Interessensektionen
Freie aufs Abstellgleis?
Der letzte SVJ-Kongress hat die Bildung von Interessens-Sektionen ermöglicht. Das ist gut so, vor allem die Fotografen in der Westschweiz wollen sich offenbar separat organisieren können. Die freien Schreibenden aber sollten das nicht tun.
Gleich mehrere Gründe sprechen dagegen: Durch den Kontakt mit Festangestellten gelangen Freie zu Aufträgen. Solche Kontakte ergeben sich überall, wo man Festangestellte trifft, auch im Verbandsleben. Wichtiger ist aber vielleicht: Die Berufsbedingungen der Freien ändern sich rapid, ebenso wie jene der Festangestellten. Immer mehr Freie übernehmen Teilzeitjobs und Daueraufträge, etwa die Redaktion von Firmenzeitungen; immer mehr Festangestellte reduzieren ihre Arbeitszeiten. Wer frei ist, lässt sich für einige Zeit anstellen, und Festangestellte arbeiten nach einer Umstrukturierung oder aus freien Stücken für einige Zeit frei. Die Flexibilisierung macht die Grenzen unscharf, strenge organisatorische Trennungen veralten.
Freie sollen sich nicht zu einer separaten Sektion zusammenschliessen, der letztlich ein Geruch von «armen Freien» anhaften würde. Zwar ziert ein Federkiel die Homepage des FBZ, dies ist eine Reverenz an vergangene Zeiten. Aber die Freien wollen damit kein archaisches Berufsbild konservieren. Heute sitzen die selbständigen Journalistinnen und Journalisten nicht mehr als gekrümmte Schreiber in der einsamen Bücherstube. Freie verhalten sich auf dem flexibilisierten Markt wie Kleinunternehmer und müssen dort ihre Produkte verkaufen, was sie nur mit dem entsprechenden Selbstbewusstsein erfolgreich tun können. Und in den Zeitungen und Zeitschriften müssen sie durch speziell qualifizierte Beiträge wie das Salz in der Suppe wirken.
Organisatorisch schlagen wir vor: Freie sollen in den Verbänden wo immer möglich Arbeitsgemeinschaften bilden, die die Anliegen und Gesichtspunkte der Schreibenden, Fotografierenden, Filmenden, Zeichnenden einbringen. Aber sie sollen sich nicht aufs Abstellgleis begeben. Es braucht die eigenständige Stimme der Freien an jedem Verhandlungstisch wie in den Zeitungsseiten, Radiobeiträgen und Fernsehsendungen, aber im Chor aller Medienschaffenden.
Vivianne Berg, Ronald Schenkel, Willi Wottreng, Zürich
Juni 1999 |