Nähe der Liga von Venedig oder Cannes kommt, darüber haben wir gelächelt, es aber zumindest nicht ausgeschlossen.
Der junge Hauptdarsteller in „Boy of Pigs“ ist eine Entdeckung, die 60er Jahre sind atmosphärisch und im Dekor authentisch eingefangen, die Kameraführung von David Insley schlichtweg brilliant. Olsson, der Fellini und Antonioni zu seinen filmischen Vorbildern zählt, meinte, nachdem er mit seinem Team den Film im Corso wiedergesehen hatte: „This was the first time I was thrilled to see it, here, it’s great working together…”. Darsteller Gretchen Mol, James Rebhorn, Cameron Bright, Mark Pellegrino u.a.
Weitere Vorstellungen 30. September, 23 Uhr, corso 2, 1. Oktober, 13.15 Uhr, corso 2.

Produzent Kevin Leydon, Komponist Dustion O'Halloren, Regisseur William Sten Olsson, Drehbuchautor Alex Metcalf vor dem Corso. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 30. September 2008 |
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| Zürich sagt Ja zu Dada! |
| Das hätte man nach dem SVP-Referendum nicht ohne weiteres erwartet: Zürich sagt Ja zu Dada mit einer komfortablen Zweidrittelmehrheit! Die Stimmberechtigten haben am Sonntag, 28. September 2008 entschieden, dass Dada weiterhin eine Heimstätte in Zürich hat, das Cabaret Voltaire an der Spiegelgasse 1, Ecke Münstergasse mitten in der Altstadt in den historischen Räumen des Dadaismus.
Der Dadaismus (nach dem kindlichen Stammellaut „dada“), revolutionäre literarisch-künstlerische Bewegung, 1916 in Zürich entstanden, wollte die bürgerliche Kultur lächerlich machen (Hans Arp,Hugo Ball, Richard Hülsenbeck, Tristan Tzara). Der Dadismus dauerte bis etwa 1922 und bildete für viele Künstler eine Durchgangsphase zur Neuen Sachlichkeit und zum Surrealismus; er wirkte wegbereitend für die Pop-Art. So zumindest steht es im Brockhaus-Lexikon. Dada ist natürlich noch viel mehr (siehe 3 Fragen an Dieter Meier und Peter K. Wehrli).
Bis 2011 ist der Betrieb im Dadahaus nun vorläufig gesichert. Was danach passiert, sollte jetzt schon interessieren, das heisst, was die Eigentümerin Swiss Life, die auch die exorbitante Miete von 315'000 Franken jährlich verlangt, die das Dadahaus fast zum Einsturz brachte, mit Dada nach 2011 vorhat. Wird die Miete dann nach Marktregeln erhöht oder wird das Haus gar verkauft? Oder kann die Stadt das Dadahaus übernehmen, - ein Sponsor sollte jetzt schon gesucht werden -, damit diese Kulturinstitution Zürich erhalten bleibt? |
| Ingrid Isermann, Montag, 29. September 2008 |
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| Rocky räumte ab: Golden Icon Award am Zurich Film Festival an Sylvester Stallone |
Der Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur seiner Filme „Rocky“ und „Rambo“, der unverwüstliche Sylvester Stallone (*1946), erhielt am 26. September 2008 den erstmals vergebenen Golden Icon Award für sein Lebenswerk am 4. Zurich Film Festival im Kino Corso. Der New Yorker italienischer Herkunft wurde für „Rocky“ bereits mit drei Oscars ausgezeichnet und avancierte zum Kultstar der amerikanischen Filmgeschichte.
Mit Gladiatorenklängen, Stars und Sternchen auf dem Red Carpet, den Festivalveranstaltern Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, flankiert von baumlangen Pressefotografen, empfing das Film Festival Zurich Sylvester Stallone, von Stadtpräsident Elmar Ledergerber in seiner Ansprache enthusiastisch ermuntert: „Don’t hesitate to call me for all you need, I will give you my card“, der sich somit als Stallone-Fan outete, “…a man who gave confidence to a whole generation: Never give up! Thank you Mr. Stallone”, untermalt von rauschenden Standing Ovations.
Stallone bedankte sich mit einem Ratschlag an das begeisterte junge Publikum: “…be able to communicate to the people who love you so much, was umgehend mit “…we love you, Rocky” erwidert wurde. Rocky räumte in Zürich ab, auch emotional.
 Die Festivalleiter Nadja Schildknecht und Karl Spoerri auf dem Roten Teppich, Sylvester Stallone im Blitzlichtgewitter, fast wie in Hollywood, empfängt den Golden Icon Award des 4. Zurich Film Festivals im Kino Corso am Bellevue
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| Ingrid Isermann, Mittwoch, 24. September 2008 |
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| Dada ist tot! Es lebe Dada? – 3 Fragen an das Dadahaus Cabaret Voltaire |
| Am 28. September 2008 fallen die Würfel – für oder gegen das Dadahaus Cabaret Voltaire. Das Dadahaus, erst 2004 nach langem Ringen wiedereröffnet mit einem Versuchsbetrieb bis 2011, bangt um seine Zukunft. Der historische Ort ist im Ausland bekannter und geschätzter als in der Schweiz und zieht viele Touristen an. Ingrid Isermann befragte Co-Direktor Philipp Meier zu Programm und Visionen des Cabaret Voltaire. 3 Fragen an Philipp Meier:
FBZ: Am 28. September entscheiden die StimmbürgerInnen Zürichs über den Fortbestand des Dadahauses. Wie ist Dein Gefühl, glaubst Du, dass Dada noch eine Chance hat und dass die Stadt, was ja von einer Mehrheit des Gemeinderates bestätigt wurde, weiterhin den Mietzins für das Haus und das kleine Museum von Fr. 315 000 jährlich übernehmen kann - trotz des Referendums der SVP?
Philipp Meier: Mir ist (in dieser Sache!) jegliches Gefühl abhanden gekommen. Als Aussenstehender wäre ich zuversichtlich. Als direkt Betroffener sind die Zweifel gross: Was können und sollten wir alles noch machen? Gelingt es uns, die unbestrittene Wichtigkeit von Dada und dem Cabaret Voltaire für Zürich genügend herauszustreichen? Etc.pp.
FBZ: Das Programm im Cabaret Voltaire ist sehr vielfältig und es war vielleicht zu wenig bekannt, welche Koryphäen da jeweils aufgetreten sind... habt Ihr zu leise die auf das thematische Programm bezogene Werbetrommel gerührt? Am 1. Oktober 2008 steht eine Tagung auf dem Programm: "Interviews in Forschung und Kunst", ein interdisziplinäres Programm mit Philip Ursprung. Diese Tagung werde nur durchgeführt, wenn die Abstimmung vom 28.9. gewonnen wird, steht auf der Website, denn sonst müsste das Dadahaus innert 2 Tagen geräumt sein. Das klingt fast dadamässig...
Philipp Meier: Die Unübersichtlichkeit und Heterogenität des Programms war bewusst gewählt. Damit wollten wir uns, unter anderem, bewusst vom Programm der anderen Kunstorte und Kulturinstitutionen abgrenzen. Wir alle müssen dringend lernen, mit Komplexität umzugehen oder zumindest eine solche auszuhalten. Trotzdem kamen wir zur Einsicht, dass es vollständig ausreichend ist, wenn die einzelnen Programmpunkte inhaltlich mehr oder weniger Komplex sind (wie z.B. www.rebell.tv ). Deshalb würden wir nach einer gewonnen Abstimmung ein Redesign unseres CI's und Programmflyers umsetzen. Dadurch würde beispielsweise der genannte Programmpunkt klarer herausgehoben. Adrian Notz und ich wären schlechte Direktoren, wenn wir das Programm nicht so weiterführen würden, als ob das Cabaret Voltaire weiter bestünde. Wir setzen alles mögliche daran, dieses Haus in der Tradition der Dadaisten weiterzuführen.
Im besten Sinne «dadamässig» finden wir die Abstimmung an und für sich. Der Dadaismus war schon damals auf unterschiedlichen Ebenen eine fortwährende Gratwanderung. Aus der Warte der (postdadaistischen) Kunstvermittlung ist es übrigens ein grosser Wurf, wenn jedeR StimmberechtigteR der Stadt Zürich Informationen zu Dada frei Haus zugeschickt bekommt und sich für oder gegen Dada entscheiden muss!
FBZ: Eure Aktionen wirkten teilweise ungeschickt und haben das Bild in der Öffentlichkeit womöglich ziemlich verfälscht, mit RAF-T-Shirts und Vermietung an Sexcastings... damit spielt man Gegnern in die Hände. Gibt es da auch eine Art Selbstkritik für die Zukunft, die Steuerzahler beruhigen könnte? Was habt Ihr für Visionen für die Zukunft?
Philipp Meier: Oh..., gut antworte ich hier v.a. JournalistInnen, denn es waren in erster Linie sie, die Berufsgenossen, die dieses Bild des Cabaret Voltaire in der Öffentlichkeit prägten. Wir haben alle unsere Ausstellungen, Veranstaltungen und Kunstaktionen gleichwertig kommuniziert. Das wäre ja eigentlich eine spannende Replik unserer ersten vier Betriebsjahre: Es ist erstaunlich, dass 40 Jahre nach der so genannten «Sexuellen Revolution» ein harmloses «Sex-Casting» oder 25 Jahre nach Harald Naegeli ein einfacher «Graffiti-Workshop» solch hohe Wellen schlagen kann; nicht zu schreiben von den RAF-T-Shirts, die in Deutschland längst als «fashionable» gelten.
Was sagt dies über unsere Medien, unsere Politik oder gar unsere Gesellschaft aus? Unser kommunikatives Problem war vor allem, dass wir es (fast) nie schafften, die interessanten Fragestellungen, die wir via die «provokativen» Aktionen in den (öffentlichen) Raum stellen wollten, über den Aufschrei hinaus auf einen nächsten Diskurslevel anzuheben (Leserbriefe, Tribünen-Beiträge, Folgeartikel von Fachleuten, etc.pp.). Da möchten wir uns unbedingt verbessern. (Ausnahme: Mediale Gefässe wie www.rebell.tv sind fähig, komplexe Fragestellungen rasch zu verlinken und aus den unterschiedlichsten Blickwinkel zur Diskussion zu stellen).
Neben vielen anderen Programmpunkten möchte ich gerne folgende herausheben: - Ausstellung über FLUXUS (in Kooperation mit der Zürcher Hochschule der Künste, ZHdK) - Ausstellung zum Dadaisten Tristan Tzara - Workshop: Wie können sich Kinder auf Spielplätzen optimal tarnen? - Der kuratierte Shop «Radical Chic» zu Gast in New York (Swiss Institute) - Ausstellung mit Zeichnungen von JOHN LENNON - Die Ausstellung «Dada East? The Romanians of Cabaret Voltaire» in Lille (nach Sibiu, Prag, Stockholm und Warschau bereits die fünfte Station) - Nachbau und Präsentation des heutigen Cabaret Voltaire als 1:1 Modell in Buenos Aires. Vision: Dada wird der kulturelle Leuchtturm der Post-Finanzplatz-Ära in Zürich.
www.cabaretvoltaire.ch |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 18. September 2008 |
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| Max Frisch: Schwarzes Quadrat - Poetikvorlesungen in New York |
Zwei Poetikvorlesungen, die Max Frisch 1981 in englischer Sprache an der City University of New York hält, erscheinen erstmals in deutscher Sprache im Suhrkamp Verlag. Die Vorlesungen „Vom Impuls zur Imagination“ und „Die Funktion der Literatur in der Gesellschaft“ sind sowohl eine Reise durchs Werk als auch Instrumente der Selbstbefragung und –erforschung. Max Frischs Vorlesungen sind ein Manifest - ein Bekenntnis zur Poesie, die sich nicht abfindet mit dem Machbaren, die nicht lassen kann „von der Trauer, dass das Menschsein auf dieser Erde nicht anders ist“.
1981, das Jahr seines siebzigsten Geburtstags, ist für Max Frisch biographisch wie literarisch ein ereignisreiches Jahr. Nach der Scheidung von seiner zweiten Frau Marianne Frisch zieht es den Autor 1979 von Berlin nach New York, als zweitem Wohnsitz neben Berzona im Tessin. In New York lebt er gemeinsam mit Alice Locke-Carey, Protagonistin der „Lynn“ in der 1975 erschienenen Erzählung Montauk. 1951 war Frisch ein erstes Mal in Amerika, für ein ganzes Jahr mit einem Stipendium. Sein Umzug nach New York war nicht nur der Wunsch, in die Sprache einzutauchen, es war vor allem auch ein bewusster Abschied von der Schweiz, ein Verzicht darauf, an der Schweiz zu leiden und sich mitverantwortlich für sie zu fühlen, so Peter Bichsel in seinem Nachwort.
In Zürich wird 1981 an der ETH das Max Frisch-Archiv eingerichtet, dort ist auch Frischs Berlin Journal 1973-1980 (Sperrfrist bis 2011) hinterlegt. Im Jahr 1981 erscheint die Kriminalerzählung Blaubart. Zur gleichen Zeit arbeitet Frisch an zwei Vorlesungen, die er Anfang November 1981 in englischer Sprache am City College von New York hält. Das City College (C.C.N.Y.) in Harlem ist der älteste Teil der City University of New York, der traditionellen öffentlichen Universität für Einwandererkinder. Die Vorträge sind Instrumente der Selbstbefragung und –erforschung: Welchen Impulsen folgt der Drang zu schreiben? Was vermag Literatur? Und zu welchem Zweck? In den Vorlesungen übernimmt Frisch Zitate aus eigenen Werken in den bestehenden englischen Übersetzungen. Die Zuhörenden klärt Frisch selbstironisch auf: „Es wird anstrengend für Sie sein, ich weiss, wegen meiner englischen Aussprache, manchmal auch belustigend. Damit wir uns hin und wieder erholen können, werde ich ziemlich viele Zitate verwenden; diese Zitate werden Sie in perfekter Aussprache hören. Um es sofort zu sagen: Ich habe keine Theorie. (…)
Zitat: Was wichtig ist: das Unsagbare, das Weisse zwischen den Worten, und immer reden diese Worte von den Nebensachen, die wir eigentlich nicht meinen. Unser Anliegen, das eigentliche, lässt sich bestenfalls umschreiben, und das heisst ganz wörtlich: man schreibt darum herum. Man unterstellt es. Man gibt Aussagen, die nie unser eigentliches Erlebnis enthalten, das unsagbar bleibt; sie können es nur umgrenzen, möglichst nahe und genau, und das Eigentliche, das Unsagbare, erscheint bestenfalls als Spannung zwischen diesen Aussagen (…) “. Das immer wieder dargestellte Scheitern seiner literarischen Figuren betrachtet Frisch im Rückblick als eine implizierte Klagen über die Diskrepanz zwischen dem, was Menschsein ist, und dem, was sein könnte. Für den Leser wie für den Schriftsteller komme es auf die eigene Erfahrung an, jenseits der Herrschaftssprache. In diesem Sinne solle Literatur revoltieren. In einem New Yorker Bericht über einen Besuch in der Leningrader Eremitage findet Frisch seine Ansichten vom utopischen Charakter der Literatur und von der Kunst als Gegen-Position zur Macht bestätigt. Als „Poesie“ bezeichnet er jetzt die mit den Erfahrungen des Schriftstellers gesättigte Dichtung, und er schliesst seine Vorlesungen mit einem poetischen Manifest ab, das er in Anlehnung an den russischen Maler Kasimir Malewitsch Schwarzes Quadrat nennt und in dem er Literatur als
„Durchbruch zur genuinen Erfahrung unsrer menschlichen Existenz in ihrer geschichtlichen Bedingtheit“ definiert. Zitat: „Vom Sinne eines Tagebuches: Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern könne. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute –
Die Zeit verwandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur. Indem man es nicht verschweigt, sondern aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, da es sich erzeugt. Man rechnet nicht mit der Hoffnung, dass man übermorgen, wenn man das Gegenteil denkt, klüger sei. Man ist, was man ist (…)“.Frisch definiert sein Schreiben so, dass ihn nicht seine Meinungen interessierten, sondern das Schreiben an sich: die Konfrontation mit der Sprache. Wo das Schreiben nicht zur Selbst-Erfahrung führe, entstehe keine Literatur, es entstehen nur Bücher. Es soll Schriftsteller geben, die nicht zu schreiben beginnen, so Frisch, bevor sie einen fertigen Plan haben. Wie ein Architekt. Sie hätten ihren Roman im Kopf. „Was ich im Kopf habe, ist das Chaos“. Frisch erzählt von Brecht, wie er nach einer Theater-Probe sein Bier nicht austrank, er müsse rasch nachhause, um eine Szene zu schreiben, die in seinem Schema nicht vorgesehen war. (…) „Wie Ingeborg Bachmann gearbeitet hat, weiss ich nicht, obschon wir, als Frau und Mann, fünf Jahre zusammen gelebt haben; die schriftstellerische Arbeit ist eine sehr intime Angelegenheit…“.
Über Dürrenmatt berichtet Frisch: „Ein anderer, den ich persönlich gekannt habe, Friedrich Dürrenmatt, hat gesagt: Man muss sich seinen Einfällen aussetzen. Gemeint ist: der Einfall hat ein Eigenleben, das erst beim Schreiben erkennbar wird. Schreiben als Konflikt zwischen Plan und Spontaneität“. Poesie und Utopie sind zwei Seiten derselben Medaille. Auf die Frage, ob er selbst ein Poet sei, geht Max Frisch in seinen Vorlesungen nicht ein. Max Frisch, geboren am 15. Mai 1911 in Zürich, starb am 4. April 1991 in Zürich.
Max Frisch Schwarzes Quadrat. Zwei Poetikvorlesungen.
Herausgegeben von Daniel de Vin unter Mitarbeit von Walther Obschlager. Mit einem Nachwort von Peter Bichsel.
93 Seiten, broschiert. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2008. Fr. 26.40.
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| Ingrid Isermann, Dienstag, 9. September 2008 |
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| Buchtipp: „Herzzeit“ - der betörende Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan: „… keinen Tag, Du Lieber! Mai und Juni ist für mich heute abend oder morgen Mittag und noch in vielen Jahren“. |
 Ein Fall von Liebe, ein Grenzfall, den die Briefe von Ingeborg Bachmann und Paul Celan nicht erklären, dennoch erhellen können. Der Briefwechsel zwischen den bedeutendsten deutschsprachigen Dichtern der Nachkriegszeit wurde Jahre früher als erwartet im Suhrkamp Verlag veröffentlicht. Er gibt Aufschluss über die lebensprägende Beziehung der beiden Lyriker, die sich nie aus den Augen verloren und in ihren Briefen verbunden blieben. Offenbarungen einer Liebe, die Freundschaft, Konflikte, Verwerfungen und Flucht voreinander beinhaltete, elektrisierend, berührend wie betörend, verstörend wie fulminant und grandios.
In ihren Gedichten führten Ingeborg Bachmann und Paul Celan Zwiegespräche, die für Aussenstehende sibyllinisch, in ihrer Subjektivität verschlüsselt und unverständlich klangen. Der intime Briefwechsel offenbart, dass die schwierige Beziehung zwischen Paul Celan, einem dem Holocaust entronnenen, traumatisierten Menschen und seiner hochsensiblen Seelenverwandten eine weit tiefere Bedeutung in beider Leben hatte, als von der Literaturkritik bisher angenommen wurde. Bei Bachmann, die 1958 bis 1962 mit Max Frisch in Zürich und in Rom zusammenlebte, wurde bis dato diese Partnerschaft als prägende Verbindung konstituiert.
Celan, 1920 in Czernowitz in der Bukowina geboren, flüchtete nach der Ermordung seiner Eltern in einem Vernichtungslager in der Ukraine nach Wien, dort begegnet er im Mai 1948 Ingeborg Bachmann, die 1920 in Klagenfurt geborene, sechs Jahre jüngere studiert Philosophie und zählt auf Anhieb zu seinen Bewunderinnen. Celan erkennt die aussergewöhnliche Sprachintensität Ingeborg Bachmanns und widmet ihr mit dem Beginn der Liebesbeziehung das erste Gedicht „In Aegypten“ am 23. Mai 1948 in Wien mit dem Zusatz: „Der peinlich Genauen, 22 Jahre nach ihrem Geburtstag, der peinlich Ungenaue“.
Zwei Universen, die aufeinandertreffen, Briefe mit atemberaubenden, auch verstörenden Passagen einer Höhe der Emotionalität, einer Fallhöhe, die erschüttern lässt. Ende Juni 1948 geht Celan nach Paris. Ihr Briefwechsel nach der Trennung ist zunächst spärlich, setzt sich jedoch in neuen dramatischen Assoziationen und Phasen fort.
Paris, am 20. Juni 49. Ingeborg, „ungenau“ und spät komme ich in diesem Jahr. Doch vielleicht nur deshalb so, weil ich möchte, dass niemand ausser Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebensoviel Gedächtnis, zwei grosse leuchtende Sträusse auf Deinen Geburtstags-Tisch stelle. Seit Wochen freue ich mich auf diesen Augenblick. Paul.
Ingeborg Bachmann an Paul Celan, Wien, 24.Juni 1949 Du Lieber, weil ich so gar nicht daran gedacht habe, ist heute, am Vortag – im vergangenen Jahr war es doch auch so – Deine Karte richtig angeflogen kommen, mitten in mein Herz, ja es ist so, ich hab Dich lieb, ich hab es nie gesagt damals. Den Mohn hab ich wieder gespürt, ganz tief, Du hast so wunderbar gezaubert, ich kann es nie vergessen. Manchmal möchte ich nichts, als weggehen und nach Paris kommen, spüren, wie Du meine Hände anfasst, wie Du mich ganz mit Blumen anfasst und dann wieder nicht wissen, woher Du kommst und wohin Du gehst. Für mich bist Du aus Indien oder einem noch ferneren, dunklen, braunen Land, für mich bist Du Wüste und Meer und alles was Geheimnis ist. (…).
Wien, 25. August 1949
Liebster, dieser Brief wird nicht leicht; fraglos und antwortlos ist ein Jahr vergangen, mit wenigen, aber sehr zärtlichen Grüssen, ganz kleinen Versuchen zu sprechen, aus denen bis heute noch nicht viel geworden ist. Erinnerst Du Dich noch an unsere ersten Telephongespräche? Wie schwer das war; mich hielt immer etwas erstickt, ein Gefühl, das dem nicht unähnlich war, das unsere Briefe bisher trug. Ich weiss nicht, ob Du es gleich siehst, aber ich will es einmal annehmen. (…) Aber nichts ist zur Bindung geworden, ich bleibe nirgends lang, ich bin unruhiger als je und will und kann niemandem etwas versprechen. Wie lange wohl unser Mai und unser Juni hinter all dem zurückliegen, fragst Du: keinen Tag, Du Lieber! Mai und Juni ist für mich heute abend oder morgen Mittag und noch in vielen Jahren. (...).
Am 25. September 1951 schreibt Bachmann in Wien einen Brief an Paul Celan, der nie abgesandt wird: "… ich bedaure Dich – denn ich habe zu Deinem Misstrauen keinen Zugang – und werde es nie verstehen – ich bedaure Dich, weil Du, um eine Enttäuschung zu verwinden, den anderen, der Dir diese Enttäuschung gebracht hat, so sehr vor Dir und den anderen zerstören musst. Dass ich Dich dennoch liebe, ist seitdem meine Sache geworden. Ich werde jedenfalls nicht, wie Du, trachten, auf die eine oder andere Weise, mit dem einen oder anderen Vorwurf, mit Dir fertig zu werden, Dich zu vergessen oder Dich fortzustossen aus meinem Herzen; ich weiss heute, dass ich vielleicht nie damit fertig werde und doch nichts von meinem Stolz einbüssen werde, wie Du einmal stolz sein wirst, Deine Gedanken an mich zur Ruhe gebracht zu haben, wie die Gedanken an etwas sehr Böses".
Verbrieft ist auch der Aufenthalt Ingeborg Bachmanns von Ende Dezember 1950 bis März 1951 in Paris, danach Rückkehr nach Wien.
Verbrieft ist auch der Aufenthalt Ingeborg Bachmanns von Ende Dezember 1950 bis März 1951 in Paris, danach Rückkehr nach Wien.
Paul Celan an Ingeborg Bachmann, Paris am 30. Oktober 1951: Meine liebe Inge, dieses Leben scheint nun einmal aus Versäumnissen gemacht, und man tut vielleicht besser daran, nicht allzu lange an diesen herumzurätseln, sonst will kein Wort von der Stelle. (…) Und Du, Inge? Arbeitest Du? Sag mir doch etwas darüber, ja? Und Deine Pläne? Ich mache mir Gewissensbisse, weil ich Dir in meinem Brief aus Levallois von Deiner beabsichtigten Überseereise abriet – ich nehme alles zurück, mein Urteil war damals sehr oberflächlich. Lass mich alles wissen, was mitteilbar ist, und darüber hinaus vielleicht manchmal eines von den leiseren Worten, die sich einfinden, wenn man allein ist und nur in die Ferne sprechen kann. Ich tue dann dasselbe. Das Lichteste dieser Stunde! Paul Beilage: Gedicht „Wasser und Feuer“.
Die „Gruppe 47“, die Celan und Bachmann im Mai 1952 zu einer literarischen Tagung nach Niendorf an der Ostsee einladen, bezichtigen Celan des Pathos und eines unmännlichen Vortragsstils. Das Nachkriegsdeutschland ist nicht bereit, sich mit der deutschen Geschichte des Holocaust auseinanderzusetzen und fühlt sich von Celan bedrängt. Bachmann hingegen wird auf den Schild gehoben und als jüngste Dichterin im „Spiegel“ als Titelbild gefeiert. Die unterschiedlichen Rezeptionen lassen ihre fragile Verbindung noch schwieriger werden. I
Im Dezember 1952 heiratet Celan die Französin Gisèle Lestrange. Januar 1953 erscheint Paul Celans Gedichtband „Mohn und Gedächtnis“, im Dezember 1953 Ingeborg Bachmanns Gedichtband „Die gestundete Zeit“. Im Oktober 1957 flammt die Liebe zwischen beiden in Wuppertal bei einer Wiederbegegnung an einer Tagung wieder auf, Neubeginn der Liebesbeziehung bis Mai 1958. Im Januar 1958 besucht Celan Bachmann in München, anfangs Mai 1958 Ende der Liebesbeziehung. Am 29. Mai 1958 Ursendung von „Der gute Gott von Manhattan“ von Ingeborg Bachmann. Im Juni 1958 kommt Bachmann nach Paris, trifft sich mit Celan und erstmals mit seiner Frau Gisèle Celan-Lestrange.
Im November 1958 beginnt Bachmann eine Lebensgemeinschaft mit Max Frisch, zunächst in Zürich, später in Rom, sie ist am 3. Dezember 1958 auch in Paris, ohne Celan zu benachrichtigen. Im Mai 1960 weilt Celan in Zürich anlässlich der Verleihung des Droste-Preises an Nelly Sachs; mehrere Treffen mit Bachmann, teilweise sind auch Gisèle Celan-Lestrange und Max Frisch anwesend. Ende 1961 brechen das briefliche Gespräch und die Begegnungen ganz ab, als Celan wegen falscher Plagiatsvorwürfe von Claire Goll in eine ernste existenzielle Schaffenskrise gerät und sich von seinen Freunden verraten fühlt.
Am 30. Juli 1967 letzter, versöhnlicher Brief Celans aus Frankfurt am Main an Ingeborg Bachmann, er bedankt sich bei ihr, dass sie ihn bei Piper als Übersetzer der russischen Dichterin Anna Achmatowa empfohlen hatte, deren Gedichte er schätzte und zu deren treuesten Verehrern auch Ossip Mandelstam zählte. Und er bittet sie, wenn sie möchte, ihm ein paar Zeilen, an seine neue Adresse in Paris, zu schreiben. (Im März hatte sich Bachmann vom Piper Verlag getrennt, weil ein Autor mit Nazi-Vergangenheit Hans Baumann Celan als Achmatowa-Übersetzer vorgezogen wurde; Wechsel zum Suhrkamp Verlag).
Ergänzend zu den etwa zweihundert Briefen wurden die Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Gisèle Celan-Lestrange sowie zwischen Paul Celan und Max Frisch in den Band aufgenommen. Paul Celan wird nach zwei beinahe tödlichen Angriffen auf seine Frau Gisèle Lestrange im April 1970 den Freitod in der Seine wählen. Im Juni 1970 erscheint posthum Celans Gedichtband „Lichtzwang“. März 1971 erscheint Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“, im Sommer 1973 die französische Übersetzung durch Philippe Jaccottet. Ingeborg Bachmann wird im Oktober 1973 bei einem Brandunfall in Rom ums Leben kommen.
Ein Briefwechsel der reinen Literatur, die im Leben manifest wurde, eine ungeheure Zärtlichkeit, die sich gegenseitig Bahn bricht, Respekt vor der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit der Themen und Hoffnungen einfordernd. Schreiben als Form des Lebens in mehrräumigen Dimensionen.
Briefwechsel Ingeborg Bachmann/Paul Celan Herzzeit
Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008 400 Seiten, gebunden, mit Abbildungen Fr. 42.50.
FBZ, 3. September 2008 |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 4. September 2008 |
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| Zürcher Spaziergänge auf den Spuren der Literaten und Künstler |
Die Journalistin und Autorin Esther Scheidegger, *1946 in Zürich, nimmt uns mit auf acht Spaziergänge durch ihre Heimatstadt Zürich – durch die Altstadt, über den Zürichberg und um den Zürichsee zu den Orten, Cafés, Hotels und Wohnungen, in denen Literaten und KünstlerInnen gelebt und gewirkt haben. Seinen Geburtsort sucht man sich nicht aus, so Esther Scheidegger: „Zürich wurde mir geschenkt“. Oder wie es Friedrich Dürrenmatt von seinem Freundfeind Max Frisch gesagt haben soll, er könne ja nichts dafür, dass er ein Zürcher ist.
Seit dem 18. Jahrhundert zählt „Limmat-Athen“ mit Gelehrten wie Johann Jakob Bodmer und Dichtern wie Salomon Gessner zu den bedeutenden Kulturmetropolen Europas. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde es zum Fluchtpunkt der Emigranten von Richard Wagner bis zu den Dadaisten Hans Arp und Hugo Ball, von Else Lasker-Schüler bis Therese Giehse und wurde zum kreativen Angelpunkt der Schweizer Schriftsteller wie Gottfried Keller, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.
Jeder, der etwas auf sich hält, unternimmt wenigstens einmal im Leben eine Reise nach Zürich (Robert Walser) in die von Gottfried Benn so bedachte Stadt:
„Meinen Sie Zürich zum Beispiel / sei eine tiefere Stadt, / wo man Wunder und Weihen immer als Inhalt hat? / Meinen Sie, aus Habana / weiss und hibiskusrot, / bräche ein ewiges Manna / für ihre Wüstennot? / Bahnhofstrassen und rue’en, / Boulevards, Lidos, Laan - / selbst auf den Fifth Avenue’en / fällt Sie die Leere an - / ach, vergeblich das Fahren! / Spät erst erfahren Sie sich: / bleiben und stille bewahren / das sich umgrenzende Ich“.
Literatur hatte in Zürich schon immer einen besonderen Stellenwert, von Goethe bis Joyce, wenn es auch heute nicht mehr ratsam ist, die Minestrone von der Bahnhofstrasse aufzulöffeln. Literatur kann in Zürich vor der Haustür anfangen: dazu laden die wunderbaren Spaziergänge des FBZ-Mitglieds Esther Scheidegger ein, kommen Sie mit, auf den Spuren der Literaten kreuz und quer durch die Stadt in die Kulturgeschichte der letzten Jahrhunderte.
Esther Scheidegger, Spaziergänge durch das Zürich der Literaten und Künstler
Arche Literatur Verlag, Zürich – Hamburg 2008 192 Seiten, broschiert, 185 Abb., 8 Karten, Fr. 27.50 |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 2. September 2008 |
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| (Foto-) Buchtipps: “Bonjour New York” – Monroe, Sagan, Jardine. |
  Gleich drei neuerschienene Publikationen befassen sich mit dem Mythos New York. Die berückende Fotoreportage „Marilyn in New York“ des New Yorker Fotografen Ed Feingersh entstand 1955. Die Fotos zeigen eine Marilyn, gerade 29 Jahre alt, auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit und ihres beruflichen Erfolges. Sie zeigen den privaten und öffentlichen Alltag des Stars. Ed Feingersh beobachtet Marilyn in ihrer Hotelsuite, folgt ihren Streifzügen durch New York, begleitet sie zur Kostümprobe und ins Theater, ist bei einem Inkognito-Abstecher in die New Yorker Metro dabei. Wir lernen eine Marilyn kennen, deren Gemütslage in der Auf- und Umbruchstimmung 1955 sichtlich zwischen neuem Selbstbewusstsein und Nachdenklichkeit schwankt, eine Marilyn, die sich von ihrer Glamourfigur der frühen fünfziger Jahre bereits emanzipiert hat.
Ed Feingersh studierte Fotografie an der New Yorker „School für Social Research“ und arbeitete lange Jahre als Reporter für Agenturen und als Assistent des Starfotografen Milton H. Greene. Greene, der 1955 Marilyn Monroe (1926 bis 1962) künstlerisch und geschäftlich beriet, hatte ihr empfohlen, sich aus Hollywood nach New York zurückzuziehen, um einen neuen angemessenen Filmvertrag mit den 20thCentury Fox zu erreichen und Schauspielunterricht bei Lee Strasberg am renommierten Actors Studio zu nehmen.
Die erstmals auf deutsch veröffentlichten Reportagen von Françoise Sagan „Bonjour New York, Neapel, Capri und Venedig“ mit dreizehn s/w-Fotos der Autorin entstanden 1954 bis 1956 und haben nichts an Spontanietät und Frische verloren. Sagan liebte New York, die Stadt der Gegensätze und der Exzesse, es war neben Paris die einzige Stadt, in der sie sich vorstellen konnte, zu leben.
Françoise Sagan (1935 bis 2004) war berühmt dafür, ihren Jaguar barfuss zu fahren, ihr Geld grosszügig in den Cafés und Nachtclubs von Saint-Tropez liegen zu lassen und mit ihrem Witz und frechem Charme den Jetset der Fünfziger- und Sechzigerjahre gehörig aufzumischen. Als die achtzehnjährige Tochter eines südfranzösischen Industriellen ihren autobiografischen Roman „Bonjour tristesse“ an den Pariser Verleger Julliard schickte, war über Nacht ein neuer Literarturstar geboren. Noch im gleichen Jahr 1954 beauftragte eine Elle-Redaktorin die reiselustige junge Françoise, ihre Eindrücke von Neapel, Capri, Venedig und New York festzuhalten. Es gelangen ihr mit „Bonjour New York“ zauberhafte Impressionen und Momentaufnahmen, die die Orte am Meer in das beschwingte, sehnsuchtsvolle und authentische Lebensgefühl der Fünfzigerjahre tauchen und mit unverstelltem Blick New York und die Kehrseite der Medaille des Luxuriösen, Rauschhaften und Masslosen beleuchten.
Anja Jardine, seit 2005 Redaktorin beim NZZ-Folio (Zürcher Journalistenpreis 2008) beschreibt in der Erzählung ihres gleichnamigen Buches „Als der Mond vom Himmel fiel“ eine Journalistin, die sich mit ihrem Metier und einem Leben ohne Gefährten und Kinder arrangiert hat, mit einem Bekanntenkreis, der ihr zu fast jeder Tageszeit Gesellschaft ermöglicht. Die Journalistin ist in der Businessklasse nach New York unterwegs, um eine Geschichte über eine neue Frauenbewegung in Amerika zu recherchieren. Dabei muss sie an einen schrägen Flug denken, als der Mond vom Himmel fiel...
Um die stetige Flüchtigkeit des Augenblicks, um Verluste, Verunsicherungen und Reflexionen und um den Reichtum, der in unverhofften Begegnungen liegen kann, geht es in Anja Jardines (geboren 1967 in Pinneberg bei Hamburg) elf Erzählungen. Selten sind es Liebespaare im eigentlichen Sinne, doch von einer somnambulen Leichtigkeit getragene, melancholische Geschichten der vielfältigen Erscheinungsformen der zeitgenössischen Liebe. Zwei junge Menschen reisen zusammen zum Sterben ans Nordkap, zwei andere verlieben sich im Moment des vermeintlichen Zusammenkommens.
"Marilyn in New York". Fotografien von Ed Feingersh. Herausgeber und Einleitung von Lothar Schirmer. 144 Seiten, 66 Duotone-Tafeln, Schirmer/Mosel Verlag, München 2008 Fr. 38.20.
Françoise Sagan: „Bonjour
New York“. Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg 75 Seiten, gebunden, mit dreizehn Fotos SchirmerGraf Verlag, München 2008 Fr. 25.10.
Anja Jardine: „Als der Mond vom Himmel fiel“. 304 Seiten, gebunden, Kein & Aber Verlag, Zürich 2008 Fr. 32.80. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 29. Juli 2008 |
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| Kult(ur)-Magazin DU: Die Seele |
| Mit der Doppelnummer Juli/August übergibt der bisherige interimistische Chefredakteur Walter Keller nach der erfolgreichen Neulancierung die Chefredaktion an Stefan Kaiser. Paul Parin saß also da, mit seinen 92 Jahren, und hörte sich geduldig die einleitende Frage über die Entwicklung des Begriffs der „Seele“ an, bevor er seine Antwort gab, eine Antwort von zweieinhalb Stunden ohne Unterbrechung beim ersten von drei Gesprächen. Stets unterfüttert vom gelebten Wissen des Sigmund-Freud-Preisträgers, der nebenher noch die Erfindung und Geschichte der Psychoanalyse einflicht und auch sein Leben, seine Reisen nach Afrika, wo er die Ethnopsychoanalyse entwickelte und die Techniken und Thesen von Freud auf fremde Kulturen anwandte, spiegelte, veränderte. Ein Gedankenfluss, querweltein, ein Ritt durch die Zeiten – ein Ereignis. Paul Parins Jahrhunderterzählung vom Wandel der Seelenlandschaften druckt das neue DU in einer ausführlichen Transkription. Eine Ehre und ein unvergessliches Erlebnis mit dem Analytiker und Schriftsteller (Erich-Fried-Preis).
Boykottieren oder mitmachen? Empört protestieren oder befürworten? DU-Autor Christian Gerig über Olympia:wenn im August die Olympischen Spiele von Peking beginnen, werden vermutlich alle dabei sein, trotz der Bedenken um die „unerlaubten“ Vermischungen zwischen Sport und Politik. Wie so oft, hilft ein Blick in die Geschichte. Mit dem eher erstaunlichen Resultat, dass Sport und Politik schon seit Erfindung der Olympischen Spiele der Neuzeit Zwillinge sind.
Arthur Cravan war der Neffe Oscar Wildes, seine Wege führten ihn vom Genfersee nach Paris, von New York bis Kanada und bis nach Mexiko. Dadaisten und Surrealisten waren Weggefährten. Poet und Boxer, Hochstapler und Abenteurer, polemischer Kunstkritiker und Taugenichts: Eine Spurensuche genau 90 Jahre nach seinem spurlosem Verschwinden, noch immer Inspirator und Mentor für ruhelose Geister... Ein Portrait Cravans und ein Essay übers Boxen allgemein, für DU speziell verfasst vom Cheflektor von MIT Press, Roger Conover. DU-Einzelheft CHF 20.-.
FBZ, 11. Juli 2008 (is) |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 15. Juli 2008 |
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| Buchtipp: Capotes Journalismus als Kunstform |
Eine hinreissende Lektüre für den Sommer, am Strand, am See, in den Bergen, zuhause auf Balkonien: Truman Capotes Reportagen, Porträts über Berühmtheiten, Konversationen, Begegnungen und Selbstauskünfte. „Die Hunde bellen“, ein amüsanter, unterhaltender Band aus dem neu erschienenen Gesamtwerk im Verlag Kein & Aber, Zürich 2008.
Truman Capote wurde am 30. September 1924 in New Orleans geboren, wuchs in den Südstaaten der USA auf, bis ihn seine Mutter als Achtjährigen nach New York holte. Mit zwanzig Jahren publizierte er seine erste Kurzgeschichte „Miriam“ in New York. Das 1958 veröffentlichte „Frühstück bei Tiffany“ wurde mit Audrey Hepburn verfilmt und begründete seinen Ruhm, wie auch der 1965 mehrmals verfilmte Tatsachenroman „Kaltblütig“. 2005 wurde sein lange verschollenes Debüt „Sommerdiebe“ zu einem Bestseller. Capote revolutionierte die Literaturgeschichte, indem er Journalismus und Literatur zusammenführte. „Die Hunde bellen“ ist sein journalistisches Vermächtnis an die Nachwelt: ein ebenso intimes wie berührendes Porträt über Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, u.a. über Marlon Brando, Charlie Chaplin, Pablo Picasso, Coco Chanel, Marcel Duchamp, Jean Cocteau und André Gide, Humphrey Bogart, Somerset Maugham, Tennessee Williams, über New Orleans, New York, Brooklyn, Hollywood, Haiti, Ischia, Tanger, Japan, Sizilien. Capote starb 1984 in Los Angeles.
Hier ein Auszug aus einem der beiden Porträts Capotes über Marilyn Monroe, die unvergessene Leinwandgöttin, über die auch 2008 neue Bildbände erschienen sind:
"Die Monroe? Doch eigentlich nur eine Schlampe, oder? Eine liederliche Göttin – liederlich in dem Sinn, wie ein Bananensplit oder ein Amarena-Becher liederlich und trotzdem göttlich sein kann. Ihre feuchten Lippen, ihre überlaufende Blondmähne, die notorisch rutschenden BH-Träger, der rhythmische Andrang ruheloser Masse gegen die engen Grenzen ungeräumiger Dekolletees, das sind ihre Markenzeichen, leicht karikierbare Reize, die, so denkt man, auf der ganzen Welt wiedererkannt werden.
Tatsächlich ist die Monroe im wirklichen Leben gar nicht so leicht zu identifizieren. Sie kann, unbehelligt von fremden Blicken, durch die Strassen von New York laufen, auch sie winkt vergebens nach Taxis und kann bei Nedick’s einen Orangensaft bestellen, ohne dass der Mann hinter der Theke gewahr wird, dass das Objekt seiner ehrgeizigeren Träume direkt vor ihm steht. Meistens muss bei der Monroe sogar ausdrücklich gesagt werden, dass es sich um die Monroe handelt, denn auf den ersten Blick wirkt sie nicht anders als die amerikanische Durchschnitts-Geisha, das Spesenkonto-Schätzchen, eine von den vielen, vielen Tingeltangel-Hübschen, die sich schon mit zwölf die Haare färben und mit zwanzig den dritten Ehemann ausplündern.
Doch so sehr sie äusserlich dem Typ entspricht, so wenig gehört sie dazu, denn sie ist bemerkenswert untough und viel zu weich. Darüber hinaus ist sie in der Lage, sich auf Gefühle zu konzentrieren, eine Eigenschaft, ohne die kein Talent funktionieren kann. Die von ihr verkörperten Charaktere, heimatlose Geschöpfe mit frechem Pathos, besitzen allesamt den Charme der Glaubwürdigkeit. Entsprechend gering ist deshalb der Unterschied zwischen der Filmfigur und dem Bild, das sie privat abgibt. Was beide Persönlichkeiten so anziehend macht, ist die Tatsache, dass man – im übertragenen Sinne wie ganz real – ein Waisenkind vor sich hat. Sie ist gezeichnet und umstrahlt von den Stigmata des ewig unbehausten Waisenkindes: Auch wenn sie niemandem traut, nicht sehr jedenfalls, rackert sie sich ab, um jedem zu gefallen. Aus jeder Bekanntschaft will sie unbedingt einen liebevollen Beschützer machen, deshalb sind wir, das Publikum, ihre Bekanntschaften, auch so geschmeichelt und gerührt. Wer so regelmässig zu spät kommt wie sie (und nie unter einer Stunde), den hindert die Angst, nicht die Eitelkeit. Der dauernde Druck, unbedingt gefallen zu müssen, ist an vielem ablesbar: an ihren häufigen Fehlzeiten aufgrund irgendwelcher Erkältungen (…).
Immer wieder liest man, die Monroe sei eine „Institution“, ein „Symbol“, sogar ihrem derzeitigen Ehemann (Arthur Miller) war es nicht zu dumm, dies in einem Artikel kundzutun. Leider wohnt Institutionen immer auch etwas unrettbar Trauriges inne, und Symbole sind erst recht blutleer. Es wäre schade, wenn dieses bezaubernde, lebendige Wesen solch muffige Vereinnahme jemals ernsthaft akzeptieren könnte".
Truman Capote "Die Hunde bellen“ Kein & Aber, Zürich 2008 Gebunden, 885 Seiten Fr. 49.90 |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 1. Juli 2008 |
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| Buchtipp: Donna Leon - Bambini, Kindersegen und Korruption |
Den Bibelspruch „Lasset die Kinder zu mir kommen“ wählte die Krimiautorin Donna Leon als Motto für ihren neuen Roman. Der venezianische Kommissar Guido Brunetti wird mit einem mysteriösen Fall von illegaler Adoption eines Kindes konfrontiert, in den auch die Carabinieri mit einer Nacht- und Nebelaktion verwickelt sind. Ein heisses Eisen, nicht nur in Italien.
Ein kinderloses Arzt-Ehepaar hat illegal ein Baby adoptiert, doch die Polizei nimmt es dem Paar mit Gewalt in einer Nacht- und Nebelaktion weg, weil es das Gesetz so vorschreibt. Für Commissario Brunetti, der den beim nächtlichen Übergriff der Carabinieri verletzten Dottore Gustavo Pedrolli im Spital aufsucht, ist nicht klar, warum Capitano Marvilli und sein maskierter Trupp derartige Gewalt anwendeten.
Der Dottore hat durch den Schock die Sprache verloren. Sein kleiner, achtzehn Monate alter Adoptivsohn Alfredo war der Sonnenschein in seinem Leben. Wieviel von diesen ersten Monaten seines Lebens würde dem kleinen Alfredo in Erinnerung bleiben? Welchen psychischen Schaden trägt ein Mensch davon, der in frühester Kindheit einem liebevoll behüteten Zuhause entrissen und in ein Fürsorgeheim verbannt wurde? Diese Gedanken und Widersprüchlichkeiten um Adoptionen verfolgen Brunetti bis in seine Träume.
Donna Leon beleuchtet in ihrem neuen Buch dunkle Machenschaften und Korruption in Medizinerkreisen, die sich um illegale Adoptionen im kinderlieben Italien drehen, wo die Bambinis gefragt sind und sich viele Paare vergeblich um den Kindersegen bemühen. Meist sind es schwangere illegale Emigrantinnen, aus Albanien oder dem Balkan, die für teures Geld ihr Baby anbieten und über eine Agentur verkaufen, um sich das Leben als Emigrantin zu erleichtern. Donna Leon spricht mit den illegalen Adoptionsfällen ein brennend aktuelles Thema an, ein heisses Eisen nicht nur in Italien.
Auch im sechzehnten Fall von Commissario Brunetti spielen die Schönheiten Venedigs, kulinarische Highlights und notabene seine geliebte Familie eine Hauptrolle, während der spannende Krimi seinem unerwarteten Höhepunkt zustrebt.
Donna Leon
Lasset die Kinder zu mir kommen“ .Diogenes-Verlag, Zürich 2008. Gebunden, 355 Seiten Fr. 38.90
Auch als Diogenes-Hörbuch erhältlich, ungekürzt gelesen von Jochen Striebeck, 8 CD, Spieldauer etwa 624 Min. |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 19. Juni 2008 |
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| Traumkugel und Kugeltraum |
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So lautet eine der Erzählungen von Thomas Hürlimann aus seinem neuen Textbuch „Der Sprung in den Papierkorb“, Geschichten, Gedanken und Notizen am Rand, die im Laufe der letzten Jahre in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen erschienen sind. Darunter findet sich manche Trouvaille.
Passend zur EURO 08 präsentiert Thomas Hürlimann, geboren 1950 in Zug, seine Gedanken im Beitrag „Traumkugel und Kugeltraum“ zur Philosophie des Fussballs und stellt Zusammenhänge vor, die möglicherweise sonst im Verborgenen geblieben wären.
Dabei greift der Autor auf bewährte Autoren wie Platon zurück, für den alles rund war: die Sphäre, die Seele, der Globus, wie auch der Mensch, der ursprünglich eine Kugel gewesen sei, eine runde Einheit, die in zwei Hälften zerplatzte. Ein Fussballspiel, unterteilt in zwei Halbzeiten, könne nun das ungeheuerliche Geschehen zur Darstellung bringen: das Trauma der Spaltung und den Traum von der Rückkehr in die Urkugel zu realisieren. Dass auch Thomas Hürlimann von diesem Trauma verfolgt wurde, verschweigt er nicht. Doch wer Ball spiele, erhebe seine Seele in die Sphären, möchte sich zurückschiessen in seine runden Anfänge, ins All und in den Bauch. Und sei es nur als mitfiebernder Zuschauer. Das ist so amüsant wie anregend zu lesen, jedenfalls einen spielerischen Moment des Nachdenkens wert, den Fussball auf eine höhere Ebene zu heben.
Und mit höheren Stufen und Treppen hat auch die Erzählung „L’esprit de l’escalier“ (Über die Treppe) zu tun, wie Thomas Hürlimann über Treppen sinniert, die in seiner Phantasie, in seiner Erinnerung, ja sogar in Hegels Phänomenologie kursieren, und seine wilden Zeiten in den siebziger Jahren in den Mauerjahren Westberlins lebendig werden lassen, ist eine kleine Kostbarkeit. Immer wieder spielt seine Verwurzelung in der „pädagogischen Provinz“ in einem voralpinen Hochtal inmitten der Schweiz eine Rolle, Klosterschule Einsiedeln, die auf Hürlimann einen nachhaltigen Eindruck hinterliess, wie der Autor schreibt, hier „lernten wir in drastischen Szenen jenes Leben kennen, das uns später, draussen in der Welt, in weit komplizierteren Formen begegnen wird. Derart herrisch und kaltschnäuzig wie mein Rektor in der Stiftsschule baute sich später niemand mehr vor mir auf, vielmehr kam die Macht eher angeschlichen, meist leise, durchaus angenehm, sogar freundschaftlich, aber dank Pater Ludwig, dem Rektor, habe ich sie stets erkannt: an ihrer Art zu atmen. Mächtige sind eitel und hecheln nach allen Seiten um Bewunderung. Sie möchten auf den Sockel, schon zu Lebzeiten“.
Im „Dichtergarten von Cadenabbia“ am Comersee, ja dort, wo Bundeskanzler Adenauer in den fünfziger Jahren Ferien machte, führt uns Hürlimann mit Alissa Walser, schöner als die junge Liz Taylor, Tochter von Martin Walser, über die gekachelten Stufen ins blaudurchsichtige Wasser des Pools. Dabei wird sie beobachtet von verschiedenen Autoren, wie Dr. Spinnen, deutscher Dichter in beiger Tropenuniform, Dr. Kleinschmidt, der gerade ein Foto von der Schwimmenden knipst und unter anderem drei Junggdichtern, die sich im Gebüsch versteckt hatten und erregt ihre Laptops öffneten. Um Viertel nach fünf, als fern die Glocken eines Campanile läuten, tritt Arnold Stadler auf die Veranda und in die Szenerie.
Leichtfüssig und unbeschwert kommt diese kleine Satire daher und verspricht echtes Lesevergnügen, holprige akademische Zumutungen inbegriffen. „Über dem Comer See glitzern die Sterne und mit leiser Wehmut stellt sich ein älterer, grauhaariger, dickbauchiger Romancier vor, wie Alissa Walser und der Gärtner Hand in Hand über mondlichtbepuderte Stufen bergan wandeln, vom Katzenrudel lautlos gefolgt, bis alle miteinander vom Nachtschatten der Zypressen verschlungen werden“. Stand hier das Alter Ego des Autors Pate? Egal, von dieser Art von Geschichten kann es nie genug geben.
Thomas Hürlimann
"Der Sprung in den Papierkorb" Geschichten und Gedanken am Rand,
Ammann-Verlag Meridiane 125, Zürich 2008 Gebunden,250 Seiten Fr. 34.90 |
| Ingrid Isermann, Montag, 26. Mai 2008 |
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| SVP: What happened? |
Einst war die SVP eine bürgerlich-bodenständige Partei der Gewerbler und Bauern. Christoph Blocher machte aus ihr die bekannte SVP, die Schweizerische Volkspartei. Seither reiben sich frühere Anhänger und Beobachter immer wieder die Augen: was ist aus dieser Partei geworden? Mit nahezu 30 Prozent Wähleranteil dank sogenannter Ausländerproblematik, Sozialmissbrauch-Hardliner-Aktionen (Scheininvalide) hat sich die Schweiz nachhaltig verunsichern lassen.
Und diese Partei macht mit ihrem Schein statt Sein auch nicht vor eigenen Leuten halt, die Wert auf eine liberale, eigene Meinung legen, obwohl sie sich nach wie vor zu ihrer konservativen Partei bekennen. Noch vor kurzem war ein Parteiausschluss der vom Parlament rechtmässig gewählten Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf kein Thema für die SVP. Erst nach dem umstrittenen Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens über die Bundesratswahl, die Akteure und die vermeintlich willigen Helfer wurde die Bundesrätin zu einer absoluten Unperson für die SVP.
Warum spielt ein tendenziöser TV-Dokfilm, der kaum die ganze Wahrheit wiedergibt, eine solch gravierende Rolle? Wie unabhängig denken die Chefstrategen der SVP? Lassen sie sich von Halbwahrheiten ins Bockshorn jagen und von kurzfristigen Emotionen der Rache lenken? Und ihr willfähriger Präsident dieser bedenklichen Haltung, Toni Brunner, trägt die Entscheidung in einem geradezu kafkaesken Ausmass weiter mit, dass von freier Meinungsäusserung in dieser Partei keine Rede mehr sein kann. Null Souveränität plus null Toleranz ergibt null Kompetenz. Eine einfache Rechenaufgabe.
Keine guten Aussichten für die Schweizer Demokratie. Muss die Schweiz tatsächlich an stalinistische und DDR-mässige Tendenzen erinnernden Machtgefälle erleben, dass sogar der Ausschluss einer ganzen Sektion der SVP in Graubünden demnächst bevorsteht und als Sippenhaft möglich ist? Das darf doch nicht wahr sein... |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 20. Mai 2008 |
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| Kommentar: Die Einbürgerungsinitiative auf dem Prüfstand |
Das war sie also, die mit Spannung erwartete Arena am 16. Mai 2008, SF1, über die Einbürgerungsinitiative der SVP mit den Kontrahenten Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf und ihrem Vorgänger Christoph Blocher. Der Showdown blieb aus, Brunner und Blocher gegen Wasserfallen und Jositsch, die Oberhoheit behielt die Bundesrätin.
Christoph Blocher ohne magistrale Würde blieb erstaunlich unbedarft in seiner Rede, schwerfällig artikulierte er seine Thesen, als Rattenfänger der Ängstlichen vor einer Überfremdung der Schweiz infolge von Einbürgerungen. Ein Nachfolger von James Schwarzenbach, den viele jüngere StimmbürgerInnen schon nicht mehr erinnern, verschwunden im Orkus der Geschichte. Ein Schicksal, das Christoph Blocher vielleicht fürchtet? Da müssen doch flugs ein paar Bedrohungen her, und was sind seine Argumente? Masseneinbürgerungen von kriminellen Elementen undsofort?
Seltsam, dass diese durchsichtigen, das Misstrauen schürenden Thesen viele BürgerInnen bisher beeindruckt haben. Denn die Bürgerrechte werden mit der Einbürgerung nicht abgebaut, wohl aber mit der Einbürgerungsinitiative. Ein kleiner, sehr wichtiger Unterschied, der scheinbar sehr missverständlich wirkt. Dass diese Masche immer noch verfängt, sind daran die JournalistInnen unschuldig?
Wenn Gesetze gegen die Menschenrechte verstossen, die der damalige Justizminister Blocher seinerzeit mehrmals hart touchierte, stellt sich die grundlegende Frage, ob solche Vorlagen überhaupt vors Volks dürfen. Das wäre eine Diskussion wert. Sich überall rauszuhalten, ist mit Sicherheit auch für JournalistInnen die falsche Neutralität: "luege, aaluege, zuelege, nüd znäch. nu vu wiitem, ruig bliibe, schwiizer sii, schwiizer bliibe, nu luege" (Eugen Gomringer). |
| Ingrid Isermann, Samstag, 17. Mai 2008 |
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| Buchtipp: Martha Gellhorn - Schreiben als Form der Freiheit |
Wenn Martha Gellhorn als Kriegsreporterin von Front zu Front reiste, schien ihr das Schreiben wie eine ferne Verheissung. Ihre Reportagen brachten ihr Bewunderung ein. Doch ihre Novellen konnte sie erst spät veröffentlichen, 1965 „Pretty Tales for Tired People“, nun endlich auf Deutsch erschienen im Zürcher Dörlemann-Verlag.
Die Novellen beschreiben mit Verve, Ironie und Witz die Rankünen der oberen Gesellschaftsklasse. Den Einengungen und Zumutungen der Geschlechterrollen begegnet sie in ihren Stories mit beissendem Spott. Martha Gellhorn verarbeitete eigene Erfahrungen und Entwicklungen, aus ihrer früheren Ehe mit Ernest Hemingway oder dem späteren Ehemann Tom Matthews und dem Partyleben im London der fünfziger und sechziger Jahre fühlte sie sich fremd. Schreiben erschien ihr als einzig praktikable Form der Freiheit inmitten der selbstgefälligen bürgerlichen Schichten in New York oder London mit ihren brüchigen Gewissheiten, fragwürdigen Gewohnheiten und seltenen Selbstbefragungen.
In „Der Gewiefte“ porträtiert Martha Gellhorn einen Opportunisten, der sich jeder Lebenslage anzupassen weiss, bis er auf seine Meisterin trifft, eine mit List und Tücke aufgestiegene Gesellschaftsdame, der er verfällt und die ihn schonungslos ausbeutet, so wie er früher mit Frauen und Kollegen umzugehen pflegte: „Er war ein ganz Gewiefter. Er verstand diese Welt und dieses Leben. An Glück und Pech glaubten nur Müssiggänger, Narren. Er kannte den genauen Preis des Erfolgs. Er pflegte die nützliche Einbildung, alles lernen zu können, und für seine Belange hatte er recht. Er liess nie nach, und er verschwendete keine Zeit. Er war ein kalter Mensch und von den Folgen unbeeinträchtigt: Einsamkeit war sein natürlicher Zustand.“ Minutiös schildert die Autorin den Lebensweg des jungen Anwalts in den wechselnden Schauplätzen New York, Long Island und London, wie sich sein sonst so geregeltes und geordnetes Leben langsam in ein Chaos verwandelt.
In der Novelle „Fall und Aufstieg von Mrs. Hapgood“ schickt sie die Protagonistin mit ihrem Auto auf eine Reise nach Frankreich, vermutlich die gleiche Route, die sie seinerzeit mit ihrem Morris Minor genommen hatte, als sie aus der Ehe ausbrach, und lässt sie über ihr Arrangement in Familie und Gesellschaft nachdenken, das ihr hohl und leer erscheint. Sie erfindet sich neu, mit anderer Frisur, chicer Kleidung, um letztlich durch die Worte des Dichters Cummings „dann also zum Teufel damit: jenem; diesem, denn vielleicht geht es ja darum, Blumen zu essen und keine Angst zu haben“ ohne Ehemann und Lover zu sich selbst zu finden. Mrs. Hapgood macht sich glücklich frei von allen Konventionen und eröffnet ein eigenes kleines Hotel in Frankreich. Das ist so unterhaltsam wie exquisit geschildert, eine Handlung, die wie Blasen eines perlenden Champagners an der Oberfläche ihrem Höhepunkt zustrebt.
Martha Gellhorn
Muntere Geschichten für müde Menschen
Drei Novellen, 255 Seiten, gebunden. Nachwort von Hans Jürgen Balmes. Aus dem Amerikanischen von Miriam Mandelkow. Fr. 39.80. www.doerlemann.com
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| Ingrid Isermann, Dienstag, 29. April 2008 |
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| Buchtipp: Vernetzte Kulturgeschichte der Nacht |
Das Thema ist hochkarätig besetzt: Alle Schöpfungsmythen beginnen damit, dass die ewige Nacht vom Tag überwunden wird. Doch vor allem Anfang war die Nacht, und sie kehrt immer wieder. In der Nacht erwacht die eigene Welt der Träume, der Erscheinungen, des Surrealen, des Irrealen, die in den Tag hineinreichen. Elisabeth Bronfens „Tiefer als der Tag gedacht“ zitiert Nietzsches „Zarathustra“ und beleuchtet Nacht-Szenarien in Literatur, Kunst und Film, die sich der taghellen Logik der Vernunft entziehen. Von den Schöpfungsgeschichten der frühen Griechen spannt sich der weite Handlungsbogen zu Shakespeare und Milton zur europäischen Romantik, zu Celines Ende der Nacht, Goethes Nachtverwandtschaften, George Eliots Morgenröthe, Edith Whartons Abenddämmerung und Virginia Woolfs Nächten und Tagen, von Böcklins „Nacht“ über Mozarts Königin der Nacht der „Zauberflöte“ zu Scorseses Film noir „Taxi Driver“.
Die Psychoanalyse zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die erste Wissenschaft, die die nächtliche Traumwelt erhellt und tiefgründige Verwurzelungen zwischen Vertrautem und Fremdem, Ursprung und Ziel des Lebens aufdeckt. Der Mensch strebt zwar nach Glück, doch in der Realität sind die Möglichkeiten, diese Wünsche zu erfüllen, beschränkt, analysiert Freud in „Das Unbehagen in der Kultur“. Im Widerstreit zwischen Glücksanspruch und Alltag wird der Mensch von verschiedenen Seiten attackiert. Die Nacht entspricht der Urverdrängung, die sich zurückmeldet und einbricht in Eros und Thanatos, zwischen dem Wechselspiel der Tagesvernunft und der unheimlichen Nachtreisen, Traumwelten und Allegorien auf der Grenze zwischen Phantasie und Wirklichkeit.
Virginia Woolf beschreibt in ihrem Buch „Mrs. Dalloway“ einen einzigen Tag, der unter der Oberfläche der Betriebsamkeit eine bedrohliche Leere erkennen lässt, eine Gratwanderung über dem Nichts. Woolf notiert am 25. Oktober 1921 in ihrem Tagebuch: „Warum ist das Leben so tragisch; wie ein schmales Stückchen Trottoir über einem Abgrund? Ich schaue hinunter; mich schwindelt; ich frage mich, wie ich je auf die andere Seite gelangen soll. Aber warum habe ich dieses Gefühl? Jetzt, wo ich es sage, ist es weg“. Neben Tag und Nacht gibt es noch ein Drittes, das Nichts.
Im Film noir wird die Komplizenschaft zwischen der Dunkelheit des Kinosaals mit der Handlung auf der Leinwand deutlich. Während der Titelsequenz von „Sunset Boulevard“ (1950) lässt Billy Wilder seine Kamera den Boulevard entlang rückwärts in die Dämmerung hineinfahren; wie die Vorahnung eines dunklen Geschehnisses bleibt die Kamera auf dem Weg, der zum Tatort führt. Der Film noir als Filmgenre zeigt die Welt als labyrinthisches Gefängnis. In vielen Filmen noirs gibt die Off-Stimme die Geschichte des Scheiterns des Helden wieder, dessen Träume sich an einer betörenden femme fatale festmachten, die wie die Nacht ihre Phantasie aufruft, Glück verspricht und als Projektionsfläche die Wünsche und Ängste ihrer Geliebten spiegelt. Ihre geheimnisvolle Anziehungskraft entspricht zugleich der unergründlichen Nacht als dunkler Fluchtpunkt, der Erinnerungen der Noir-Helden auslöst, die von ihnen nicht eingeholt werden können. Die Nacht in verschiedenen Domänen zu ergründen, als beständiges Wechselspiel von Träumen und Erwachen, Entgrenzung und Neubestimmung, Transgression und Ethik, ist der brillanten Literaturwissenschaftlerin gelungen.
Elisabeth Bronfen: "Tiefer als der Tag gedacht". Eine Kulturgeschichte der Nacht. 639 Seiten, geb., Fr. 52. Carl Hanser Verlag, München 2008. |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 9. April 2008 |
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| Buchtipp: Sybille Bedfords Reisereportagen als Lebenselixier |
| Für die kleine oder grosse Sehnsucht nach dem Süden: Sybille Bedfords taufrische, elegante Reiseerinnerungen „Am liebsten nach Süden“ führen uns nach Venedig und Capri, in die Normandie und ins Bordelais, ins ehemalige Jugoslawien. Und in die Schweiz. Auf dem Höhepunkt ihres literarischen Erfolges reiste die Schriftstellerin für Vogue und Enquire in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts quer durch Europa.
Sommerliche Wochen zwischen Genf und Luzern erlebte Sybille Bedford 1953 in der Schweiz, am 1. August kommt sie vormittags in Genf an: „Aus dem Zug rieselte noch etwas Sand, als ich durch die Waggontür ausstieg, die gestern abend auf dem Bahnsteig in Cannes zugeschlagen worden war; ich passierte die beiden Zollkontrollen – Douane Française, andere Farben, gemeinsame Sprache, andere Uniformen, Douane Suisse - und ging für ein paar geschenkte Stunden in die weitläufige, helle, reiche Stadt. Überall Wasser und Licht, schneehell über sommerlichem Blau: Quai des Saules, Pont du Rhône, Pont de l’Isle, Quai des Bergues – Genfer See, breit und offen. Segelboote; der Jardin Anglais, ordentlich gekleidete Leute auf den Parkbänken; und dort der Jet d’Eau, eleganteste Fontäne, weisser Wasserkomet, himmelwärts schiessend“.
Sybille Bedford ist eine genaue Beobachterin, die auch Widersprüche nicht auslässt; über das Personal im Hotel berichtet sie, es sei gleichbleibend freundlich: „Sehr gern“. „Zum Wohl“. Volontiers. Subito. Bitte. Thank you. Grazie. Merci. Sie fährt mit dem Raddampfer über den Vierwaldstätter See, wandert jeden Tag fünf bis neun Stunden, „eine beglückende Erfahrung, über den Pass hinunter nach Immensee, über die Scheidegg nach Schwyz und querfeldein zurück“. Nach Zürich in einem Tagesausflug, „wie angenehm die Züge sind, wie sauber, …alles geschieht so ordentlich, so vernünftig“. Mit der Kriegsreporterin Martha Gellhorn, Exfrau von Ernest Hemingway, tourt sie mit dem Auto quer durch die Schweiz, ihre malerischen Schilderungen landschaftlicher Schönheiten klingen verheissungsvoll.
„Reisen bedeutet zunächst einmal: eine Auseinandersetzung des Ichs mit der Welt. Die Welt ist ein hydraköpfiges Wesen, so alt wie die Felsen und so unbeständig wie das Meer, rätselhaft. Das Ich will sicher und pünktlich ankommen. Es will Vergnügen, Abwechslung, Ruhe, starken Kaffee, starke Drinks geboten bekommen, funktionierende Streichhölzer und mit einem grossen Geldschein bezahlen können. Es will ein bezugsfertiges Zimmer vorfinden, nicht überheizt und nicht zu kalt, mit Kleiderbügeln, der richtigen Stromspannung, einem Aschenbecher und reichlich frischen Handtüchern. Es will mal um halb sieben, mal um halb elf zu Abend essen. Es will alles wie erwartet vorfinden, nur besser“.
Mit wenigen Sätzen gelingt es Sybille Bedford, die besondere Atmosphäre und Stimmung eines Landes einzufangen, klar skizziert und detailgetreu eine Anleitung zur Entschleunigung. Ob Venedig im Winter 1967, - als ob die Reisereportage im Lichte glasklarer Verzauberung heute verfasst worden wäre -, oder ihre abenteuerlichen Fahrten durch das Jugoslawien von 1965, dessen Länder wiederum nach neuer Identität suchen.
Sybille Bedford (1911-2006), geboren in Berlin als Tochter des Barons von Schoenebeck und seiner englischen Gattin, lebte in Deutschland, England, Italien und Frankreich. Ihre klugen und warmherzigen Reiseerzählungen schöpfen aus dem reichen biographischen Hintergrund und erscheinen erstmals auf deutsch.
Sybille Bedford
„Am liebsten nach Süden“ Unterwegs in Europa Aus dem Englischen von Matthias Fienbork Gebunden, Leinen, 224 Seiten SchirmerGraf Verlag, München 2008 |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 8. April 2008 |
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| Medien: Ist es eine self fulfilling prophecy? |
| Die ambivalente Bewunderung für polarisierende Politfiguren scheint auch den Medien eigen zu sein. Do we need another hero? Oder wie sonst ist es zu erklären, dass in der Sonntagszeitung vom 6. April 2008 unter dem Titel „Dividende der SVP“ diese zu einer 40-Prozent-Partei mutieren könnte. Warum?
Wegen Blochers Abwahl, weil er sich nicht in den Bundesrat einbinden liess. Man ihn entliess und meinte, ihn erledigt zu haben und weil das eine Fehleinschätzung war. Who cares, wenn auch das wieder eine Fehleinschätzung ist? Medien schreiben heute dies, morgen das, welcher Hahn kräht nach einer Woche noch danach. Aber – es wird gelesen und so werden Meinungen gemacht, sei es als Legitimation für die aufrechte SVP-Doktrin und die beleidigten Urnengänger, sei es um nebenbei noch schnell auch die andere Seite der Medaille zu beleuchten.
Klimawandel? Geht es um die Abschaffung der Demokratie? Oder um die Abschaffung des Parlamentes? Medien berichten, kommentieren und tun so, als ob sie eigentlich nicht dazugehören. Dass die Presse selbst Teil des Spiels ist, Macht ausübt, wird ungern zur Kenntnis genommen. Wer verkauft (sich) am besten auf dem Marktplatz der Meinungsvielfalt, wer am lautesten lärmt, hat Zulauf und wird gehört, wie es die SVP schweizweit vormacht, gegen die „Machtübernahme der classe politique“, zu der sie notabene selbst gehört. Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode. Das System hat System, sich gegenseitig zu blockieren. Ausschluss, kein Widerspruch, basta! Warum soll es der Schweiz besser gehen? Frankreich mit Le Pen und Österreich mit Haider haben sich mit ihren rechtspopulistischen Führerfiguren auch auseinandersetzen müssen. Warum sollte es mit Blocher anders sein? Erpressung, Angst und Drohungen sind allemal schlechte Ratgeber. Das geht auf den Geist und ist im wahrsten Sinne des Wortes geisttötend. |
| Ingrid Isermann, Dienstag, 8. April 2008 |
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| Filmtipp: Bärenstarke Filmstars |
| Wen rührte sie nicht, die Story von Knuddelbär Knut im Berliner Zoo, nach der Geburt im Dezember 2006 von der Mutter nicht angenommen, vom Tierpfleger Thomas Dörflein mit der Flasche aufgezogen und mittlerweile mehr als 110 Kilogramm schwer. Erfolge bei der Handaufzucht in Zoos sind selten, bei Eisbären noch schwieriger als bei anderen Bärenarten. Das erklärt auch das enorme Interesse an dem Eisbärenjungen Knut, den ganze Heerscharen belagerten. Ein Dokumentarfilm hat die ungewöhnliche Freundschaft zwischen einem Eisbären und einem Menschen festgehalten.
Die Dokumentation mit einem fiktionalen Handlungsbogen unter der Regie von Michael Johnson, - geboren 1965 in Berlin als Sohn eines Amerikaners und einer Deutschen- , zeigt neben unveröffentlichtem Bildmaterial von Knuts Entwicklung fesselnde Bilder von Eisbären in der Arktis und Bären in Weissrussland: Ein Bärenkindertagebuch für die ganze Familie, unterhaltsam, berührend und lehrreich, eine faszinierende Reise in die Bärenwelt. Bärenkinder haben viel zu lernen und sind neugierig, ganz so wie die Menschenkinder.
Das Grundthema sei die Familie, so Johnson: Es gibt sie heutzutage mehr denn je in unterschiedlichsten Formen, so, wie es auch bei Bären vorkommt. Es gibt Familien wie die der Eisbären in der Arktis, es gibt „Patchwork“-Familien, wie bei Knut und seinem Betreuer – und auch Kinder, die ohne Eltern aufwachsen. Im übertragenen Sinne möchte der Regisseur die Einsicht vermitteln: Solange man zueinander hält, ist alles möglich und alles zu schaffen, kann jeder überleben und aus seinen Lebensumständen das Beste machen.
Sich um Bären zu kümmern und sich für sie zu engagieren, sei eine Inspiration, die man vom Film mitnehmen könne, denn ihre Welt ist auch unsere Welt, wenn wir auf die Bären schauen, sehen wir auf unseren eigenen Lebensraum, der beispielsweise durch das Abschmelzen der Arktis bedroht ist wie die Existenz der Bären. Ein Filmbeitrag, der im Gedächtnis bleibt, mit einer poetischen Sprache und Bildern, die die Schönheit der Natur, der Arktis und Weissrusslands, auf eindrückliche Weise dokumentieren.
„Knut und seine Freunde“, Regie Michael Johnson, Buch Theresa Alto, Michael Johnson, D 2008, 1h29. Kinostart 17. April 2008 |
| Ingrid Isermann, Freitag, 4. April 2008 |
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| Das Schweigen der Lenker |
Sie sassen vorne auf der Bühne des Kaufleuten, Schriftsteller Lukas Bärfuss, Publizistikwissenschaftler Kurt Imhof, Schriftsteller Robert Menasse aus dem Nachbarland Österreich, TA-Chef Peter Hartmeier, Georg Kohler, Professor für politische Philosophie und Literaturkritikerin Pia Reinacher. Von hinten sah man sie als kleine Köpfe und männiglich fragte sich, warum in Zeiten des HighTech nicht eine Leinwand oberhalb mit Live-Aufnahmen installiert werden konnte, sodass neben der Dialektik auch die Mimik eingefahren wäre.
Was zu hören war, waren die üblichen Standpunkte zu Gesellschaftsfragen aus verschiedener Optik. Zum Beispiel: Warum schweigen die Intellektuellen? Warum melden sich (junge) Schriftsteller nicht zu Wort? Ist das eine typisch eidgenössische Diskussion? Menasse: „Eher eine zeitgenössische“.
Imhof: „Die Ökonomen und Wirtschaftskader sind sicher keine Intellektuellen. Der Markt wird es nicht richten“. Kohler: „Ich bin auch kein Intellektueller. Das ist ein schwammiger Begriff. Überhaupt, was wollt Ihr, hier wird doch diskutiert, Blocher wurde abgewählt “. Erste Unmutsrufe. Nicht viel Neues also inklusive der üblichen gegenseitigen Verdächtigungen. Bis eine Frau, sie hiess Judith Stamm, sich im Publikum zu Wort meldete. Sie möchte nicht in einer politischen Atmosphäre leben, wo Bundesräte von Politikern als „klinisch tot“ und „Blinddarm“ bezeichnet würden. Und ob man das Wort „Solidarität“ vergessen hätte. Franz Hohler doppelte im Publikum nach, von wegen fehlender Stellungnahmen, er hätte eine solche zusammen mit AutorInnen verfasst und sie an den Tages-Anzeiger gesandt, aber diese Stellungnahme sei nie erschienen. Dann antwortete TA-Chef Hartmeier, er wisse genau, um was es sich handle, aber es sei der Redaktion nicht als relevant erschienen, es zu bringen. Daraufhin kräftige Buhrufe und Zurufe: „Joseph Beuys, wo bist Du?“. Alles andere brachte ja dann der Tages-Anzeiger. |
| Ingrid Isermann, Montag, 24. März 2008 |
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| Buchtipp: Annemarie Schwarzenbach - „Eine Frau zu sehen“ |
Vor 65 Jahren starb die Autorin, Journalistin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) mit 34 Jahren in Sils/Engadin. Vergessen ist sie nicht, im Gegenteil. Zu ihrem 100. Geburtstag am 23. Mai 2008 findet eine umfassende Ausstellung im Museum Strauhof (19. März-1. Juni) statt sowie Rahmenveranstaltungen des Literaturhauses. Zudem sind neue Publikationen erschienen, darunter ein erst kürzlich im Schweizerischen Literaturarchiv im Nachlass neu entdeckter berührender Text der 21jährigen Autorin Annemarie Schwarzenbach. Im Filmpodium werden Familienfilme aus dem Archiv der Familie Schwarzenbach gezeigt wie u.a. auch die filmische Reise nach Afghanistan mit Ella Maillart.
Annemarie Schwarzenbach entstammte einer reichen Zürcher Textilfabrikantenfamilie. Ihre Mutter, Renée Schwarzenbach-Wille, Tochter von General Ulrich Wille und Clara von Bismarck, führte auf dem barocken Familienlandsitz Gut Bocken ob Horgen ein strenges Regiment, zu dem Annemarie Schwarzenbach ein Leben lang in Widerspruch stand. Auf Gut Bocken eingeladen wurden illustre Gäste und Komponisten, u.a. Richard Strauss, Othmar Schoeck, Arturo Toscanini, Wilhelm Furtwängler, Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, John Knittel und Annette Kolb.
Nach Studium in Zürich und Paris, Promotion in Geschichte, Dissertation über die Geschichte des Hochengadins, veröffentlichte Annemarie Schwarzenbach mit 23 Jahren ihren ersten Roman „Freunde um Bernhard“. Nach Auslandaufenthalten u.a. in Berlin, bereiste sie ab 1933 den Vorderen Orient mit einer Gruppe von Archäologen (Türkei, Syrien, Libanon, Palästina, Irak, Persien). 1934 lernte sie Claude Clarac kennen, Sekretär der französischen Gesandtschaft in Persien, den sie 1935 in Teheran heiratete. Ihr abenteuerliches Leben wird in der subtilen Biografie von Dominique Laure Miermont („Eine beflügelte Ungeduld“) in dichter Atmosphäre beleuchtet.
Was an der Biografie Annemarie Schwarzenbachs noch heute fasziniert, ist ihre politische Weitsicht im sich verdunkelnden Europa und ihre unbestechliche Intuition, über die sie in ihren ausgezeichneten Reportagen über Russland, den Iran, Irak, Afghanistan, von den Vereinigten Staaten bis in den Kongo, literarisch und journalistisch Zeugnis ablegt.
Dass sie in ihrer Stellungnahme gegen den Nationalsozialismus mit Erika und Klaus Mann, den enfant terribles von Thomas Mann, freundschaftlich verkehrte, brachte ihre rechtsbürgerliche Familie in Harnisch, die 1934 in Zürich Erika Manns antifaschistische „Pfeffermühle“ bei der Polizei anschwärzte. Annemarie Schwarzenbachs Existenz war von Drogen und Klinikaufenthalten geprägt. Richtig wohl fühlte sie sich letztlich nur in Sils-Baselgia im Engadin mit ihren Freunden in ihrem Jägerhaus, wo „ich mich leichter fühle als anderswo“ oder auf ihren ausgedehnten Reisen.
Ihre Reportagen aus dem Nahen Osten sind von brennender Aktualität; ihre Vita ist die einer modernen, jungen, engagierten Frau, die mit aller Kraft versucht, sich einen eigenen Weg zu bahnen und dabei ihre Würde nicht zu verlieren.
Im jüngst aufgefundenen Manuskript aus dem Nachlass, „Eine Frau sehen“, bekennt sich die erst einundzwanzigjährige Annemarie Schwarzenbach mutig über die moralischen Urteile ihrer Zeit hinweg offen zu ihrer Liebe zu Frauen. Eine stilsichere, stilvolle, bezaubernde Erzählung, die in einem Grandhotel in St. Moritz, im Winter 1929, spielt. Eine schwebende Liebesgeschichte voller Poesie, Erotik und Philosophie über das Leben als solches.
Annemarie Schwarzenbach: „Eine Frau sehen“. Erzählung, 80 Seiten, geb. Hrsg. Alexis Schwarzenbach. Kein & Aber Zürich 2008. Fr. 22.90. Alexis Schwarzenbach: „Auf der Schwelle des Fremden. Das Leben der Annemarie Schwarzenbach“, 420 Seiten, mit Hör-CD, Abbildungen und Faksimiles, Collection Rolf Heyne, München 2008. Fr. 96 (in der Ausstellung Fr. 65). Dominique Laure Miermont: „Annemarie Schwarzenbach. Eine beflügelte Ungeduld“. Biografie. 456 Seiten, zahlreiche Fotografien, Ammann-Verlag Zürich 2008. Fr. 58.50.
www.strauhof.ch; www.literaturhaus.ch; www.annemarieschwarzenbach.ch |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 19. März 2008 |
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| Filmtipp „It’s a free world“: Ken Loachs Fallstudie über Migranten |
Der englische Filmregisseur Ken Loach hat auch mit 72 Jahren nicht den Biss an zeitkritischen Themen verloren, seine sozialkritischen Filme sind Legenden. In Zeiten der Globalisierung, die Billig-Arbeitskräfte aus Russland und Polen in die englische Wirtschaftsmetropole London schwemmt, die in ihrer Heimat keine Arbeit finden oder aus politischen Gründen mit ihren Familien emigrierten, u.a. aus dem Iran und Irak, zeigt Ken Loach als berührende Migranten-Schicksale.
Zunächst hat Angie (beindruckend authentisch: Kierston Wareing) es am eigenen Leib gespürt, was es bedeutet, plötzlich arbeitslos zu sein, in freiem Fall ohne Aussicht auf einen befriedigenden Job. So vertauscht sie die Rollen und wird zur ambitionierten Arbeitgeberin, die Jobs vergibt, die in England niemand mehr will, Knochenarbeit für wenig Geld, die aber in osteuropäischen Ländern gefragt ist.
Sie rekrutiert die Arbeitswilligen direkt in Kiew oder Polen und verspricht ihnen, in England zu legalen Papieren zu kommen. Mehr und mehr verhärtet sie sich gegenüber den Ansprüchen und Schicksalen der ausgebeuteten Arbeitnehmenden und profitiert letztlich ebenso wie die üblichen Arbeitgeber, die Schwarzarbeit vermitteln.
Erst eine persönliche Betroffenheit, als sie ihr Sohn von Asylanten entführt wird, bringt sie zum Nachdenken. Doch das gute Leben, an das sie sich gewöhnt hat, wird ihren Kurs nicht ändern. Eine Sozialstudie, die zum Nachdenken anregt.
It’s a free world, Regie Ken Loach Drehbuch Paul Laverty, 2008 Mit Kierston Wareing, Juliet Ellis, Leslaw Zurek u.a. |
| Ingrid Isermann, Freitag, 14. März 2008 |
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| Filmtipp: Bob Dylan - Der Hohepriester des Protests |
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Bob Dylan, schillerndes Idol des Folk, Rock und Pop, wird in „I’m Not There“ gleich sechsfach verkörpert, u.a. als Singer-Songwriter, scharfzüngigen Poeten, als Folk-Troubadour im pulsierenden Greenwich Village der frühen 60er. Regisseur Todd Haynes verknüpft die Geschichten zur raffiniert verschachtelten Filmbiografie über den widersprüchlichen, widerborstigen Star Bob Dylan, der jede Schablone hasst. Die spektakulärste Dylan-Performance im Film zeigt Cate Blanchett auf dem Weg von der Folk- zur Rock-Ikone in den Sixties.
Eine schillernde Collage, eine mehrdeutige Pseudo-Dokumentation mit eingespielten Originalszenen, ein präzise recherchiertes Feature, das verwirrend wie die Persönlichkeit des Pop-Barden Dylan es ist, seine verschiedenen Identitäten auffächert: Cate Blanchett erhielt für ihre Darstellung des fiebrig-hypernervösen Folkstars, der auf einer England-Tournee sein Publikum mit furioser Rockmusik gegen sich aufbringt, den Spezialpreis der Jury an den 64. Filmfestspielen von Venedig 2007. Und 2008 einen Golden Globe für die beste Nebenrolle. Regisseur Haynes verknüpft nachinszenierte Filmdokumente mit sechs verschiedenen Schauspielern mit Originalaufnahmen, die fiktionale Handlung mit realen Ereignissen und nüchtern-protokollartige Bilder mit phantasievollen Inszenierungen, die den Dylan-Songtexten, von denen sie inspiriert sind, in nichts nachstehen.
Durchbruch mit „Blowing in the wind“ „Ich werde dich gehen lassen und mich nicht mehr sehen lassen. Dann wird sich zeigen, wer von uns leidet…“ aus „Most likely you go your Way“. Er wisse nicht, wie er zu seinen Liedern kam, sagt Dylan, „sie entstanden auf magische Art und Weise, als ob sie schon immer da gewesen wären…“. Mit seinem legendären Song „Blowing in the Wind“ schaffte er den Durchbruch, der ihn an die Spitze der Bürgerrechtsbewegung zusammen mit der Sängerin Joan Baez hievte.
In seinem 2004 erschienenen Buch „Chronicles“ drückt Dylan sein Erstaunen darüber aus, dass er „zum Hohepriester des Protests, zum Zaren der Andersdenkenden, zum Erzbischof der Anarchie, zum grossen Zampano…“ ernannt wurde. Diesen Rollenbildern hat sich Dylan immer wieder entzogen, sich verschiedene Identitäten zugelegt, denen der kapriziöse Film mit gelungenen und weniger gelungenen Passagen gerecht zu werden versucht.
Auch 2008 schwimmt Dylan (*1941) wieder auf einer Erfolgswelle, seine Konzerte sind ausverkauft. Und als wäre das alles nicht genug, wurden auch 170 Gouachen und Aquarelle von Bob Dylan in den renommierten Kunstsammlungen Chemnitz ausgestellt (bis 3. Februar 2008).
Seit seiner letztjährigen „Modern Times“-CD, der insgesamt 44. Platte, werden Dylan-Konzerte mittlerweile von drei Generationen besucht Doch selbst eingefleischte Fans kommen nicht ohne Songbooks aus, um seine hingenuschelten Texte zu verstehen - die allerdings sind Lyrik. 2007 erhielt Dylan den mit 50 000 Euro dotierten Prinz von Asturien-Preis des spanischen Königshauses. Und vom Literaturnobelpreis ist auch immer wieder mal die Rede. Dylan-Fans buchen für die nächsten Konzerte jetzt schon Flüge und Hotels für Palermo, Salamanca und Prag, oder sie können bis dahin mit dem facettenreichen Dylan-Film „I’m Not There“ vorliebnehmen, im Ohr immer noch seinen Spruch von 1965: „Don’t Follow Leaders!“.
I’m Not There, Regie und Drehbuch Todd Haynes, mit Cate Blanchett, Richard Gere, Heath Ledger, Ben Whishaw, Julianne Moore, Charlotte Gainsbourg u.a. USA 2007, 135 Min. Kinostart: 14. Februar 2008 |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 30. Januar 2008 |
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| Buchtipp: Kein Volk von Schafen - Rassismus und Antirassismus in der Schweiz |
Das brisante, neue Buch von Georg Kreis, Historiker und seit 1995 Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR), untersucht, wie es um Rassismus und Antirassismus in der Schweiz steht. Kreis präsentiert eine faktenreiche Analyse, die, auch angesichts der Ausschaffungsinitiative und der Schäfchen-Plakate der SVP, aktueller ist denn je.
„Kein Volk von Schafen“ ist eine allgemein verständliche und spannend zu lesende Bestandesausfnahme von Rassismus und Antirassismus in der Schweiz. Georg Kreis zeigt auf, was es bedeutet in der heutigen realen multikulturellen Gesellschaft mit der Integrationsaufgabe zu leben, welche Instrumente es gegen Rassismus gibt und beleuchtet den rechtlichen Hintergrund. Wer vor wem geschützt werden muss in Bezug auf Rasse, Religion, Ethnie, über das Diffamieren und Diskriminieren bis zur Feindlichkeit gegen Muslime, Juden und Schwarze und den Extremismus aller Windrichtungen.wird in einem ausführlichen Kapitel behandelt.
Kreis geht auf das Argument der Beschränkung der Meinungsvielfalt ein, welches die Gegner der Antirassismus-Strafnorm immer wieder ins Feld führen bis zum öffentlichen Genozidleugnen und er widmet auch dem „Blocher-Faktor“ und der herausgeforderten Demokratie ein Kapitel.
Georg Kreis (*1943, Historiker, Leiter des Europa-Institutes der Universität Basel, seit deren Gründung 1995 Präsident der EKR, lebt und arbeitet in Basel) schreibt fakten- und kenntnisreich ein leidenschaftliches Plädoyer für eine Gesellschaft, die Respekt und Toleranz gegenüber Minderheiten zeigt. Er wendet sich gegen Rassismus und Diffamierung und gegen diejenigen, welche die Arbeit der EKR und die Antirassismus-Strafnorm permanent torpedieren und sie für unnötig halten.
„Kein Volk von Schafen“ ist das umfassende und höchst aktuelle Standardwerk zu Rassismus und Antirassismus in der Schweiz und Georg Kreis’ Bilanz nach zwölf Jahren Arbeit als Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus.
Salis Verlag AG, Zürich 2007 Klappbroschur, 272 Seiten, CHF 29.80, jetzt im Buchhandel, info@salisverlag.com |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 26. Dezember 2007 |
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| Buchtipp: Lord Byrons Tochter als Mathematikgenie |
Zu ihrem 21. Geburtstag erhält Ada ein Porträt von Lord Byron, zu dieser Zeit bereits jung im Ausland verstorben. Ihren berühmten Vater hat Ada Byron nie kennengelernt, ihre Mutter hatte Lord Byron (1788-1824) seiner Affären und des freizügigen Lebenswandels wegen schon 1815 kurz nach Adas Geburt verlassen. Mit ihren exzentrischen Auftritten auf Londons Bällen und Dinnerpartys erregt die junge Frau Aufsehen. Männer, Opium und Pferdewetten gehören zu ihrem Zeitvertreib. Als sie achtzehnjährig dem Londoner Mathematiker Charles Babbage begegnet und von seiner Analytischen Maschine hört, ist sie begeistert. Denn ausser den gesellschaftlichen Highlights sind Mathematik und Astronomie ihre Leidenschaften.
Mit neunzehn Jahren heiratet Augusta Ada Byron 1834 William King, den späteren Earl of Lovelace und pflegt ein reges Gesellschaftsleben in der Londoner Society. Die Samstagspartys im Haus von Charles Babbage sind legendär: „Doing the Babbage“ bedeutete, unter den geladenen Gästen, nicht selten über zweihundert Prominente aus Politik, Wissenschaft und Kultur, in seinem Haus in Marylebone eingeladen zu sein. Babbage, verwitwet, Inhaber des Lehrstuhls der Universität Cambridge, war nicht nur Mathematiker und umtriebiger Akteur auf der politischen Bühne, er hatte auch die Analytical Society gegründet, die insbesondere den französischen Wissenschaften huldigte. Die Analyticals wollten die Mathematik in Grossbritannien reformieren.
Babbage war Erfinder und Erbauer einer Rechenmaschine, der Differenzmaschine, die bei ihm zu Hause an der Dorset Street 1 stand. An einem Samstag im Juni 1833 hatten Lady Byron und ihre Tochter Ada die Ehre, die Differenzmaschine zu besichtigen, die für einen Rechenvorgang programmiert war, nämlich das Berechnen der zweiten Potenz sämtlicher Zahlen von 1 bis 25. Die achtzehnjährige Ada hatte den Vorgang gebannt mitverfolgt. „Ist es nicht so“, fragte sie, „dass die Maschine, anstatt zu multiplizieren, die erste und die zweite Differenz der Quadratzahlen addiert?“. Babbage war einen Augenblick sprachlos und stimmte zu. Er wird fortan ihr Mentor. Seine analytische Maschine inspiriert Ada zu Höhenflügen. Nebenbei bringt sie drei Kinder zur Welt. Ihre wahre Leidenschaft ist jedoch die Mathematik. Die Autorin lässt den anspruchsvollen Lebensentwurf der historischen Figur Ada Lovelace mit ihren Facetten und Widersprüchen anschaulich lebendig werden.
Hundert Jahre bevor der erste elektronische Rechner gebaut wurde, hatte sie verwirklicht, was später als Computerprogrammierung bekannt wurde. Mitte der 1970er Jahre entwickelte Honeywell Bull auf Anregung des amerikanischen Pentagons eine neue Programmiersprache. Der Erfinder nannte sie Ada, im Gedenken an Ada Lovelace; am 10. Dezember 1980, ihrem 165. Geburtstag, wurde die Standardsprache implementiert mit der Bezeichnung MIL-STD 1815, dem Geburtsjahr von Ada. Eine neue Version wurde unter dem Namen Ada 2005 entwickelt, die sich in sicherheitskritischen Bereichen durchsetzte wie in der Flugsicherung, in Sicherheitseinrichtungen der Eisenbahn, in Waffensystemen, der Raumfahrt, der Medizin oder der Steuerung von Kernkraftwerken.
Ada Lovelace starb am 27. November 1852, kurz vor ihrem 37. Geburtstag; sie wurde in der Byronschen Familiengruft in St. Mary Magdalene Church bestattet.
Auf der Expo.02 wurde der vom Institut für Neuroinformatik (Universität Zürich und ETH) realisierte Pavillon Der intelligente Raum auf der Arteplage in Neuchâtel im Gedenken an die Pionierin Ada genannt.
Anita Siegfried, Die Schatten ferner Jahre. Dörlemann-Verlag, Zürich 2007. 320 Seiten, gebunden, 38 Franken. |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 29. November 2007 |
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| Filmtipp: Freiheit und Pressefreiheit in Persepolis |
Die Iranerin Marjane Satrapi hat ihr wechselvolles Leben zwischen zwei Kulturen in einem mehrfach prämierten Comic festgehalten. Nun hat sie ihren Comic als Zeichentrickfilm verfilmt, der in Cannes mit dem „Prix du Jury“ ausgezeichnet und in Frankreich ein Publikumserfolg wurde. Satrapi erzählt ihre Geschichte mit den dramatischen Höhenpunkten der Revolution der Mullahs und der Verfolgung ihrer Familie, ihre Flucht aus dem Iran, die Ankunft im Westen und schmerzliche Reifungsprozesse. Sie lebt seit dreizehn Jahren in Paris. Die beiden Comics sind vom Zürcher Autoren (Köbi-Romane) und Übersetzer Stephan Pörtner ins Deutsche übertragen worden.
Die islamische Revolution der Mullahs in den späten 70er-Jahren in Persien verändert die Gesellschaft und hatte grosse Auswirkungen auf Marjane Satrapis Leben in Teheran. Mit Einführung der islamischen Republik muss auch Marjane einen Schleier tragen. Doch sie schwärmt für ABBA und Iron Maiden und besorgt sich Musikkassetten von Kim Wilde auf dem Schwarzmarkt. Ein Grund zur Sorge für ihre Eltern, die sie in den Westen schicken, nach Wien, wo Marjane ins Teenagerleben eintaucht, zum Punk wird und in amouröse Verwicklungen gerät. Ihr melancholischer Blick auf ihre eigene Geschichte ist dennoch erfrischend selbstironisch, humorvoll und anrührend. Das Verdienst von Comic und Verfilmung ist es, den sogenannten Culture-Clash zu überwinden: Wünsche und Bedürfnisse eines Menschen, einer Zehnjährigen im Iran, unterscheiden sich nicht wesentlich von den Wünschen eines Mädchens im Westen. Adoleszenzkrisen in der Pubertät sind sich hier wie da ähnlich wie auch die Charaktere der Erwachsenen, jene der Mitläufer oder der Widerstand leistenden, die im Iran verfolgt werden. Es sind die persönlichen Erlebnisse, die zählen und nachvollziehbar sind. Satrapi schildert authentisch ihr Familienleben im Zeichentrickfilm, als aufgewecktes Mädchen, das bei ihrer scharfsinnigen und beherzten Grossmutter Rat und Unterstützung findet und nachts Zwiesprache mit Gott, der Welt und Karl Marx hält.
Die Teheraner Oberschicht, aus der Satrapi stammt, hatte von jeher eine starke Affinität zur westlichen Kultur, was gegenwärtig im Iran völlig unterdrückt wird. Marjane ging auf das Lycée Française in Teheran und verbrachte danach vier Jahre von 1984 bis 1988 in Wien. Ihre Erfahrungen mit der westlichen Alltagskultur thematisiert sie im Zeichentrickfilm mit einer gehörigen Portion Ironie. Nach Wien kehrte sie nochmals nach Teheran zurück, besuchte die Kunstakademie und liess sich anschliessend in Frankreich zur Grafikerin ausbilden. Als Marjane 1994 den Iran wieder verlässt, besteht ihre Mutter darauf, dass sie endgültig nicht mehr zurückkehrt, da sie sich im Iran nicht frei entfalten könne. Die ausdrucksstarke Zeichentrickstory wird durch die Stimmen von Danielle Darrieux (Grossmutter), Catherine Deneuve (Mutter) und Chiara Mastroianni (Marjane) noch um eine Ebene erweitert. Allein das Timbre dieser Stimmen im Zusammenspiel ist ein Hörerlebnis.
Persepolis. Kinoadaption des Comics von Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud, mit den Stimmen von u.a. Chiara Mastroianni, Catherine Deneuve, Danielle Darrieux. 1,35 Std., Frankreich 2007.
Die beiden Comics wurden von dem Zürcher Autoren und Übersetzer Stephan Pörtner ins Deutsche übertragen: Persepolis - eine Kindheit im Iran von Marjane Satrapi, Verlag Edition Moderne, Zürich 2004 und Persepolis - Jugendjahre Band 2, von Marjane Satrapi, Verlag Edition Moderne, Zürich 2004. Mehr zum Film gibt es hier: http://www.myspace.com/persepolislefilm |
| Ingrid Isermann, Freitag, 12. Oktober 2007 |
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| Buchtipp: Capotes Abrechnung mit der Upperclass |
Das Buch sollte sein Opus magnum werden, ein schonungsloses Sittenbild der Upperclass, aber Truman Capote konnte oder wollte es nicht abschliessen. Seine Abrechnung mit der internationalen Jetset-Szene ist unvollkommen geblieben, er schildert das Leben der Reichen und Mächtigen, der Verrückten und Verruchten, die ihn jahrelang als ihr Schosshündchen betrachtet hatten - das jetzt bissig geworden war.
Die Essays „Unverdorbene Ungeheuer“, „Kate McCloud“ und „La Côte Basque“ erschienen 1975 und 1976 im „Esquire“, die Originalausgabe 1987 unter dem Titel „Answered Prayers“ bei Random House, New York. Den Titel führte Capote auf Theresia von Àvila zurück: „Es werden mehr Tränen über erhöhrte Gebete vergossen als über nicht erhörte“.
In den Erzählungen „Erhörte Gebete“ übte sich Capote im Name Dropping ohne Rücksicht auf persönliche Verluste, was ihn teuer zu stehen kommen sollte, ihn plötzlich von seinen bisherigen Gönnern und Mäzenen isolierte und seinen verhängnisvollen Konsum 1977 an Drogen und Alkohol dramatisch erhöhte. Oder wie Somerset Maugham zu sagen beliebte: „Es ist sehr schwierig, Gentleman und Schriftsteller zu sein“. Capote entschied sich für Letzeres.
In einer Zeit, in der es nicht wie heute üblich ist, Starlets und Berühmtheiten ihrer Alkoholsucht und Fehltritte öffentlich anzukreiden, offenbarte er von Kate McCloud, einer seiner Gönnerinnen, deren intimste Seelennöte und die Aussagen ihrer Freunde und Bekannten. Die er zitierte: „Wenn du ein Freund der Reichen bist und davon leben musst, dann ist jeder Tag härter als ein ganzer Monat für zwanzig in Ketten schuftende Nigger“. Er berichtete Intimitäten über die Reichen, die von einer Jacht auf die andere wechseln, den Rest des Jahres in den Alpen in St. Moritz oder Gstaad oder auf den Westindischen Inseln, Antigua, verbringen, mit Zwischenstops in Paris, London, New York, Madrid oder Beverly Hills, zwischen Bridge, Rommee und Backgammon. Berühmte Leute wie u.a. das Schriftstellerpaar Paul und Jane Bowles in Tanger, Jackie Kennedy, ihre Schwester Lee, Songwriter Cole Porter, Schauspieler Walter Matthau, Kim Novak, Entertainer Sammy Davis jr., konnten missbilligend von ihren Eskapaden und Seitensprüngen bis zum vertuschten Mord lesen. Danach war Capote der Zutritt zur Upperclass endgültig verwehrt.
Truman Capote wurde am 30. September 1924 in New Orleans geboren, wuchs in den Südstaaten auf, bis seine Mutter ihn als Achtjährigen nach New York holte. Mit zwanzig Jahren veröffentlichte er seine erste Kurzgeschichte „Miriam“ in „Mademoiselle“, für die Erzählung „Die Tür fällt zu“ wurde ihm 1948 der „O. Henry Prize“ verliehen, 1949 folgte „Baum der Nacht“, 1958 „Frühstück bei Tiffany“ und 1965 „Kaltblütig“. Seine letzten Reportagen und Erzählungen „Musik für Chamäleons“ erschienen 1980, erst postum 1987, unvollendet, „Erhörte Gebete“ und 2005 das lang verschollene Debüt „Sommerdiebe“. Truman Capote starb 1984 in Los Angeles. Die Biografie von Gerald Clarke ist ebenfalls 2007 im Kein & Aber Verlag Zürich erschienen.
Truman Capote: Erhörte Gebete. Aus dem Amerikanischen von Heidi Zerning.
240 Seiten, gebunden, Kein & Aber, Zürich 2007. Fr. 32.80 |
| Ingrid Isermann, Donnerstag, 4. Oktober 2007 |
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| Buchkritik - Quotenflops & Quotenfrogs – macht Sat.1 süchtig? |
Quotenflops & Quotenfrogs – macht Sat.1 süchtig?
Vielleicht Roger Schawinski – er schaut immer noch auf die Einschaltquoten bei Sat.1, obwohl er den Sender Ende 2006 verlassen hat. Auf eigenen Wunsch, warum, wenns so schön war? Verliebt in Berlin? „Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft“.
Der „Pitch“, die Grundlage einer Telenovela, muss gelebt werden. Roger Schawinski: „Als ich eine Redaktorin nach dem Pitch von „Schmetterlinge im Bauch“ fragte, antwortete sie: Nelly muss viele Frösche küssen, bis sie den richtigen findet! Ich war entsetzt. Das ist das pure Gegenteil von Romantik, warf ich ein.“ In diesem Stil geht es weiter in seinem Buch „Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft“.
Hier geht es nicht um Kultur oder Kommunikation, hier geht es um den Marktwert, den Erfolg, um die Quote. Nur die Zahlen zählen. Aber ist das der einzige Erfolg, eine hohe Einschaltquote mit Mainstream-Sendungen zu erzielen, die man schon morgen wieder vergessen hat? Welche Seele verzehrt sich noch nach „Verliebt in Berlin?“
Roger Schawinski does! He is the one, der die Fernsehwelt beleuchtet und ihr heimleuchtet. Trotzdem ist das Bekenner-Buch über weite Strecken langweilig, wenn lange Weile Kreativität evozieren würde, tut sie es hier gerade nicht.
Der „Pitch“ von „Schmetterlinge im Bauch“ (die Hauptdarsteller wissen alles voneinander, nur nicht, dass sie füreinander bestimmt sind) wurde ein Quotenflop, um nicht zu sagen Quotenfrog.
Das Buch führt genüsslich in die Niederungen der Promi-Alkis, der intriganten Verräter, des knallharten Marketings und eröffnet Einblicke in die erschreckenden Seichtheiten des TV-Business.
Aber eigentlich geht es Schawinski ums immer gleiche Thema: die grundsätzlichen Verhältnisse zwischen den privaten und den öffentlich-rechtlichen Fernsehstationen. Es mopst ihn, dass ARD und ZDF für jeden Sendeplatz ungleich höhere Geldmittel einsetzen können als die Privaten. Als Geschäftsmann durch und durch analysiert und jongliert er mit Sendezeiten, Primetime-Highlights, Zielgruppen bei ARD, ZDF, VOX, RTL und beklagt sich, dass Alexander Kluge sich für sein Kulturfernsehen ausgezeichnete Sendeplätze bei verschiedenen Sendern sichern konnte, bei Sat.1, RTL, VOX und Spiegel TV von Stefan Aust, obwohl diese Sendungen praktisch niemand schaut.
Die Quote! Die ist dem Privatfernsehmann so unter die Haut gegangen, dass er für anderes Fernsehen gar kein Verständnis mehr hat. Die Qualität des Mainstreams ist ja auch eine besondere. Aber viel hat sich eigentlich in Denkweise, Machart und Einstellung nicht bei Roger Schawinski verändert. Das ist wahres Sendungsbewusstsein.
Roger Schawinski „Die TV-Falle. Vom Sendungsbewusstsein zum Fernsehgeschäft“. Kein&Aber, Zürich 2007.
Lesen Sie dazu ebenfalls eine Medienkritik über Roger Schawinski aus dem Jahre 1999: „Licence to thrill. Der fluchtmobile Beschleuniger“. |
| Ingrid Isermann, Samstag, 29. September 2007 |
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| Medienkritik - Licence to thrill |
Der fluchtmobile Beschleuniger
Der Mann verkauft sich, er ist in den Medien, er macht Medien, ein Medium in den Schlagzeilen.
Man wundert sich, dass seine Talkshows nicht in Englisch ablaufen. Niemand sonst hat den «American way of Life» so rübergebracht. That's not business as usual. Was er vor allem dem grössten Konkurrenten seiner Begierde, dem Schweizer Fernsehen, zeigen will. Wie das? Wie hält sich der Mann im Gespräch? Denn neu und anders ist es ja nicht, was er zu sagen hat. Im Gegenteil, ist man versucht zu sagen. Das Fernsehen ist schon erfunden worden. Doch immer hat es Roger Schawinski verstanden, sich als Opfer zu zelebrieren, des EVED, des Bakom, der Beamtenmentalität, was ihm noch beim Pionierversuch des «Radio 24» Erfolg und letztlich Sympathien des jugendlichen Publikum sicherte. Das ist inzwischen älter geworden wie sein Mentor und Macher, der eine unverbrüchliche Jugendlichkeit ausstrahlt und allen beweisen will, dass Alter eine Chimäre ist. Kollegen seines Jahrgangs müssen sich vorkommen, als hätten sie die falsche Türe erwischt. Kaum auszuschliessen, dass das dem Roger Freude macht. That's for sure.
Trotzdem, woher rührt das unterschwellige Unbehagen? Hätte er sich es nicht einfacher machen, auf ganz normalem Wege das gleiche erreichen können? Ohne Autoritätskonflikte abzureagieren, die heute pubertär erscheinen und etwas von einer Zwängerei haben? Scheinbar müssige Fragen, als Unternehmer gehört Klappern zum Geschäft, im allgemeinen in den Medien und im besonderen bei Roger Schawinski. Er hat erreicht, die Medienszene in Bewegung zu bringen, das anerkennen auch Neider. Bevor er sich als unantastbarer Medienzar präsentiert, seien einige nachdenkliche Betrachtungen über seinen nicht über alle Zweifel erhabenen Führungsstil erlaubt. Schliesslich verhält sich auch der Talkmaster gern grenzüberschreitend. Das möchte man ihm selbst nicht gönnen, wie des Kaisers neue Kleider nackt dazustehen. Die Unverfrorenheit der Einbahnstrasse gilt nur für die anderen, nicht für ihn selbst. Seine Motivation dazu? Das könnte spannend werden, als Emporkömmling einer Emigrantenfamilie, der den Aufstieg aus der «Zürcher Bronx» geschafft hat. Es gehört zur Legende des «American way of life», des grossen Vorbilds, dass es jeder schaffen kann, vom Reichtum nicht nur zu träumen und sich zu getrauen, die Ärmel aufzukrempeln. Und so hört man ihm denn zu, was er zu sagen hat und wie er es geschafft hat. Nur erfährt man da herzlich wenig, wenn er telegen in die Kamera strahlt - als wäre er der Schauspieler seiner selbst. Auch in der im Oktober 1999 erschienenen, von Roy Spring im Weltwoche ABC-Verlag, Zürich verfassten Biographie «Einer gegen Alle» (Das andere Gesicht des Roger Schawinski) erfährt man nicht viel Neues, ausser, dass er. für jede neue Medienaufgabe eine neue Partnerin des jeweiligen Lebensabschnitts wählte. Eine Hofberichterstattung, die die Schwächen des Medienmacher Schawinski unablässig schönredet, sich mit Kritik an seiner Person nicht auseinandersetzt und den Antrieb seines rastlosen Schaffens kaum erhellt. Das einzig lesenswerte Kapitel über die Hintergründe seiner Motivation ist das Interview von Niklaus Meienberg (als «fataler Gedanke» von Schawinski apostrophiert), sich zum 10-jährigen Jubiläum von «Radio 24» im Oktober 1989 von dem kritischen Journalisten befragen zu lassen, «über das nervöse Radio-Gehaspel, wo eine Nachricht die andere totschlägt».
Anteilnahme ist seine Sache nicht. Hinter der Maske der Freundlichkeit brüskiert er blitzschnell das überraschte Opfer . Hier geht's um Siegen und Besiegtwerden, fast wie im wirklichen Leben, eine scheinbare "reality show" um Stärke und Schwäche, die Rollen sind verteilt, nicht selten ungleich nach Geschlechtern. Kaum gelingt es einem vom Giftbiss paralysierten Opfer, sich adäquat äussern zu können, im Anblick der Kameras, im Augenblick des eigenen Ausgeliefertseins. Verlegene Momente werden zugunsten des Interviewers überspielt, der zum Schluss merklich milder gestimmt beifallheischend fragt, wie man sich denn danach fühle. Kein Konkurrent mehr weit und breit, alle aus dem Feld geschlagen. Gut, sagen die meisten, die sich keine Blösse geben wollen, ohne die Erleichterung über das Ende und das Unbehagen über die einseitige Befragung preiszugeben. Wie beim Psychoanalytiker auf der Couch, was sie lieber für sich behalten. Schon spüren sie den Anflug des Bedauerns, haben fast ein wenig Mitleid mit dem Befrager. Er scheint doch so abhängig von ihrem Beifall. Wäre nicht er es, der sich auf die Couch legen müsste und sie hätten es nun stellvertretend für ihn als eine Form des Mitgefühls hinter sich? Und zudem als Mittäterinnen und Mittäter agierend, die Regeln einer knallharten Marktwirtschaft einzuhalten, dass sich scheinbar nur der sogenannte Aktualitätswert auszahlt, der sich einzig mit dem voyeuristischen Blick rechnet, um die Einschaltquoten zu erhöhen und die teuren Fernsehminuten durch Werbung wieder hereinzuholen. Und so kommt der Befrager zum doppelten Gewinn. Lässt ungezwungen und ungehindert die immer gleichen Plattitüden zirkulieren, überlässt den Befragten die Fronarbeit und hinterlässt den Eindruck eines Narziss im Spiegel konkurrenter Befindlichkeiten auf dem Medienhighway, für den Beschleunigung alles ist. Mehr, viel mehr, alles. Mehr Infos, mehr News, mehr Publicity, mehr Macht.
Auf ein "anderes Fernsehen" warten wir noch. Oder wir schalten einfach ab. Nicht die schlechteste Idee. Obwohl es Sternstunden des Flimmerkastens gibt, die sich längst vom autoritären und damit auch autoritätshörigen Gesprächsstil emanzipiert haben. Wie es sich gehört. Und wie wir es verdient haben. Aber vielleicht sind das wirklich nur Ausnahmen, wie Alice Schwarzer einst bei Radio 24, die dem Roger ihre Meinung unmissverständlich durchgab («Sind Sie ein Mann aus dem letzten Jahrhundert?»). Vielleicht erwarten wir einfach zuviel vom Fernsehen statt nahzusehen und nachzufragen. Und Roger Schawinski erwartet uns, als ein ganz normaler TV-Zocker. Auch das ist keine begeisternde, aber auch nicht die schlechteste TV-Erkenntnis.
(1999) |
| Ingrid Isermann, Freitag, 28. September 2007 |
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| Hörbuch-Tipp: Liebeserklärungen einer Reisenden |
| Zwischen 1933 und 1942 bereiste die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach (1908 – 1942) Persien, Amerika oder den Kongo und hielt ihre Erlebnisse in eindrücklichen Reise-Reportagen fest. „Ich freute mich auf überhaupt nichts, und es war doch meine Arbeit, das Innere der Länder kennenzulernen und sie aufrichtig zu lieben, um sie für andere Menschen beschreiben zu können“. Als Annemarie Schwarzenbach diese Sätze schrieb, war sie auf ihrer letzten grossen Reise, die sie 1942 ins Herz Afrikas führte, in den Kongo. In nicht ganz zehn Jahren hatte die junge Schweizerin den Nahen und Mittleren Osten besucht, war durchs Baltikum, Skandinavien und die Sowjetunion gefahren, hatte mehrmals die USA bereist und war mit Ella Maillart in ihrem Ford von Genf bis Kabul gefahren. Diese Reisen beschrieb Schwarzenbach in veröffentlichten Feuilletons auf persönliche, eindringliche und literarische Weise. Herausgegeben von Alexis Schwarzenbach, Historiker, gelesen von der Schauspielerin Bibiana Beglau Kein & Aber 2 CDs, 109 Min. Fr. 33.90 |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 19. September 2007 |
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| Buchtipp: Woody Allens Anarchie |
Von Ingrid Isermann
„Ich bin wirklich erleichtert, dass sich das Universum endlich erklären lässt. Ich dachte schon, das Problem läge bei mir“: Neues vom Stadtneurotiker Woody Allen. 25 Jahre lang ist nichts von ihm erschienen, nun meldet sich der virtuose Erzähler mit Short Stories zurück. Seine Geschichten, keine Alibiprodukte zu den Filmen („Manhattan“, „Matchpoint“), sind phantasievolle, skurrile Texte, die die Welt erklären, dabei ins Absurde kippen und groteske Farcen des Alltags gehörig aus dem Busch klopfen.
Woody Allen, 1935 als Allen Stewart Konigsberg in Brooklyn geboren, begann 1960 seine Karriere als Stand-up-Comedian und schrieb Kurzgeschichten, u.a. für den New Yorker. Viele seiner über vierzig Filme seit 1965 sind bereits Klassiker wie auch seine Bücher. In den Kurzgeschichten entlarvt Allen den Voyeurismus des alltäglichen Wahns, die Sorgen und Nöte von Familien und Singles, die in einer urbanen, durchorganisierten Welt leben, die regelmässig aus den Fugen gerät. „Was lauert Böses in den Herzen der Menschen? Der Schatten weiss es“. In „Nachtbuch einer Nanny“ erfährt der Protagonist von seiner Frau, dass ihre Nanny heimlich eine vernichtende Charakteristik über die Familie und den Hausherrn verfasst hat: „Eine verbitterte Null, die für die Arbeit von Kollegen die Lorbeeren einheimst. Ein rasender Irrer, der seine Kinder einerseits verhätschelt und sie andererseits wegen der kleinsten Verfehlung züchtigt. Harvey Bidnick ist ein geistloser Langweiler, ein geschwätziges Elementarteilchen, das sich für amüsant hält, aber seine Gäste mit Sprüchen anäthesiert…“ Harvey Bidnick giesst ihr ein Giftmittel in den Tee, den er versehentlich selbst trinkt, kommt mit Blaulicht ins Spital und wird so die Nanny los, die in einer solchen Familie nicht länger arbeiten will. Inspirieren liess sich Woody Allen hier sicherlich vom enormen Erfolg der TV-Serien über Nannys, gewürzt mit selbstironischen Einsprengseln.
In „Irren ist menschlich, schweben ist göttlich“ wird der Hokuspokus um die Esoterik, die Woody Allen auch in seinen letzten Filmen beschäftigte, als ambivalenter Stellenwert gehandelt. Unter dem „Wurfpost-Tsunami“ mit Vernissage-Einladungen, Bettelbriefen und Traumgewinn-Benachrichtigungen findet sich das Heft Magical Blend, über die Kraft der Kristalle, ganzheitliche Medizin, Entmaterialisierung und Aufhebung der Schwerkraft.
Tatsächlich schafft es der Protagonist mit entsprechenden Lehrstunden, in die Luft abzuheben und hat keine Bodenhaftung mehr, die Schwerkraft wird in letzter Minute von seiner besseren Hälfte mit Hilfe eines Schlags mit dem Skibrett auf den Kopf wieder hergestellt.
Schlecht ergeht es auch Boris Ivanovich: Sein dreijähriger Sohn versiebt die Aufnahmeprüfung zur besten Elitevorschule New Yorks und leitet damit den Untergang einer erfolgreichen Sippe ein. Die 18 Stories, strotzend von schlagfertigen Slapstick-Einlagen, sind von umwerfender Komik, obwohl Woody Allen mitunter nicht vor geschlechtsspezifischen Klischees gefeit ist. Sein neuer Film „Cassandra’s Dream“, wiederum mit der Schauspielerin Scarlett Johanson, kommt übrigens Ende 2007 bei uns in die Kinos.
Woody Allen Pure Anarchie Aus dem Amerikanischen von Malte Krutzsch 192 Seiten, gebunden Kein & Aber, Zürich 2007 Fr. 29.80 |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 19. September 2007 |
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| Buchtipp: Ein Klassiker - Truman Capote |
| Schon als Zehnjähriger beschloss Truman Capote, ein weltberühmter Schriftsteller zu werden: „Ich habe mein ganzes Leben lang gewusst, dass ich ein Häufchen Wörter nehmen und in die Luft werfen könnte, und sie würden genau richtig herabfallen“. Seine Romane „Frühstück bei Tiffany“ und „Kaltblütig“ wurden zu verfilmten Weltbestsellern, machten ihn zum von Starfotografen meistfotografierten Autoren und prägten die Literatur des 20. Jahrhunderts. Gerald Clarke hat eine faszinierende Biographie über Truman Capote geschrieben, die sich so aufregend liest wie ein Roman.
Alles, was man bisher über den schillernden, skandalumwitterten Schriftsteller wusste oder zu wissen glaubte, wird hier in detaillierten Schilderungen seiner Lebensgeschichte, seiner Kindheit und Jugendzeit in Alabama, sein Aufstieg in New York und Kalifornien, ausführlich beleuchtet. Gerald Clarke, *1938 in San Francisco, Studium der Literaturwissenschaften und Sprachen, Journalist für „Time“ und „Esquire“, war mit Truman Capote gut befreundet und fragte ihn schon zu Lebzeiten, ob er eine Biographie über ihn schreiben dürfe. Capote sagte zu und fragte nie nach dem Stand der Dinge. Dieses Vertrauen gab Clarke die Freiheit, souverän seine Aufzeichnungen zu verfolgen. Der frühe Tod des Autors (1924 bis 1984) mit knapp 60 Jahren erschütterte auch ihn. Die Originalausgabe erschien 1988 bei Simon & Schuster, New York, nun als neu überarbeitete deutschsprachige Ausgabe mit erweitertem Bildteil und einem aktuellen Nachwort des Verfassers bei Kein & Aber, Zürich.
Seismograph zwischen Trotz und Traum. Noch im Juni 1984 liess Capote im Gespräch verlauten :“Hier haben Sie den einzigartigen T.C. Es hat bisher keinen wie mich gegeben, und es wird auch nach mir keinen wie mich geben“. Oder: „Warum sich ums Leben Sorgen machen? Keiner überlebt’s!“ An Selbstbewusstsein scheint es Truman Capote nie gemangelt zu haben, doch unter der vorlauten, strahlenden Oberfläche verbarg sich eine empfindsame Seele, ein sensibler Seismograph, der die Schwingungen hinter Fassaden wahrnehmen konnte und mit traumwandlerischer Sicherheit schon in sehr jungen Jahren zu schreiben begann. Als Neunzehnjähriger wurde seine erste Veröffentlichung „Miriam“, enthalten im neu übersetzten Erzählband „Baum der Nacht“, gleich mit dem renommierten „O. Henry Award“ ausgezeichnet. Capote beschreibt Einsame, Verirrte und Verlassene, die zwischen Illusionen und Visionen, Trotz und Traum straucheln, und schilderte Aussenseiter so, dass man mit ihnen mitfühlte. Ein sanfter Zauber, ein Hauch von Melancholie schwebt über all den Geschichten, auch wenn sie scheinbar unbeschwert und einfühlsam die wilde Kindheit in den Südstaaten nachzeichnen. Truman Capote wurde am 30. September 1924 in New Orleans geboren, seine Eltern trennten sich kurz nach der Heirat, Truman wuchs bei drei Schwestern und Verwandten in Alabama auf, die eine schrulliger als die andere, aber auch originell und eigenständig. Die frühen Erfahrungen hat Capote 1951 im Roman „Die Grasharfe“ thematisiert. Mit acht Jahren nahm ihn seine Mutter Lillie Mae, die inzwischen wieder geheiratet hatte, nach New York, wo der Stiefvater Joe Capote ihn adoptierte und er den neuen Namen Truman Garcia Capote erhielt, doch zeitlebens sollte sich Truman nach den Südstaaten zurücksehnen. Das renommierte Magazin „Life“ stellte 1947 junge amerikanische Schriftsteller vor, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf sich aufmerksam gemacht hatten. Alle ausser Truman hatten einen Roman veröffentlicht, aber es war der „esoterische, aus New Orleans stammende“ Truman, der als Star behandelt wurde. 1948, mit vierundzwanzig Jahren, erschien sein erster Roman „Andere Stimmen, andere Räume“, das sensitive Coming-out eines jungen Homosexuellen auf der Suche nach sich selbst, gefeiert als sensationelles Debüt eines literarischen Wunderkindes. Bereits 1943 hatte Capote mit „Summer Crossing“ begonnen, bis er das Manuskript 1950 zur Seite legte. 2004 wiederentdeckt, erschien 2005 die Originalausgabe bei Random House, New York und 2006 („Sommerdiebe“) bei Kein & Aber. Der lebendige Erzählungsstil seiner Kurzgeschichten, Reportagen und Romane hat eine taufrische Unversehrtheit bewahrt. Capotes einflussreichster Konkurrent Norman Mailer nannte ihn den „vollkommensten Stilisten seiner Generation“. Nicht nur das. Die existentiellen Themen machen seine Werke zeitlos. Gegen Ende seines wechselvollen Lebens war Truman Capote infolge Alkohol- und Tablettensucht ein gebrochener Mensch, der auf eine unglaubliche, filmreife Biographie zurückblicken konnte. Am 23. August 1984 verstarb Truman Capote in Los Angeles. Sein Gesamtwerk ist bei Kein & Aber in neuen Übersetzungen erhältlich.
Gerald Clarke: Truman Capote. Eine Biographie. Aus dem Amerikanischen von Brigitte Stein, 747 Seiten mit Bildteil, geb., Fr. 48.- ; Truman Capote: Baum der Nacht, Erzählungen, Fr. 39.90 442 Seiten, geb. Kein & Aber, Zürich 2007 |
| Ingrid Isermann, Mittwoch, 22. August 2007 |
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